Vom Ärger über Bernhard Schlinks „Der Vorleser“

29. April 2009

„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink wurde nicht nur zu einem der wenigen weltweiten Erfolge zeitgenössischer deutscher Literatur, der Roman hat auch Einzug gehalten in die Lehrpläne von Schulen, und er besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Gelesen habe ich den Roman bislang nicht. Alles, was ich bis zum letzten Wochenende über den Roman wusste, hatte ich dem Feuilleton entnommen, wo ja immer wieder auch ein paar sehr kritische Stimmen zu lesen waren.

Nun komme ich nicht umhin, den Roman möglichst bald selbst zu lesen, denn am letzten Wochenende hat mich „Der Vorleser“ auf eine Weise ärgerlich gemacht, die ich noch nicht ganz durchschaue. Während ich zuhörte, wie eine Leserin des Buches den Inhalt mit Ausnahme des letzten Kapitels kurz umriss und zum besseren Verständnis des Stils drei Zitate vorlas, spürte ich, wie besonders durch die Zitate der Ärger in mir wuchs und für Momente gar zur Wut wurde. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir so etwas schon einmal passiert ist.

Was ich hörte, muss tief in mir etwas berührt haben. Etwas, was sehr empfindlich reagiert, gegenüber Haltungen und Lebenseinstellungen, die ich, zumal positiv gewertet, als unerträglich empfinde. Das Ziel meines Ärgers war auch sofort der Roman selbst und sein Autor. Es ging mir nicht um eine Auseinandersetzung mit der Leserin um den literarischen Wert des Romans. Die das Buch lobende Leserin verschwand völlig hinter dem Text. In diesem Fall kam mir überhaupt nicht der Gedanke, dass ich mit ihr über ihre Meinung hätte reden sollen. Das Ziel meiner Aufmerksamkeit war auf eine eigentümliche Weise der Roman selbst und seine Sprache. Ich hatte ein diffuses Gefühl von Täuschung in mir. Mit ein wenig Abstand meine ich zwei Quellen meines Ärgers zu erkennen. Es empörte mich zutiefst, wie der Ich-Erzähler, ein sich reif und analytisch gebender Mann, über seine Liebe als Fünfzehnjähriger schreibt. Es war der Stil, diese sachliche, distanzierte Sprache, die mir nahe legen wollte, hier zieht jemand Schlüsse aus einer sehr persönlichen Erfahrung. Doch hörte ich gleichzeitig von keinerlei Erkenntnisse, die der Ich-Erzähler aus seiner damaligen Liebe gewonnen hat und die seinem Alter angemessen gewesen wären. Das hätte ich als eine mögliche Weise Liebe zu erfahren noch hingenommen.  Man könnte so einen Ich-Erzähler für seine Entwicklungsunfähigkeit und sein starres Empfinden bedauern. Ich hätte den Schluss gezogen, dass mich so ein Roman nicht weiter interessiert. Doch nach dem letzten gehörten Zitat hatte ich den Eindruck, der Ich-Erzähler nutzt diese persönliche Geschichte und sein zutiefst privates sich schuldig Fühlen mit und an der damaligen Liebe, um einen allgemeinen Schluss zu ziehen. Er spricht sich das Recht zum Urteil gegenüber jener Frau ab, die er als Fünzehnjähriger liebte und die etwa zehn Jahre später als KZ-Aufseherin angeklagt ist. Gleichzeitig wendet er diesen sehr persönlichen Schluss durch den Stil seiner Sprache und das Ziel seiner Aufmerksamkeit spekulierend ins Allgemeine.

Wohl gemerkt, ich hörte die Lesart und habe durch diese Lesart auf den gesamten Roman geschlossen. Vielleicht ergibt sich mein Ärger ja aus der Verkürzung. Schließlich betonte die Leserin immer wieder die differenzierte Sicht des Ich-Erzählers. Für mich blieb aber zunächst nur dieses eine Verständnis. Der Ich-Erzähler nutzt sein privates Erleben einer Liebe dazu, den Menschen das Recht abzusprechen, schuldhaftes Verhalten auch so nennen zu dürfen. Mein Eindruck beruht auf dem Stil des Romans.  Es wirkt auf mich so, als ob der sich nachdenklich gebende Ich-Erzähler mit seiner sachlichen und distanzierten Sprache seiner persönlichen Einschätzung suggestive Kraft verleiht. Es scheint mir eben kein Zweifel erzählt zu werden, ob man urteilen darf oder nicht. Auf mich wirkte das, was ich gehört habe, als sicherer Beleg für die Unmöglichkeit zu urteilen. Und zwar legitimiert mit der Erfahrung während einer Liebesbeziehung. Aus einer Liebesbeziehung, in der das Machtgefälle ebenfalls offensichtlich ist. Demnächst mehr davon, wenn ich den Roman gelesen habe. „Der Vorleser“ liegt auf dem Nachttisch bereit.


