Christoph Schlingensief deutet Krebserkrankung und erschafft große Kunst

25. März 2009

Lese ich Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung vom Montag, die am Wiener Burgtheater „Mea Culpa“ gesehen hat, die neue Produktion von Christoph Schlingensief, werde ich sofort erinnert an die Schlingensief-Produktion während der RuhrTriennale im letzten Jahr, „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Sie schreibt: „Es gibt nicht viele Theaterabende, die so ganzheitlich, so überzeugend authentisch – und dazu auch noch multimedial ausgefeilt – an die wirklich letzten Dinge erinnern.“ Das entspricht meinem Empfinden damals in Duisburg. Christoph Schlingensief erschafft auf hohem formalen Niveau großartige Kunst, die gleichzeitig die Herzen berührt und damit alles aufweist, was ein Werk auch für kommende Generationen lebendig hält und überdauern lässt.

Gleichzeitig machen mich die ersten Sätze ihrer Besprechung unruhig und bringen eine warnende Stimme in mir hervor, weil sie mit diesen Worten an Christoph Schlingensiefs Deutung seiner Krebserkrankung erinnert. In seinem demnächst erscheinenden Kranken-Tagebuch, also in einem anderen öffentlichen Zusammenhang als in seiner vieldeutigen Kunst, denkt Christoph Schlingensief nämlich über ganz konkrete Gründe für seine Erkrankung nach. Er deutet seine Beschäftigung mit Richard Wagners „Parsifal“ während seiner Bayreuther Inszenierung 2004 als Ursache für seine Erkrankung. Wie differenziert er das sieht, weiß ich nicht, weil ich seinen Originaltext nicht kenne. Wie es verstanden werden kann, erkenne ich am letzten Satz des Abschnitts sofort, womit ich nicht sagen will, dass Christine Dössel das so sieht. Für sie sind diese Sätze vor allem eine Einleitung bezogen auf den Titel der Produktion „Mea Culpa“. Sie stellt also die rhetorische Frage: „Ist der Regisseur mithin selber schuld, dass er sich so abgrundtief mit Haut und Kapillaren auf Wagners Werk eingelassen hat, so dass aus dem früher oft leichthin betriebenen Spiel mit dem Tod plötzlich bitterer Ernst geworden ist?“

Gegen solche verkürzten Kausalzusammenhänge rede und schreibe ich seit Jahren an. Einmal mehr sage ich also, die Verknüpfung der Erkrankung mit einer einzelnen, konkreten Lebenserfahrung ist nicht mehr als der Versuch dem Sinnlosen Sinn zu verleihen. Mir kommt es so vor, als müsse ich zu solchen Deutungen im öffentlichen Raum jedes Mal eine Art Beipackzettel schreiben. Ungefähr so:

Warnung! Diese Deutung einer Krebserkrankung ist der höchst individuelle Versuch, einer sinnlosen Erfahrung den Sinn zu geben. Aus dieser Deutung ist keinerlei Erkenntnis für den komplexen Entstehenszusammenhang der Krankheit Krebs abzuleiten. Bei unbedachter Verallgemeinerung der individuellen Deutung sowie der Anwendung der moralischen Kategorie Schuld im Entstehenszusammenhang einer Krebserkrankung drohen folgende Nebenwirkungen: Allgemeiner Verlust des Mitleids mit Kranken,  Ungeduld bei andauerndem Leid und wahnhafter Glaube an die eigene Unsterblichkeit.


Zum Umgang dieser Gesellschaft mit Leid

26. November 2008

Ein wenig am Blog herum basteln und ein Theme finden, das eine offensichtlichere Seitennavigation möglich macht. Vor allem weil ich mit „Leid lässt sich nicht immer weglachen“ einen meiner Texte ins Netz stellen möchte. Dieser zeitlose Text thematisiert den Umgang dieser Gesellschaft mit Leid und der sie verursachenden Krankheit. Seine erste Fassung erschien in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 19./20. August 2000. Die Resonanz war groß, und ich erhielt die Einladung zu einem Vortrag an der Medizinischen Fakultät der Kölner Universität. Für diesen Vortrag im selben Jahr habe ich den Text erweitert. Vier Jahre später kam es zur letzten und endgültigen Überarbeitung, deren sehr gekürzte Fassung in der Stuttgarter Zeitung am 15. Januar 2005 erschien.


RuhrTriennale – Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

4. Oktober 2008

Und wieder stellen sich die alten Fragen. Was soll diese Kunst bewirken? Heute hoffe ich, das Verstehen. Das Leid verstehen. Schaut euch „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ an und ihr werdet ergriffen. So ist das, wenn das Leid Alltag wird, aber so ist das auch, wenn dieses Unaussprechliche eine Form findet. Seht ihr das? Spürt ihr das? Das soll diese Kunst bewirken. Denn es war große Kunst! Und das war berührend.

