Krimidurchschnitt aus Galicien

3. März 2009

Nun wird also daran gearbeitet, Galicien auf der Krimiweltkarte kräftiger einzuzeichnen. In Vigo ermittelt Inspektor Leo Caldas, der zudem als Vertreter der Polizei in einer populären Radiosendung auftritt. Es wird nicht ganz klar, ob es sich dabei um eine PR-Maßnahme der Behörde handelt. Sein Assistent Rafael Estévez wurde aus Zaragoza nach Vigo versetzt und hat noch einige Schwierigkeiten mit der ihm eigentümlich vorkommenden, uneindeutigen Redeweise der Einheimischen.

Man ahnt, der Spanier Domingo Villar möchte in „Wasserblaue Augen“ schon mit der Figurenkonstellation die Voraussetzung für Komik und Humor schaffen. Daraus ergibt sich aber nur manchmal ein Schmunzeln, was wiederum schon auf die durchschnittliche Qualität des gesamten Romans verweist. Alleine das Mordopfer ist auf eine Weise ums Leben gekommen, die in der Kriminalliteratur eher selten vorkommmt und vor allem den lesenden Männern wahrscheinlich ein leichtes Unwohlsein bereitet. Wird ein Saxofonist doch nackt und ans Bett gefesselt aufgefunden, wobei die Haut der Körpermitte wie eingetrocknet wirkt und die Geschlechtsorgane des Opfers auf winzige Größe geschrumpft sind.

Die Ermittlungen von Caldas und Estévez nehmen ihre konventionelle Bahn, ohne dass ich Vigo wirklich kennenlerne. Natürlich gibt es Verweise auf regionale Besonderheiten der Lage und der Kultur. Das bleibt aber sehr an der Oberfläche, genauso wie der Fall selbst mir keinen interessanten Einblick in einen Bereich der spanischen Gesellschaft gibt. Homosexualität als thematischer Aufhänger ist ein austauschbares Klischee.

Der Roman ist konventionell in Plot und Sprache und besetzt eine Leerstelle auf der Krimiweltkarte. Er besitzt ein Minimalmaß an Spannung und Villar ist immer wieder um besagten Humor bemüht, der mir allerdings meist eher müde vorkommt. Den Klappentextjubel im Zitat der spanischen Presse halte ich für völlig überzogen. „Wasserblaue Augen“ ist einer jener Romane, die auf das Interesse für die Region zählen müssen. An Galicien interessierte Leser finden mit dem Buch leichte Unterhaltung und können der Region für die Zeit der Lektüre etwas näher rücken, nicht mehr, nicht weniger.

Domingo Villar: Wasserblaue Augen. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2009. 221 Seiten. € 16,90.


Tempo, Komik und Berlin – „Der heilige Eddy“ von Jakob Arjouni

12. Februar 2009

Eddy ist Anfang 40, besitzt Stil und weiß genau, wie diese Gesellschaft funktioniert. Ansonsten wäre er als Trickbetrüger nicht so erfolgreich. Seine wichtigste Grundregel lautet: Niemals im eigenen Kiez, in Kreuzberg, arbeiten. Niemals dort das mit der Aura des Künstlerischen umwehte Bild vom stets freundlichen, allein stehenden Musiker gefährden. Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Bild nicht. Tatsächlich verdient er sich zusammen mit dem Deutschrussen Arkadi in der Zweimann-Combo „Lover´s Rock“ durch Straßenmusik etwas hinzu. Und ganz klar, sie spielen an den besten Plätzen Berlins, außer im eigenen Kiez!

In „Der heilige Eddy“ erweist sich Jakob Arjouni einmal mehr als Autor für die schnelle, leicht erzählte Geschichte vom sympathischen Außenseiter wider Willen, der sich in moralischen Grauzonen durch das Leben laviert. Denn eigentlich möchte es sich der großsprecherische Eddy bequem einrichten in dieser Gesellschaft, nur hat er bislang den Erfolg auf legalem Weg mit seiner Musik eben nicht geschafft.