Ein Autorendebut und die Aufmerksamkeit von jungen Leuten

20. März 2009

Manchmal führen Messegespräche wie dieses Mal in Leipzig schnell zu einem Grundproblem der Verlagsarbeit. Zum Beispiel dann, wenn das Stichwort Blog fällt und die vornehmliche Zielgruppe für das erste Buch des jungen Autors in großen Teilen meinungsbildend in der Blogosphäre vermutet wird. Wie zieht man  die Aufmerksamkeit von Lesern, vor allem von jenen zwischen 20 und 30, auf  einen Autor wie Thomas Klupp mit seinem Debutroman „Paradiso“, der noch nicht aus anderen Medienzusammenhängen bekannt ist? Denn das ist länger schon deutlich geworden, multimediale Präsenz, am besten noch als Teil der populäreren Kultur, steht jedem jungen zeitgenössischen Autoren inzwischen gut zu Gesicht. Zeit für Aufmerksamkeit gibt es eben nicht endlos.

Selbst die schon vorhandenen lobenden Feuilletonartikel wie etwa in der SZ oder in FAZ und taz heben da zwar die Laune im Verlag, bieten aber keine Lösung für das grundsätzliche Problem, Meinungsmachen bei jungen Leuten. Man weiß es einfach nicht, ob diese Leser, die nicht das etablierte Printmedium nutzen, stattdessen wenigstens das Internetangebot aus dem Zeitungshaus anklicken. So hörte ich zu, fand, was ich über das Buch vernahm, interessant und bin heute dazu bereit, meinen Teil im bevorzugten Medium der Zielgruppe beizutragen, die Aufmerksamkeit auf Thomas Klupp zu lenken. Und nicht dass jemand glaubt, hier versuche sich ein Verlag im Guerillamarketing. Urteile fälle ich auf dieser Seite honorarlos und unabhängig.

Also: „Paradiso“ und Auftritt des Ich-Erzählers Alex Böhm. Der Mittzwanziger, Student an der Filmhochschule Potsdam, steht auf einem Rastplatz in der Nähe der Stadt, möchte Richtung München zur Freundin von jemandem mitgenommen werden und gleichzeitig auf keinen Fall so aussehen, als wolle er trampen. Von Anfang an lässt der 1977 geborene Thomas Klupp das erzählerische Potential seiner Figur erkennen. Alex Böhm möchte cool sein, weiß um die Oberflächenwirkung beim öffentlichen Auftreten und durchlebt, wie die meisten Menschen seines Alters, öfter Situationen, die seine Coolness bedrohen.

Dagegen weiß er Rezepte: Ironie, Sarkasmus und Lügen, notfalls Flucht und egal, was er auch macht, auf keinen Fall grübeln und ein schlechtes Gewissen behalten. Dann schon besser,  sich ironisch von diesen unangenehmeren Gefühlen distanzieren. Böhm sucht einen einfachen Weg durchs Leben.  Geradlinig muss der nicht sein und schon gar nicht idealistisch motiviert, geschweige denn moralisch integer.

Die Freundin in München wartet, weil der Flug in den gemeinsamen Urlaub ansteht. Doch die Fahrt nimmt einen Umweg in die Provinz der nördlichen Oberpfalz, in das Heimatdorf Böhms und die Begegnung mit der Vergangenheit macht deutlich, so sicher ist das nicht mit dieser Freundin. Böhm weiß zwar, wie gelungenes Miteinander aussehen soll, doch zeigt sich auch, die Vorstellung davon passt in jeder Hinsicht bequemer in sein Leben als die Anstrengungen wirklicher Begegnungen. Nicht nur mit Frauen geht Böhm das so.

Thomas Klupp kombiniert kongenial die Motive von Coming-of-age-Geschichten mit denen des Road-Movies. Wendungsreich und unterhaltsam erzählt wird daraus mehr als eine spaßige Nabelschau, weil Alex Böhms Blick auf sich und seine Mitmenschen immer auch subtil von sozialem Geschehen eingefärbt ist. Sein Leben ist in dieser Gegenwart verortet, und die großen Probleme sind in Böhms Augen als unlösbar präsent. So zieht das Politische in die Konstruktion der Geschichte ein. Denn Böhms Haltung benötigt materielle Sorglosigkeit, die ihm sein Elternhaus bietet. Es ist die Reihenhauswirklichkeit in der Oberpfalz, der Böhm durch seine zynische Lebenshaltung entfliehen will – ohne gewichtiges Ziel, aber mit einigem Wissen über das Funktionieren dieser Welt und seiner selbst.

Je länger die Reise voranschreitet, desto witziger und komischer wird das, was Thomas Klupp seinem Ich-Erzähler in den Mund legt. Immer öfter nutzt er die Fallhöhe zwischen dem sozial akzeptierten oder, wenn es um Beziehungen zu Frauen geht, von diesen Frauen erwünschten Verhalten Böhmes und dessen wirklichen Gefühlen und Motiven. Grundlage der Beziehungskomik sind zwar die klassischen Comedy-Unterschiede zwischen Männern und Frauen, doch Thomas Klupp variiert das mit sehr originellen Ideen und gerät mit dem so differenziert gestalteten Ich-Erzähler nie in Klischee-Gefahr. Man stelle sich nur einmal das romantische Potential der Scherben zerschlagener Bierflaschen im Mondlicht vor. Eine Frau erkennt das zu Alex Böhms Entsetzen.

