RuhrTriennale – Tine Kindermann & Iggy Pop

15. September 2009

„Century of Song“ heißt die Konzertreihe, in der während der RuhrTriennale der Song in allen Spielarten im Mittelpunkt steht. Der Song kann das Volkslied sein, er kann Weltmusik sein oder Rock, der seiner Zeit weit voraus war. Manchmal kann die Musik des Songs sogar tanzbar sein. Normalerweise ist das Publikum der RuhrTriennale das aber nicht gewöhnt. Im Sitzen wird zugehört und allenfalls etwas mitgewippt. Jedes Kulturereignis etabliert eben seine eigenen Regeln, die bei der RuhrTriennale mit den Ausnahmen von vereinzelt tanzenden Zuschauern nur bestätigt werden.

Nun war Iggy Pop zur Konzertreihe „Century of Song“ in den Duisburg Landschaftspark Nord eingeladen, und die Regeln wurden andere. Fans hatten sich die Karten gesichert. Sie füllten bald tanzend den Raum zwischen Sitzplätzen und Bühne, und zum Abschluss des Konzerts lud Iggy Pop sie zu sich nach oben auf die Bühne ein. Ein extatisch wogender Chor sang da den Refrain von „I wanna be your dog“ mit und tat es hin und wieder dem Vorsänger Iggy Pop gleich, der diesen Refrain auch auf deutsch singt. „Ich will dein Hund sein …!“ Es war ein großartiges Konzert von Iggy Pop. Es war ein Abend mit einem großen Künstler.

Man muss es den Duisburgern ja manchmal laut sagen, welche besonderen Ereignisse in ihrer Stadt geschehen. An diesem Samstagabend geschah im Landschaftspark Nord etwas, dessen Strahlkraft alleine durch den Auftritt von Tine Kindermann ein wenig getrübt wurde. Davon wird später noch die Rede sein, denn zunächst soll es darum gehen, wie ein Mensch, 62 Jahre alt, den Mut besitzt, sich mit seinem ganzen Sein auf die Bühne zu stellen und es wagt, jene mit der Musik verbundenen Bilder einer anderen Zeit in die Gegenwart mitzunehmen.

Den Abend hatte der Kurator der Reihe und Kopf der exzellenten Begleitband, der Gitarrist Marc Ribot, unter das Motto  „Love and Death“ gestellt. Da zelebrierte Iggy Pop also ausdrucksstark die Trauer mit französischen Chansons-Klassikern. Im stampfenden Rhythmus von Songs  aus Stooges-Zeiten und seinen Solo-Tagen waren Zorn und Lebenslust gleichermaßen zu spüren. Da kippte der Ausdruck dieser ursprünglichen Gefühle von Trauer, Zorn und Gewalt aber  immer wieder auch um. Traumhaft sicher bewegte sich Iggy Pop auf diesem schmalen Grat von Humor und Ironie, der die Tiefe des Gefühlsausdrucks in den Songs nie in Frage stellt. Er meinte es weiterhin ernst mit all diesen überwältigenden Gefühlen und wollte sie auf der Bühne ausleben, aber Zeit ist schließlich vergangen und ein wahrer Künstler entwickelt sich weiter.

Dieses „Love and Death“ wird auf der Bühne auch deshalb spürbar, weil so ein Konzert von Iggy Pop immer auch einen sehr körperlichen Ausdruck findet. Sowohl sein nackter Oberkörper als auch die wegen eines Hüftleidens verdrehten Bewegungen lassen ihn verletzlich erscheinen. Als Gegenpol dazu wirken die Energie seiner Bewegungen und die Härte von mancher alter Rocker-Geste. Iggy Pop liefert keine Show ab, sondern zeigt sich ganz und gar. Deshalb werden diese Rockergesten nicht zum Versatzstück billiger nostalgischer Erinnerung sondern verwandeln sich in lebendige Kunst. Was Iggy Pop auf der Bühne zeigt, heißt in der Bildenden Kunst Performance oder Aktionskunst und wird dort mit den Weihezeichen der Hochkultur versehen. Andererseits, wenn Iggy Pop im Rahmen der RuhrTriennale auftritt, ist er, was die Hochkultur angeht, auch schon ganz weit vorgedrungen. So anders ist ein Konzert von Iggy Pop als jene Unterhaltungsshows von Reunion-Acts für in die Jahre gekommene Fans, die in den 70er oder 80er Jahren einmal jung waren. Weil es so anders ist, sieht man an diesem Abend neben all den Fans früherer Tage auch junge Gesichter; Zuschauer, die noch nicht auf der Welt waren, als Iggy Pop schon längst solo  auftrat und die Geschichte der Stooges zum ersten Mal endete.

