RuhrTriennale – Tine Kindermann & Iggy Pop

15. September 2009

„Century of Song“ heißt die Konzertreihe, in der während der RuhrTriennale der Song in allen Spielarten im Mittelpunkt steht. Der Song kann das Volkslied sein, er kann Weltmusik sein oder Rock, der seiner Zeit weit voraus war. Manchmal kann die Musik des Songs sogar tanzbar sein. Normalerweise ist das Publikum der RuhrTriennale das aber nicht gewöhnt. Im Sitzen wird zugehört und allenfalls etwas mitgewippt. Jedes Kulturereignis etabliert eben seine eigenen Regeln, die bei der RuhrTriennale mit den Ausnahmen von vereinzelt tanzenden Zuschauern nur bestätigt werden.

Nun war Iggy Pop zur Konzertreihe „Century of Song“ in den Duisburg Landschaftspark Nord eingeladen, und die Regeln wurden andere. Fans hatten sich die Karten gesichert. Sie füllten bald tanzend den Raum zwischen Sitzplätzen und Bühne, und zum Abschluss des Konzerts lud Iggy Pop sie zu sich nach oben auf die Bühne ein. Ein extatisch wogender Chor sang da den Refrain von „I wanna be your dog“ mit und tat es hin und wieder dem Vorsänger Iggy Pop gleich, der diesen Refrain auch auf deutsch singt. „Ich will dein Hund sein …!“ Es war ein großartiges Konzert von Iggy Pop. Es war ein Abend mit einem großen Künstler.

Man muss es den Duisburgern ja manchmal laut sagen, welche besonderen Ereignisse in ihrer Stadt geschehen. An diesem Samstagabend geschah im Landschaftspark Nord etwas, dessen Strahlkraft alleine durch den Auftritt von Tine Kindermann ein wenig getrübt wurde. Davon wird später noch die Rede sein, denn zunächst soll es darum gehen, wie ein Mensch, 62 Jahre alt, den Mut besitzt, sich mit seinem ganzen Sein auf die Bühne zu stellen und es wagt, jene mit der Musik verbundenen Bilder einer anderen Zeit in die Gegenwart mitzunehmen.

Den Abend hatte der Kurator der Reihe und Kopf der exzellenten Begleitband, der Gitarrist Marc Ribot, unter das Motto  „Love and Death“ gestellt. Da zelebrierte Iggy Pop also ausdrucksstark die Trauer mit französischen Chansons-Klassikern. Im stampfenden Rhythmus von Songs  aus Stooges-Zeiten und seinen Solo-Tagen waren Zorn und Lebenslust gleichermaßen zu spüren. Da kippte der Ausdruck dieser ursprünglichen Gefühle von Trauer, Zorn und Gewalt aber  immer wieder auch um. Traumhaft sicher bewegte sich Iggy Pop auf diesem schmalen Grat von Humor und Ironie, der die Tiefe des Gefühlsausdrucks in den Songs nie in Frage stellt. Er meinte es weiterhin ernst mit all diesen überwältigenden Gefühlen und wollte sie auf der Bühne ausleben, aber Zeit ist schließlich vergangen und ein wahrer Künstler entwickelt sich weiter.

Dieses „Love and Death“ wird auf der Bühne auch deshalb spürbar, weil so ein Konzert von Iggy Pop immer auch einen sehr körperlichen Ausdruck findet. Sowohl sein nackter Oberkörper als auch die wegen eines Hüftleidens verdrehten Bewegungen lassen ihn verletzlich erscheinen. Als Gegenpol dazu wirken die Energie seiner Bewegungen und die Härte von mancher alter Rocker-Geste. Iggy Pop liefert keine Show ab, sondern zeigt sich ganz und gar. Deshalb werden diese Rockergesten nicht zum Versatzstück billiger nostalgischer Erinnerung sondern verwandeln sich in lebendige Kunst. Was Iggy Pop auf der Bühne zeigt, heißt in der Bildenden Kunst Performance oder Aktionskunst und wird dort mit den Weihezeichen der Hochkultur versehen. Andererseits, wenn Iggy Pop im Rahmen der RuhrTriennale auftritt, ist er, was die Hochkultur angeht, auch schon ganz weit vorgedrungen. So anders ist ein Konzert von Iggy Pop als jene Unterhaltungsshows von Reunion-Acts für in die Jahre gekommene Fans, die in den 70er oder 80er Jahren einmal jung waren. Weil es so anders ist, sieht man an diesem Abend neben all den Fans früherer Tage auch junge Gesichter; Zuschauer, die noch nicht auf der Welt waren, als Iggy Pop schon längst solo  auftrat und die Geschichte der Stooges zum ersten Mal endete.