Der Verlag versucht einiges, das junge Zielpublikum zu erreichen. Mit einem Preisausschreiben bewegt man sich in alten Bahnen, die als „Making of“ konzipierte Seite im Netz wirkt da schon ungewöhnlicher und interessanter. Für den weiteren Erfolg von Thomas Klupp kann man dem Verlag bei diesen Versuchen nur viel Resonanz wünschen.

Thomas Klupp: Paradiso. Berlin Verlag, Berlin 2009. 200 Seiten. 18,00 €


Krimidurchschnitt aus Galicien

3. März 2009

Nun wird also daran gearbeitet, Galicien auf der Krimiweltkarte kräftiger einzuzeichnen. In Vigo ermittelt Inspektor Leo Caldas, der zudem als Vertreter der Polizei in einer populären Radiosendung auftritt. Es wird nicht ganz klar, ob es sich dabei um eine PR-Maßnahme der Behörde handelt. Sein Assistent Rafael Estévez wurde aus Zaragoza nach Vigo versetzt und hat noch einige Schwierigkeiten mit der ihm eigentümlich vorkommenden, uneindeutigen Redeweise der Einheimischen.

Man ahnt, der Spanier Domingo Villar möchte in „Wasserblaue Augen“ schon mit der Figurenkonstellation die Voraussetzung für Komik und Humor schaffen. Daraus ergibt sich aber nur manchmal ein Schmunzeln, was wiederum schon auf die durchschnittliche Qualität des gesamten Romans verweist. Alleine das Mordopfer ist auf eine Weise ums Leben gekommen, die in der Kriminalliteratur eher selten vorkommmt und vor allem den lesenden Männern wahrscheinlich ein leichtes Unwohlsein bereitet. Wird ein Saxofonist doch nackt und ans Bett gefesselt aufgefunden, wobei die Haut der Körpermitte wie eingetrocknet wirkt und die Geschlechtsorgane des Opfers auf winzige Größe geschrumpft sind.

Die Ermittlungen von Caldas und Estévez nehmen ihre konventionelle Bahn, ohne dass ich Vigo wirklich kennenlerne. Natürlich gibt es Verweise auf regionale Besonderheiten der Lage und der Kultur. Das bleibt aber sehr an der Oberfläche, genauso wie der Fall selbst mir keinen interessanten Einblick in einen Bereich der spanischen Gesellschaft gibt. Homosexualität als thematischer Aufhänger ist ein austauschbares Klischee.

Der Roman ist konventionell in Plot und Sprache und besetzt eine Leerstelle auf der Krimiweltkarte. Er besitzt ein Minimalmaß an Spannung und Villar ist immer wieder um besagten Humor bemüht, der mir allerdings meist eher müde vorkommt. Den Klappentextjubel im Zitat der spanischen Presse halte ich für völlig überzogen. „Wasserblaue Augen“ ist einer jener Romane, die auf das Interesse für die Region zählen müssen. An Galicien interessierte Leser finden mit dem Buch leichte Unterhaltung und können der Region für die Zeit der Lektüre etwas näher rücken, nicht mehr, nicht weniger.

Domingo Villar: Wasserblaue Augen. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2009. 221 Seiten. € 16,90.


Tempo, Komik und Berlin – „Der heilige Eddy“ von Jakob Arjouni

12. Februar 2009

Eddy ist Anfang 40, besitzt Stil und weiß genau, wie diese Gesellschaft funktioniert. Ansonsten wäre er als Trickbetrüger nicht so erfolgreich. Seine wichtigste Grundregel lautet: Niemals im eigenen Kiez, in Kreuzberg, arbeiten. Niemals dort das mit der Aura des Künstlerischen umwehte Bild vom stets freundlichen, allein stehenden Musiker gefährden. Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Bild nicht. Tatsächlich verdient er sich zusammen mit dem Deutschrussen Arkadi in der Zweimann-Combo „Lover´s Rock“ durch Straßenmusik etwas hinzu. Und ganz klar, sie spielen an den besten Plätzen Berlins, außer im eigenen Kiez!

In „Der heilige Eddy“ erweist sich Jakob Arjouni einmal mehr als Autor für die schnelle, leicht erzählte Geschichte vom sympathischen Außenseiter wider Willen, der sich in moralischen Grauzonen durch das Leben laviert. Denn eigentlich möchte es sich der großsprecherische Eddy bequem einrichten in dieser Gesellschaft, nur hat er bislang den Erfolg auf legalem Weg mit seiner Musik eben nicht geschafft.