Zum Konzept der Reihe „Century of Song“ gehört es seit einigen Spielzeiten auch, unterschiedliche Künstler für den Abend zusammen zu bringen. Das missriet an diesem Abend ganz und gar. Nicht weil die von Tine Kindermann interpretierten deutschen Volkslieder im Kontrast zur Musik von Iggy Pop zu ungewohnt wirkten, sondern weil Tine Kindermann an das künstlerische Niveau von Iggy Pop mit Abstand nicht heran reichte.

Es mag ja sein, dass die in New York lebende Deutsche dort mit dem Exotenbonus des deutschen Volkslieds ihre Erfolge hat. In ihrem Heimatland  fällt dieser Exotenstatus fort. Da geht es alleine um den Moment des Auftritts und die künstlerische Qualität der Darbietung. Tine Kindermann hat eine durchschnittliche, wenig variationsreiche Stimme. Dennoch könnte so eine Stimme reichen, wenn Ausdruckskraft und Präsenz die Volkslieder mit Leben füllten. Wenn jemand aber mit der immer gleichen inneren Haltung vom Tod wie von der Liebe singt, können diese Lieder nicht berühren. Es scheint, als wäre der Sängerin der emotionale Zugang bei ihrer intellektuellen Beschäftigung mit den deutschen Wurzeln verschlossen geblieben. Bezeichnender Weise machte da ein jiddisches Lied eine Ausnahme.  Kannte Tine Kindermann die Komponistin dieses Liedes doch persönlich.


Wenigstens eine RuhrTriennale-Pressemitteilung

9. Juni 2009

Wenn ich zurzeit schon nicht hier zum Schreiben komme, soll wenigstens diese Pressemitteilung aus dem RuhrTriennale-Haus hier stehen. Weniger um ein Werk der RuhrTriennale zu rühmen als einmal mehr zu unterstreichen, was richtig ist:  „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ ist ein großes Kunstwerk.

Ruhrtriennale: Standing Ovations für Christoph Schlingensiefs Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir beim Holland Festival!

Mit der gestrigen Dernière von Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir endete das überaus erfolgreiche Gastspiel der Ruhrtriennale beim Holland Festival in Amsterdam! Die 5 ausverkauften Vorstellungen wurden mit stürmischem Applaus und Standing Ovations vom niederländischen Publikum gefeiert.

Auch die Presse resümierte: Eine Kirche der Angst ist ohne Zweifel ein gewaltiges, eindrucksvolles, authentisches „Total-Theater“. (Volkskrant)

Gezeigt wurde die Produktion der Ruhrtriennale 2008 in Amsterdam in der 1885 erbauten Westergasfabriek Zuiveringshal, einer Industriehalle, die nicht nur wie geschaffen für das szenische Konzept von Christoph Schlingensief und seinem Team ist, sondern auch die außergewöhnliche Atmosphäre der Duisburger Uraufführung heraufbeschwor.

Mit dem Gastspiel beim renommierten Holland Festival konnte die Ruhrtriennale als „Botschafterin“ erneut das kreative Potential der Region über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus repräsentieren.

Das Holland Festival 2009 findet noch bis zum 28.Juni statt. Weiter Informationen unter: www.hollandfestival.nl


Männertristesse mit leiser Hoffnung im Ruhrgebiet

2. März 2009

Am Tag des Pokalspiels gegen Borussia Mönchengladbach steht Georg Brandner, der Trainer vom FC Schalke 04, unter Druck. Ohne Sieg wird seine Stellung im Verein immer unsicherer. Schon jetzt hat er das Gefühl, der Vorstand steht nicht mehr hinter ihm.

Wer jetzt überlegt, wann denn dieser Brandner Trainer in Schalke gewesen ist, sollte nicht in seinem Fußballgedächtnis kramen, sondern sich an die Filme junger Regisseure  erinnern. Dann wird er vielleicht wissen, 2007 war Brandner der Schalke-Trainer – in „Autopiloten„, dem Debutfilm von Bastian Günther. Mit dem Film beginnt die „Renaissance Medien“ die DVD-Reihe  „Neue Deutsche Filme„,  in der ab diesem Monat regelmäßig die Werke junger deutscher Regisseure herausgegeben werden.

In „Autopiloten“ ist der von Walter Kreye gespielte Georg Brandner einer von vier Männern im mittleren Ruhrgebiet, von denen Bastian Günther in seinem Film erzählt, deren Leben sich zwar kaum berühren, die aber eins gemeinsam haben, wirklich gut geht es ihnen an dem einen Tag ihres geschilderten Lebens nicht. Bastian Günther verzichtet in „Autopiloten“ auf einen starken Plot, vielmehr wirkt es sehr alltagsnah, undramatisch und dokumentarisch, wie er die einzelnen Geschichten um die vier Männer miteinander verwebt. Deshalb aber auch hat der Film manchmal Längen, wenn man verstanden hat, wo die Männer in ihrem Leben stehen.