Doch auch das auf kleinkrimineller Basis sorgsam eingerichtete Leben fliegt auseinander, als Eddy im Treppenhaus zu seiner Wohnung dem Unternehmer Horst König begegnet. Aus kleinen Verhältnissen hatte der sich in den USA hochgearbeitet und gilt jetzt, nach seiner Rückkehr in die alte Heimat als mitleidloser Spekulant, der die Arbeitsplätze eines Berliner Unternehmens vernichtet. König will zu seiner im Haus lebenden Tochter Romy, mit der er sich überworfen hatte und setzt gegenüber dem misstrauisch nachfragenden Eddy auf alte Straßenkampf-Qualitäten. Beim Gerangel stürzt König so unglücklich, dass er stirbt. Nun hat Eddy Probleme. Kurzfristig, weil unten zwei von Königs Bodyguards warten und mittelfristig, weil ihn Gewissensbisse gegenüber der noch unbekannten Tochter plagen, der er die Versöhnung mit dem Vater unmöglich gemacht hat.

Arjouni schickt Eddy auf eine etwas märchenhafte, witzige Reise durch die Berliner Gegenwart, um die Last seiner empfundenen Schuld abzutragen. Dabei überwindet er mit der ihm eigenen Chuzpe einige Schwierigkeiten, gerät in manche slapstickhafte Verwicklung und verliebt sich heftig. Mit seinen 246 groß bedruckten Seiten ist „Der heilige Eddy“ ein sehr kurzer Roman. Seinen karikierenden Witz findet er etwa durch Eddys souveränen Umgang mit äußeren Zeichen der Macht. Respekt kennt er da nicht, sondern weiß sie hochstaplerisch zu seinen Zwecken zu nutzen. Das geht alles zwar nicht in die Tiefe, lässt schmunzeln und stößt doch ein paar Gedanken über diese geschilderte, soziale Wirklichkeit an. So muss Eddy eine Haltung zum allseits bekannten Vorgehen der Boulevardpresse und deren Sensationsberichterstattung finden. Und über die Verflechtung von politischen und wirtschaftlichen Interessen erfährt er schließlich auch noch etwas. Komödiantische Kriminalgeschichten, die ohne Klamauk auskommen und deren Handlung die gegenwärtige soziale Wirklichkeit nicht ignoriert, finden sich in der deutschsprachigen Kriminalliteratur nicht oft. Jakob Arjouni ist eine solche Geschichte erneut gelungen.

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy. Diogenes Verlag, Zürich 2009.
246 Seiten. € 18,90.


Wenn ein Geheimbund in Ruhrorts Gesellschaft Fuß fasst

3. Februar 2009

Franz Haniel, den Ruhrorter Großspediteur und Industriemagnaten, nennt Carolina Kaufmeister Onkel Franz. Früher waren ihre Familien Nachbarn und die Väter haben gemeinsam Geschäfte gemacht. Kaufmeisters gehören 1854 zu Ruhrorts  gehobenem Bürgertum. Nun deutet sich der Tod des Vaters an und Lina hat nicht vor, danach im Elternhaus weiter wohnen zu bleiben und ihrem Bruder Georg zusammen mit dessen Frau den Haushalt zu führen. Allerdings weiß sie auch, seine notwendige Erlaubnis, einen eigenen Hausstand zu gründen, wird sie nicht erhalten. An Heirat als mögliche Lösung ist auch nicht zu denken. Mit ihren 35 Jahren halten viele sie schon für eine alte Jungfer, zudem ist sie seit der Kindheit durch eine Versteifung der Hüfte stark gehbehindert.

