Vermittelt Google Wahrheit und Bildung?

10. April 2009

Wenn der Mediengebrauch von Jugendlichen in die öffentliche Diskussion gerät, geht es immer nur um große Gefahren. Extreme und seltene Ereignisse wie der Amoklauf in Winnenden werden Anlass für Sorgen und oft als Symptome für eine den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdende Gesamtentwicklung gedeutet. Manchmal fällt dann auch das Schlagwort Medienerziehung. Dabei wird aber zumindest in der öffentlich wirksam werdenden Diskussion nur an gewaltverherrlichende Computerspiele oder etwa an die potentielle Begegnung mit Kinderschändern in Internet-Chatrooms gedacht.

Der alltägliche und ungleich wichtigere Kleinkram erhält in dieser Diskussion keinen Raum, und so verlieren Eltern und all die professionellen Erzieher etwas aus dem Blick, was sich jeden Tag ereignet, wenn Kinder nach Informationen im Internet suchen. Mein Sohn etwa bekommt in seiner Schule Hausaufgaben auf mit dem Hinweis, wenn etwas noch unklar sei, könne er das im Internet finden. Was lernt also mein Sohn gleichsam nebenbei? Das Internet ist eine Art Bibliothek und Google das Schlagwortregister dazu. Dass dem nicht so ist, muss ich ihm immer wieder sagen. In seiner Schule mögen einzelne Lehrer vielleicht ein Bewusstsein dafür haben, dass Wahrheit und Information gerade im Internet nicht einfach gefunden werden kann, sondern vorher bewertet werden muss, die Schule als Institution hat dieses Bewusstsein noch nicht. Der Lehrer als Repräsentant der Institution verleiht dem Internet nämlich den Status eines Nachschlagewerks.

Es scheint mir daher viel wichtiger zu sein, sich um diesen Teil der Medienerziehung zu kümmern als um das, was Erwachsene als so offensichtliche Gefahren des Internets fürchten. Es müssen Bildungskonzepte zu einer zeitgemäßen Medienkritik her.  Wahrscheinlich gibt es sie sogar und es dauert eben bis sie in den Lehrplänen aufgenommen werden. Zurzeit hängt der Umgang mit dem Internet und der dort zu findenden Wahrheit eines Themas jedenfalls zu sehr an der Person des Lehrers.

Meine Maßstäbe zur Bewertung von Informationen entstammen einem Bildungsprozess ohne das Internet. Die Frage, welche andere Wahrheit eine institutionalisierte Aussage unausgesprochen enthält, war eine immer gestellte Frage von Lehrern, die den Geist der 68er-Ideologiekritik Mitte der 70er an die Schulen brachten. Das ergab manchmal natürlich Überdruss, aber dennoch blieb mir ein Bewusstsein für den vorsichtigen Umgang mit vorgefundenem Wissen.

So ein Bewusstsein scheint mir im Bildungsgang junger Menschen in heutiger Zeit verloren zu gehen. Dabei wirkt gerade beim schnellen Gebrauch des Internets als Wissensreservoir,  Wahrheit immer zersplittertert. Denn natürlich ist bei den von Google gelisteten Seiten nicht erkennbar, wo die Position des Seitenbetreibers im Geschehen in die übermittelte Information mit einfließt. Man weiß ja aus alten übersichtlichen Zeiten, wie die polititische Ausrichtung von Tageszeitungen die Inhalte beeinflusste. Im Internet hat sich diese mögliche Färbung einer Wahrheit weiter vervielfältigt. Auch in diesem Teil des Lebens, dem Sammeln von Information und Wissen, heißt es also noch mehr als früher, selbst entscheiden und selbst bewerten. Darum müsste sich eine Medienerziehung ebenso kümmern wie um die Warnungen vor jugendgefährdenden Inhalten. Ich habe allerdings den Eindruck, das wird zurzeit noch vergessen.


