Vom Ärger über Bernhard Schlinks „Der Vorleser“

„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink wurde nicht nur zu einem der wenigen weltweiten Erfolge zeitgenössischer deutscher Literatur, der Roman hat auch Einzug gehalten in die Lehrpläne von Schulen, und er besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Gelesen habe ich den Roman bislang nicht. Alles, was ich bis zum letzten Wochenende über den Roman wusste, hatte ich dem Feuilleton entnommen, wo ja immer wieder auch ein paar sehr kritische Stimmen zu lesen waren.

Nun komme ich nicht umhin, den Roman möglichst bald selbst zu lesen, denn am letzten Wochenende hat mich „Der Vorleser“ auf eine Weise ärgerlich gemacht, die ich noch nicht ganz durchschaue. Während ich zuhörte, wie eine Leserin des Buches den Inhalt mit Ausnahme des letzten Kapitels kurz umriss und zum besseren Verständnis des Stils drei Zitate vorlas, spürte ich, wie besonders durch die Zitate der Ärger in mir wuchs und für Momente gar zur Wut wurde. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir so etwas schon einmal passiert ist.

Was ich hörte, muss tief in mir etwas berührt haben. Etwas, was sehr empfindlich reagiert, gegenüber Haltungen und Lebenseinstellungen, die ich, zumal positiv gewertet, als unerträglich empfinde. Das Ziel meines Ärgers war auch sofort der Roman selbst und sein Autor. Es ging mir nicht um eine Auseinandersetzung mit der Leserin um den literarischen Wert des Romans. Die das Buch lobende Leserin verschwand völlig hinter dem Text. In diesem Fall kam mir überhaupt nicht der Gedanke, dass ich mit ihr über ihre Meinung hätte reden sollen. Das Ziel meiner Aufmerksamkeit war auf eine eigentümliche Weise der Roman selbst und seine Sprache. Ich hatte ein diffuses Gefühl von Täuschung in mir. Mit ein wenig Abstand meine ich zwei Quellen meines Ärgers zu erkennen. Es empörte mich zutiefst, wie der Ich-Erzähler, ein sich reif und analytisch gebender Mann, über seine Liebe als Fünfzehnjähriger schreibt. Es war der Stil, diese sachliche, distanzierte Sprache, die mir nahe legen wollte, hier zieht jemand Schlüsse aus einer sehr persönlichen Erfahrung. Doch hörte ich gleichzeitig von keinerlei Erkenntnisse, die der Ich-Erzähler aus seiner damaligen Liebe gewonnen hat und die seinem Alter angemessen gewesen wären. Das hätte ich als eine mögliche Weise Liebe zu erfahren noch hingenommen.  Man könnte so einen Ich-Erzähler für seine Entwicklungsunfähigkeit und sein starres Empfinden bedauern. Ich hätte den Schluss gezogen, dass mich so ein Roman nicht weiter interessiert. Doch nach dem letzten gehörten Zitat hatte ich den Eindruck, der Ich-Erzähler nutzt diese persönliche Geschichte und sein zutiefst privates sich schuldig Fühlen mit und an der damaligen Liebe, um einen allgemeinen Schluss zu ziehen. Er spricht sich das Recht zum Urteil gegenüber jener Frau ab, die er als Fünzehnjähriger liebte und die etwa zehn Jahre später als KZ-Aufseherin angeklagt ist. Gleichzeitig wendet er diesen sehr persönlichen Schluss durch den Stil seiner Sprache und das Ziel seiner Aufmerksamkeit spekulierend ins Allgemeine.

Wohl gemerkt, ich hörte die Lesart und habe durch diese Lesart auf den gesamten Roman geschlossen. Vielleicht ergibt sich mein Ärger ja aus der Verkürzung. Schließlich betonte die Leserin immer wieder die differenzierte Sicht des Ich-Erzählers. Für mich blieb aber zunächst nur dieses eine Verständnis. Der Ich-Erzähler nutzt sein privates Erleben einer Liebe dazu, den Menschen das Recht abzusprechen, schuldhaftes Verhalten auch so nennen zu dürfen. Mein Eindruck beruht auf dem Stil des Romans.  Es wirkt auf mich so, als ob der sich nachdenklich gebende Ich-Erzähler mit seiner sachlichen und distanzierten Sprache seiner persönlichen Einschätzung suggestive Kraft verleiht. Es scheint mir eben kein Zweifel erzählt zu werden, ob man urteilen darf oder nicht. Auf mich wirkte das, was ich gehört habe, als sicherer Beleg für die Unmöglichkeit zu urteilen. Und zwar legitimiert mit der Erfahrung während einer Liebesbeziehung. Aus einer Liebesbeziehung, in der das Machtgefälle ebenfalls offensichtlich ist. Demnächst mehr davon, wenn ich den Roman gelesen habe. „Der Vorleser“ liegt auf dem Nachttisch bereit.

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