Doch als sie auf der Chaussee nach Meiderich die Leichen zweier Kinder findet, treten für den Moment ihre Sorgen um die Zukunft in den Hintergrund. Offensichtlich sind die Kinder Opfer eines grausamen  Verbrechens geworden, so dass der neue Commissar Robert Borghoff Ermittlungen aufnimmt. Bürgermeister Weinhagen aber möchte die aufstrebende Hafenstadt nicht in Verruf bringen und drängt darauf, keinesfalls das Ruhrorter Bürgertum in die Ermittlungen einzubeziehen. Investoren für Werksgründungen der Eisen- und Stahlindustrie könnten verschreckt werden. Dass es danach weitere Opfer gibt und ein paar Ruhrorter Bürger daran nicht unschuldig sind, versteht sich von selbst. Nur gut, dass Borghoff die Intelligenz von Lina Kaufmeister zu schätzen weiß und ihre Beobachtungen von den Zeremonien eines Geheimbunds ernst nimmt.

Das bislang nur im Fernseh-Krimi beliebte Duisburg-Ruhrort hat Silvia Kaffke in „Das rote Licht des Mondes“ zum Schauplatz eines beeindruckenden historischen Kriminalromans gemacht. Zugegeben, der Roman lebt weniger vom Kriminalfall als vom Schicksal der Hauptfigur Carolina Kaufmeister. Und mit seinem detaillierten und kenntnisreichen Blick auf die historische Wirklichkeit nähert sich der Roman dem populären historischen Sachbuch. Doch eine spannende und besondere Geschichte erzählt Silvia Kaffke allemal.

Wenn Silvia Kaffke ihren Roman per Perspektivwechsel zwischen Commissar und Lina Kaufmeister erzählt, richtet sie ihren Fokus fast immer auf das Leben einer allein  stehenden Frau des Bürgertums und deren schwierigem Versuch, ein unabhängiges Leben zu führen.  Dabei merkt man, hier erzählt auch jene Frau der Gegenwart, die die Hochzeit der Frauenbewegung Ende der 70er, Anfang der 80er selbst erlebt hat und die Erfahrungen dieser Zeit in einem historischen Stoff verarbeitet. Das wirkt nie aufgesetzt oder gar überholt, sondern findet durch den Stoff immer eine erzählerische Begründung.

Alleine bei den Morden samt ausgerissenen Herzen und deren inhaltliche Logik setzt Silvia Kaffke auf Schauereffekte, die auf mich wie Fremdkörper im realistischen Grundkonzept des Romans wirken und gegen deren trivialen Beigeschmack  sie mit dem anspruchsvollen historischen Sittenbild gleichsam immerzu anschreibt. Ein einfacher Mord wäre  als Anlass einer Ermittlung ausreichend gewesen. Schließlich erinnert das Vorgehen des Geheimbunds bedrohlich genug an das Wirken von Sekten und Mafia in der Gegenwart. Doch mindert dieser Makel die sonst überzeugende Klasse des Romans nur wenig.

Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes. Wunderlich, Reinbek 2008. 509 Seiten. € 19,90.


Enttäuschte Hoffnung – Thomas Kasturas zweiter Raupach-Krimi

15. Januar 2009

Vorschusslorbeeren lassen mich nicht schärfer urteilen! Diese Erklärung scheint mir angebracht, weil ich zum zweiten Mal in kurzer Zeit mit einem späteren Roman eines sehr gelobten Autors, nämlich Thomas Kastura, in sein Werk einsteige und erneut denke, wie viel besser muss jenes von mir noch nicht gelesene, vorherige Buch von ihm sein. Dieses Mal wollte ich es aber wissen und habe nach Thomas Kasturas „Das dunkle Erbe“ auch seinen ersten Roman um den Kölner Hauptkommissar Klemens Raupach, „Der vierte Mörder“, gelesen. Und siehe da, auch wenn ich nicht  ganz so begeistert war wie Ulrich Noller, der erste Raupach-Roman zeigt Thomas Kastura stilistisch auf hohem Niveau und lässt sein Gespür für komplex angelegte, spannungsvolle Geschichten erkennen.

