Skip to content
15. November 2014 / Ralf Koss

Jetzt im Buchhandel: 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen

Von den ersten konzeptionellen Überlegungen und Recherchen zu 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen im November/Dezember letzten Jahres über das erste Wort im Manuskript im Januar bis zur Auslieferung des Buchs an die Buchhändler Ende Oktober ist nahezu ein Jahr vergangen. Nun wurde in Duisburg von WAZ/NRZ und in Mülheim von der WAZ in den jeweiligen Lokalteilen schon über 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen berichtet. Wir freuen uns natürlich über diese erste positive Resonanz. Schließlich hatten wir uns viel vorgenommen. Mit 111 über das Ruhrgebiet verteilten Orten wollten wir die gesamte Geschichte des Ruhrgebiets von der Antike bis in die jüngste Vergangenheit auf unterhaltsame Weise erzählen. Historische Bilder der Orte sollten die Geschichte illustrieren und ein aktuelles Foto sollte zeigen, wie es heute dort aussieht.

Ein Blick in das Vorwort gibt einen weiteren Eindruck von diesem Vorhaben:

Das Ruhrgebiet in der Vergangenheit, das sind Kohle und Stahl. So wird es meist erzählt. Tatsächlich führte erst die Industrialisierung in den Städten der Region zu dem Bewusstsein, eine gemeinsame Geschichte zu besitzen. Tatsächlich richtete sich die Aufmerksamkeit meist auf das Geschehen in der Montanindustrie. Hoffnung, Auseinandersetzungen und Sorgen brachte sie mit sich, oft stellvertretend für ganz Deutschland, sei es im Deutschen Reich oder nach dem Zweiten Weltkrieg, sei es im Zuge des so genannten Strukturwandels.

Doch so sehr die Industrie noch das gegenwärtige Bild des Ruhrgebiets prägt, diese Stadtlandschaft bietet selbstverständlich auch andere Geschichte(n). Ob es Ereignisse in den Hanse- oder Ackerbürgerstädten fernerer Zeiten sind oder Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit, die im Ruhrgebiet nicht vermutet werden, weil sie selten erzählt sind. In Kultur und Sport geschah Bemerkenswertes. Was gibt es zur Identität des Ruhrgebiets zu sagen?

Bestimmte Plätze, Häuser, manchmal auch Schächte, einzelne Orte des Ruhrgebiets bestimmen diese Geschichten. Etwas geschah und wirkt weiter, auch jetzt, wo die Bevölkerung sich nicht mehr zu großen Teilen aus Bergleuten und Stahlarbeitern sowie ihren Familien zusammensetzt. Mit den erzählenswerten Geschichten der Vergangenheit geht es eben auch um die Frage, was diese Region für wichtig nimmt, und wohin sie vielleicht gehen wird.

Mit unseren Geschichten wollen wir auch Alltag und Lebenswirklichkeit des Ruhrgebiets durch die Zeitläufte einfangen. Wir wollen zum Weiterlesen anregen, zum Nachdenken darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Wo sie bestimmend ist, ohne wahrgenommen zu werden. Wo sie hilfreich sein kann, weil mit ihr Stärken dieser Region aufscheinen.

In dem Blog Orte im Ruhrgebiet, die Geschichte erzählen gibt es nicht nur weitere Informationen rund um das Buch. Nach und nach werde ich all das zu den Orten des Buchs online stellen, was wir bei der Recherche gefunden haben und für das nicht genügend Platz vorhanden war oder für das das Printmedium Buch nicht der geeignete Ort zur Veröffentlichung war – seien es Bewegtbilder, Fotos oder weitere Geschichten aus der Geschichte. Die Beschäftigung mit weiteren Orte und ihrer Geschichte ist dabei nicht ausgeschlossen.

Ralf Koss und Stefanie Kuhne
111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen
240 Seiten
Emons Verlag
€ 14,95

15. November 2014 / Ralf Koss

Klickhinweis: Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 13

Drüben im Zebrastreifenblog ist zu meiner Sammlung von Songs und Liedern über Duisburg ein weiteres hinzugekommen. Klaus Steffen singt “Das Ruhrortlied”.  Mit einem Klick weiter geht es zum Ruhrortlied, ein paar kommentierenden Worten zu Klaus Steffen und einer kurzen Erinnerung an die eigene Kindheit in jenem Hafenstadtteil Duisburgs.