Doch auch das auf kleinkrimineller Basis sorgsam eingerichtete Leben fliegt auseinander, als Eddy im Treppenhaus zu seiner Wohnung dem Unternehmer Horst König begegnet. Aus kleinen Verhältnissen hatte der sich in den USA hochgearbeitet und gilt jetzt, nach seiner Rückkehr in die alte Heimat als mitleidloser Spekulant, der die Arbeitsplätze eines Berliner Unternehmens vernichtet. König will zu seiner im Haus lebenden Tochter Romy, mit der er sich überworfen hatte und setzt gegenüber dem misstrauisch nachfragenden Eddy auf alte Straßenkampf-Qualitäten. Beim Gerangel stürzt König so unglücklich, dass er stirbt. Nun hat Eddy Probleme. Kurzfristig, weil unten zwei von Königs Bodyguards warten und mittelfristig, weil ihn Gewissensbisse gegenüber der noch unbekannten Tochter plagen, der er die Versöhnung mit dem Vater unmöglich gemacht hat.

Arjouni schickt Eddy auf eine etwas märchenhafte, witzige Reise durch die Berliner Gegenwart, um die Last seiner empfundenen Schuld abzutragen. Dabei überwindet er mit der ihm eigenen Chuzpe einige Schwierigkeiten, gerät in manche slapstickhafte Verwicklung und verliebt sich heftig. Mit seinen 246 groß bedruckten Seiten ist „Der heilige Eddy“ ein sehr kurzer Roman. Seinen karikierenden Witz findet er etwa durch Eddys souveränen Umgang mit äußeren Zeichen der Macht. Respekt kennt er da nicht, sondern weiß sie hochstaplerisch zu seinen Zwecken zu nutzen. Das geht alles zwar nicht in die Tiefe, lässt schmunzeln und stößt doch ein paar Gedanken über diese geschilderte, soziale Wirklichkeit an. So muss Eddy eine Haltung zum allseits bekannten Vorgehen der Boulevardpresse und deren Sensationsberichterstattung finden. Und über die Verflechtung von politischen und wirtschaftlichen Interessen erfährt er schließlich auch noch etwas. Komödiantische Kriminalgeschichten, die ohne Klamauk auskommen und deren Handlung die gegenwärtige soziale Wirklichkeit nicht ignoriert, finden sich in der deutschsprachigen Kriminalliteratur nicht oft. Jakob Arjouni ist eine solche Geschichte erneut gelungen.

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy. Diogenes Verlag, Zürich 2009.
246 Seiten. € 18,90.


Wenn ein Geheimbund in Ruhrorts Gesellschaft Fuß fasst

3. Februar 2009

Franz Haniel, den Ruhrorter Großspediteur und Industriemagnaten, nennt Carolina Kaufmeister Onkel Franz. Früher waren ihre Familien Nachbarn und die Väter haben gemeinsam Geschäfte gemacht. Kaufmeisters gehören 1854 zu Ruhrorts  gehobenem Bürgertum. Nun deutet sich der Tod des Vaters an und Lina hat nicht vor, danach im Elternhaus weiter wohnen zu bleiben und ihrem Bruder Georg zusammen mit dessen Frau den Haushalt zu führen. Allerdings weiß sie auch, seine notwendige Erlaubnis, einen eigenen Hausstand zu gründen, wird sie nicht erhalten. An Heirat als mögliche Lösung ist auch nicht zu denken. Mit ihren 35 Jahren halten viele sie schon für eine alte Jungfer, zudem ist sie seit der Kindheit durch eine Versteifung der Hüfte stark gehbehindert.

Doch als sie auf der Chaussee nach Meiderich die Leichen zweier Kinder findet, treten für den Moment ihre Sorgen um die Zukunft in den Hintergrund. Offensichtlich sind die Kinder Opfer eines grausamen  Verbrechens geworden, so dass der neue Commissar Robert Borghoff Ermittlungen aufnimmt. Bürgermeister Weinhagen aber möchte die aufstrebende Hafenstadt nicht in Verruf bringen und drängt darauf, keinesfalls das Ruhrorter Bürgertum in die Ermittlungen einzubeziehen. Investoren für Werksgründungen der Eisen- und Stahlindustrie könnten verschreckt werden. Dass es danach weitere Opfer gibt und ein paar Ruhrorter Bürger daran nicht unschuldig sind, versteht sich von selbst. Nur gut, dass Borghoff die Intelligenz von Lina Kaufmeister zu schätzen weiß und ihre Beobachtungen von den Zeremonien eines Geheimbunds ernst nimmt.

Das bislang nur im Fernseh-Krimi beliebte Duisburg-Ruhrort hat Silvia Kaffke in „Das rote Licht des Mondes“ zum Schauplatz eines beeindruckenden historischen Kriminalromans gemacht. Zugegeben, der Roman lebt weniger vom Kriminalfall als vom Schicksal der Hauptfigur Carolina Kaufmeister. Und mit seinem detaillierten und kenntnisreichen Blick auf die historische Wirklichkeit nähert sich der Roman dem populären historischen Sachbuch. Doch eine spannende und besondere Geschichte erzählt Silvia Kaffke allemal.

Wenn Silvia Kaffke ihren Roman per Perspektivwechsel zwischen Commissar und Lina Kaufmeister erzählt, richtet sie ihren Fokus fast immer auf das Leben einer allein  stehenden Frau des Bürgertums und deren schwierigem Versuch, ein unabhängiges Leben zu führen.  Dabei merkt man, hier erzählt auch jene Frau der Gegenwart, die die Hochzeit der Frauenbewegung Ende der 70er, Anfang der 80er selbst erlebt hat und die Erfahrungen dieser Zeit in einem historischen Stoff verarbeitet. Das wirkt nie aufgesetzt oder gar überholt, sondern findet durch den Stoff immer eine erzählerische Begründung.

