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12. September 2008 / Ralf Koss

Blind für die Qualitäten des „besten Krimiautors Italiens“?

Neulich überlegten ein Redakteur meines Vertrauens und ich, welche der Krimineuerscheinungen des Herbstes eine Rezension lohne. Der wenige Platz für Besprechungen sollte doch empfehlenswerten Romanen vorbehalten sein. Ein paar Autoren zur Auswahl nannte er selbst, zu ihnen gehörte Massimo Carlotto. Dessen letzter in Deutschland erschienener Roman hatte begeisternde Kritiken gefunden. Allerdings gab es auch fundierte Gegenstimmen. Nun muss man wissen, Carlotto erscheint bei Klett-Cotta, unter dem Imprint Tropen, einst unabhängiger Vorzeige-Kleinverlag, der für den deutschen Buchmarkt junge, anspruchsvolle ausländische Literatur entdeckte und Jonathan Lethem etablierte.  Demnach, so verstehe ich, steht die Marke Tropen für  Literatur mit Gegenwartsbezug und Anspruch.

Damit zu Massimo Carlotto. Auch wenn ich den vorherigen Roman nicht gelesen habe –  ich machte mich an die Lektüre von “Die dunkle Unermesslichkeit des Todes”, dem jüngst übersetzten Roman des – laut Klappentextzitat von “Il Manifesto” –  “besten Krimiautoren Italiens”. Und je länger ich las, desto drängender stellte sich mir die Frage, was macht dieser Roman in einem solchen verlegerischen Umfeld und wie kam es zu dem Klappentextzitat? Die anderen Romane? Solange ich diesen Krimimarkt beobachte, habe ich noch nie so wenig verstehen können, was andere in dem Buch entdecken. Mir kam das vor, als sei für GZSZ auf arte ein Sendeplatz gefunden worden. Bislang konnte ich immer zumindest nachvollziehen, warum ein Autor in eine bestimmte Schublade gesteckt wird, auch wenn ich selbst dieser Meinung nicht war. Was habe ich da übersehen?

Carlotto erzählt von einem Mörder und seinem mittelbaren Opfer. Der Mörder hatte nach einem Raubüberfall eine unbeteiligte Frau und deren kleinen Sohn umgebracht. Fünfzehn Jahre nach der Tat reicht der zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder, krebskrank geworden, ein Begnadigungsersuch ein. Um seine Sache voranzubringen bittet er den Witwer um Zustimmung. Die Tat hatte den Witwer völlig aus der Bahn geworfen. Einst erfolgreicher Vertreter für Weine arbeitet er nun als Schnellschuster und seine Tage vergehen in dumpfer Gefühllosigkeit. So abgestumpft musste er werden, um das Leben trotz seiner tiefen, andauernden Trauer weiterleben zu können.

So weit die Grundkonstellation. Der Witwer lehnt die Zustimmung zunächst ab, und dann kommt ihm der Gedanke, dass sich ihm die Gelegenheit zur Rache böte. Doch obwohl Carlotto aus der Innensicht seiner zwei Protagonisten erzählt, erfahre ich so gut wie nichts über das eigentliche Geschehen hinaus. Carlotto verschenkt die Ich-Perspektiven und übrig bleibt ein Gewaltszenario, das mir erzählt, auch ein bemitleidenswertes Opfer kann ein Unmensch sein. Sei es drum, manchmal reichen auch solche Geschichte, doch die sind dann zumindest spannend. Doch das Ganze läuft völlig vorhersehbar ab. Das einzige, was entsteht, ist ein bedeutungsvolles Geraune nach dem Motto, die bürgerliche Gesellschaft weiß aus der Sicherheit ihrer behaglichen Besitztümer heraus nichts über das wirkliche Leben. Alle wollen immer das Gute, ohne sich mit den wahren Abgründen dieser Welt auseinandergesetzt zu haben. Doch dem entspricht kein erzählter Inhalt. Der handwerkliche Grund dafür sind die Ich-Perspektiven. Wenn die Protagonisten nichts Entsprechendes erleben, können sie nur Meinung machen. Dieser Meinung mangelt es allerdings an Gedanke und Überlegung.

Da gibt es weder Nachdenken über Taten und Moral, geschweige denn Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Ich erlebe also keine Entwicklung. Der Witwer trägt das Unmensch-Sein als Rachephantasie von Anfang in sich. Da braucht es nur den Startschuss und die unmenschlichen Handlungen gegenüber der gesamten Umwelt werden abgearbeitet. Ich finde das langweilig und vollkommen eindimensional gezeichnet. Also, was habe ich da übersehen?

Zur Besprechung vorgeschlagen habe ich übrigens Mariaschwarz von Heinrich Steinfest und Tiburn von Iain Levison. Später dazu mehr.

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