RuhrTriennale – Tine Kindermann & Iggy Pop

15. September 2009

„Century of Song“ heißt die Konzertreihe, in der während der RuhrTriennale der Song in allen Spielarten im Mittelpunkt steht. Der Song kann das Volkslied sein, er kann Weltmusik sein oder Rock, der seiner Zeit weit voraus war. Manchmal kann die Musik des Songs sogar tanzbar sein. Normalerweise ist das Publikum der RuhrTriennale das aber nicht gewöhnt. Im Sitzen wird zugehört und allenfalls etwas mitgewippt. Jedes Kulturereignis etabliert eben seine eigenen Regeln, die bei der RuhrTriennale mit den Ausnahmen von vereinzelt tanzenden Zuschauern nur bestätigt werden.

Nun war Iggy Pop zur Konzertreihe „Century of Song“ in den Duisburg Landschaftspark Nord eingeladen, und die Regeln wurden andere. Fans hatten sich die Karten gesichert. Sie füllten bald tanzend den Raum zwischen Sitzplätzen und Bühne, und zum Abschluss des Konzerts lud Iggy Pop sie zu sich nach oben auf die Bühne ein. Ein extatisch wogender Chor sang da den Refrain von „I wanna be your dog“ mit und tat es hin und wieder dem Vorsänger Iggy Pop gleich, der diesen Refrain auch auf deutsch singt. „Ich will dein Hund sein …!“ Es war ein großartiges Konzert von Iggy Pop. Es war ein Abend mit einem großen Künstler.

Man muss es den Duisburgern ja manchmal laut sagen, welche besonderen Ereignisse in ihrer Stadt geschehen. An diesem Samstagabend geschah im Landschaftspark Nord etwas, dessen Strahlkraft alleine durch den Auftritt von Tine Kindermann ein wenig getrübt wurde. Davon wird später noch die Rede sein, denn zunächst soll es darum gehen, wie ein Mensch, 62 Jahre alt, den Mut besitzt, sich mit seinem ganzen Sein auf die Bühne zu stellen und es wagt, jene mit der Musik verbundenen Bilder einer anderen Zeit in die Gegenwart mitzunehmen.

Den Abend hatte der Kurator der Reihe und Kopf der exzellenten Begleitband, der Gitarrist Marc Ribot, unter das Motto  „Love and Death“ gestellt. Da zelebrierte Iggy Pop also ausdrucksstark die Trauer mit französischen Chansons-Klassikern. Im stampfenden Rhythmus von Songs  aus Stooges-Zeiten und seinen Solo-Tagen waren Zorn und Lebenslust gleichermaßen zu spüren. Da kippte der Ausdruck dieser ursprünglichen Gefühle von Trauer, Zorn und Gewalt aber  immer wieder auch um. Traumhaft sicher bewegte sich Iggy Pop auf diesem schmalen Grat von Humor und Ironie, der die Tiefe des Gefühlsausdrucks in den Songs nie in Frage stellt. Er meinte es weiterhin ernst mit all diesen überwältigenden Gefühlen und wollte sie auf der Bühne ausleben, aber Zeit ist schließlich vergangen und ein wahrer Künstler entwickelt sich weiter.

Dieses „Love and Death“ wird auf der Bühne auch deshalb spürbar, weil so ein Konzert von Iggy Pop immer auch einen sehr körperlichen Ausdruck findet. Sowohl sein nackter Oberkörper als auch die wegen eines Hüftleidens verdrehten Bewegungen lassen ihn verletzlich erscheinen. Als Gegenpol dazu wirken die Energie seiner Bewegungen und die Härte von mancher alter Rocker-Geste. Iggy Pop liefert keine Show ab, sondern zeigt sich ganz und gar. Deshalb werden diese Rockergesten nicht zum Versatzstück billiger nostalgischer Erinnerung sondern verwandeln sich in lebendige Kunst. Was Iggy Pop auf der Bühne zeigt, heißt in der Bildenden Kunst Performance oder Aktionskunst und wird dort mit den Weihezeichen der Hochkultur versehen. Andererseits, wenn Iggy Pop im Rahmen der RuhrTriennale auftritt, ist er, was die Hochkultur angeht, auch schon ganz weit vorgedrungen. So anders ist ein Konzert von Iggy Pop als jene Unterhaltungsshows von Reunion-Acts für in die Jahre gekommene Fans, die in den 70er oder 80er Jahren einmal jung waren. Weil es so anders ist, sieht man an diesem Abend neben all den Fans früherer Tage auch junge Gesichter; Zuschauer, die noch nicht auf der Welt waren, als Iggy Pop schon längst solo  auftrat und die Geschichte der Stooges zum ersten Mal endete.