Offensichtlich kommt die erzählerische Konstruktion des ersten Romans den Stärken von Thomas Kasturas Schreibweise sehr entgegen. Hauptunterschied zwischen beiden Romanen ist nämlich die Perspektive des Erzählten. „Der vierte Mörder“, der erste Auftritt Raupachs, wird nicht nur als Geschichte einer Ermittlung erzählt, sondern Thomas Kastura rückt auch  Täter- und Opferseiten in den Blick. In Kürze: In Köln wird ein Brandanschlag angekündigt, und wir erleben neben der Polizeiarbeit und den Geschichten um die Ermittler mit, was den Täter bewegt, wie er die Tat vorbereitet und welche Hürden sich ihm in den Weg stellen. Kastura arbeitet zudem zwei weitere Handlungsebenen ein, von denen mir eine in ihrer formalen Funktion als Rätselmoment der Handlung zu aufgesetzt wirkt.  Mich erinnert das an ein geschreinertes Möbelstück, das sauber verzapft gearbeitet ist, aber an einer Stelle vom Schreiner zur Sicherheit geschraubt wird, weil er dort unnötiger Weise der Stabilität seines Möbelstücks nicht vertraut.  Festzuhalten ist aber, „Der vierte Mörder“ wird vor allem durch das multiperspektivische Erzählen zum gelungenen Kriminalroman. Außerdem weist das aufgesetzte Rätsel auf die Schwäche des zweiten Romans voraus.

Hatte „Der vierte Mörder“ den Charakter eines Thrillers, erweist sich „Das dunkle Erbe“ als von der Frage nach dem Mörder bestimmter Polizeiroman, in dem alleine aus Ermittlerperspektive erzählt wird und typischerweise das Private der Ermittler eine Rolle spielt. Als Motor der Handlung soll dabei das Rätsel um die Mordtat funktionieren. Ein Arzt des Kölner Nobelstadtteils Marienburg steht im Verdacht seine Frau und seine Ex-Geliebte umgebracht zu haben. Zudem wird die Kollegin, mit der er Praxisräume teilte, vermisst. Der sehr religiöse Arzt ist verhaftet, bestreitet die Tat und Raupach, der ihn verhört, ist geneigt, ihm zu glauben. Die Suche nach der verschwundenen Ärztin führt Raupach und Kollegen ohnehin wieder nach Marienburg, so dass problemlos auch dort weiter ermittelt werden kann. Zudem taucht eine amerikanische Journalistin auf, die mit der Verschwundenen in Briefkontakt stand. Augenscheinlich weiß sie etwas, rückt damit nicht heraus und kommt stattdessen den Ermittlern in die Quere. Schließlich lenken Hinweise auf jüdisches Kulturgut den Ermittlerblick auch auf die Vergangenheit in den Marienburger Nobelvillen, deren jüdische Vorbesitzer während des Nationalsozialismus zum Verkauf gezwungen waren.

Statt auf die Psyche aller Figuren baut Thomas Kastura im zweiten Raupach-Roman also auf eine komplex angelegte Handlung mit Rätselspannung und sein Polizeiteam. Deshalb aber gerät ihm die Konstruktion des Romans aus dem Gleichgewicht.  Zwar gelingt es ihm, seinen Ermittlern mit dem Blick auf ihre privaten Seiten, Tiefe zu geben, doch gerade dadurch, wird es um so augenfälliger, wie grob sein Handwerk im eigentlichen Kriminalfall im Verlauf der Handlung werden muss, um das kompliziert angelegte Rätsel aufzulösen. Immer mehr drängt sich die Autorenstimme selbst in Dialoge und die Innenschauen, weil der Plot nach Erklärungen verlangt. Und schließlich gibt es sogar die Reminiszenz an den klassischen Häkelkrimi alter Zeiten, in denen die Täter am Ende noch die offenen Fragen für die Leser klären müssen.