Die zwei älteren Männer, Brandner und ein von Manfred Zapatka gespielter ehemals erfolgreicher Schlagersänger, haben die beste Zeit ihres Lebens hinter sich und versuchen mit mürrischem Standhalten oder Selbstbetrug sich mit den neuen Gegebenheiten in ihrem Leben zurechtzufinden. Die Leben der beiden Männer mittleren Alters, ein von Wolfram Koch gespielter, frei arbeitender Videoreporter und ein von Charly Hübner gespielter Vertreter für Badewannenlifte wirken glück- und zuweilen sogar trostlos. Diese Trostlosigkeit durchzieht den ganzen Film. Dennoch hat er vor allem wegen des kämpferischen Naturells des Videoreporters nicht durchweg die Schwere, die man nun vermuten könnte. Als einziger der vier Männer übernimmt er wider allen ersten Anscheins Verantwortung in der Beziehung, die wirklich wichtig in seinem Leben ist, die zu seinem Sohn. Auch wenn sich alle vier Männer in unterschiedlicher Weise an den Wahrheiten ihres Lebens vorbeimogeln wollen, ist er derjenige, der trotz seines wenig erfolgreichen Lebens am ehesten bei sich ist und diese fortwährende Suche nach Sinn und Glück im Spannungsfeld zwischen Beruf und Privatheit am ehrlichsten bestreitet.

Bei den vier Figuren gelingt die Verbindung von differenzierter Ausgestaltung der Psyche und Blick auf die Lebenumstände nicht gleich gut. Vor allem die Szenen um den Profifußball als Brandners beruflichem Hintergrund wirken sehr holzschnittartig. Das liegt daran, dass die Figur Brandners im Gegensatz zu den anderen drei Figuren wenig erzählerischen Raum in ihren privaten Momenten erhält. So treten die Schwierigkeiten des Berufs in den Vordergrund und diese sind nun in der Kürze der Erzählung eher klischeeartige Versatzstücke aus dem Unterhaltungsgewerbe Fußball.

„Autopiloten“ wirkt aber nicht nur durch die Figurengeschichten. Bastian Günther greift zudem mit seinen Bildern stimmig Atmosphärisches des Ruhrgebiets auf. Dieses Atmosphärische – auch in den Figurengeschichten selbst – zeichnet den Film aus. Als Grundmotiv wirken dabei die die Region durchschneidenden Autobahnen und deren immer rauschender Verkehr. Ein Bild auch für den berührungslosen Alltag der Menschen, der einfach abläuft und dahin geht. „Autopiloten“ ist nach meinem Geschmack etwas zu lang geraten und mir manchmal in seiner Tristesse etwas zu aufdringlich. Dennoch ist Bastian Günthers Debut alles in allem gut gelungen und es lohnt, den Film anzusehen.

Autopiloten.
Regie: Bastian Günther
Darsteller: Walter Kreye, Manfred Zapatka, Charly Hübner, Wolfram Koch
DVD ab € 14,99


Renan Demirkan und Gerhardt Haag im Kölner „Theater im Bauturm“

13. Januar 2009

Seit Januar 2005 steht „Love Letters“ von A.R. Gurney im Kölner „Theater im Bauturm“ immer wieder auf dem Programm. In der Inszenierung von Martin Jürgens spielen Renan Demirkan und Gerhardt Haag ein Paar, das sich seit Kindertagen kennt, mag und die Chance auf die gemeinsame Wirklichkeit ihrer großen Gefühle fast ein ganzes Leben verpasst. Am 31. Januar gibt es die nächste Vorstellung des Repertoire-Stücks.

Als ich Ende Dezember das Stück gesehen habe, wurde es für mich vor allem durch Renan Demirkan zu einem besonderen Theaterereignis, auch oder gerade weil im Verlauf des Abends die Handlung des Stücks für mich immer mehr in den Hintergrund rückte. Das Stück selbst legt das in gewisser Weise an, konzentriert sich der Blick durch die Briefform des verfassten Textes und der sich daraus ergebenden monologisierenden Spielweise doch in einem steten Wechsel auf die beiden Schauspieler. So entsteht ein Nacheinander der Emotionen und das Spiel zwischen beiden ist immer ein Spiel, das die Abwesenheit des anderen bei gleichzeitiger geistiger Hinwendung zeigen muss. Die Figuren werden so aus dem zeitlichen Kontinuum immer ein wenig herausgeholt und ihre Entwicklung erlebt man in Stufen als Zustände.