19. März 2014 / Ralf Koss

Der Krimiautor Robert Wilson auf der lit.COLOGNE

Robert Wilson (l.) und Kristian Lutze

Robert Wilson (l.) und Kristian Lutze

Der Engländer Robert Wilson erwies sich während der letzten zehn Jahre mit seinen vier Kriminalromanen um den in Sevilla lebenden Kommissar Javier Falcon als einer der bedeutenden zeitgenössischen Autoren von Kriminalromanen. Auf der diesjährigen lit.COLOGNE stellte er am Montag zusammen mit seinem Übersetzer Kristian Lutze im Comedia Theater “Stirb für mich” vor, den ersten Roman einer auf mehrere Bände angelegten Reihe um den “free lance kidnapping consultant” Charles Boxer. Das im Herbst letzten Jahres erschienene Buch habe ich noch nicht gelesen. So kann ich nicht mehr sagen, als dass mich Lesung sowie das Gespräch zwischen Autor und Übersetzer auf das Buch neugierig gemacht haben.

Robert Wilson und Kristian Lutze unterhielten sich über eine komplexe Geschichte, die mit der Entführung einer indischstämmigen jungen Frau in London ihren Anfang nimmt. Gerd Köster las aus der Übersetzung, und schon mit wenigen Sätzen gelingt es Robert Wilson auf den ersten Seiten seines Romans, die von der Entführung erst noch bedrohte Industriellentochter Alyshia zu einer so lebendigen Figur zu machen, dass wir im Publikum zu fürchten beginnen, was da auf sie zukommt. Welche Forderungen die Entführer haben, wird lange nicht deutlich. Der Vater der Entführten ist zwar ein reicher Industriemagnat, doch er entkam der Armut mit Drogenschmuggel, wurde dann Bollywood-Schauspieler, um schließlich als Unternehmer mit der Produktion von Batterien noch reicher zu werden. Organisierte Kriminalität ist als Hintergrund der Entführung ebenso denkbar wie politisch motivierter Terrorismus.

Es sieht so aus, als interessiere sich Robert Wilson wie in den letzten beiden Falcon-Romanen weiterhin auch sehr für die soziale und politische Dimension von Kriminalität. Deutlich wurde aber auch, die Psychologie seiner Figuren vergisst er dabei nicht. Sie bestimmt nur nicht mehr als ein zentrales Thema den Roman. Alf Mayer hat Stirb für mich für Culturmag sehr ausführlich besprochen.

Wer etwas über die sehr guten Falcon-Romane erfahren möchte, klicke weiter zu meiner Besprechung von “Die Toten von Santa Clara”, dem 2005 erschienenen zweiten Roman oder zu meiner Besprechung von “Die Maske des Bösen”, dem 2007 erschienenen dritten Roman der vierbändigen Reihe. Beide Romane sind inzwischen natürlich auch im Taschenbuch erhältlich.

Robert  Wilson - Stirb für mich

Robert Wilson
Stirb für mich
(OT: Capital Punishment, London 2013)
Deutsch von Kristian Lutze
Page & Turner, München 2013
540 Seiten
14,99 Euro

14. Februar 2014 / Ralf Koss

Ruhrorter Orte, die Geschichte erzählen

Drüben bei den Randnotizen der “Orte im Ruhrgebiet, die Geschichte erzählen” gibt es seit heute zwei historische Fotos von Ruhrorter Orten zu sehen. Die Admiral-Scheer-Brücke böte gewiss genügend Historie zu erzählen, die über die Stadtgrenzen Duisburgs hinaus von Bedeutung ist. Bei der Fabrikstraße liegt diese Historie nicht so auf der Hand.

10. Februar 2014 / Ralf Koss

Gesucht: Eure Orte im Ruhrgebiet, die Geschichte erzählen

Neues Jahr, neues Buchprojekt, Herzensthema Ruhrgebiet. Und dabei hoffe ich auf eure Hilfe. Grob gesagt geht es in dem Buch um Orte im Ruhrgebiet, die Geschichte erzählen. Spuren dieser Geschichte braucht dieser Ort in der Gegenwart nicht mehr aufweisen. Das Geschichtliche muss also nicht mehr sichtbar sein.