Zum Konzept der Reihe „Century of Song“ gehört es seit einigen Spielzeiten auch, unterschiedliche Künstler für den Abend zusammen zu bringen. Das missriet an diesem Abend ganz und gar. Nicht weil die von Tine Kindermann interpretierten deutschen Volkslieder im Kontrast zur Musik von Iggy Pop zu ungewohnt wirkten, sondern weil Tine Kindermann an das künstlerische Niveau von Iggy Pop mit Abstand nicht heran reichte.

Es mag ja sein, dass die in New York lebende Deutsche dort mit dem Exotenbonus des deutschen Volkslieds ihre Erfolge hat. In ihrem Heimatland  fällt dieser Exotenstatus fort. Da geht es alleine um den Moment des Auftritts und die künstlerische Qualität der Darbietung. Tine Kindermann hat eine durchschnittliche, wenig variationsreiche Stimme. Dennoch könnte so eine Stimme reichen, wenn Ausdruckskraft und Präsenz die Volkslieder mit Leben füllten. Wenn jemand aber mit der immer gleichen inneren Haltung vom Tod wie von der Liebe singt, können diese Lieder nicht berühren. Es scheint, als wäre der Sängerin der emotionale Zugang bei ihrer intellektuellen Beschäftigung mit den deutschen Wurzeln verschlossen geblieben. Bezeichnender Weise machte da ein jiddisches Lied eine Ausnahme.  Kannte Tine Kindermann die Komponistin dieses Liedes doch persönlich.


Wenigstens eine RuhrTriennale-Pressemitteilung

9. Juni 2009

Wenn ich zurzeit schon nicht hier zum Schreiben komme, soll wenigstens diese Pressemitteilung aus dem RuhrTriennale-Haus hier stehen. Weniger um ein Werk der RuhrTriennale zu rühmen als einmal mehr zu unterstreichen, was richtig ist:  „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ ist ein großes Kunstwerk.

Ruhrtriennale: Standing Ovations für Christoph Schlingensiefs Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir beim Holland Festival!

Mit der gestrigen Dernière von Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir endete das überaus erfolgreiche Gastspiel der Ruhrtriennale beim Holland Festival in Amsterdam! Die 5 ausverkauften Vorstellungen wurden mit stürmischem Applaus und Standing Ovations vom niederländischen Publikum gefeiert.

Auch die Presse resümierte: Eine Kirche der Angst ist ohne Zweifel ein gewaltiges, eindrucksvolles, authentisches „Total-Theater“. (Volkskrant)

Gezeigt wurde die Produktion der Ruhrtriennale 2008 in Amsterdam in der 1885 erbauten Westergasfabriek Zuiveringshal, einer Industriehalle, die nicht nur wie geschaffen für das szenische Konzept von Christoph Schlingensief und seinem Team ist, sondern auch die außergewöhnliche Atmosphäre der Duisburger Uraufführung heraufbeschwor.

Mit dem Gastspiel beim renommierten Holland Festival konnte die Ruhrtriennale als „Botschafterin“ erneut das kreative Potential der Region über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus repräsentieren.

Das Holland Festival 2009 findet noch bis zum 28.Juni statt. Weiter Informationen unter: www.hollandfestival.nl


RuhrTriennale 2009

2. März 2009

Lassen wir es mal dahin gestellt, ob „erst“ die Kunst „das Nicht-Benennbare, das Nicht-Erklärbare für den Menschen erlebbar“ macht, wie es in der ersten Pressemeldung zum RuhrTriennalen-Progammkonzept unter der neuen Intendanz von Willy Decker heißt. Festzuhalten ist, in den nächsten drei Jahren bildet das Religiöse die Perspektive für das künstlerische Programm der RuhrTriennale.

Unter der künstlerischen Leitung von Willy Decker erforscht die Ruhrtriennale in den kommenden drei Spielzeiten das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kreativität und dem Urmoment des Religiösen. In diesem Jahr richtet sich dabei ihr Blick auf den jüdischen Kulturkreis, 2010 auf die islamische und schließlich 2011 auf die buddhistische Kultur.

