Warum das Pokalendspiel im Frauenfußball demnächst in Köln stattfindet, braucht man nicht zu wissen. Warum Köln aber der einzige mögliche Ort in Deutschland für eine solche Veranstaltung ist, kann man hier lesen. Das hat natürlich nur mit der kölschen Mentalität zu tun.
Wenigstens eine RuhrTriennale-Pressemitteilung
9. Juni 2009Wenn ich zurzeit schon nicht hier zum Schreiben komme, soll wenigstens diese Pressemitteilung aus dem RuhrTriennale-Haus hier stehen. Weniger um ein Werk der RuhrTriennale zu rühmen als einmal mehr zu unterstreichen, was richtig ist: „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ ist ein großes Kunstwerk.
Ruhrtriennale: Standing Ovations für Christoph Schlingensiefs Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir beim Holland Festival!
Mit der gestrigen Dernière von Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir endete das überaus erfolgreiche Gastspiel der Ruhrtriennale beim Holland Festival in Amsterdam! Die 5 ausverkauften Vorstellungen wurden mit stürmischem Applaus und Standing Ovations vom niederländischen Publikum gefeiert.
Auch die Presse resümierte: Eine Kirche der Angst ist ohne Zweifel ein gewaltiges, eindrucksvolles, authentisches „Total-Theater“. (Volkskrant)
Gezeigt wurde die Produktion der Ruhrtriennale 2008 in Amsterdam in der 1885 erbauten Westergasfabriek Zuiveringshal, einer Industriehalle, die nicht nur wie geschaffen für das szenische Konzept von Christoph Schlingensief und seinem Team ist, sondern auch die außergewöhnliche Atmosphäre der Duisburger Uraufführung heraufbeschwor.
Mit dem Gastspiel beim renommierten Holland Festival konnte die Ruhrtriennale als „Botschafterin“ erneut das kreative Potential der Region über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus repräsentieren.
Das Holland Festival 2009 findet noch bis zum 28.Juni statt. Weiter Informationen unter: www.hollandfestival.nl
Vom Ärger über Bernhard Schlinks „Der Vorleser“
29. April 2009„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink wurde nicht nur zu einem der wenigen weltweiten Erfolge zeitgenössischer deutscher Literatur, der Roman hat auch Einzug gehalten in die Lehrpläne von Schulen, und er besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Gelesen habe ich den Roman bislang nicht. Alles, was ich bis zum letzten Wochenende über den Roman wusste, hatte ich dem Feuilleton entnommen, wo ja immer wieder auch ein paar sehr kritische Stimmen zu lesen waren.
Nun komme ich nicht umhin, den Roman möglichst bald selbst zu lesen, denn am letzten Wochenende hat mich „Der Vorleser“ auf eine Weise ärgerlich gemacht, die ich noch nicht ganz durchschaue. Während ich zuhörte, wie eine Leserin des Buches den Inhalt mit Ausnahme des letzten Kapitels kurz umriss und zum besseren Verständnis des Stils drei Zitate vorlas, spürte ich, wie besonders durch die Zitate der Ärger in mir wuchs und für Momente gar zur Wut wurde. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir so etwas schon einmal passiert ist.