Auch Gerhardt Haag spielt seine im Stück blasser angelegte Rolle auf beeindruckende Weise von der konventionellen Lebensbahn mit deren ritualisierten Umgangsformen bis zum späteren emotionalen Ausbruch. Renan Demirkans Rolle bietet dagegen ein umfangreicheres Spektrum an spielbaren Gefühlen. Und je länger die Vorstellung dauerte, desto mehr wurde das Stück in meiner Wahrnehmung zu reinem Spielmaterial, das sich Renan Demirkan für ihre Schauspielkunst zunutze macht. Mein Sehen glich immer mehr dem eines Konzertbesuchers, der Musik ja auch zunächst als direkten Ausdruck von Kunst erlebt und wenn überhaupt erst später als Mittel für eine Aussage über die Welt. Renan Demirkans Spiel wurde zu dieser reinen Kunst für mich, und noch einmal: das schmälert keinesfalls die schauspielerische Leistung Gerhardt Haags. Ihre Präsenz, ihre Ausgestaltung dieser schillernden Frauenfigur mit deren Glück und Trauer, mit deren kindlicher Naivität und deren späterer Bitterkeit der vom Leben enttäuschten Frau, in der immer noch die alte Verletzlichkeit spürbar ist, das alles beeindruckte und ließ in dem kleinen Theaterraum mit seiner intensiven Nähe zur Bühne jede andere Welt vergessen.

Die Vorstellung am 31. Januar wird nicht die letzte sein, und wer sich von Kunst berühren lassen möchte, sehe sich Renan Demirkan im „Theater im Bauturm“ an.


Rainald Grebe – Nachtrag

19. Dezember 2008

Manchmal entwickeln sich selbst kurze Texte wie der zum Konzert von Rainald Grebe und der Kapelle der Versöhnung in eine Richtung, die bei mir im Nachhinein eine leise Unzufriedenheit hinterlässt. Das Grebe-Programm ist thematisch vielfältiger als es dort den Anschein hat. In den Texten und Liedern geht es immer wieder auch direkt um politische Fragen oder um soziale und kulturelle Entwicklungen, zu denen wir uns verhalten müsssen. Grebes Unnachgiebigkeit gegenüber bequemen Gefühlslagen hat aber natürlich deshalb meine besondere Aufmerksamkeit, weil er bei mir da in Eingänge rennt, die nicht mal mehr Türen haben. Weil ich gerade in jenen Milieus, die sich von links der Mitte unserer Gesellschaft angenähert haben, immer wieder einer grundsätzlichen Selbstzufriedenheit begegne. Man hat sich früher für die richtige Seite entschieden und steht dort kraft dieser einstigen Entscheidung heute immer noch. Oft ist aber das, was als politische Haltung angesehen wird, nichts anderes als eine ästhetisch motivierte Distanzierung gegenüber jenen, die es ihrer Meinung nach einfach nicht drauf haben. Und deshalb begeistern mich besonders Grebe-Sätze wie „Wir wollten nie wie unsere Eltern werden und sind es ja auch nicht geworden./Unsere Eltern sind ja älter und ziemlich provinziell./Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen tuen die doch in den Müll.“


Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung

17. Dezember 2008

Letzten Donnerstag in Düsseldorf im Zakk: Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung mit dem Programm „68″. Sehr gelungener Abend mit der Mischung aus Konzert und satirischem Zwischentext.  Seit ein Freund mir im Frühjahr den Link zu „Single in Berlin“ geschickt hatte und ich danach für kurze Zeit der Grebe-Sucht verfiel, war klar, beim nächst möglichen Konzert sind wir dabei. Für alle, die „Single in Berlin“ nicht kennen, und weil Rainald Grebe auf seiner Seite selbst einen Link zu youtube gesetzt hat, gibt es hier auch den direkten Weg, um dort einen Eindruck von den drei Musikern zu bekommen. Live ist aber besser!