Diese Konstruktion hat aber auch Konsequenzen für die Durchdringung des den Kriminalfall bestimmenden Themas und die Schilderung des Milieus. Thomas Kastura möchte neu eingeführte Figuren und Orte fast immer auch dazu nutzen, das Rätsel komplizierter zu machen. Der Tiefe der Figurenzeichnung beim Ermittlerteam steht deshalb keine entsprechende Tiefe bei der Ausgestaltung seines Themas gegenüber. Er bleibt an der Oberfläche, wenn es um die Übertragung der jüdischen Besitztümer während des Nationalsozialmus geht. Er bleibt an der Oberfläche beim Blick auf Marienburg. Das wiederum wäre möglich, wenn er seine Ermittler nicht mit den gewichtigen Problemen des Lebens wie Tod des Freundes, enttäuschte Liebe und Einsamkeit konfrontieren wollte. Das verhindert jenes Tempo, was er im Kriminalfall gleichzeitig anstrebt. Diesem Dilemma kann Thomas Kastura nicht entgehen. Es ist dem Rätselkrimi immanent.  Je mehr Rätsel, desto größer die Spannung, desto weniger erzählerischer Raum für die Tiefe der Erzählung. Weniger Rätsel wäre in diesem Fall die Möglichkeit zu mehr  Qualität gewesen.

Thomas Kastura: Das dunkle Erbe. Droemer Verlag, München 2008. 378 Seiten. € 18,00.
Thomas Kastura: Der vierte Mörder. Droemer Verlag, München 2006. 510 Seiten. € 19,90 (Taschenbuchausgabe: Droemer Knaur Verlag, München 2008. 510 Seiten. 8,95.)


Schräge Wirklichkeit im Krimi – Mariaschwarz von Heinrich Steinfest

12. November 2008

Als die noch zu lesenden Seiten von Heinrich Steinfests „Mariaschwarz“ immer weniger wurden, beschlich mich allmählich dieses bewundernde Erstaunen, das häufig auch Zaubervorführungen gilt. Dort erwartet man ja, dass das ein oder andere verschwindet und irgendwo anders wieder auftaucht und ist doch immer wieder auch verblüfft, wenn die Illusion so perfekt funktioniert. Mit „Mariaschwarz“ verhält es sich ähnlich. Von Anfang an wird Heinrich Steinfests sehr eigene Art zu erzählen deutlich. Man bemerkt den besonderen Stil, den sehr speziellen Blick auf die Realität oder denkt kurz über Weisheiten des Erzählers nach. Gleichzeitig verwandelt sich das Erzählte in eine wendungsreiche, rätselhafte Kriminalgeschichte. Mir fällt zurzeit kein Autor ein, der die Regeln des Genres mit Mitteln bestätigt, die ihm, wenn man sie näher betrachtet, ständig zuwider laufen. Das ist neben allem Lesegenuss ein beeindruckendes Kunststück.

Den Inhalt der Geschichte wiederzugeben ist deshalb weniger bedeutsam, zumal im nackten Handlungsgerüst manch surrealer Moment des Romans mancheinen vielleicht in die Irre führt und er der versprochenen Kriminalgeschichte misstraut. Deshalb sei hier ausdrücklich betont, in „Mariaschwarz“ erfährt man trotz aller fantastischen Volten der Geschichte auf jeder Seite vom wirklichen Leben, ganz so wie es ein realitätshungriger Leser des ambitionierten Kriminalromans meist wünscht. So kann man zu Beginn der Geschichte die Einheimischen in Hiltroff, dem in der österreichischen Karstlandschaft abseits gelegenen Dorf, verstehen, wenn sie sich wundern, dass der leicht heruntergekommen wirkende Vinzent Olander seit nunmehr drei Jahren in einem Hotel des Ortes wohnt und sich Tag für Tag, auf immer gleiche Weise sittsam einen Rausch trinkt. Erst nachdem der Wirt des Hotels Olander das Leben gerettet hat, erfährt zumindest er den Grund für dessen Aufenthalt. In das Dorf führt die letzte Spur der in Mailand entführten Tochter Olanders. Deshalb ist er dort und hofft immer noch, ihr wieder zu begegnen.