Die diesjährige Spielzeit beginnt am 15. August und endet am 11. Oktober. Der dazu gehörige Spielplan erscheint am 29. April. Einen Tag später beginnt der Vorverkauf.


RuhrTriennale – Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

4. Oktober 2008

Und wieder stellen sich die alten Fragen. Was soll diese Kunst bewirken? Heute hoffe ich, das Verstehen. Das Leid verstehen. Schaut euch „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ an und ihr werdet ergriffen. So ist das, wenn das Leid Alltag wird, aber so ist das auch, wenn dieses Unaussprechliche eine Form findet. Seht ihr das? Spürt ihr das? Das soll diese Kunst bewirken. Denn es war große Kunst! Und das war berührend.

Das wusste ich alles nicht, als ich die Karten bestellte. Ich wusste nicht, dass es darum gehen sollte. Um Christoph Schlingensiefs Leiden am Krebs. Um seine Versuche zu bewältigen. So zentral. Um das Entsetzen, um die Angst, um die Trauer, um die Empörung. „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. So nah war das der eigenen bewältigten Trauer, so nah war das der eigenen Angst. So nah. Und als ich es ahnte beim Überfliegen seiner Worte im SZ-Magazins an dem Freitag eine Woche zuvor, wurde mir mulmig.

Muss man das wissen, wenn ich schreibe? Um zu verstehen! Ja! Das ist alles, worum es geht bei jeder Bearbeitung von Leid. Ist das nicht die romantische Vorstellung von Kritik? Das Kunstwerk sich nachvollziehend aneignen und dabei zur Beschreibung eine eigene, neue Ausdrucksform finden? Also taste ich mich an das Werk von Christoph Schlingensief heran. Seht her, sagt er, das bin ich. Ich bin mein Mittel zur Kunst. Seht her, sage ich, ich komme mit Ängsten, wenn ich beschreibe und werte. Denn ich will das nicht wieder spüren, diese Angst von damals. Ich will sie nicht mehr. Das ist zwölf Jahre her. Ich habe überlebt. Ich hatte günstigere Prognosen als Christoph Schlingensief. Auf mein empfundenes Leid hatte das wenig Einfluss. Auf die Verarbeitung schon. Am Freitag vor einer Woche habe ich von Christoph Schlingensief etwas anderes in seinen Text-Montagen gehört. Nur die Angst machte ihn lebendig.  Ich hörte das, und ich wollte ihn trösten. Aber vielleicht erinnere ich das auch falsch.

Im Januar erfuhr Christoph Schlingensief von seinem Lungenkrebs, und einige der Momente aus der seitdem vergangenen Zeit macht er zum Material, um den Abend zu gestalten. Er schuf eine Montage aus allen Kunstformen. Filmausschnitte wurden ebenso eingespielt wie Interview-O-Töne. Kurze Schauspielszenen reihten sich an arienhaften Gesang und die O-Töne wurden wiederum von Schauspielerinnen erneut rezitiert. Schließlich wandelt sich der schon zu Beginn als Kirchenschiff wahrnehmbare Raum endgültig auch im Bühnenbereich zur Kirche. Eine Messe nahm Formen an. Fürbitten wurden parodiert und Christoph Schlingensief selbst agierte als Priester, der die Wandlung vornahm. War da Rettung zu finden? Nach einer Woche erinner ich fast nur noch die Gefühle. Und die wurden von da an tatsächlich aufgehoben in der Form der Feier. Trotz der Parodie entfaltete die Liturgie ihre Kraft. Als Kind der 60er bin ich noch den sonntäglichen Kirchgang gewöhnt, nicht ganz so regelmäßig wie es Schlingensief erlebte und vor allen Dingen anscheinend weniger mächtig für die Ausrichtung meines Denkens. Und dennoch entfaltet diese Zeremonie ihre Kraft und lindert die empfundene Schwere des Anfangs. Es gibt keine Hoffnung, aber es gibt ein wenig Erleichterung.