Linklisten mit Eigenleben

26. März 2009

Heute morgen ist es nun so weit, ich muss ein anderes Verhältnis zu den Texten dort draußen in der Blogwelt finden. Ich weiß noch nicht welches, aber meine Linksammlung hat längst ein Eigenleben angenommen. Längst schon bin ich nicht nur eigenständiger Leser von Texten sondern auch Erfüllungsgehilfe eines sich mit eigener Dynamik vervollständigenden Wissenskanon, dessen Umfang meine Möglichkeiten zur Aufnahme übersteigt. In diesem Wissenskanon verschränkt  sich mein eigenes Interesse mit dem der Menschen, die ihre Texte ins Netz stellen zu etwas Eigenem, etwas schillernd Verheißendem, dem ich eigentlich längst schon auf einer eigenen Seite hier durch eine Linksammlung als dessen verschriftlichte Entsprechung Gestalt verleihen wollte. Doch noch immer passt mir kein Ordnungsprinzip und zu oberflächlich kenne ich bislang die schon angebotenen Lösungen im Netz für diese Art Wissen. Social Bookmarking scheint mir  – so weit ich es bislang beurteilen kann – für dieses Problem nicht die geeignete Lösung zu sein. Mir schwebt da eher so etwas wie „Mapping“ vor, wie man es hier etwa für Musik oder hier für Literatur ausprobieren kann. Mein nachdenklicher Blick geht in die Runde …


Ein Autorendebut und die Aufmerksamkeit von jungen Leuten

20. März 2009

Manchmal führen Messegespräche wie dieses Mal in Leipzig schnell zu einem Grundproblem der Verlagsarbeit. Zum Beispiel dann, wenn das Stichwort Blog fällt und die vornehmliche Zielgruppe für das erste Buch des jungen Autors in großen Teilen meinungsbildend in der Blogosphäre vermutet wird. Wie zieht man  die Aufmerksamkeit von Lesern, vor allem von jenen zwischen 20 und 30, auf  einen Autor wie Thomas Klupp mit seinem Debutroman „Paradiso“, der noch nicht aus anderen Medienzusammenhängen bekannt ist? Denn das ist länger schon deutlich geworden, multimediale Präsenz, am besten noch als Teil der populäreren Kultur, steht jedem jungen zeitgenössischen Autoren inzwischen gut zu Gesicht. Zeit für Aufmerksamkeit gibt es eben nicht endlos.

Selbst die schon vorhandenen lobenden Feuilletonartikel wie etwa in der SZ oder in FAZ und taz heben da zwar die Laune im Verlag, bieten aber keine Lösung für das grundsätzliche Problem, Meinungsmachen bei jungen Leuten. Man weiß es einfach nicht, ob diese Leser, die nicht das etablierte Printmedium nutzen, stattdessen wenigstens das Internetangebot aus dem Zeitungshaus anklicken. So hörte ich zu, fand, was ich über das Buch vernahm, interessant und bin heute dazu bereit, meinen Teil im bevorzugten Medium der Zielgruppe beizutragen, die Aufmerksamkeit auf Thomas Klupp zu lenken. Und nicht dass jemand glaubt, hier versuche sich ein Verlag im Guerillamarketing. Urteile fälle ich auf dieser Seite honorarlos und unabhängig.

Also: „Paradiso“ und Auftritt des Ich-Erzählers Alex Böhm. Der Mittzwanziger, Student an der Filmhochschule Potsdam, steht auf einem Rastplatz in der Nähe der Stadt, möchte Richtung München zur Freundin von jemandem mitgenommen werden und gleichzeitig auf keinen Fall so aussehen, als wolle er trampen. Von Anfang an lässt der 1977 geborene Thomas Klupp das erzählerische Potential seiner Figur erkennen. Alex Böhm möchte cool sein, weiß um die Oberflächenwirkung beim öffentlichen Auftreten und durchlebt, wie die meisten Menschen seines Alters, öfter Situationen, die seine Coolness bedrohen.

Dagegen weiß er Rezepte: Ironie, Sarkasmus und Lügen, notfalls Flucht und egal, was er auch macht, auf keinen Fall grübeln und ein schlechtes Gewissen behalten. Dann schon besser,  sich ironisch von diesen unangenehmeren Gefühlen distanzieren. Böhm sucht einen einfachen Weg durchs Leben.  Geradlinig muss der nicht sein und schon gar nicht idealistisch motiviert, geschweige denn moralisch integer.

Die Freundin in München wartet, weil der Flug in den gemeinsamen Urlaub ansteht. Doch die Fahrt nimmt einen Umweg in die Provinz der nördlichen Oberpfalz, in das Heimatdorf Böhms und die Begegnung mit der Vergangenheit macht deutlich, so sicher ist das nicht mit dieser Freundin. Böhm weiß zwar, wie gelungenes Miteinander aussehen soll, doch zeigt sich auch, die Vorstellung davon passt in jeder Hinsicht bequemer in sein Leben als die Anstrengungen wirklicher Begegnungen. Nicht nur mit Frauen geht Böhm das so.