Was ich hörte, muss tief in mir etwas berührt haben. Etwas, was sehr empfindlich reagiert, gegenüber Haltungen und Lebenseinstellungen, die ich, zumal positiv gewertet, als unerträglich empfinde. Das Ziel meines Ärgers war auch sofort der Roman selbst und sein Autor. Es ging mir nicht um eine Auseinandersetzung mit der Leserin um den literarischen Wert des Romans. Die das Buch lobende Leserin verschwand völlig hinter dem Text. In diesem Fall kam mir überhaupt nicht der Gedanke, dass ich mit ihr über ihre Meinung hätte reden sollen. Das Ziel meiner Aufmerksamkeit war auf eine eigentümliche Weise der Roman selbst und seine Sprache. Ich hatte ein diffuses Gefühl von Täuschung in mir. Mit ein wenig Abstand meine ich zwei Quellen meines Ärgers zu erkennen. Es empörte mich zutiefst, wie der Ich-Erzähler, ein sich reif und analytisch gebender Mann, über seine Liebe als Fünfzehnjähriger schreibt. Es war der Stil, diese sachliche, distanzierte Sprache, die mir nahe legen wollte, hier zieht jemand Schlüsse aus einer sehr persönlichen Erfahrung. Doch hörte ich gleichzeitig von keinerlei Erkenntnisse, die der Ich-Erzähler aus seiner damaligen Liebe gewonnen hat und die seinem Alter angemessen gewesen wären. Das hätte ich als eine mögliche Weise Liebe zu erfahren noch hingenommen. Man könnte so einen Ich-Erzähler für seine Entwicklungsunfähigkeit und sein starres Empfinden bedauern. Ich hätte den Schluss gezogen, dass mich so ein Roman nicht weiter interessiert. Doch nach dem letzten gehörten Zitat hatte ich den Eindruck, der Ich-Erzähler nutzt diese persönliche Geschichte und sein zutiefst privates sich schuldig Fühlen mit und an der damaligen Liebe, um einen allgemeinen Schluss zu ziehen. Er spricht sich das Recht zum Urteil gegenüber jener Frau ab, die er als Fünzehnjähriger liebte und die etwa zehn Jahre später als KZ-Aufseherin angeklagt ist. Gleichzeitig wendet er diesen sehr persönlichen Schluss durch den Stil seiner Sprache und das Ziel seiner Aufmerksamkeit spekulierend ins Allgemeine.
Wohl gemerkt, ich hörte die Lesart und habe durch diese Lesart auf den gesamten Roman geschlossen. Vielleicht ergibt sich mein Ärger ja aus der Verkürzung. Schließlich betonte die Leserin immer wieder die differenzierte Sicht des Ich-Erzählers. Für mich blieb aber zunächst nur dieses eine Verständnis. Der Ich-Erzähler nutzt sein privates Erleben einer Liebe dazu, den Menschen das Recht abzusprechen, schuldhaftes Verhalten auch so nennen zu dürfen. Mein Eindruck beruht auf dem Stil des Romans. Es wirkt auf mich so, als ob der sich nachdenklich gebende Ich-Erzähler mit seiner sachlichen und distanzierten Sprache seiner persönlichen Einschätzung suggestive Kraft verleiht. Es scheint mir eben kein Zweifel erzählt zu werden, ob man urteilen darf oder nicht. Auf mich wirkte das, was ich gehört habe, als sicherer Beleg für die Unmöglichkeit zu urteilen. Und zwar legitimiert mit der Erfahrung während einer Liebesbeziehung. Aus einer Liebesbeziehung, in der das Machtgefälle ebenfalls offensichtlich ist. Demnächst mehr davon, wenn ich den Roman gelesen habe. „Der Vorleser“ liegt auf dem Nachttisch bereit.
Christoph Schlingensief deutet Krebserkrankung und erschafft große Kunst
25. März 2009Lese ich Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung vom Montag, die am Wiener Burgtheater „Mea Culpa“ gesehen hat, die neue Produktion von Christoph Schlingensief, werde ich sofort erinnert an die Schlingensief-Produktion während der RuhrTriennale im letzten Jahr, „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Sie schreibt: „Es gibt nicht viele Theaterabende, die so ganzheitlich, so überzeugend authentisch – und dazu auch noch multimedial ausgefeilt – an die wirklich letzten Dinge erinnern.“ Das entspricht meinem Empfinden damals in Duisburg. Christoph Schlingensief erschafft auf hohem formalen Niveau großartige Kunst, die gleichzeitig die Herzen berührt und damit alles aufweist, was ein Werk auch für kommende Generationen lebendig hält und überdauern lässt.