Leiden ist sprachlos und macht sprachlos. Jedes Wort über Leid rückt es gleichzeitig in die Ferne. Christoph Schlingensief hat das Leiden dennoch kommuniziert. Indem er sein Innerstes entblößte, hat er seiner Kunst das Material gegeben, um zu wirken. Er hat dem Kunsterlebnis Leid nicht seinen Stachel genommen. Denn die große Chance des Künstlers ist gleichzeitig seine Krux. Die Ästhetisierung von Erfahrungen verleiht diesen Erfahrungen eine Wahrhaftigkeit zweiter Ordnung. Zwar wird Leid so überhaupt erst vermittelbar, aber gleichzeitig wird das Leid dadurch auch harmloser – goutierbar. Christoph Schlingensief ist es gelungen, dieser Harmlosigkeit zu entgehen.

Der Abend beginnt mit einem verfremdeten Filmausschnitt. Verzweifelt fleht Christoph Schlingensief im Krankenbett, er wolle nicht mehr berührt werden. Aber es ist eben nicht die realistische Abbildung seines Leides. Er zielt nicht auf rationales Verstehen, wissend, dass das niemals eine Möglichkeit ist den anderen mit der eigenen Wahrhaftigkeit zu erreichen und ein Mitleiden zu ermöglichen. Dazu benötigen wir Effekte und Umwege der Gestaltung. Nur so wird diese Erfahung nachfühlbar. Und in der Gemeinschaft des Verstehens ermöglicht es das Aufgehobensein. Nur das Aufgehobensein in der Begegnung schafft einen Sinn, den die Kirche Christoph Schlingensief nicht mehr geben kann. Noch nicht? Er feiert eine eigene Messe und macht sein Leiden zur großen Kunst.


RuhrTriennale – Meshell Ndegeocello & Allen Toussaint

22. September 2008

Von Beginn an gehörte zur RuhrTriennale die Konzertreihe „Century of Song“. Wechselnde Kuratoren präsentieren in diesem Rahmen über die Jahre Künstler, die aus ihrer Sicht für den „Popular Song“ wichtig waren oder sind. Große Namen waren dabei, doch immer wieder gab es auch in Deutschland eher unbekannte Künstler zu sehen. Am letzten Wochenende nun brachte der diesjährige Kurator Joe Henry die Sängerin und Bassistin Meshell Ndegeocello und den erst in den letzten Jahren häufiger als Interpret eigener Songs auftretenden Allen Toussaint für ein Konzert in der Essener Lichtburg zusammen. Samstag war ich in Essen, und auch wenn Toussaint als Pianist, Songwriter und Produzent vor allem unter Musikern legendär ist, für mich war Meshell Ndegecello an dem Abend der eigentliche Star. Ich hatte noch nichts von ihr gehört und schon nach wenigen Minuten war erkennbar, hier offenbart sich jemand ganz im Vertrauen auf die Kraft von und den Schutz durch künstlerische Wahrheit. Mit ihrem Auftritt gewährte Ndegeocello den Blick in ihr Innerstes. Und damit meine ich nicht die Verwandlung von Biografie in Text oder Musik. Es geht nicht um Nabelschau. Vielmehr geht es um um das Erkennen von etwas Verletzlichem, das den Kern ihrer künstlerischen Wahrheit ausmacht.

Ihre Stücke waren von sehr unterschiedlichen Stilen geprägt. Lyrisch wirkende Songs wechselten ab mit Liedern, die von funkigen Bassläufen dominiert wurden. Manchmal war es mehr soulig, manchmal hörte man die Jazzwurzeln. Ihre dunkle Stimme macht Trauer und lautes Glück ebenso spürbar wie die leisen Momente von Melancholie und stiller Freude. Da steckt in dem einen Song das Weinen und kurze Zeit später scheint der Saal vom Jauchzen erfüllt. Es war ein großartiger Abend. Und dass ich hier nicht mehr über Allen Toussaint schreibe, heißt nicht, dass dieser Teil des Konzerts schlecht gewesen ist. Auch Toussaint brachte ein breit angelegtes Spektrum seiner Songs zur Vorstellung. Ihn hat das Publikum gefeiert. Außerdem erwies er sich als charmanter Botschafter des Mardi Gras, des Karnevals in New Orleans, als er einige Masken dem Publikum als Präsente überreichte. Doch neben meiner Begeisterung für Ndegeocello blieb nicht mehr viel Raum für die Songs des weiteren Abends.