Diese Vergangenheit kann ein einzelnes Ereignis sein, wie die Arbeit des Künstlers Yves Klein beim Bau des Gelsenkirchener Musiktheaters, die ihm als Künstler zum Durchbruch verhalf. Das kann aber auch der historische Ort als solcher sein, der für das Ruhrgebiet von besonderer Bedeutung war. Hagenbecks fester Zirkusbau im Essen der 1920er wäre so ein Ort oder der Wohnort Gerhard Mercators, der an die frühe Universitätsstadt Duisburg erinnert. Den Reichtum durch die Industrie zeigt Bochums Bismarckturm ebenso wie die Wittener Fabrikantenvillen. Und auch im Ruhrgebiet wurden die „Golden Twenties“ gelebt – etwa in Dortmunds Elite-Café Löwenhof. Wenn ihr Orte kennt, an denen bedeutsame oder beispielhafte Geschichte des Ruhrgebiets stattfand, gebt uns einen Hinweis.

Wenn ihr nur historische Fotos habt, finden wir vielleicht die Geschichte dazu. Wenn ihr nur die Historie kennt, versuchen wir ein Foto dazu zu bekommen. Einmal mehr arbeite ich bei dem Projekt mit Stefanie Kuhne zusammen. Wir sind beide Kinder des Ruhrgebiets und möchten mit dem Buch zur Identität dieser Region beitragen. Macht es auch zu eurem Buch. Zu einem Buch eurer Vergangenheit. Zu einem Buch mit eurer Pott-Geschichte. Schickt uns eure Orte im Ruhrgebiet, die Geschichte erzählen.

Unter den Einsendern verlosen wir 5 Exemplare von dem im Herbst 2014 erscheinenden Buch.

Randnotizen zu unserer Recherche, Fotos und was uns sonst so auf- und einfällt, erfahrt ihr mit einem Klick weiter auf der Seite zum Buch.

28. Januar 2014 / Ralf Koss

Lesen, lesen, lesen! – Zechenkinder von David Schraven

Mit das Schwerste beim Schreiben sind erklärende Worte für die eigene Begeisterung. Am liebsten wäre es mir, für “Zechenkinder” von David Schraven glaubt ihr einfach ohne weitere Gründe so eine Art Klappentext-Megaloblyrik á la “Die vielen Stimmen der Bergmänner finden zu einem beeindruckenden Gesang auf die Revier-Vergangenheit zusammen” oder prosaischer “Wunderbarer Lesegenuss für Menschen- und Revierfreunde”.  Vielleicht auch: “Großartige Worte über eine fast vergangene Zeit, ohne die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren!”

Wenn ihr mir das einfach mal glaubt, könnte ich mich wieder meiner Begeisterung hingeben, mich vom Klang der Sprache der von David Schraven interviewten Bergmänner in die Wirklichkeit hinein ziehen lassen, in der ich aufgewachsen bin – eine Wirklichkeit, die im Ruhrgebiet der Gegenwart beim Umgang der Menschen miteinander so oft weiterhin lebendig ist. Aber das nutzt ja alles nichts, hier kommen schließlich auch immer wieder mal  Leute vorbei, denen meine Begeisterung als Argument für die Lektüre von “Zechenkinder” nicht genügen wird.  Dabei verdient das Buch von David Schraven jede Unterstützung.

In “Zechenkinder” lässt David Schraven 25 Bergleute selbst zu Wort kommen. Was sie über ihr Berufsleben im Besonderen und ihre Haltung zum Leben, zur Welt im Allgemeinen erzählen, hat er aufgezeichnet und zu einem O-ton-nahen Fließtext verdichtet. Drei bis sieben Seiten sind diese Erzählungen lang. Der älteste Bergmann ist Jahrgang 1932, der jüngste Jahrgang 1971. Sie haben in unterschiedlichen Funktionen auf Zechen gearbeitet. Die verschiedenen Bereiche ihres Berufslebens sind der Grund für ihr Erzählen über die Welt. Beeindruckende Portraitfotos von Uwe Weber sind den Texten vorangestellt, eine kurze Fotoreportage von ihm über den Bergbau leitet das Buch ein. Diese Fotos verweisen auch auf die liebevolle Ausstattung des Buches. “Zechenkinder” ist ein Fest für bibliophile Leser.