Alleine bei den Morden samt ausgerissenen Herzen und deren inhaltliche Logik setzt Silvia Kaffke auf Schauereffekte, die auf mich wie Fremdkörper im realistischen Grundkonzept des Romans wirken und gegen deren trivialen Beigeschmack  sie mit dem anspruchsvollen historischen Sittenbild gleichsam immerzu anschreibt. Ein einfacher Mord wäre  als Anlass einer Ermittlung ausreichend gewesen. Schließlich erinnert das Vorgehen des Geheimbunds bedrohlich genug an das Wirken von Sekten und Mafia in der Gegenwart. Doch mindert dieser Makel die sonst überzeugende Klasse des Romans nur wenig.

Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes. Wunderlich, Reinbek 2008. 509 Seiten. € 19,90.


Enttäuschte Hoffnung – Thomas Kasturas zweiter Raupach-Krimi

15. Januar 2009

Vorschusslorbeeren lassen mich nicht schärfer urteilen! Diese Erklärung scheint mir angebracht, weil ich zum zweiten Mal in kurzer Zeit mit einem späteren Roman eines sehr gelobten Autors, nämlich Thomas Kastura, in sein Werk einsteige und erneut denke, wie viel besser muss jenes von mir noch nicht gelesene, vorherige Buch von ihm sein. Dieses Mal wollte ich es aber wissen und habe nach Thomas Kasturas „Das dunkle Erbe“ auch seinen ersten Roman um den Kölner Hauptkommissar Klemens Raupach, „Der vierte Mörder“, gelesen. Und siehe da, auch wenn ich nicht  ganz so begeistert war wie Ulrich Noller, der erste Raupach-Roman zeigt Thomas Kastura stilistisch auf hohem Niveau und lässt sein Gespür für komplex angelegte, spannungsvolle Geschichten erkennen.

Offensichtlich kommt die erzählerische Konstruktion des ersten Romans den Stärken von Thomas Kasturas Schreibweise sehr entgegen. Hauptunterschied zwischen beiden Romanen ist nämlich die Perspektive des Erzählten. „Der vierte Mörder“, der erste Auftritt Raupachs, wird nicht nur als Geschichte einer Ermittlung erzählt, sondern Thomas Kastura rückt auch  Täter- und Opferseiten in den Blick. In Kürze: In Köln wird ein Brandanschlag angekündigt, und wir erleben neben der Polizeiarbeit und den Geschichten um die Ermittler mit, was den Täter bewegt, wie er die Tat vorbereitet und welche Hürden sich ihm in den Weg stellen. Kastura arbeitet zudem zwei weitere Handlungsebenen ein, von denen mir eine in ihrer formalen Funktion als Rätselmoment der Handlung zu aufgesetzt wirkt.  Mich erinnert das an ein geschreinertes Möbelstück, das sauber verzapft gearbeitet ist, aber an einer Stelle vom Schreiner zur Sicherheit geschraubt wird, weil er dort unnötiger Weise der Stabilität seines Möbelstücks nicht vertraut.  Festzuhalten ist aber, „Der vierte Mörder“ wird vor allem durch das multiperspektivische Erzählen zum gelungenen Kriminalroman. Außerdem weist das aufgesetzte Rätsel auf die Schwäche des zweiten Romans voraus.

Hatte „Der vierte Mörder“ den Charakter eines Thrillers, erweist sich „Das dunkle Erbe“ als von der Frage nach dem Mörder bestimmter Polizeiroman, in dem alleine aus Ermittlerperspektive erzählt wird und typischerweise das Private der Ermittler eine Rolle spielt. Als Motor der Handlung soll dabei das Rätsel um die Mordtat funktionieren. Ein Arzt des Kölner Nobelstadtteils Marienburg steht im Verdacht seine Frau und seine Ex-Geliebte umgebracht zu haben. Zudem wird die Kollegin, mit der er Praxisräume teilte, vermisst. Der sehr religiöse Arzt ist verhaftet, bestreitet die Tat und Raupach, der ihn verhört, ist geneigt, ihm zu glauben. Die Suche nach der verschwundenen Ärztin führt Raupach und Kollegen ohnehin wieder nach Marienburg, so dass problemlos auch dort weiter ermittelt werden kann. Zudem taucht eine amerikanische Journalistin auf, die mit der Verschwundenen in Briefkontakt stand. Augenscheinlich weiß sie etwas, rückt damit nicht heraus und kommt stattdessen den Ermittlern in die Quere. Schließlich lenken Hinweise auf jüdisches Kulturgut den Ermittlerblick auch auf die Vergangenheit in den Marienburger Nobelvillen, deren jüdische Vorbesitzer während des Nationalsozialismus zum Verkauf gezwungen waren.