Gleichzeitig machen mich die ersten Sätze ihrer Besprechung unruhig und bringen eine warnende Stimme in mir hervor, weil sie mit diesen Worten an Christoph Schlingensiefs Deutung seiner Krebserkrankung erinnert. In seinem demnächst erscheinenden Kranken-Tagebuch, also in einem anderen öffentlichen Zusammenhang als in seiner vieldeutigen Kunst, denkt Christoph Schlingensief nämlich über ganz konkrete Gründe für seine Erkrankung nach. Er deutet seine Beschäftigung mit Richard Wagners „Parsifal“ während seiner Bayreuther Inszenierung 2004 als Ursache für seine Erkrankung. Wie differenziert er das sieht, weiß ich nicht, weil ich seinen Originaltext nicht kenne. Wie es verstanden werden kann, erkenne ich am letzten Satz des Abschnitts sofort, womit ich nicht sagen will, dass Christine Dössel das so sieht. Für sie sind diese Sätze vor allem eine Einleitung bezogen auf den Titel der Produktion „Mea Culpa“. Sie stellt also die rhetorische Frage: „Ist der Regisseur mithin selber schuld, dass er sich so abgrundtief mit Haut und Kapillaren auf Wagners Werk eingelassen hat, so dass aus dem früher oft leichthin betriebenen Spiel mit dem Tod plötzlich bitterer Ernst geworden ist?“
Gegen solche verkürzten Kausalzusammenhänge rede und schreibe ich seit Jahren an. Einmal mehr sage ich also, die Verknüpfung der Erkrankung mit einer einzelnen, konkreten Lebenserfahrung ist nicht mehr als der Versuch dem Sinnlosen Sinn zu verleihen. Mir kommt es so vor, als müsse ich zu solchen Deutungen im öffentlichen Raum jedes Mal eine Art Beipackzettel schreiben. Ungefähr so:
Warnung! Diese Deutung einer Krebserkrankung ist der höchst individuelle Versuch, einer sinnlosen Erfahrung den Sinn zu geben. Aus dieser Deutung ist keinerlei Erkenntnis für den komplexen Entstehenszusammenhang der Krankheit Krebs abzuleiten. Bei unbedachter Verallgemeinerung der individuellen Deutung sowie der Anwendung der moralischen Kategorie Schuld im Entstehenszusammenhang einer Krebserkrankung drohen folgende Nebenwirkungen: Allgemeiner Verlust des Mitleids mit Kranken, Ungeduld bei andauerndem Leid und wahnhafter Glaube an die eigene Unsterblichkeit.
Ein Autorendebut und die Aufmerksamkeit von jungen Leuten
20. März 2009Manchmal führen Messegespräche wie dieses Mal in Leipzig schnell zu einem Grundproblem der Verlagsarbeit. Zum Beispiel dann, wenn das Stichwort Blog fällt und die vornehmliche Zielgruppe für das erste Buch des jungen Autors in großen Teilen meinungsbildend in der Blogosphäre vermutet wird. Wie zieht man die Aufmerksamkeit von Lesern, vor allem von jenen zwischen 20 und 30, auf einen Autor wie Thomas Klupp mit seinem Debutroman „Paradiso“, der noch nicht aus anderen Medienzusammenhängen bekannt ist? Denn das ist länger schon deutlich geworden, multimediale Präsenz, am besten noch als Teil der populäreren Kultur, steht jedem jungen zeitgenössischen Autoren inzwischen gut zu Gesicht. Zeit für Aufmerksamkeit gibt es eben nicht endlos.
Selbst die schon vorhandenen lobenden Feuilletonartikel wie etwa in der SZ oder in FAZ und taz heben da zwar die Laune im Verlag, bieten aber keine Lösung für das grundsätzliche Problem, Meinungsmachen bei jungen Leuten. Man weiß es einfach nicht, ob diese Leser, die nicht das etablierte Printmedium nutzen, stattdessen wenigstens das Internetangebot aus dem Zeitungshaus anklicken. So hörte ich zu, fand, was ich über das Buch vernahm, interessant und bin heute dazu bereit, meinen Teil im bevorzugten Medium der Zielgruppe beizutragen, die Aufmerksamkeit auf Thomas Klupp zu lenken. Und nicht dass jemand glaubt, hier versuche sich ein Verlag im Guerillamarketing. Urteile fälle ich auf dieser Seite honorarlos und unabhängig.
Also: „Paradiso“ und Auftritt des Ich-Erzählers Alex Böhm. Der Mittzwanziger, Student an der Filmhochschule Potsdam, steht auf einem Rastplatz in der Nähe der Stadt, möchte Richtung München zur Freundin von jemandem mitgenommen werden und gleichzeitig auf keinen Fall so aussehen, als wolle er trampen. Von Anfang an lässt der 1977 geborene Thomas Klupp das erzählerische Potential seiner Figur erkennen. Alex Böhm möchte cool sein, weiß um die Oberflächenwirkung beim öffentlichen Auftreten und durchlebt, wie die meisten Menschen seines Alters, öfter Situationen, die seine Coolness bedrohen.