RuhrTriennale – Spurensuche Rap

4. September 2008

„Duisburg, Landschaftspark Nord, gestern Abend. Ein Konzert im Rahmen der RuhrTriennale: Spurensuche Rap. Doch weder das traditionelle RuhrTriennale Publikum – wie leicht lässt sich Tradition in dem Zusammenhang schon schreiben, auch ein Erfolg des Festivals – also weder mittleres Alter aufwärts, noch das von den Rappern gewohnte jugendliche Publikum kam in großer Zahl nach Duisburg und so war die Gebläsehalle nur etwa zu einem Drittel gefüllt. Alle, die nicht da waren, selber schuld, sage ich da. Denn sie haben ein tolles Konzert verpasst…“

So ähnlich habe ich das nach dem Konzert am letzten Freitag gepostet. Nun habe ich es versehentlich gelöscht. Die alt bekannten Kinderkrankheiten im Umgang mit dem neuen System. Ich will das Ganze jetzt hier nicht noch einmal schreiben. Aber die Künstler haben es verdient noch einmal erwähnt zu werden, sei es Adé Bantu – intensiv und energiereich Afrobeat meets Rap, sei es Mariama, akustische Gitarre, eine beeindruckende Stimme und zwei swingende Songs, seien es die deutschen Hiphop-Legenden Torch und Toni L, die pointierte Zeitkritik rappen und auf der Bühne Party machen wollen.

Also, ich weiß jetzt, was ich in Zukunft nicht mehr mache und überlege, die Datenbank doch auf dem eigenen PC zu verwalten. Aber da stehen noch so viele Fragen vor…


RuhrTriennale – Spurensuche Oriental-Okzidental

4. September 2008

Von einem zweiten Abend der RuhrTriennale gilt es noch zu erzählen. Letzten Samstag, noch einmal Duisburg, noch einmal Landschaftspark Nord, Gebläsehalle. Dieses Mal heißt es Spurensuche Oriental-Okzidental. Es ist das dritte Konzert der kleinen Reihe, für die Mike Herting Musiker zusammengebracht hat und deren Auftakt ich am Donnerstag gesehen habe. Das zweite Konzert habe ich nicht besuchen können. Leider. Denn auch dieses dritte Konzert in seiner ganzen Besondernheit lässt vermuten, dass die Spurensuche Vocal ebenfalls ein einzigartiges Konzert gewesen sein könnte.

Ob das Geschehen auf der Bühne einem etwas sagen kann oder nicht, wird manchmal sehr schnell klar. So am Samstag, als ich dort im Zuschauerraum sitzend, nicht wusste, was mich erwartet. Sicher, da war der Auftritt von Charlie Mariano angekündigt. Im November wird er 85. Ihn kannte ich aus dem Jazz, aber sonst hieß es für mich, die eigene beschränkte Oriental-Music-Erfahrung erweitern. Und wenn dann vier Musiker beginnen und mich sofort vergessen lassen, welch nervtötende Viertelstunde ich gerade verbracht habe, weiß ich, das wird ein guter Abend.

Das mit der Viertelstunde muss natürlich noch erklärt werden. Was im übrigen ein großer Vorteil des Blogs gegenüber der Kulturberichterstattung in den traditionellen Medien ist, bei der die profanen Momente des Kunsterlebens ja eher wenig Beachtung finden. Hier aber kann jegliche in den Himmel des Überzeitlichen und Überpersönlichen entschwebende Kunst immer sofort auf den Boden des Alltags zurückgeholt werden, und zu diesem Alltag gehörte am Samstag nun mal auch ein überlauter, Monologe haltender Mann eine Stuhlreihe hinter mir, dessen selbstgefälliges Gerede allen zufällig in seiner Hörweite sitzenden Konzertbesuchern das Leben schwer und deren eigene Gespräche in normaler Lautstärke unmöglich machte. Auch eine Art Konsumverzicht: Ganz ohne Handy die Umwelt akustisch terrorisieren. Aber wenn der Beginn des Konzerts so einen Menschen augenblicklich vergessen macht, fängt es schon mal wunderbar an.

