Wenn ich jetzt immer wieder über die Pläne des WAZ-Konzerns für dessen Zeitungsredaktionen im Ruhrgebiet lese, stellt sich fast augenblicklich die Erinnerung an meine erste Lektion „Unternehmerisches Kalkül im Journalismus“ ein, die ich Anfang der 90er Jahre während eines Praktikums in einer der Lokalredaktionen der WAZ erhalten habe. Lange vor dem öffentlichen Debattieren über eine „Generation Praktikum“ staunte ich damals über die Selbstverständlichkeit, mit der in dieser Lokalredaktion die Arbeit eines Redakteurs von einem freien Mitarbeiter übernommen wurde. Von einem freien Mitarbeiter wohlgemerkt, der sich mit dieser journalistischen Arbeit, nämlich der Produktion einer zweimal wöchentlich erscheinenden Seite des Lokalteils, erst die Chance auf die Ausbildung, das Volontariat, sichern wollte. Er wurde also durch die Übernahme dieser Arbeit über mehr als zwölf Monate hin genau der Journalist, zu dem er während des Konzernvolontariats erst ausgebildet werden sollte. Das nenne ich noch immer effiziente Lohnkostenminimierung. Ich habe den Weg dieses Journalisten nicht weiter verfolgt, aber inzwischen ist vielleicht auch er in Sorge um die Zukunft seines Lokalteils der WAZ. Die Kollegen vor Ort dokumentieren die Auseinandersetzung um die Zukunft der WAZ im Ruhrgebiet zum Teil sehr ausführlich. Wer sich für diesen Blick hinter die Kulissen des Tageszeitungsjournalismus interessiert, lese vor allem die ausführlichen Artikel im Pottblog und immer wieder auch bei den Ruhrbaronen.
Männertristesse mit leiser Hoffnung im Ruhrgebiet
2. März 2009Am Tag des Pokalspiels gegen Borussia Mönchengladbach steht Georg Brandner, der Trainer vom FC Schalke 04, unter Druck. Ohne Sieg wird seine Stellung im Verein immer unsicherer. Schon jetzt hat er das Gefühl, der Vorstand steht nicht mehr hinter ihm.
Wer jetzt überlegt, wann denn dieser Brandner Trainer in Schalke gewesen ist, sollte nicht in seinem Fußballgedächtnis kramen, sondern sich an die Filme junger Regisseure erinnern. Dann wird er vielleicht wissen, 2007 war Brandner der Schalke-Trainer – in „Autopiloten„, dem Debutfilm von Bastian Günther. Mit dem Film beginnt die „Renaissance Medien“ die DVD-Reihe „Neue Deutsche Filme„, in der ab diesem Monat regelmäßig die Werke junger deutscher Regisseure herausgegeben werden.
In „Autopiloten“ ist der von Walter Kreye gespielte Georg Brandner einer von vier Männern im mittleren Ruhrgebiet, von denen Bastian Günther in seinem Film erzählt, deren Leben sich zwar kaum berühren, die aber eins gemeinsam haben, wirklich gut geht es ihnen an dem einen Tag ihres geschilderten Lebens nicht. Bastian Günther verzichtet in „Autopiloten“ auf einen starken Plot, vielmehr wirkt es sehr alltagsnah, undramatisch und dokumentarisch, wie er die einzelnen Geschichten um die vier Männer miteinander verwebt. Deshalb aber auch hat der Film manchmal Längen, wenn man verstanden hat, wo die Männer in ihrem Leben stehen.
Die zwei älteren Männer, Brandner und ein von Manfred Zapatka gespielter ehemals erfolgreicher Schlagersänger, haben die beste Zeit ihres Lebens hinter sich und versuchen mit mürrischem Standhalten oder Selbstbetrug sich mit den neuen Gegebenheiten in ihrem Leben zurechtzufinden. Die Leben der beiden Männer mittleren Alters, ein von Wolfram Koch gespielter, frei arbeitender Videoreporter und ein von Charly Hübner gespielter Vertreter für Badewannenlifte wirken glück- und zuweilen sogar trostlos. Diese Trostlosigkeit durchzieht den ganzen Film. Dennoch hat er vor allem wegen des kämpferischen Naturells des Videoreporters nicht durchweg die Schwere, die man nun vermuten könnte. Als einziger der vier Männer übernimmt er wider allen ersten Anscheins Verantwortung in der Beziehung, die wirklich wichtig in seinem Leben ist, die zu seinem Sohn. Auch wenn sich alle vier Männer in unterschiedlicher Weise an den Wahrheiten ihres Lebens vorbeimogeln wollen, ist er derjenige, der trotz seines wenig erfolgreichen Lebens am ehesten bei sich ist und diese fortwährende Suche nach Sinn und Glück im Spannungsfeld zwischen Beruf und Privatheit am ehrlichsten bestreitet.
Bei den vier Figuren gelingt die Verbindung von differenzierter Ausgestaltung der Psyche und Blick auf die Lebenumstände nicht gleich gut. Vor allem die Szenen um den Profifußball als Brandners beruflichem Hintergrund wirken sehr holzschnittartig. Das liegt daran, dass die Figur Brandners im Gegensatz zu den anderen drei Figuren wenig erzählerischen Raum in ihren privaten Momenten erhält. So treten die Schwierigkeiten des Berufs in den Vordergrund und diese sind nun in der Kürze der Erzählung eher klischeeartige Versatzstücke aus dem Unterhaltungsgewerbe Fußball.