„68″ ist übrigens keineswegs zentrales Thema dieses Abends. Zwar steht am Anfang des Programms ein programmatisches Lied über die 68er, in dem Grebe die seit Jahren zu hörenden Schuldzuweisungen dieser Generation gegenüber satirisch verdichtet, doch im Verlauf des Programms nutzt Grebe 1968 eher als atmosphärische Kulisse, um sich an Momenten der Gegenwart zu reiben – vornehmlich an Lebensweisen von 30-40jährigen. Allerdings weist die Wirklichkeit, die in den Grebe-Texten aufscheint, über diese Generation hinaus. Sein altersgemischtes Publikum zeugt davon. Arbeitet sich Grebe doch am selbstzufriedenen Leben aller ab, die sich mit der Entscheidung für einen vorgeblich „bewussten“ Lebensstil auch politisch immer auf der richtigen Seite wähnen. Und das ist weniger ein Generationen- denn ein Milieuphänomen. Grebe kennt diese Milieus genau und hat ein Gespür für charakteristische Momente und Szenen dieser gegenwärtigen „Bionade-Biedermeier“-Wirklichkeiten. Mittels pointierter Figurensprache in seinen Texten stehen die Menschen dieser Wirklichkeiten für Augenblicke auf der Bühne. Nach so einem Lied redet Grebe einige Zeit, schimpft auf den Schlagzeuger und dessen spießiges Leben, lobt dagegen den Gitarristen mit seinen vielen Frauen als wahren Rocker und spielt mit gängigen Meinungen und Klischees zu erfülltem Leben. Grebe macht mit seiner Mischung aus Konzert und Rede gegen das Milieu, für das er spielt, tatsächlich zeitgemäßes Kabarett.


„Tatort“ am Sonntag: „Waffenschwestern“

15. Dezember 2008

Ach, ja, die Frauen! Heutzutage können Frauen nicht nur Kanzlerin und fahren mir  im Kölner Stadtverkehr drängelnd fast in den Kofferraum, wenn ich mal nur  zehn statt dreißig Stundenkilometer zu schnell fahre. Nein, die Frauen der Gegenwart können noch sehr viel mehr, wie ich gestern Abend im „Tatort“ erfuhr. Diese Frauen machen auch derbe Späße, wenn sie in Frauenrunden sind. Sie trinken Schnaps und haben richtig Spaß an Waffen. Und weil es  ein „Tatort“ war, schrecken diese Frauen der Gegenwart zudem weder vor kaltblütigem Todesschuss noch vor lustvoller Gewaltorgie zurück.

Warum nun fallen mir zu dem TV-Krimi „Waffenschwestern“ vor allem Notizen zum Frauenbild der Gegenwart ein? Die Antwort ist einfach, ohne interessante Geschichte wurde der „Tatort“ zum Zeugnis einer oberflächlichen Identitätsbestimmung – der Frau im Allgemeinen und der Hauptfigur, der Kommissarin Charlotte Sänger, im Besonderen. Mir scheint, die Produktionsbeteiligten waren von keiner Geschichte beeindruckt sondern von einer vielleicht aus der Not heraus geborenen Idee. Irgendwann stand fest, Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf bekommt man für den nächsten „Tatort“ des HR nicht zum gemeinsamen Drehtermin zusammen. Macht man also jeweils eine Solo-Folge mit den Schauspielern. Freiraum gab es nun für die ganz anderen Geschichten. Die beiden Hauptfiguren erhielten erzählerischen Raum. Endlich mal Platz, um Andrea Sawatzkis Charlotte Sänger noch mehr Tiefe zu geben, die depressive Anlage der Figur noch mehr auszuloten. Und warum nicht mit der Frauensolorolle auch vom neuen  Handeln der Frauen von heute erzählen? So was kann doch drin sein.

Denn „Thema besetzen“ fällt mir unweigerlich auch noch ein, wenn ich an den gestrigen Tatort denke. Nicht Geschichte erzählen, Figuren entwickeln, nein, Thema besetzen. Ich höre sie geradezu, die überzeugenden Argumente während der Redaktionsbesprechungen. Ohne psychologische Erklärung zeigen wir dann Frauen, die töten. Die sind einfach so, das braucht keine Erklärung. Das ist doch was ganz Neues auf dem Sendeplatz. Und wisst ihr was? Da stolpert man dann drüber. Immer noch. Da steckt doch das ganze Geschlechterverhältnis drin in dem Stoff. Wenn wir die mitfühlende und an der Welt leidende Charlotte Sänger mit Frauengewalt konfrontieren, da haben wir doch eine spannende Geschichte, oder?

Als es dann aber daran ging, die Geschichte wirklich zu erzählen, hatte man ein Problem. Die geschäftsmäßig tötenden Frauen eignen sich nämlich als statische Figuren zu spannenden Geschichten genauso wenig wie geschäftsmäßig tötende Männer. Da muss was hinzukommen, ganz klar. Nur was? Und da war dann doch die Psychologie jene Antwort, die am nächsten liegt. So handelt die eigentliche Geschichte dieses „Tatorts“ nicht von geschäftsmäßig mordenden Frauen sondern von einer Frau voller Schuldgefühle auf dem Weg in den Untergang. Eine klassische Frauengeschichte und damit eine vergebene Chance. All das Unverbrauchte und vermeintlich Neue, das wirklich Interessante an dem Stoff blieb reine Staffage. Hinzu kam eine Prise Exotik des Alltags: Den mordenden Frauen wurde nämlich eine Art schöngeistige Waffenliebe mit auf den Weg gegeben. Sie spielten historische Duelle nach. Und zuguterletzt verzichtete man auch nicht auf bekannte Klischees von Frauenrunden, die es ganz schön krachen lassen, wenn sie unter sich sind.