Mit der Ruhe in Hiltroff ist es zudem auch aus anderen Gründen vorbei. Im nahe gelegenen Mariensee, mythenumwoben und wegen seiner dunklen Tiefe auch Mariaschwarz genannt, wird etwas gesichtet, was an ein urtümliches Lebewesen erinnert. Doch die vom Medienhype begleitete Suche per U-Boot bringt statt des Wesens ein menschliches Skelett ans Ufer, so dass der Wiener Chefinspektor Lukastik bald zwischen Hiltroff, Mailand und Wien unterwegs ist, um einen verborgenen Zusammenhang zu Olanders Geschichte zu enthüllen. Von da an richtet der Erzähler seinen Fokus nur noch mittelbar auf Olander, nämlich im Spiegel der Ermittlungen Lukastiks, der in das Zentrum des Romans rückt.

Man kennt die Romane des 1961 in Australien geborenen, in Österreich aufgewachsenen und heute in Stuttgart lebenden Heinrich Steinfest als komplex angelegte und zuweilen fantastisch anmutende Geschichten, in denen die Figuren einen sehr eigenen Blick auf die Welt haben und in ungewöhnlichen sozialen Nischen unserer Gegenwart zu Hause sind. Ihre Ausgestaltung besitzt zudem manchmal sehr literarische Wurzeln, wenn sie wie der Polizist Lukastik der strengen Logik Wittgensteins abgeschworen haben. Dennoch darf man die Romane von Heinrich Steinfest nicht als literarische Spielerei missverstehen. Er nimmt das Genre als in der Wirklichkeit verankerte Literatur ernst. Nicht zuletzt verdeutlicht das ein sehr eigenständiger Erzähler der Romane mit seinem lebenspraktischen Wissen, ein Erzähler, wie es ihn in dieser Form im Krimigenre nur selten gibt. Dieser Erzähler ist kein neutraler Chronist der Ereignisse, er hat seine eigene Meinung, bewertet das Handeln der Figuren und stellt während der wendungsreichen Geschichte seine tiefsinnigen bis skurrilen Überlegungen an. So philosophiert er etwa über die perfekte Beziehung, die er zwischen einem Wirt und seinem Gast als gegeben ansieht. Oder er bemängelt mit schwarzem Humor das nicht vorhandene ganzheitliche Denken von Frauen nach Schönheitsoperationen. Wer sich eine Brust vergrößern lasse, müsse danach auch insgesamt ein wenig zunehmen. Und das Wesen des Journalismus scheint ihm etwa darin zu bestehen, „Dinge nicht sagen zu können. Das aber mit Worten.“

„Mariaschwarz“ lebt von der Sprache, dem ungewöhnlichen Blick auf die gegenwärtige Welt und dem Wissen Heinrich Steinfests um die handwerklichen Grundlagen von Kriminalliteratur. So gelingt ihm großartige Literatur, und auf jeden Fall, ja, „Mariaschwarz“ ist auch ein Kriminalroman.

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. Piper Verlag, München 2008. 316 Seiten. 16,90 €


Blind für die Qualitäten des „besten Krimiautors Italiens“?

12. September 2008

Neulich überlegten ein Redakteur meines Vertrauens und ich, welche der Krimineuerscheinungen des Herbstes eine Rezension lohne. Der wenige Platz für Besprechungen sollte doch empfehlenswerten Romanen vorbehalten sein. Ein paar Autoren zur Auswahl nannte er selbst, zu ihnen gehörte Massimo Carlotto. Dessen letzter in Deutschland erschienener Roman hatte begeisternde Kritiken gefunden. Allerdings gab es auch fundierte Gegenstimmen. Nun muss man wissen, Carlotto erscheint bei Klett-Cotta, unter dem Imprint Tropen, einst unabhängiger Vorzeige-Kleinverlag, der für den deutschen Buchmarkt junge, anspruchsvolle ausländische Literatur entdeckte und Jonathan Lethem etablierte.  Demnach, so verstehe ich, steht die Marke Tropen für  Literatur mit Gegenwartsbezug und Anspruch.