Statt auf die Psyche aller Figuren baut Thomas Kastura im zweiten Raupach-Roman also auf eine komplex angelegte Handlung mit Rätselspannung und sein Polizeiteam. Deshalb aber gerät ihm die Konstruktion des Romans aus dem Gleichgewicht.  Zwar gelingt es ihm, seinen Ermittlern mit dem Blick auf ihre privaten Seiten, Tiefe zu geben, doch gerade dadurch, wird es um so augenfälliger, wie grob sein Handwerk im eigentlichen Kriminalfall im Verlauf der Handlung werden muss, um das kompliziert angelegte Rätsel aufzulösen. Immer mehr drängt sich die Autorenstimme selbst in Dialoge und die Innenschauen, weil der Plot nach Erklärungen verlangt. Und schließlich gibt es sogar die Reminiszenz an den klassischen Häkelkrimi alter Zeiten, in denen die Täter am Ende noch die offenen Fragen für die Leser klären müssen.

Diese Konstruktion hat aber auch Konsequenzen für die Durchdringung des den Kriminalfall bestimmenden Themas und die Schilderung des Milieus. Thomas Kastura möchte neu eingeführte Figuren und Orte fast immer auch dazu nutzen, das Rätsel komplizierter zu machen. Der Tiefe der Figurenzeichnung beim Ermittlerteam steht deshalb keine entsprechende Tiefe bei der Ausgestaltung seines Themas gegenüber. Er bleibt an der Oberfläche, wenn es um die Übertragung der jüdischen Besitztümer während des Nationalsozialmus geht. Er bleibt an der Oberfläche beim Blick auf Marienburg. Das wiederum wäre möglich, wenn er seine Ermittler nicht mit den gewichtigen Problemen des Lebens wie Tod des Freundes, enttäuschte Liebe und Einsamkeit konfrontieren wollte. Das verhindert jenes Tempo, was er im Kriminalfall gleichzeitig anstrebt. Diesem Dilemma kann Thomas Kastura nicht entgehen. Es ist dem Rätselkrimi immanent.  Je mehr Rätsel, desto größer die Spannung, desto weniger erzählerischer Raum für die Tiefe der Erzählung. Weniger Rätsel wäre in diesem Fall die Möglichkeit zu mehr  Qualität gewesen.

Thomas Kastura: Das dunkle Erbe. Droemer Verlag, München 2008. 378 Seiten. € 18,00.
Thomas Kastura: Der vierte Mörder. Droemer Verlag, München 2006. 510 Seiten. € 19,90 (Taschenbuchausgabe: Droemer Knaur Verlag, München 2008. 510 Seiten. 8,95.)


Was „Voetbal total“, Deichbau und abstrakte Kunst verbindet

3. Dezember 2008

Anscheinend wird der Fußball als beachtenswertes Kulturereignis doch noch nicht so ernst genommen im seriösen Feuilleton, wie es seine in den letzten Jahren gewonnene Bedeutung für diese Gesellschaft nahe legt. Oder warum wird „Oranje brillant“ von David Winner nicht in jedem Medium, das sich der Kulturberichterstattung verpflichtet fühlt, besprochen? Schließlich ist dieses Fußballbuch des Briten, der lange Zeit in Amsterdam gelebt hat, eine großartige Kulturstudie über die Niederlande, prall gefüllt mit interessanten Überlegungen und klugen Beobachtungen samt Schlüssen und Analysen. Winners Beschreibung der kulturellen, sozialen und politischen Entwicklungen ab Ende der 60er Jahre lässt sich zudem bei allen nationalen Besonderheiten in den Niederlanden als Teil einer europäischen Geschichte lesen. Und nicht zuletzt umreißt Winner in einem Kapitel, das extra für die deutsche Ausgabe des Buches geschrieben wurde, das deutsch-holländische Verhältnis und dessen Veränderungen über die Jahre.

„Oranje brillant“ beginnt zunächst mit einer Frage, die ganz offensichtlich nicht leicht zu beantworten ist. David Winner wollte wissen, wieso der holländische Fußball ab Ende der 60er Jahre mit einem Mal so viel besser wurde, schließlich sogar in Kategorien der Kunst beschrieben werden konnte, letztlich aber an Titeln gemessen nie so erfolgreich war, wie es die Klasse seiner Spieler erwarten ließ. Wenn David Winner auch als Fan des holländischen Fußballs aufwuchs, seine Antwort sucht er ganz im Sinne eines Kunstkenners, als Bewunderer und Verehrer, als jemand, der das Wesen seines Objekts der Zuneigung erfassen möchte, als jemand der seine „Idee der Idee vom holländischen Fußball“ in Worte bringen will. Als Jugendlicher war er dem „Voetbal total“ verfallen, der zunächst von Ajax Amsterdam geprägt wurde und schließlich für die ganze Welt von der „Elftal“, der holländischen Nationalmannschaft, verkörpert wurde. Das schnelle Passspiel bei steter Bewegung aller Spieler war der Glaubensgrundsatz dieser Mannschaften, und Johann Cruyff die Symbolfigur für deren Spiel. Natürlich findet Winner dann eine viel kompliziertere Geschichte dieser Mannschaften als den bekannten Mythos vom spielbestimmenden Genie, das diesen Fußball möglich machte.