„Autopiloten“ wirkt aber nicht nur durch die Figurengeschichten. Bastian Günther greift zudem mit seinen Bildern stimmig Atmosphärisches des Ruhrgebiets auf. Dieses Atmosphärische – auch in den Figurengeschichten selbst – zeichnet den Film aus. Als Grundmotiv wirken dabei die die Region durchschneidenden Autobahnen und deren immer rauschender Verkehr. Ein Bild auch für den berührungslosen Alltag der Menschen, der einfach abläuft und dahin geht. „Autopiloten“ ist nach meinem Geschmack etwas zu lang geraten und mir manchmal in seiner Tristesse etwas zu aufdringlich. Dennoch ist Bastian Günthers Debut alles in allem gut gelungen und es lohnt, den Film anzusehen.
Autopiloten.
Regie: Bastian Günther
Darsteller: Walter Kreye, Manfred Zapatka, Charly Hübner, Wolfram Koch
DVD ab € 14,99
Wenn ein Geheimbund in Ruhrorts Gesellschaft Fuß fasst
3. Februar 2009Franz Haniel, den Ruhrorter Großspediteur und Industriemagnaten, nennt Carolina Kaufmeister Onkel Franz. Früher waren ihre Familien Nachbarn und die Väter haben gemeinsam Geschäfte gemacht. Kaufmeisters gehören 1854 zu Ruhrorts gehobenem Bürgertum. Nun deutet sich der Tod des Vaters an und Lina hat nicht vor, danach im Elternhaus weiter wohnen zu bleiben und ihrem Bruder Georg zusammen mit dessen Frau den Haushalt zu führen. Allerdings weiß sie auch, seine notwendige Erlaubnis, einen eigenen Hausstand zu gründen, wird sie nicht erhalten. An Heirat als mögliche Lösung ist auch nicht zu denken. Mit ihren 35 Jahren halten viele sie schon für eine alte Jungfer, zudem ist sie seit der Kindheit durch eine Versteifung der Hüfte stark gehbehindert.
Doch als sie auf der Chaussee nach Meiderich die Leichen zweier Kinder findet, treten für den Moment ihre Sorgen um die Zukunft in den Hintergrund. Offensichtlich sind die Kinder Opfer eines grausamen Verbrechens geworden, so dass der neue Commissar Robert Borghoff Ermittlungen aufnimmt. Bürgermeister Weinhagen aber möchte die aufstrebende Hafenstadt nicht in Verruf bringen und drängt darauf, keinesfalls das Ruhrorter Bürgertum in die Ermittlungen einzubeziehen. Investoren für Werksgründungen der Eisen- und Stahlindustrie könnten verschreckt werden. Dass es danach weitere Opfer gibt und ein paar Ruhrorter Bürger daran nicht unschuldig sind, versteht sich von selbst. Nur gut, dass Borghoff die Intelligenz von Lina Kaufmeister zu schätzen weiß und ihre Beobachtungen von den Zeremonien eines Geheimbunds ernst nimmt.
Das bislang nur im Fernseh-Krimi beliebte Duisburg-Ruhrort hat Silvia Kaffke in „Das rote Licht des Mondes“ zum Schauplatz eines beeindruckenden historischen Kriminalromans gemacht. Zugegeben, der Roman lebt weniger vom Kriminalfall als vom Schicksal der Hauptfigur Carolina Kaufmeister. Und mit seinem detaillierten und kenntnisreichen Blick auf die historische Wirklichkeit nähert sich der Roman dem populären historischen Sachbuch. Doch eine spannende und besondere Geschichte erzählt Silvia Kaffke allemal.
Wenn Silvia Kaffke ihren Roman per Perspektivwechsel zwischen Commissar und Lina Kaufmeister erzählt, richtet sie ihren Fokus fast immer auf das Leben einer allein stehenden Frau des Bürgertums und deren schwierigem Versuch, ein unabhängiges Leben zu führen. Dabei merkt man, hier erzählt auch jene Frau der Gegenwart, die die Hochzeit der Frauenbewegung Ende der 70er, Anfang der 80er selbst erlebt hat und die Erfahrungen dieser Zeit in einem historischen Stoff verarbeitet. Das wirkt nie aufgesetzt oder gar überholt, sondern findet durch den Stoff immer eine erzählerische Begründung.
Alleine bei den Morden samt ausgerissenen Herzen und deren inhaltliche Logik setzt Silvia Kaffke auf Schauereffekte, die auf mich wie Fremdkörper im realistischen Grundkonzept des Romans wirken und gegen deren trivialen Beigeschmack sie mit dem anspruchsvollen historischen Sittenbild gleichsam immerzu anschreibt. Ein einfacher Mord wäre als Anlass einer Ermittlung ausreichend gewesen. Schließlich erinnert das Vorgehen des Geheimbunds bedrohlich genug an das Wirken von Sekten und Mafia in der Gegenwart. Doch mindert dieser Makel die sonst überzeugende Klasse des Romans nur wenig.
Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes. Wunderlich, Reinbek 2008. 509 Seiten. € 19,90.
Verfasst von Ralf Koss
Verfasst von Ralf Koss
Verfasst von Ralf Koss