Ganz frei ist man also nicht in der Verwendung von geschäftsmäßiger Frauengewalt. Denn wenn man schon das eher realitätsferne Motiv einer mordenden Frauengang aufgreift, müsste man sich mit den Genrevorgaben von brutaler Männergewalt beschäftigen und daraus etwas Eigenes mit Frauenfiguren entwickeln.  Das ist die Action-Filmvariante des Stoffes. Oder aber man nimmt das Motiv der mordenden Frauen ernst und sucht die Verbindung zur gesellschaftlichen Realität. Dazu blieben die Täterinnen als wirkliche Menschen in dieser Gesellschaft zu blass. Was man nämlich von Sängers  Widerpart auf Täterinnenseite mitbekam, hatte viel mit bekannter Frauenwirklichkeit zu tun und wenig mit einer taffen Waffenschwesternwelt, die sich notwendiger Weise aus den gegenwärtigen Verhältnissen ergeben hat.

Solange aber Frauen nur innerstädtisch drängeln und auf den Autobahnen das Dränglertum noch Männersache ist, besitzen die interessanten Geschichten voller Frauengewalt immer auch eine Ebene, die die Identitätsfrage berührt. Solch eine Geschichte ist aber niemandem eingefallen.


Reingehen! Willkommen bei den Sch´tis

8. Dezember 2008

Manchmal lässt sich die Qualität eines Films auch mit dem samstäglichen Familienleben nach dem Kinobesuch beschreiben. Da besteht dann die Unterhaltung beim Mittagessen aus Dialogfetzen vom Vorabend, unterbrochen von allgemeinem Lachen. Oder ich sitze vor dem PC und lächel´ still vergnügt vor mich hin, weil ich mich plötzlich an eine Szene erinnere. Oder es genügt ein Stichwort vom dreizehnjährigen Sohn, bei dem wir uns erst angrinsen, erneut ins Erzählen kommen  – „Und auch wie Antoine …“  – und  wieder anfangen zu lachen. Kurzum, „Willkommen bei den Sch´tis“ ist eine sehr gelungene Komödie.

Mancheiner war vielleicht gerade wegen der Vorberichterstattung skeptisch. Über 20 Millionen Zuschauer hatten den Film in Frankreich sich angesehen. Ein Erfolg, der im dortigen Feuilleton Fragen zum französischen Selbstverständniss aufwarf und Diskussionen über das zentralistische Frankreich und die kulturelle Substanz seiner Regionen in Gang brachte.  Jemand, der diese Vorberichte aufmerksam las, wird sich möglicherweise gefragt haben, wie soll die Komik dieser Komödie in Deutschland funktionieren? Zu einem großen Teil beruht diese Komik nämlich auf Sprache, auf der Begegnung zwischen dem Hochfranzösischen und dem regionalen Dialekt im Norden Frankreichs, und der andere Teil der Komik bezieht sich auf Frankreichs Vorurteile über seine Regionen.

Vor allem zwei Gründe gibt es dafür, dass auch deutsche Zuschauer sehr viel zu Lachen bekommen. Die Synchronisation hat für die Schwierigkeit, den regionalen Dialekt zu übersetzen eine überzeugende Lösung gefunden, und der erzählte Grundkonflikt der Hauptfigur findet sich bei Menschen in allen Nationen dieser Welt wieder. Jemand muss die eigene als normal empfundene Welt verlassen und in der als düster und unwirtlich erwarteten Fremde mit all ihren merkwürdigen Regeln wieder heimisch werden. In diesem Fall wird ein leitender Postbeamter aus dem warmen Süden strafversetzt in den Norden Frankreichs und tritt seine Reise in die vom Vorurteil als arktisch kalt beschriebene Gegend an. Am Ende wird er gelernt haben, dass die in der Region lebenden Menschen entscheidend für das persönliche Glück sind. Vorher aber geht es um gegensätzliche Lebensentwürfe, um Hochkultur gegen Randkultur, um Zivilisation gegen Barbarentum. Denn für die meisten Franzosen sind es so eine Art urtümliche Barbaren, die im Département Pas de Calais leben.