Das wusste ich alles nicht, als ich die Karten bestellte. Ich wusste nicht, dass es darum gehen sollte. Um Christoph Schlingensiefs Leiden am Krebs. Um seine Versuche zu bewältigen. So zentral. Um das Entsetzen, um die Angst, um die Trauer, um die Empörung. „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. So nah war das der eigenen bewältigten Trauer, so nah war das der eigenen Angst. So nah. Und als ich es ahnte beim Überfliegen seiner Worte im SZ-Magazins an dem Freitag eine Woche zuvor, wurde mir mulmig.

Muss man das wissen, wenn ich schreibe? Um zu verstehen! Ja! Das ist alles, worum es geht bei jeder Bearbeitung von Leid. Ist das nicht die romantische Vorstellung von Kritik? Das Kunstwerk sich nachvollziehend aneignen und dabei zur Beschreibung eine eigene, neue Ausdrucksform finden? Also taste ich mich an das Werk von Christoph Schlingensief heran. Seht her, sagt er, das bin ich. Ich bin mein Mittel zur Kunst. Seht her, sage ich, ich komme mit Ängsten, wenn ich beschreibe und werte. Denn ich will das nicht wieder spüren, diese Angst von damals. Ich will sie nicht mehr. Das ist zwölf Jahre her. Ich habe überlebt. Ich hatte günstigere Prognosen als Christoph Schlingensief. Auf mein empfundenes Leid hatte das wenig Einfluss. Auf die Verarbeitung schon. Am Freitag vor einer Woche habe ich von Christoph Schlingensief etwas anderes in seinen Text-Montagen gehört. Nur die Angst machte ihn lebendig.  Ich hörte das, und ich wollte ihn trösten. Aber vielleicht erinnere ich das auch falsch.

Im Januar erfuhr Christoph Schlingensief von seinem Lungenkrebs, und einige der Momente aus der seitdem vergangenen Zeit macht er zum Material, um den Abend zu gestalten. Er schuf eine Montage aus allen Kunstformen. Filmausschnitte wurden ebenso eingespielt wie Interview-O-Töne. Kurze Schauspielszenen reihten sich an arienhaften Gesang und die O-Töne wurden wiederum von Schauspielerinnen erneut rezitiert. Schließlich wandelt sich der schon zu Beginn als Kirchenschiff wahrnehmbare Raum endgültig auch im Bühnenbereich zur Kirche. Eine Messe nahm Formen an. Fürbitten wurden parodiert und Christoph Schlingensief selbst agierte als Priester, der die Wandlung vornahm. War da Rettung zu finden? Nach einer Woche erinner ich fast nur noch die Gefühle. Und die wurden von da an tatsächlich aufgehoben in der Form der Feier. Trotz der Parodie entfaltete die Liturgie ihre Kraft. Als Kind der 60er bin ich noch den sonntäglichen Kirchgang gewöhnt, nicht ganz so regelmäßig wie es Schlingensief erlebte und vor allen Dingen anscheinend weniger mächtig für die Ausrichtung meines Denkens. Und dennoch entfaltet diese Zeremonie ihre Kraft und lindert die empfundene Schwere des Anfangs. Es gibt keine Hoffnung, aber es gibt ein wenig Erleichterung.

Leiden ist sprachlos und macht sprachlos. Jedes Wort über Leid rückt es gleichzeitig in die Ferne. Christoph Schlingensief hat das Leiden dennoch kommuniziert. Indem er sein Innerstes entblößte, hat er seiner Kunst das Material gegeben, um zu wirken. Er hat dem Kunsterlebnis Leid nicht seinen Stachel genommen. Denn die große Chance des Künstlers ist gleichzeitig seine Krux. Die Ästhetisierung von Erfahrungen verleiht diesen Erfahrungen eine Wahrhaftigkeit zweiter Ordnung. Zwar wird Leid so überhaupt erst vermittelbar, aber gleichzeitig wird das Leid dadurch auch harmloser – goutierbar. Christoph Schlingensief ist es gelungen, dieser Harmlosigkeit zu entgehen.

Der Abend beginnt mit einem verfremdeten Filmausschnitt. Verzweifelt fleht Christoph Schlingensief im Krankenbett, er wolle nicht mehr berührt werden. Aber es ist eben nicht die realistische Abbildung seines Leides. Er zielt nicht auf rationales Verstehen, wissend, dass das niemals eine Möglichkeit ist den anderen mit der eigenen Wahrhaftigkeit zu erreichen und ein Mitleiden zu ermöglichen. Dazu benötigen wir Effekte und Umwege der Gestaltung. Nur so wird diese Erfahung nachfühlbar. Und in der Gemeinschaft des Verstehens ermöglicht es das Aufgehobensein. Nur das Aufgehobensein in der Begegnung schafft einen Sinn, den die Kirche Christoph Schlingensief nicht mehr geben kann. Noch nicht? Er feiert eine eigene Messe und macht sein Leiden zur großen Kunst.