Zum Konzept der Reihe „Century of Song“ gehört es seit einigen Spielzeiten auch, unterschiedliche Künstler für den Abend zusammen zu bringen. Das missriet an diesem Abend ganz und gar. Nicht weil die von Tine Kindermann interpretierten deutschen Volkslieder im Kontrast zur Musik von Iggy Pop zu ungewohnt wirkten, sondern weil Tine Kindermann an das künstlerische Niveau von Iggy Pop mit Abstand nicht heran reichte.

Es mag ja sein, dass die in New York lebende Deutsche dort mit dem Exotenbonus des deutschen Volkslieds ihre Erfolge hat. In ihrem Heimatland  fällt dieser Exotenstatus fort. Da geht es alleine um den Moment des Auftritts und die künstlerische Qualität der Darbietung. Tine Kindermann hat eine durchschnittliche, wenig variationsreiche Stimme. Dennoch könnte so eine Stimme reichen, wenn Ausdruckskraft und Präsenz die Volkslieder mit Leben füllten. Wenn jemand aber mit der immer gleichen inneren Haltung vom Tod wie von der Liebe singt, können diese Lieder nicht berühren. Es scheint, als wäre der Sängerin der emotionale Zugang bei ihrer intellektuellen Beschäftigung mit den deutschen Wurzeln verschlossen geblieben. Bezeichnender Weise machte da ein jiddisches Lied eine Ausnahme.  Kannte Tine Kindermann die Komponistin dieses Liedes doch persönlich.


RuhrTriennale – Meshell Ndegeocello & Allen Toussaint

22. September 2008

Von Beginn an gehörte zur RuhrTriennale die Konzertreihe „Century of Song“. Wechselnde Kuratoren präsentieren in diesem Rahmen über die Jahre Künstler, die aus ihrer Sicht für den „Popular Song“ wichtig waren oder sind. Große Namen waren dabei, doch immer wieder gab es auch in Deutschland eher unbekannte Künstler zu sehen. Am letzten Wochenende nun brachte der diesjährige Kurator Joe Henry die Sängerin und Bassistin Meshell Ndegeocello und den erst in den letzten Jahren häufiger als Interpret eigener Songs auftretenden Allen Toussaint für ein Konzert in der Essener Lichtburg zusammen. Samstag war ich in Essen, und auch wenn Toussaint als Pianist, Songwriter und Produzent vor allem unter Musikern legendär ist, für mich war Meshell Ndegecello an dem Abend der eigentliche Star. Ich hatte noch nichts von ihr gehört und schon nach wenigen Minuten war erkennbar, hier offenbart sich jemand ganz im Vertrauen auf die Kraft von und den Schutz durch künstlerische Wahrheit. Mit ihrem Auftritt gewährte Ndegeocello den Blick in ihr Innerstes. Und damit meine ich nicht die Verwandlung von Biografie in Text oder Musik. Es geht nicht um Nabelschau. Vielmehr geht es um um das Erkennen von etwas Verletzlichem, das den Kern ihrer künstlerischen Wahrheit ausmacht.

Ihre Stücke waren von sehr unterschiedlichen Stilen geprägt. Lyrisch wirkende Songs wechselten ab mit Liedern, die von funkigen Bassläufen dominiert wurden. Manchmal war es mehr soulig, manchmal hörte man die Jazzwurzeln. Ihre dunkle Stimme macht Trauer und lautes Glück ebenso spürbar wie die leisen Momente von Melancholie und stiller Freude. Da steckt in dem einen Song das Weinen und kurze Zeit später scheint der Saal vom Jauchzen erfüllt. Es war ein großartiger Abend. Und dass ich hier nicht mehr über Allen Toussaint schreibe, heißt nicht, dass dieser Teil des Konzerts schlecht gewesen ist. Auch Toussaint brachte ein breit angelegtes Spektrum seiner Songs zur Vorstellung. Ihn hat das Publikum gefeiert. Außerdem erwies er sich als charmanter Botschafter des Mardi Gras, des Karnevals in New Orleans, als er einige Masken dem Publikum als Präsente überreichte. Doch neben meiner Begeisterung für Ndegeocello blieb nicht mehr viel Raum für die Songs des weiteren Abends.