Die Synchronisation des Dialekts war für Regie, Übersetzung und Sprecher sicher eine  Herausforderung. Womöglich hat sich das Team die Inspiration für die Arbeit ja aus einem Asterix-Band geholt. Man hat jedenfalls eine gute Vorstellung von der „deutschen“ Sprechweise der Nordfranzosen, wenn man sich an die Averner in „Asterix und der Avernerschild“ erinnert. Auch sie haben das „s“ als „sch“ gesprochen – mit allerlei Missverständnissen bei den dann  doppeldeutig werdenden Wörtern.  In „Willkommen bei den Sch´tis“ wird der nordfranzösische Dialekt auf dieselbe Weise in eine Art Kunstdialekt des Deutschen übertragen. Dabei sind einige schöne Wortspiele und Missverständnisse in wahrscheinlich recht freier Übersetzung gefunden worden, um den Geist der französischen Komödie auch im Deutschen lebendig zu halten.

Muss ich betonen, dass ich mich mit Verwechslungskomödien aus jedem noch so tiefen Stimmungsloch herausholen kann? Vielleicht um meine Begeisterung richtig einordnen zu können. Denn Missverständnisse sind nichts anderes als reine Sprache gewordene Szenen einer Verwechslungskomödie. Also, reingehen, und ich denke gerade noch einmal an die wunderbare Variation über das Wort Bus zwischen Antoine, dem nordfranzösichen Briefträger, und seinem südfranzösischen Vorgesetzten in folgender Art:  – Busch? – Bus?!  – Sage ich doch, Busch! Man staunt, wie lange so ein Gespräch tatsächlich komisch sein kann.


RuhrTriennale – Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

4. Oktober 2008

Und wieder stellen sich die alten Fragen. Was soll diese Kunst bewirken? Heute hoffe ich, das Verstehen. Das Leid verstehen. Schaut euch „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ an und ihr werdet ergriffen. So ist das, wenn das Leid Alltag wird, aber so ist das auch, wenn dieses Unaussprechliche eine Form findet. Seht ihr das? Spürt ihr das? Das soll diese Kunst bewirken. Denn es war große Kunst! Und das war berührend.

Das wusste ich alles nicht, als ich die Karten bestellte. Ich wusste nicht, dass es darum gehen sollte. Um Christoph Schlingensiefs Leiden am Krebs. Um seine Versuche zu bewältigen. So zentral. Um das Entsetzen, um die Angst, um die Trauer, um die Empörung. „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. So nah war das der eigenen bewältigten Trauer, so nah war das der eigenen Angst. So nah. Und als ich es ahnte beim Überfliegen seiner Worte im SZ-Magazins an dem Freitag eine Woche zuvor, wurde mir mulmig.

Muss man das wissen, wenn ich schreibe? Um zu verstehen! Ja! Das ist alles, worum es geht bei jeder Bearbeitung von Leid. Ist das nicht die romantische Vorstellung von Kritik? Das Kunstwerk sich nachvollziehend aneignen und dabei zur Beschreibung eine eigene, neue Ausdrucksform finden? Also taste ich mich an das Werk von Christoph Schlingensief heran. Seht her, sagt er, das bin ich. Ich bin mein Mittel zur Kunst. Seht her, sage ich, ich komme mit Ängsten, wenn ich beschreibe und werte. Denn ich will das nicht wieder spüren, diese Angst von damals. Ich will sie nicht mehr. Das ist zwölf Jahre her. Ich habe überlebt. Ich hatte günstigere Prognosen als Christoph Schlingensief. Auf mein empfundenes Leid hatte das wenig Einfluss. Auf die Verarbeitung schon. Am Freitag vor einer Woche habe ich von Christoph Schlingensief etwas anderes in seinen Text-Montagen gehört. Nur die Angst machte ihn lebendig.  Ich hörte das, und ich wollte ihn trösten. Aber vielleicht erinnere ich das auch falsch.

Im Januar erfuhr Christoph Schlingensief von seinem Lungenkrebs, und einige der Momente aus der seitdem vergangenen Zeit macht er zum Material, um den Abend zu gestalten. Er schuf eine Montage aus allen Kunstformen. Filmausschnitte wurden ebenso eingespielt wie Interview-O-Töne. Kurze Schauspielszenen reihten sich an arienhaften Gesang und die O-Töne wurden wiederum von Schauspielerinnen erneut rezitiert. Schließlich wandelt sich der schon zu Beginn als Kirchenschiff wahrnehmbare Raum endgültig auch im Bühnenbereich zur Kirche. Eine Messe nahm Formen an. Fürbitten wurden parodiert und Christoph Schlingensief selbst agierte als Priester, der die Wandlung vornahm. War da Rettung zu finden? Nach einer Woche erinner ich fast nur noch die Gefühle. Und die wurden von da an tatsächlich aufgehoben in der Form der Feier. Trotz der Parodie entfaltete die Liturgie ihre Kraft. Als Kind der 60er bin ich noch den sonntäglichen Kirchgang gewöhnt, nicht ganz so regelmäßig wie es Schlingensief erlebte und vor allen Dingen anscheinend weniger mächtig für die Ausrichtung meines Denkens. Und dennoch entfaltet diese Zeremonie ihre Kraft und lindert die empfundene Schwere des Anfangs. Es gibt keine Hoffnung, aber es gibt ein wenig Erleichterung.