Dagegen weiß er Rezepte: Ironie, Sarkasmus und Lügen, notfalls Flucht und egal, was er auch macht, auf keinen Fall grübeln und ein schlechtes Gewissen behalten. Dann schon besser, sich ironisch von diesen unangenehmeren Gefühlen distanzieren. Böhm sucht einen einfachen Weg durchs Leben. Geradlinig muss der nicht sein und schon gar nicht idealistisch motiviert, geschweige denn moralisch integer.
Die Freundin in München wartet, weil der Flug in den gemeinsamen Urlaub ansteht. Doch die Fahrt nimmt einen Umweg in die Provinz der nördlichen Oberpfalz, in das Heimatdorf Böhms und die Begegnung mit der Vergangenheit macht deutlich, so sicher ist das nicht mit dieser Freundin. Böhm weiß zwar, wie gelungenes Miteinander aussehen soll, doch zeigt sich auch, die Vorstellung davon passt in jeder Hinsicht bequemer in sein Leben als die Anstrengungen wirklicher Begegnungen. Nicht nur mit Frauen geht Böhm das so.
Thomas Klupp kombiniert kongenial die Motive von Coming-of-age-Geschichten mit denen des Road-Movies. Wendungsreich und unterhaltsam erzählt wird daraus mehr als eine spaßige Nabelschau, weil Alex Böhms Blick auf sich und seine Mitmenschen immer auch subtil von sozialem Geschehen eingefärbt ist. Sein Leben ist in dieser Gegenwart verortet, und die großen Probleme sind in Böhms Augen als unlösbar präsent. So zieht das Politische in die Konstruktion der Geschichte ein. Denn Böhms Haltung benötigt materielle Sorglosigkeit, die ihm sein Elternhaus bietet. Es ist die Reihenhauswirklichkeit in der Oberpfalz, der Böhm durch seine zynische Lebenshaltung entfliehen will – ohne gewichtiges Ziel, aber mit einigem Wissen über das Funktionieren dieser Welt und seiner selbst.
Je länger die Reise voranschreitet, desto witziger und komischer wird das, was Thomas Klupp seinem Ich-Erzähler in den Mund legt. Immer öfter nutzt er die Fallhöhe zwischen dem sozial akzeptierten oder, wenn es um Beziehungen zu Frauen geht, von diesen Frauen erwünschten Verhalten Böhmes und dessen wirklichen Gefühlen und Motiven. Grundlage der Beziehungskomik sind zwar die klassischen Comedy-Unterschiede zwischen Männern und Frauen, doch Thomas Klupp variiert das mit sehr originellen Ideen und gerät mit dem so differenziert gestalteten Ich-Erzähler nie in Klischee-Gefahr. Man stelle sich nur einmal das romantische Potential der Scherben zerschlagener Bierflaschen im Mondlicht vor. Eine Frau erkennt das zu Alex Böhms Entsetzen.
Der Verlag versucht einiges, das junge Zielpublikum zu erreichen. Mit einem Preisausschreiben bewegt man sich in alten Bahnen, die als „Making of“ konzipierte Seite im Netz wirkt da schon ungewöhnlicher und interessanter. Für den weiteren Erfolg von Thomas Klupp kann man dem Verlag bei diesen Versuchen nur viel Resonanz wünschen.
Thomas Klupp: Paradiso. Berlin Verlag, Berlin 2009. 200 Seiten. 18,00 €
RuhrTriennale 2009
2. März 2009Lassen wir es mal dahin gestellt, ob „erst“ die Kunst „das Nicht-Benennbare, das Nicht-Erklärbare für den Menschen erlebbar“ macht, wie es in der ersten Pressemeldung zum RuhrTriennalen-Progammkonzept unter der neuen Intendanz von Willy Decker heißt. Festzuhalten ist, in den nächsten drei Jahren bildet das Religiöse die Perspektive für das künstlerische Programm der RuhrTriennale.
Unter der künstlerischen Leitung von Willy Decker erforscht die Ruhrtriennale in den kommenden drei Spielzeiten das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kreativität und dem Urmoment des Religiösen. In diesem Jahr richtet sich dabei ihr Blick auf den jüdischen Kulturkreis, 2010 auf die islamische und schließlich 2011 auf die buddhistische Kultur.
Die diesjährige Spielzeit beginnt am 15. August und endet am 11. Oktober. Der dazu gehörige Spielplan erscheint am 29. April. Einen Tag später beginnt der Vorverkauf.
Verfasst von Ralf Koss
Verfasst von Ralf Koss
Verfasst von Ralf Koss