David Schraven wollte ein “Bild von den Zechenkindern zeichnen: offen, ehrlich und ungeschönt”. Dieses Vorhaben ist ihm in jeder Hinsicht großartig gelungen. “Zechenkinder” ist aber noch sehr viel mehr geworden. Ein einzige Stimme nur erzählt in diesem Buch in ausschließlich biografischer Perspektive. Alle anderen Erzählungen verweisen über das eigene Leben hinaus. In allen anderen Erzählungen ist das eigene Erleben nur Anlass, um Einblicke in andere Welten zu geben. Natürlich wird über das Leben unter Tage berichtet. Wehmut klingt manchmal an, wenn an den Zusammenhalt in den 1950ern und 1960ern erinnert wird und an die harte Arbeit damals, die die “einzige Währung” war, die zählte. Deshalb wurden Ex-Nazis unter Tage in Ruhe gelassen.

Die 1970er Jahre werden lebendig. Konkurrenzdruck wird zum Thema, und heil ist die Welt des Bergbaus nicht mehr für alle. Über Zechenschließungen können die Gewerkschafter unter den Bergleuten viel erzählen. Bis in die Gegenwart hinein führen die Erinnerungen, die Einblicke in die Wirklichkeit von Politik und Gewerkschaftsarbeit geben. Da mangelt es ebenso wenig am harschen Urteil über EU-Kommissar Günter Oettinger wie am lebendigen Erzählen über die explosive Stimmungen unter den Kumpels Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er.

Ein Kapitel versammelt zudem all die ”Zechenkinder”, die in die Welt hinaus gekommen sind. Sie arbeiteten in Russland oder nahmen in China an der Weltmeisterschaft der Bergleute teil. Manche Bergleute verließen aber auch schon früh die Zechen und kamen in anderen Berufen und Milieus der deutschen Gesellschaft unter. Dennoch blieb die Arbeit auf Zeche für sie eine prägende Erfahrung.  David Schraven gelang mit “Zechenkinder”  mehr als er zunächst vorhatte. Im Buch findet sich  die Auslandsreportage ebenso wie die Milieustudie. “Zechenkinder” wurde zum Geschichtsbuch. Es ist Heimatbuch, und natürlich ist es auch ein wunderbares Buch über die Menschen des Ruhrgebiets.

Zechenkinder

David Schraven
Zechenkinder
25 Geschichten über das schwarze Herz des Ruhrgebiets.
Mit Fotografien von Uwe Weber
Ankerherz, Hamburg 2013
ca. 230 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Leineneinband mit Prägung
inkl. E-Book
ISBN-13: 978-3-940138-54-5
24,99 EUR

2. Januar 2014 / Ralf Koss

Junges literarisches Schreiben und Duisburgs Kultur

Für “xtranews – Duisburg Magazin” habe ich einen Text über das literarische Schreiben von Duisburger Jugendlichen und dessen Stellenwert für Duisburgs Kulturleben geschrieben. Dabei habe ich natürlich auch Werbung für “DU schreib(s)t” gemacht. Auch wenn ich den Text hier im Haus auch noch einmal online stelle, empfehle ich den Klick weiter zu “xtranews Duisburg Magazin” mit seinen lesenswerten Texten.

Neulich trafen sich Kulturinteressierte Duisburgs im Rathaus. Dort ging es bei dem von der Bürgerstiftung initiierten 4. Rathausgespräch um die Frage, auf welche Weise Kultur in Duisburg lebendig bleiben kann, wenn in öffentlichen Kassen kaum Geld vorhanden ist. Die Quintessenz zur Finanzierungsfrage ergab sich schnell. Ohne Sponsoren und Mäzene lassen sich Kulturangebote in Duisburg kaum mehr verwirklichen. Interessanter ist deshalb eine andere Frage. Welche Kultur meinen wir in Duisburg überhaupt, wenn wir das Wort aussprechen? Um das genauer zu bestimmen, möchte der Kulturdezernent Thomas Krützberg einen Kulturplan erstellen. Keine schlechte Idee, wenn dazu die Kulturschaffenden an der Diskussion beteiligt werden, was Duisburg als Kulturstadt sein will und schließlich sein kann.