Thomas Klupp kombiniert kongenial die Motive von Coming-of-age-Geschichten mit denen des Road-Movies. Wendungsreich und unterhaltsam erzählt wird daraus mehr als eine spaßige Nabelschau, weil Alex Böhms Blick auf sich und seine Mitmenschen immer auch subtil von sozialem Geschehen eingefärbt ist. Sein Leben ist in dieser Gegenwart verortet, und die großen Probleme sind in Böhms Augen als unlösbar präsent. So zieht das Politische in die Konstruktion der Geschichte ein. Denn Böhms Haltung benötigt materielle Sorglosigkeit, die ihm sein Elternhaus bietet. Es ist die Reihenhauswirklichkeit in der Oberpfalz, der Böhm durch seine zynische Lebenshaltung entfliehen will – ohne gewichtiges Ziel, aber mit einigem Wissen über das Funktionieren dieser Welt und seiner selbst.

Je länger die Reise voranschreitet, desto witziger und komischer wird das, was Thomas Klupp seinem Ich-Erzähler in den Mund legt. Immer öfter nutzt er die Fallhöhe zwischen dem sozial akzeptierten oder, wenn es um Beziehungen zu Frauen geht, von diesen Frauen erwünschten Verhalten Böhmes und dessen wirklichen Gefühlen und Motiven. Grundlage der Beziehungskomik sind zwar die klassischen Comedy-Unterschiede zwischen Männern und Frauen, doch Thomas Klupp variiert das mit sehr originellen Ideen und gerät mit dem so differenziert gestalteten Ich-Erzähler nie in Klischee-Gefahr. Man stelle sich nur einmal das romantische Potential der Scherben zerschlagener Bierflaschen im Mondlicht vor. Eine Frau erkennt das zu Alex Böhms Entsetzen.

Der Verlag versucht einiges, das junge Zielpublikum zu erreichen. Mit einem Preisausschreiben bewegt man sich in alten Bahnen, die als „Making of“ konzipierte Seite im Netz wirkt da schon ungewöhnlicher und interessanter. Für den weiteren Erfolg von Thomas Klupp kann man dem Verlag bei diesen Versuchen nur viel Resonanz wünschen.

Thomas Klupp: Paradiso. Berlin Verlag, Berlin 2009. 200 Seiten. 18,00 €


Der Blick hinter eine Kulisse des Journalismus – Teil 3 WAZ-Spezial

9. März 2009

Wenn ich jetzt immer wieder über die Pläne des WAZ-Konzerns für dessen Zeitungsredaktionen im Ruhrgebiet lese, stellt sich fast augenblicklich die Erinnerung an meine erste Lektion „Unternehmerisches Kalkül im Journalismus“ ein, die ich Anfang der 90er Jahre während eines Praktikums in einer der Lokalredaktionen der WAZ erhalten habe. Lange vor dem öffentlichen Debattieren über eine „Generation Praktikum“ staunte ich damals über die Selbstverständlichkeit, mit der in dieser Lokalredaktion die Arbeit eines Redakteurs von einem freien Mitarbeiter übernommen wurde. Von einem freien Mitarbeiter wohlgemerkt, der sich mit dieser journalistischen Arbeit, nämlich der Produktion einer zweimal wöchentlich erscheinenden Seite des Lokalteils, erst die Chance auf die Ausbildung, das Volontariat, sichern wollte. Er wurde also durch die Übernahme dieser Arbeit über mehr als zwölf Monate hin genau der Journalist, zu dem er während des Konzernvolontariats erst ausgebildet werden sollte. Das nenne ich noch immer effiziente Lohnkostenminimierung. Ich habe den Weg dieses Journalisten nicht weiter verfolgt, aber inzwischen ist vielleicht auch er in Sorge um die Zukunft seines Lokalteils der WAZ. Die Kollegen vor Ort dokumentieren die Auseinandersetzung um die Zukunft der WAZ im Ruhrgebiet zum Teil sehr ausführlich. Wer sich für diesen Blick hinter die Kulissen des Tageszeitungsjournalismus interessiert, lese vor allem die ausführlichen Artikel im Pottblog und immer wieder auch bei den Ruhrbaronen.