So begann der Abend mit der Begegnung von mittelalterlichen Klängen und irakischer Musiktradition. Norbert Rodenkirchen (Traversflöte) und Albrecht Maurer (gotische Geige) entwickelten zusammen mit den in Köln lebenden irakischen Musikern Saad Thamir (Gesang, Darbouka, Daf, Riq) und Bassem Hawar (Djoze) mehrere Stücke, in denen die Stile erkennbar bleiben sollten. Von ferne klangen da die Debatten um Zuwanderung und Identät an, und die Musik gab in diesem Fall ein Beispiel für einen möglichen Umgang mit Fragen, die tief in die Persönlichkeit führen. Das ist keine überhöhte Deutung dieses Teils des Konzerts. Albrecht Maurer selbst stimmte mit seiner Erklärung zu den Stücken dieses Thema an, denn tatsächlich ergab sich ja etwas eigenes Neues, das gerade wegen – aus der anderen beliebten Position der Zuwanderungsdebatte heraus könnte jemand sagen, trotz – der Herangehensweise der Musiker eine Einheit wurde. Die Stücke wirkten eben weder versatzstückartig zusammengesetzt, noch ergab sich der Eindruck eines beliebigen Multikulti-Einheitsbreis. Die beiden Musiktraditionen traten in einen Dialog. In diesem Dialog gab es natürlich das gemeinsame Spiel von allen vier Musikern, genauso spielten Rodenkirchen, Maurer und Thamir, Hawar aber jeweils alleine und antworteten gleichsam auf das Spiel der jeweils anderen zwei. Beides klang manchmal in meinen Ohren fremd und überraschte zuweilen ob der Klangnähe der unterschiedlichen Stile. Virtuos waren die Musiker allemal auf ihren Instrumenten.

Ein etwas anderes Modell einer musikalischen Begegnung brachten der afghanische Musiker Daud Khan (Robab und Sarod) mitsamt Begleitung von Sohn Dorran Ahmad Sadozai (Robab), Yama Karim (Tabla) und eines blinden Musikers, dessen Name ich jetzt nicht mehr herausfinde, zusammen mit dem auch in der WDR-Bigband spielenden Gitarristen Paul Shigihara zum Auftritt. Hier prägte die afghanische Tradition die Musik, in die Shigiharas Spiel hinein floss. Eigenständig war sie kaum wahrnehmbar, was nicht wertend gemeint ist. Die Musik selbst klang aber auch weniger fremd als beim Auftritt vorher. Vorantreibende, eingängige Melodien zeigten, dass ein Teil dieser Musikwelt längst in Hörgewohnheiten ihren Platz findet – und das ohne bewusste Auseinandersetzung von mir mit ihr.

Mitreißend das folgende fünfköpfige Percussionensebleme: Geprägt von dem marokkanischen Musiker Rhani Krija, dem ivorischen Balafonspieler Ali Keita und dem indischen Trommler Ramesh Shotham machten die Fünf aus Rhythmus Melodie. Das ging in den Körper und ließ nicht still sitzen, während das Balafon mit seinem melodiösem Charakter dem Ohr eine liedhafte Orientierung gab. Auch diese Musiker fühlten sich neben der Musik einer übergeordneten Idee verpflichtet. Rhani Krija appelierte ans Publikum im Leben nicht das Trennende beim Gegenüber zu suchen sondern immer das Verbindende. So hätten es die unterschiedlichen Musiker, die sich bei diesem Konzert zum ersten Mal begegneten, auch machen müssen. Musik zwinge dazu, das Gemeinsame zu finden. Ansonsten funktioniere so ein Auftritt nicht. So sollte man das doch auch bei der Begegnung mit dem Fremden im Supermarkt halten. Ein wenig nervt der Skeptiker in mir dann schon, der sich sofort meldet und kommentiert: Das gemeinsame Ziel, das muss aber schon da sein, und das ist doch meist ein Problem. Musik brachte diesen Nörgler in mir zum Verstummen.

Klassische Jazzklänge waren dann zum Abschluss durch das Trio Charlie Mariano, Mike Herting und Paul Shigihara zu hören. Erst als nach und nach die Hauptmusiker der anderen Sets mit ihren Instrumenten auf die Bühne kamen, färbte sich die Musik wieder orientalisch, wenn auch das Stück selbst fest verwurzelt in der westlichen Musiktradition blieb. Dieses große Orchester schließlich erinnerte noch einmal an die grundlegende Idee dieser Reihe. Welche aus der Fremde kommende musikalische Vielfalt gibt es in NRW, und wie begegnen diese musikalischen Traditionen denen der neuen Heimat? Die Spurensuche war die RuhrTriennale, wie ich sie kenne: Sich überraschen lassen und einzigartige Momente großer Kunst erleben.