Beginnen wir also über Kultur zu reden. Reden wir über den Teil, in dem ich mich in Duisburg besonders gut auskenne, reden wir über literarisches Schreiben von jugendlichen Duisburgern, und reden wir zur Einstimmung über Fußball. Egal, ob bei der U14 eines Breitensportvereins an der Hamborner Warbruckstraße oder beim anarchischeren Straßenfußball von noch jüngeren Kinder, die verstolperte Torchance lässt wie der gelungene Pass gleichermaßen keinen Zweifel daran, was die Kinder treiben. Auch wenn in ihrem Spiel der Drittligafußball des MSV Duisburg nicht zu erkennen ist, geschweige denn der der Bundesliga, nennen wir ihr Spiel zweifelsfrei Fußball.

Solche Eindeutigkeit gibt es für die Literatur nicht. Was aber machen Kinder und Jugendliche dann, wenn sie ihre Wirklichkeit mit schönen oder besonderen Worten zu fassen versuchen? Wie nennt man das, was sie mit ihrer Sprache gestalten? Das wird bei weitem nicht von jedem zweifelsfrei als Literatur anerkannt, selbst wenn literarische Texte das genannte Ziel der Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen ist. Qualitätsurteile sind dafür aber nur vordergründig die Ursache. Davon abgesehen gibt die Verankerung der Kultur innerhalb der Stadtgesellschaft vor, wie das Schreiben von Jugendlichen zunächst und vor allem betrachtet wird. In Duisburg schiebt sich vor die Literatur als Zuschreibung schnell etwas anderes. Die jungen Schreibenden stärken dann ihre Sprech-, Sprach- und Lesekompetenz. Oft soll soziale Benachteiligung ausgeglichen werden. Nicht zu vergessen das Selbstbewusstsein, um das sich auch immer gekümmert wird. Es geht, gerade bei freien Projekten, darum, Nutzen zu begründen. Und schon sind wir beim Geld. Schon sind wir bei der Verankerung der Kultur im städtischen Leben. Ich denke nicht an etablierte Institutionen und Besucherzahlen. Ich denke daran, wie Kultur ohne ausdrücklich benannten Mehrwert in Duisburg empfunden wird. Ohne starkes Selbstbewusstsein für die kulturelle Sache, ist es einfacher, die Welt der schreibenden Kinder und Jugendlichen in defizitärer Perspektive wahrzunehmen. Dann geht es um das Beheben von Schwierigkeiten und das literarische Schreiben wird nur  als Mittel zum Zweck angesehen.

Erst das selbstverständliche Handeln im Alltag bestimmt, welche Bedeutung die Kultur in der Stadt bekommt. Kulturelles Selbstbewusstsein kann nicht verordnet werden. Kultur wächst von unten, aus einem regelmäßigen Schaffen heraus, aus einem Schaffen, das im Fall der Kinder und Jugendlichen als eine erste Form künstlerischen Ausdrucks ernst genommen wird. Deshalb liegt mir so viel daran, den literarischen Eigenwert der Texte von Duisburger Kindern und Jugendlichen herauszustellen.

Es fehlt in Duisburg ja nicht an kultureller Arbeit an der Basis. Wenn etwas fehlt, dann ist es eine verbreitete Vorstellung dessen, wie bedeutsam solche Aktivitäten für die Hochkulturformen der Stadt sind. In Duisburg schreiben Kinder und Jugendliche an vielen Orten immer wieder über ihre Welt, versuchen sie sich in gestalterischer Form mit Wörtern und Worten. Ich selbst rege seit einigen Jahren Kinder und Jugendliche an unterschiedlichen Orten im Duisburger Norden an, ihre Wörter auch künstlerisch gestaltend zu nutzen, auf eine literarische Weise. Das sind Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Bildungsgänge. Gymnasiasten sind Teilnehmer von Schreibwerkstätten ebenso wie Förderschüler. Eines begegnet mir beim Arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen dann immer wieder; es ist etwas, was ich in Anlehnung an die Malerei einmal „Naive Poesie“ genannt habe. Diese „Naive Poesie“ entsteht, wenn sich die Kinder und Jugendlichen in ihren Texten zur eigenen Wahrheit bekennen und dafür einen gestalteten Ausdruck finden. Sie zeigen sich, und ein Leser dieser Texte erfährt sowohl von ihrem Alltag mit seinen Problemen und dessen angreifbarem Glück als auch von Hoffnungen und großen Träumen. Die jungen Autoren tasten sich an die Wahrheit ihrer Erfahrung und der eigenen Person heran. Deshalb stehen die Ich-Erzähler ihrer Texte dem Autoren-Ich sehr nahe, doch darf man sie nicht vorschnell für identisch halten.