Leiden ist sprachlos und macht sprachlos. Jedes Wort über Leid rückt es gleichzeitig in die Ferne. Christoph Schlingensief hat das Leiden dennoch kommuniziert. Indem er sein Innerstes entblößte, hat er seiner Kunst das Material gegeben, um zu wirken. Er hat dem Kunsterlebnis Leid nicht seinen Stachel genommen. Denn die große Chance des Künstlers ist gleichzeitig seine Krux. Die Ästhetisierung von Erfahrungen verleiht diesen Erfahrungen eine Wahrhaftigkeit zweiter Ordnung. Zwar wird Leid so überhaupt erst vermittelbar, aber gleichzeitig wird das Leid dadurch auch harmloser – goutierbar. Christoph Schlingensief ist es gelungen, dieser Harmlosigkeit zu entgehen.

Der Abend beginnt mit einem verfremdeten Filmausschnitt. Verzweifelt fleht Christoph Schlingensief im Krankenbett, er wolle nicht mehr berührt werden. Aber es ist eben nicht die realistische Abbildung seines Leides. Er zielt nicht auf rationales Verstehen, wissend, dass das niemals eine Möglichkeit ist den anderen mit der eigenen Wahrhaftigkeit zu erreichen und ein Mitleiden zu ermöglichen. Dazu benötigen wir Effekte und Umwege der Gestaltung. Nur so wird diese Erfahung nachfühlbar. Und in der Gemeinschaft des Verstehens ermöglicht es das Aufgehobensein. Nur das Aufgehobensein in der Begegnung schafft einen Sinn, den die Kirche Christoph Schlingensief nicht mehr geben kann. Noch nicht? Er feiert eine eigene Messe und macht sein Leiden zur großen Kunst.


RuhrTriennale – Meshell Ndegeocello & Allen Toussaint

22. September 2008

Von Beginn an gehörte zur RuhrTriennale die Konzertreihe „Century of Song“. Wechselnde Kuratoren präsentieren in diesem Rahmen über die Jahre Künstler, die aus ihrer Sicht für den „Popular Song“ wichtig waren oder sind. Große Namen waren dabei, doch immer wieder gab es auch in Deutschland eher unbekannte Künstler zu sehen. Am letzten Wochenende nun brachte der diesjährige Kurator Joe Henry die Sängerin und Bassistin Meshell Ndegeocello und den erst in den letzten Jahren häufiger als Interpret eigener Songs auftretenden Allen Toussaint für ein Konzert in der Essener Lichtburg zusammen. Samstag war ich in Essen, und auch wenn Toussaint als Pianist, Songwriter und Produzent vor allem unter Musikern legendär ist, für mich war Meshell Ndegecello an dem Abend der eigentliche Star. Ich hatte noch nichts von ihr gehört und schon nach wenigen Minuten war erkennbar, hier offenbart sich jemand ganz im Vertrauen auf die Kraft von und den Schutz durch künstlerische Wahrheit. Mit ihrem Auftritt gewährte Ndegeocello den Blick in ihr Innerstes. Und damit meine ich nicht die Verwandlung von Biografie in Text oder Musik. Es geht nicht um Nabelschau. Vielmehr geht es um um das Erkennen von etwas Verletzlichem, das den Kern ihrer künstlerischen Wahrheit ausmacht.

Ihre Stücke waren von sehr unterschiedlichen Stilen geprägt. Lyrisch wirkende Songs wechselten ab mit Liedern, die von funkigen Bassläufen dominiert wurden. Manchmal war es mehr soulig, manchmal hörte man die Jazzwurzeln. Ihre dunkle Stimme macht Trauer und lautes Glück ebenso spürbar wie die leisen Momente von Melancholie und stiller Freude. Da steckt in dem einen Song das Weinen und kurze Zeit später scheint der Saal vom Jauchzen erfüllt. Es war ein großartiger Abend. Und dass ich hier nicht mehr über Allen Toussaint schreibe, heißt nicht, dass dieser Teil des Konzerts schlecht gewesen ist. Auch Toussaint brachte ein breit angelegtes Spektrum seiner Songs zur Vorstellung. Ihn hat das Publikum gefeiert. Außerdem erwies er sich als charmanter Botschafter des Mardi Gras, des Karnevals in New Orleans, als er einige Masken dem Publikum als Präsente überreichte. Doch neben meiner Begeisterung für Ndegeocello blieb nicht mehr viel Raum für die Songs des weiteren Abends.