Doch „Oranje brillant“ wird eben deshalb zu einem sehr besonderen Fußballbuch, weil Winner es nicht bei der beschreibenden Historie des niederländischen Fußballs und seiner Protagonisten belässt, sondern seinem Schreiben das Interesse für die großen Zusammenhänge innewohnt. So erklärt er etwa die Entwicklung dieser Spielweise mit der Geografie der Niederlande, mit dem besonderen Verhältnis der Holländer zum vom Meer bedrohten Land und deren Versuchen, diesem Meer Land abzugewinnen. Solch einer Erklärung ist die Lust am spekulativen Denken anzumerken, was manchem Fußballinteressierten vielleicht zu weit geht, was aber gerade den erhellenden Blick auf die niederländische Gesellschaft zur Folge hat. Augenscheinlicher sind gesellschaftliche Einflüsse auf den Fußball, wenn Winner die politische Kultur der Niederlande beschreibt. Anfang der 70er ist das Stichwort auch hier: „Mehr Demokratie wagen“. Und angesichts der in den wichtigen Spielen oft erfolglosen niederländischen Fußballteams sieht Winner einen Zusammenhang mit dem calvinistischen Erbe, sich nicht selbst zu erhöhen. Vielleicht haben die Niederländer aber auch vor allem einen besonderen Sinn für Schönheit an sich. So findet man im Vergleich mit Resteuropa nämlich in diesem Land auch mehr Menschen, die abstrakte Kunst besonders wertschätzen.

„Oranje brillant“ ist aber nicht nur die Kulturstudie im Gewand des Fußballbuchs, es wirkt gleichzeitig als Geschichts- und Erinnerungsbuch jener Generation, die in den 70er Jahren mit den Erfolgen von Ajax Amsterdam aufwuchs und für die das Endspiel der WM 1974 zwischen Deutschland und Holland eine prägende Kindheits- oder Jugenderinnerung ist. Es gibt diese vielen Möglichkeiten, das Buch zu lesen, weil Winner seine klugen und überraschenden Gedanken mit einer kurzweiligen Sprache präsentiert, deren leichter Stil dem seichten Plauderton ebenso entgeht wie einer selbstbezüglichen feuilletonistischen Sprachverliebtheit. Diese eingängige Lesbarkeit der deutschen Ausgabe ist sicher auch ein Verdienst des Übersetzers Kristian Lutze.  In David Winner hat der holländische Fußball einen kongenialen Autor seiner Ideengeschichte gefunden. Mit anderen Worten: „Oranje brillant“ is een briljant voetbalboek.

David Winner: Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 363 Seiten. € 7,95


Zum Umgang dieser Gesellschaft mit Leid

26. November 2008

Ein wenig am Blog herum basteln und ein Theme finden, das eine offensichtlichere Seitennavigation möglich macht. Vor allem weil ich mit „Leid lässt sich nicht immer weglachen“ einen meiner Texte ins Netz stellen möchte. Dieser zeitlose Text thematisiert den Umgang dieser Gesellschaft mit Leid und der sie verursachenden Krankheit. Seine erste Fassung erschien in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 19./20. August 2000. Die Resonanz war groß, und ich erhielt die Einladung zu einem Vortrag an der Medizinischen Fakultät der Kölner Universität. Für diesen Vortrag im selben Jahr habe ich den Text erweitert. Vier Jahre später kam es zur letzten und endgültigen Überarbeitung, deren sehr gekürzte Fassung in der Stuttgarter Zeitung am 15. Januar 2005 erschien.


Schräge Wirklichkeit im Krimi – Mariaschwarz von Heinrich Steinfest

12. November 2008

Als die noch zu lesenden Seiten von Heinrich Steinfests „Mariaschwarz“ immer weniger wurden, beschlich mich allmählich dieses bewundernde Erstaunen, das häufig auch Zaubervorführungen gilt. Dort erwartet man ja, dass das ein oder andere verschwindet und irgendwo anders wieder auftaucht und ist doch immer wieder auch verblüfft, wenn die Illusion so perfekt funktioniert. Mit „Mariaschwarz“ verhält es sich ähnlich. Von Anfang an wird Heinrich Steinfests sehr eigene Art zu erzählen deutlich. Man bemerkt den besonderen Stil, den sehr speziellen Blick auf die Realität oder denkt kurz über Weisheiten des Erzählers nach. Gleichzeitig verwandelt sich das Erzählte in eine wendungsreiche, rätselhafte Kriminalgeschichte. Mir fällt zurzeit kein Autor ein, der die Regeln des Genres mit Mitteln bestätigt, die ihm, wenn man sie näher betrachtet, ständig zuwider laufen. Das ist neben allem Lesegenuss ein beeindruckendes Kunststück.

Den Inhalt der Geschichte wiederzugeben ist deshalb weniger bedeutsam, zumal im nackten Handlungsgerüst manch surrealer Moment des Romans mancheinen vielleicht in die Irre führt und er der versprochenen Kriminalgeschichte misstraut. Deshalb sei hier ausdrücklich betont, in „Mariaschwarz“ erfährt man trotz aller fantastischen Volten der Geschichte auf jeder Seite vom wirklichen Leben, ganz so wie es ein realitätshungriger Leser des ambitionierten Kriminalromans meist wünscht. So kann man zu Beginn der Geschichte die Einheimischen in Hiltroff, dem in der österreichischen Karstlandschaft abseits gelegenen Dorf, verstehen, wenn sie sich wundern, dass der leicht heruntergekommen wirkende Vinzent Olander seit nunmehr drei Jahren in einem Hotel des Ortes wohnt und sich Tag für Tag, auf immer gleiche Weise sittsam einen Rausch trinkt. Erst nachdem der Wirt des Hotels Olander das Leben gerettet hat, erfährt zumindest er den Grund für dessen Aufenthalt. In das Dorf führt die letzte Spur der in Mailand entführten Tochter Olanders. Deshalb ist er dort und hofft immer noch, ihr wieder zu begegnen.

Mit der Ruhe in Hiltroff ist es zudem auch aus anderen Gründen vorbei. Im nahe gelegenen Mariensee, mythenumwoben und wegen seiner dunklen Tiefe auch Mariaschwarz genannt, wird etwas gesichtet, was an ein urtümliches Lebewesen erinnert. Doch die vom Medienhype begleitete Suche per U-Boot bringt statt des Wesens ein menschliches Skelett ans Ufer, so dass der Wiener Chefinspektor Lukastik bald zwischen Hiltroff, Mailand und Wien unterwegs ist, um einen verborgenen Zusammenhang zu Olanders Geschichte zu enthüllen. Von da an richtet der Erzähler seinen Fokus nur noch mittelbar auf Olander, nämlich im Spiegel der Ermittlungen Lukastiks, der in das Zentrum des Romans rückt.

Man kennt die Romane des 1961 in Australien geborenen, in Österreich aufgewachsenen und heute in Stuttgart lebenden Heinrich Steinfest als komplex angelegte und zuweilen fantastisch anmutende Geschichten, in denen die Figuren einen sehr eigenen Blick auf die Welt haben und in ungewöhnlichen sozialen Nischen unserer Gegenwart zu Hause sind. Ihre Ausgestaltung besitzt zudem manchmal sehr literarische Wurzeln, wenn sie wie der Polizist Lukastik der strengen Logik Wittgensteins abgeschworen haben. Dennoch darf man die Romane von Heinrich Steinfest nicht als literarische Spielerei missverstehen. Er nimmt das Genre als in der Wirklichkeit verankerte Literatur ernst. Nicht zuletzt verdeutlicht das ein sehr eigenständiger Erzähler der Romane mit seinem lebenspraktischen Wissen, ein Erzähler, wie es ihn in dieser Form im Krimigenre nur selten gibt. Dieser Erzähler ist kein neutraler Chronist der Ereignisse, er hat seine eigene Meinung, bewertet das Handeln der Figuren und stellt während der wendungsreichen Geschichte seine tiefsinnigen bis skurrilen Überlegungen an. So philosophiert er etwa über die perfekte Beziehung, die er zwischen einem Wirt und seinem Gast als gegeben ansieht. Oder er bemängelt mit schwarzem Humor das nicht vorhandene ganzheitliche Denken von Frauen nach Schönheitsoperationen. Wer sich eine Brust vergrößern lasse, müsse danach auch insgesamt ein wenig zunehmen. Und das Wesen des Journalismus scheint ihm etwa darin zu bestehen, „Dinge nicht sagen zu können. Das aber mit Worten.“

„Mariaschwarz“ lebt von der Sprache, dem ungewöhnlichen Blick auf die gegenwärtige Welt und dem Wissen Heinrich Steinfests um die handwerklichen Grundlagen von Kriminalliteratur. So gelingt ihm großartige Literatur, und auf jeden Fall, ja, „Mariaschwarz“ ist auch ein Kriminalroman.

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. Piper Verlag, München 2008. 316 Seiten. 16,90 €


Günter Storck – Hinweis auf einen Nachruf

3. Oktober 2008

Wer in den 70er Jahren im Duisburger Wedaustadion mit Fußball groß wurde, dem ist die Stimme dieses Mannes unvergessen. Günter Storck war Stadionsprecher. Die „Stimme der Wedau“ wurde er blumig genannt, und dieser Ehrentitel wird nun angesichts seines Todes wieder hervor geholt – in einer Zeit, in der der Medienfußball jederzeit bereit ist, mit allen Traditionen zu brechen und sich gleichzeitig so oft verzweifelt müht, die Kraft solcher Traditionen lebendig zu halten. Günter Storck ist am 27. September gestorben, und ich kann mir den Verweis auf diesen Nachruf nicht verkneifen. Denn Günter Storcks Rezititationen deutscher Volks- und Gebrauchslyrik in den Halbzeitpausen der Fußballspiele haben mich nachdrücklicher auf den Klang von Gedichten aufmerksam gemacht, als es der Schulunterricht je vermocht hatte.