Diskussion um Videospiele – Fortsetzung

18. Februar 2009

Verfolgen wir die Diskussion um Videospiele weiter. Dabei beachten wir Interessen, die hinter Meinungen stehen und Verkürzungen, die beim Wiedergeben von längeren Untersuchungen in tagesaktueller Berichterstattung entstehen. Dankenswerter Weise gibt es eine korrigierende Netzöffentlichkeit – zum Beispiel hier. Meinung bilden muss dann natürlich immer noch jeder selbst.


Der Blick hinter eine Kulisse des Journalismus – Teil 2

15. Dezember 2008

Diese Mal geht es um den WDR, fließende Übergänge zwischen PR und unabhängigem Journalismus und den Verdrängungswettbewerb zwischen den Inhalte-Anbietern. Am Beispiel der „Servicezeit: mobil“ gewähren die Ruhrbarone den Blick hinter eine Kulisse.


Der Blick hinter eine Kulisse des Journalismus

8. Dezember 2008

Eigentlich hatte ich einen Blick hinter die Kulissen des freien Journalismus gewähren wollen, nachdem ich letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung gelesen hatte, das Handelsblatt stelle die Wochenendbeilage „Weekend-Journal“ ein. „Betroffen sei ein fester Mitarbeiter sowie eine ganze Anzahl freier Journalisten“. Die Nachricht weckte nämlich Erinnerungen, war ich doch von Anfang 1992 bis  2005 auch einer jener freien Journalisten, die für  diese Wochenendbeilage schrieben. Nun verschiebe ich das auf später und verweise für den Blick hinter eine zwar etwas andere Kulisse des Journalismus auf Stefan Niggemeiers Blog, wo ich die vielen Kommentare  zum journalistischen Berufsalltag inzwischen beachtenswerter finde als seinen Hinweis auf den gelöschten Artikel beim Medienbranchenfachblatt „Horizont“.


Der Sportjounalismus und der „Dämpfer“

26. August 2008

Die 2. Liga fest im Blick, lese ich die Spielberichte nach den ersten beiden Spieltagen und komme zu dem Schluss, das Lieblingswort des Sportinformationsdienstes heißt zu Beginn der Saison „Dämpfer“. So weit ich das überblicke, gibt es außer Rostock zur Zeit keinen Verein, der oben mitspielen will, bei denen die Sportnachrichtenagentur nicht jenes Schlagwort aus dem Satzbaukasten der Sportberichterstattung genommen hat, das bei einigem Nachdenken derart inflationär doch erst in der Rückrunde einer Saison eingesetzt werden sollte.

Das Unentschieden vom MSV Duisburg gegen Hansa Rostock zum Saisonauftakt war dem Sportinformationsdienst etwa bereits einen „Dämpfer“ wert. Obwohl die Zuschauer begeistert über das Spiel einer völlig neu formierten Mannschaft waren. Obwohl die Verantwortlichen beim MSV zwar oben mitspielen wollen, aber auch wissen, dass das Potential der Mannschaft womöglich erst in der nächsten Saison ganz ausgereift ist. Man fragt sich dann, was glaubt ein Sportjournalist wird da gedämpft? Das muss doch irgendeigene Erwartung sein. Aber eigentlich ist das nur die Vorstellung einer Erwartung. Passt wunderbar ins Konzept des Berichterstatters. Denn so ein Text darf ja auf keinen Fall dämpfen, so ein Text muss ja befeuern und da zählen nur heftige Gefühlsausschläge, wenn schon das Ergebnis nichts wirklich aufsehenerregendes hergibt. Aber lassen wir das. Sind alles nur alte Fragen. Interessiert ohnehin nur auf der Leitartikelseite, wenn mal wieder durch eine größere Panne bei der Berichterstattung an journalistische Verantwortung erinnert wird. Obwohl – Alltag ist mindestens ebenso wichtig. Bei mir war jedenfalls nach dem ersten Spieltag nichts gedämpft. Das will ich aber noch gesagt haben als Fan des Vereins aller Vereine.

Und noch eins: Die erste Niederlage von Rostock kommt bestimmt. Spätestens dann haben alle selbst und fremd ernannten Aufstiegsaspiranten ihren „Dämpfer“ erhalten und das Ganze beginnt wieder bei Null. Die Frage ist nur, was kommt nach dem „Dämpfer“? Der Genickschlag?