Weil die Jugendlichen etwas von sich preisgeben müssen, brauchen sie Mut für ihre Texte. Viele der Jugendlichen, denen ich begegnet bin, lesen selbst kaum und müssen es riskieren, sich auf einem ihnen fremden Gebiet als ungeschützte Persönlichkeit zu zeigen. So etwas kann nicht in jeder Minute einer Schreibwerkstatt geschehen. So etwas braucht oft mehrere Anläufe, längere Umwege müssen gegangen werden und manchmal gerät man auch in Sackgassen. Das ist nichts anderes als ein künstlerischer Prozess.

Und ja, die Jugendlichen gewinnen Möglichkeiten hinzu, sich auszudrücken und verbesserten ihre Sprachkompetenz. Ja, die Jugendlichen arbeiten an ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer selbst. Denn dieses Wahrnehmen ist die erste Voraussetzung, um Worte zu finden. Ja, die Jugendlichen müssen ausdauernd und konzentriert sein, um ihre Texte zu erstellen und sie erlebten mit, wie durch längeres, kontinuierliches Arbeiten an einer Sache aus zunächst kleinen Dingen etwas Großes erwächst. All das findet in einer Schreibwerkstatt statt. All das wirkt sofort sinnvoll, wenn einem die Klagen über die Qualifikation von Schulabgängern in den Ohren klingen. All das kann aber nur deshalb geschehen, weil es von Anfang an nur unausgesprochene Nebensache ist.

Es gab Zeiten, in der Literatur als Möglichkeit verstanden wurde, jedem Menschen dieser Gesellschaft eine Stimme zu verleihen. Weil sich etwa Arbeiter mit ihrer Lebenswirklichkeit in bürgerlicher Literatur nicht wiederfanden, schrieben sie selbst Romane, Kurzgeschichten, Lyrik. Gerade im Ruhrgebiet gab es mit der Dortmunder „Gruppe 61“ eine solche Literaturströmung. Betrachtet man die Texte der Jugendlichen in so einer Perspektive, lässt sich ihr besonderer Wert für Duisburg noch klarer erkennen. Die Stadt erhält Stimmen, die Einblick in die Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher gewähren.

Wenn ich – natürlich auch pro domo – dafür werbe, die Texte der Jugendlichen im literarischen Sinn ernst zu nehmen, werbe ich dafür kulturelles Schaffen in Duisburg wichtig zu nehmen, diesem Schaffen einen eigenen Wert zuzumessen. Ein Kulturplan kann Rahmenbedingungen beschreiben. Mit Leben wird er gefüllt durch Teilhabe am kulturellen Leben. Deshalb ist das zweckfreie, dem künstlerischen Schaffen zugeordnete Ergebnis einer Schreibwerkstatt bedeutsamer als der praktische Nutzen, den so eine Schreibwerkstatt auch mit sich bringt.

 

DU schreib(s)t in Kürze

DU schreib(s)t ist das Duisburger Netzwerk von Institutionen und Menschen, die sich für Literatur von Kindern und Jugendlichen in Duisburg einsetzen. DU schreib(s)t  sorgt für Informationsaustausch und verschafft Jugendlichen die Möglichkeit zur Lesung und Veröffentlichung.

Im Jugendzentrum Zitrone besitzt das Literaturprojekt seine Basis. Dort engagiere ich mich in Kooperation mit den umliegenden Schulen für das literarische Schreiben von Kindern und Jugendlichen. Schreibwerkstätten finden regelmäßig statt und einmal wöchentlich, Mittwochnachmittag, öffne ich eine Art Literaturbüro.

DU schreib(s)t bietet zudem interessierten Jugendlichen im Juni und Dezember die Möglichkeit, auf einer offenen Lesebühne eigene Texte einem Publikum vorzustellen. Außerdem können Jugendliche ihre Texte online auf der Seite von DU schreib(s)t veröffentlichen. Kontakt: Jugendzentrum Zitrone 0203.479 48 88 oder E-Mail an r.koss[@]lemonhaus.de

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: