Ein Autorendebut und die Aufmerksamkeit von jungen Leuten

20. März 2009

Manchmal führen Messegespräche wie dieses Mal in Leipzig schnell zu einem Grundproblem der Verlagsarbeit. Zum Beispiel dann, wenn das Stichwort Blog fällt und die vornehmliche Zielgruppe für das erste Buch des jungen Autors in großen Teilen meinungsbildend in der Blogosphäre vermutet wird. Wie zieht man  die Aufmerksamkeit von Lesern, vor allem von jenen zwischen 20 und 30, auf  einen Autor wie Thomas Klupp mit seinem Debutroman „Paradiso“, der noch nicht aus anderen Medienzusammenhängen bekannt ist? Denn das ist länger schon deutlich geworden, multimediale Präsenz, am besten noch als Teil der populäreren Kultur, steht jedem jungen zeitgenössischen Autoren inzwischen gut zu Gesicht. Zeit für Aufmerksamkeit gibt es eben nicht endlos.

Selbst die schon vorhandenen lobenden Feuilletonartikel wie etwa in der SZ oder in FAZ und taz heben da zwar die Laune im Verlag, bieten aber keine Lösung für das grundsätzliche Problem, Meinungsmachen bei jungen Leuten. Man weiß es einfach nicht, ob diese Leser, die nicht das etablierte Printmedium nutzen, stattdessen wenigstens das Internetangebot aus dem Zeitungshaus anklicken. So hörte ich zu, fand, was ich über das Buch vernahm, interessant und bin heute dazu bereit, meinen Teil im bevorzugten Medium der Zielgruppe beizutragen, die Aufmerksamkeit auf Thomas Klupp zu lenken. Und nicht dass jemand glaubt, hier versuche sich ein Verlag im Guerillamarketing. Urteile fälle ich auf dieser Seite honorarlos und unabhängig.

Also: „Paradiso“ und Auftritt des Ich-Erzählers Alex Böhm. Der Mittzwanziger, Student an der Filmhochschule Potsdam, steht auf einem Rastplatz in der Nähe der Stadt, möchte Richtung München zur Freundin von jemandem mitgenommen werden und gleichzeitig auf keinen Fall so aussehen, als wolle er trampen. Von Anfang an lässt der 1977 geborene Thomas Klupp das erzählerische Potential seiner Figur erkennen. Alex Böhm möchte cool sein, weiß um die Oberflächenwirkung beim öffentlichen Auftreten und durchlebt, wie die meisten Menschen seines Alters, öfter Situationen, die seine Coolness bedrohen.

Dagegen weiß er Rezepte: Ironie, Sarkasmus und Lügen, notfalls Flucht und egal, was er auch macht, auf keinen Fall grübeln und ein schlechtes Gewissen behalten. Dann schon besser,  sich ironisch von diesen unangenehmeren Gefühlen distanzieren. Böhm sucht einen einfachen Weg durchs Leben.  Geradlinig muss der nicht sein und schon gar nicht idealistisch motiviert, geschweige denn moralisch integer.

Die Freundin in München wartet, weil der Flug in den gemeinsamen Urlaub ansteht. Doch die Fahrt nimmt einen Umweg in die Provinz der nördlichen Oberpfalz, in das Heimatdorf Böhms und die Begegnung mit der Vergangenheit macht deutlich, so sicher ist das nicht mit dieser Freundin. Böhm weiß zwar, wie gelungenes Miteinander aussehen soll, doch zeigt sich auch, die Vorstellung davon passt in jeder Hinsicht bequemer in sein Leben als die Anstrengungen wirklicher Begegnungen. Nicht nur mit Frauen geht Böhm das so.

Thomas Klupp kombiniert kongenial die Motive von Coming-of-age-Geschichten mit denen des Road-Movies. Wendungsreich und unterhaltsam erzählt wird daraus mehr als eine spaßige Nabelschau, weil Alex Böhms Blick auf sich und seine Mitmenschen immer auch subtil von sozialem Geschehen eingefärbt ist. Sein Leben ist in dieser Gegenwart verortet, und die großen Probleme sind in Böhms Augen als unlösbar präsent. So zieht das Politische in die Konstruktion der Geschichte ein. Denn Böhms Haltung benötigt materielle Sorglosigkeit, die ihm sein Elternhaus bietet. Es ist die Reihenhauswirklichkeit in der Oberpfalz, der Böhm durch seine zynische Lebenshaltung entfliehen will – ohne gewichtiges Ziel, aber mit einigem Wissen über das Funktionieren dieser Welt und seiner selbst.