Damit zu Massimo Carlotto. Auch wenn ich den vorherigen Roman nicht gelesen habe -  ich machte mich an die Lektüre von “Die dunkle Unermesslichkeit des Todes”, dem jüngst übersetzten Roman des – laut Klappentextzitat von “Il Manifesto” -  “besten Krimiautoren Italiens”. Und je länger ich las, desto drängender stellte sich mir die Frage, was macht dieser Roman in einem solchen verlegerischen Umfeld und wie kam es zu dem Klappentextzitat? Die anderen Romane? Solange ich diesen Krimimarkt beobachte, habe ich noch nie so wenig verstehen können, was andere in dem Buch entdecken. Mir kam das vor, als sei für GZSZ auf arte ein Sendeplatz gefunden worden. Bislang konnte ich immer zumindest nachvollziehen, warum ein Autor in eine bestimmte Schublade gesteckt wird, auch wenn ich selbst dieser Meinung nicht war. Was habe ich da übersehen?

Carlotto erzählt von einem Mörder und seinem mittelbaren Opfer. Der Mörder hatte nach einem Raubüberfall eine unbeteiligte Frau und deren kleinen Sohn umgebracht. Fünfzehn Jahre nach der Tat reicht der zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder, krebskrank geworden, ein Begnadigungsersuch ein. Um seine Sache voranzubringen bittet er den Witwer um Zustimmung. Die Tat hatte den Witwer völlig aus der Bahn geworfen. Einst erfolgreicher Vertreter für Weine arbeitet er nun als Schnellschuster und seine Tage vergehen in dumpfer Gefühllosigkeit. So abgestumpft musste er werden, um das Leben trotz seiner tiefen, andauernden Trauer weiterleben zu können.

So weit die Grundkonstellation. Der Witwer lehnt die Zustimmung zunächst ab, und dann kommt ihm der Gedanke, dass sich ihm die Gelegenheit zur Rache böte. Doch obwohl Carlotto aus der Innensicht seiner zwei Protagonisten erzählt, erfahre ich so gut wie nichts über das eigentliche Geschehen hinaus. Carlotto verschenkt die Ich-Perspektiven und übrig bleibt ein Gewaltszenario, das mir erzählt, auch ein bemitleidenswertes Opfer kann ein Unmensch sein. Sei es drum, manchmal reichen auch solche Geschichte, doch die sind dann zumindest spannend. Doch das Ganze läuft völlig vorhersehbar ab. Das einzige, was entsteht, ist ein bedeutungsvolles Geraune nach dem Motto, die bürgerliche Gesellschaft weiß aus der Sicherheit ihrer behaglichen Besitztümer heraus nichts über das wirkliche Leben. Alle wollen immer das Gute, ohne sich mit den wahren Abgründen dieser Welt auseinandergesetzt zu haben. Doch dem entspricht kein erzählter Inhalt. Der handwerkliche Grund dafür sind die Ich-Perspektiven. Wenn die Protagonisten nichts Entsprechendes erleben, können sie nur Meinung machen. Dieser Meinung mangelt es allerdings an Gedanke und Überlegung.

Da gibt es weder Nachdenken über Taten und Moral, geschweige denn Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Ich erlebe also keine Entwicklung. Der Witwer trägt das Unmensch-Sein als Rachephantasie von Anfang in sich. Da braucht es nur den Startschuss und die unmenschlichen Handlungen gegenüber der gesamten Umwelt werden abgearbeitet. Ich finde das langweilig und vollkommen eindimensional gezeichnet. Also, was habe ich da übersehen?

Zur Besprechung vorgeschlagen habe ich übrigens Mariaschwarz von Heinrich Steinfest und Tiburn von Iain Levison. Später dazu mehr.