Manchmal entwickeln sich selbst kurze Texte wie der zum Konzert von Rainald Grebe und der Kapelle der Versöhnung in eine Richtung, die bei mir im Nachhinein eine leise Unzufriedenheit hinterlässt. Das Grebe-Programm ist thematisch vielfältiger als es dort den Anschein hat. In den Texten und Liedern geht es immer wieder auch direkt um politische Fragen oder um soziale und kulturelle Entwicklungen, zu denen wir uns verhalten müsssen. Grebes Unnachgiebigkeit gegenüber bequemen Gefühlslagen hat aber natürlich deshalb meine besondere Aufmerksamkeit, weil er bei mir da in Eingänge rennt, die nicht mal mehr Türen haben. Weil ich gerade in jenen Milieus, die sich von links der Mitte unserer Gesellschaft angenähert haben, immer wieder einer grundsätzlichen Selbstzufriedenheit begegne. Man hat sich früher für die richtige Seite entschieden und steht dort kraft dieser einstigen Entscheidung heute immer noch. Oft ist aber das, was als politische Haltung angesehen wird, nichts anderes als eine ästhetisch motivierte Distanzierung gegenüber jenen, die es ihrer Meinung nach einfach nicht drauf haben. Und deshalb begeistern mich besonders Grebe-Sätze wie „Wir wollten nie wie unsere Eltern werden und sind es ja auch nicht geworden./Unsere Eltern sind ja älter und ziemlich provinziell./Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen tuen die doch in den Müll.“
Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung
17. Dezember 2008Letzten Donnerstag in Düsseldorf im Zakk: Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung mit dem Programm „68″. Sehr gelungener Abend mit der Mischung aus Konzert und satirischem Zwischentext. Seit ein Freund mir im Frühjahr den Link zu „Single in Berlin“ geschickt hatte und ich danach für kurze Zeit der Grebe-Sucht verfiel, war klar, beim nächst möglichen Konzert sind wir dabei. Für alle, die „Single in Berlin“ nicht kennen, und weil Rainald Grebe auf seiner Seite selbst einen Link zu youtube gesetzt hat, gibt es hier auch den direkten Weg, um dort einen Eindruck von den drei Musikern zu bekommen. Live ist aber besser!
„68″ ist übrigens keineswegs zentrales Thema dieses Abends. Zwar steht am Anfang des Programms ein programmatisches Lied über die 68er, in dem Grebe die seit Jahren zu hörenden Schuldzuweisungen dieser Generation gegenüber satirisch verdichtet, doch im Verlauf des Programms nutzt Grebe 1968 eher als atmosphärische Kulisse, um sich an Momenten der Gegenwart zu reiben – vornehmlich an Lebensweisen von 30-40jährigen. Allerdings weist die Wirklichkeit, die in den Grebe-Texten aufscheint, über diese Generation hinaus. Sein altersgemischtes Publikum zeugt davon. Arbeitet sich Grebe doch am selbstzufriedenen Leben aller ab, die sich mit der Entscheidung für einen vorgeblich „bewussten“ Lebensstil auch politisch immer auf der richtigen Seite wähnen. Und das ist weniger ein Generationen- denn ein Milieuphänomen. Grebe kennt diese Milieus genau und hat ein Gespür für charakteristische Momente und Szenen dieser gegenwärtigen „Bionade-Biedermeier“-Wirklichkeiten. Mittels pointierter Figurensprache in seinen Texten stehen die Menschen dieser Wirklichkeiten für Augenblicke auf der Bühne. Nach so einem Lied redet Grebe einige Zeit, schimpft auf den Schlagzeuger und dessen spießiges Leben, lobt dagegen den Gitarristen mit seinen vielen Frauen als wahren Rocker und spielt mit gängigen Meinungen und Klischees zu erfülltem Leben. Grebe macht mit seiner Mischung aus Konzert und Rede gegen das Milieu, für das er spielt, tatsächlich zeitgemäßes Kabarett.
Verfasst von Ralf Koss
Verfasst von Ralf Koss