Je länger die Reise voranschreitet, desto witziger und komischer wird das, was Thomas Klupp seinem Ich-Erzähler in den Mund legt. Immer öfter nutzt er die Fallhöhe zwischen dem sozial akzeptierten oder, wenn es um Beziehungen zu Frauen geht, von diesen Frauen erwünschten Verhalten Böhmes und dessen wirklichen Gefühlen und Motiven. Grundlage der Beziehungskomik sind zwar die klassischen Comedy-Unterschiede zwischen Männern und Frauen, doch Thomas Klupp variiert das mit sehr originellen Ideen und gerät mit dem so differenziert gestalteten Ich-Erzähler nie in Klischee-Gefahr. Man stelle sich nur einmal das romantische Potential der Scherben zerschlagener Bierflaschen im Mondlicht vor. Eine Frau erkennt das zu Alex Böhms Entsetzen.

Der Verlag versucht einiges, das junge Zielpublikum zu erreichen. Mit einem Preisausschreiben bewegt man sich in alten Bahnen, die als „Making of“ konzipierte Seite im Netz wirkt da schon ungewöhnlicher und interessanter. Für den weiteren Erfolg von Thomas Klupp kann man dem Verlag bei diesen Versuchen nur viel Resonanz wünschen.

Thomas Klupp: Paradiso. Berlin Verlag, Berlin 2009. 200 Seiten. 18,00 €


Der Blick hinter eine Kulisse des Journalismus – Teil 3 WAZ-Spezial

9. März 2009

Wenn ich jetzt immer wieder über die Pläne des WAZ-Konzerns für dessen Zeitungsredaktionen im Ruhrgebiet lese, stellt sich fast augenblicklich die Erinnerung an meine erste Lektion „Unternehmerisches Kalkül im Journalismus“ ein, die ich Anfang der 90er Jahre während eines Praktikums in einer der Lokalredaktionen der WAZ erhalten habe. Lange vor dem öffentlichen Debattieren über eine „Generation Praktikum“ staunte ich damals über die Selbstverständlichkeit, mit der in dieser Lokalredaktion die Arbeit eines Redakteurs von einem freien Mitarbeiter übernommen wurde. Von einem freien Mitarbeiter wohlgemerkt, der sich mit dieser journalistischen Arbeit, nämlich der Produktion einer zweimal wöchentlich erscheinenden Seite des Lokalteils, erst die Chance auf die Ausbildung, das Volontariat, sichern wollte. Er wurde also durch die Übernahme dieser Arbeit über mehr als zwölf Monate hin genau der Journalist, zu dem er während des Konzernvolontariats erst ausgebildet werden sollte. Das nenne ich noch immer effiziente Lohnkostenminimierung. Ich habe den Weg dieses Journalisten nicht weiter verfolgt, aber inzwischen ist vielleicht auch er in Sorge um die Zukunft seines Lokalteils der WAZ. Die Kollegen vor Ort dokumentieren die Auseinandersetzung um die Zukunft der WAZ im Ruhrgebiet zum Teil sehr ausführlich. Wer sich für diesen Blick hinter die Kulissen des Tageszeitungsjournalismus interessiert, lese vor allem die ausführlichen Artikel im Pottblog und immer wieder auch bei den Ruhrbaronen.


Der Blick hinter eine Kulisse des Journalismus

8. Dezember 2008

Eigentlich hatte ich einen Blick hinter die Kulissen des freien Journalismus gewähren wollen, nachdem ich letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung gelesen hatte, das Handelsblatt stelle die Wochenendbeilage „Weekend-Journal“ ein. „Betroffen sei ein fester Mitarbeiter sowie eine ganze Anzahl freier Journalisten“. Die Nachricht weckte nämlich Erinnerungen, war ich doch von Anfang 1992 bis  2005 auch einer jener freien Journalisten, die für  diese Wochenendbeilage schrieben. Nun verschiebe ich das auf später und verweise für den Blick hinter eine zwar etwas andere Kulisse des Journalismus auf Stefan Niggemeiers Blog, wo ich die vielen Kommentare  zum journalistischen Berufsalltag inzwischen beachtenswerter finde als seinen Hinweis auf den gelöschten Artikel beim Medienbranchenfachblatt „Horizont“.


Zum Umgang dieser Gesellschaft mit Leid

26. November 2008

Ein wenig am Blog herum basteln und ein Theme finden, das eine offensichtlichere Seitennavigation möglich macht. Vor allem weil ich mit „Leid lässt sich nicht immer weglachen“ einen meiner Texte ins Netz stellen möchte. Dieser zeitlose Text thematisiert den Umgang dieser Gesellschaft mit Leid und der sie verursachenden Krankheit. Seine erste Fassung erschien in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 19./20. August 2000. Die Resonanz war groß, und ich erhielt die Einladung zu einem Vortrag an der Medizinischen Fakultät der Kölner Universität. Für diesen Vortrag im selben Jahr habe ich den Text erweitert. Vier Jahre später kam es zur letzten und endgültigen Überarbeitung, deren sehr gekürzte Fassung in der Stuttgarter Zeitung am 15. Januar 2005 erschien.


Wie im Jugendzentrum Zitrone ein Heine-Gedicht neu erfunden wurde

19. November 2008

An einem Tag wie heute, an dem die Zeitungen voll sind von Berichten zur neuesten Pisa-Studie, merke ich, wieviel mir zum Thema Bildung durch den Kopf geht, wenn ich etwas aus dem Duisburger Jugendzentrum Zitrone erzählen möchte und von meiner Arbeit mit Kinder und Jugendlichen an der „Zitronenpresse“, einer Zeitung von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche. Ging es bei dem Zeitungsprojekt in Obermarxloh doch von Anfang an nicht nur darum, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich weiter mit grundlegenden Anforderungen und Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung und -produktion vertraut zu machen. Es sollte auch darum gehen, dass sie Kultur in ihren künstlerischen Momenten als eine Bereicherung für ihr Leben erfahren können. Was nicht selbstverständlich ist in einem Stadtteil, in dem viele Kinder wie häufig im nördlichen Ruhrgebiet unter schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen aufwachsen. Während der regelmäßigen Begegnungen mit den Jugendlichen hat sich dieser Anspruch an Kulturvermittlung immer mehr verändert. Auf all das werde ich vielleicht noch einmal an anderer Stelle zurückkommen.

Heute geht es mir um eine Momentaufnahme aus diesem Projekt, einem Moment, in dem die Kulturvermittlung mit den Möglichkeiten der Jugendlichen und ihren Erfahrungen im Alltag auf wunderbare Weise zusammentrafen. Man weiß es ja, aber nicht oft hat sich mir bislang auf solch überraschende und berührende Weise gezeigt, dass wichtige Gefühle der Menschen und die damit verbundenen Probleme sich in den letzten zwei Jahrhunderten nicht viel verändert haben. Wir saßen also im Keller des Jugendzentrums in fast bekannter Runde: Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren, ein Mädchen aber war neu dabei. Wir brauchten weitere Themen für die nächste Ausgabe der „Zitronenpresse“. Ich fragte dieses Mädchen deshalb, ob sie vielleicht über etwas schreiben wollte, was sie interessierte. Für die anderen Jugendlichen war sofort klar, was sie besonders interessierte. Sie war verliebt. Gekicher, Witzeleien und kleinere Anzüglichkeiten zum Thema Liebe schwirrten sofort durch den Raum. Ich versuchte das aufzugreifen. Warum nicht etwas über Liebe schreiben? Davor aber schreckte das Mädchen erst einmal zurück. Und mit den anderen Mädchen zusammen? Noch einmal verlegenes Gekicher, und während ich Mut machen wollte, platzte ein Junge heraus, das sei doch ganz einfach, was über Liebe zu schreiben. Das ginge so:

V. sagt: „Liebe ist S.“

S. sagt: „Liebe ist A.“

A. sagt: „Liebe ist J.“

J. sagt: „Liebe ist M.“

M. sagt: „Liebe ist N.“

N. sagt: „Liebe ist Hü.“

Ich hörte seine Worte und war begeistert. Wir hatten  unseren ersten Text über Liebe. Was er als Witz gemeint hatte, nahm ich ernst und damit war der Bann gebrochen. Die Mädchen trauten sich nun auch, darüber zu schreiben, was für sie Liebe bedeutete. Und ich hatte während der ganzen Zeit Heinrich Heine im Kopf, auf den ich später noch kommen würde. Denn Maurice, so hieß der Junge, hatte eines der bekanntesten Gedichte Heinrich Heines im Ansatz neu erfunden.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen anderen erwählt
Der andere liebt eine andre
und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger,
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Wenn ich in Zukunft einmal mit jemanden über Kulturvermittlung sprechen sollte, ein ideales Beispiel habe ich nun immer parat. Planbar ist so etwas allerdings nicht.