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4. Oktober 2008 / Ralf Koss

RuhrTriennale – Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

Und wieder stellen sich die alten Fragen. Was soll diese Kunst bewirken? Heute hoffe ich, das Verstehen. Das Leid verstehen. Schaut euch „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ an und ihr werdet ergriffen. So ist das, wenn das Leid Alltag wird, aber so ist das auch, wenn dieses Unaussprechliche eine Form findet. Seht ihr das? Spürt ihr das? Das soll diese Kunst bewirken. Denn es war große Kunst! Und das war berührend.

Das wusste ich alles nicht, als ich die Karten bestellte. Ich wusste nicht, dass es darum gehen sollte. Um Christoph Schlingensiefs Leiden am Krebs. Um seine Versuche zu bewältigen. So zentral. Um das Entsetzen, um die Angst, um die Trauer, um die Empörung. „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. So nah war das der eigenen bewältigten Trauer, so nah war das der eigenen Angst. So nah. Und als ich es ahnte beim Überfliegen seiner Worte im SZ-Magazins an dem Freitag eine Woche zuvor, wurde mir mulmig.

Muss man das wissen, wenn ich schreibe? Um zu verstehen! Ja! Das ist alles, worum es geht bei jeder Bearbeitung von Leid. Ist das nicht die romantische Vorstellung von Kritik? Das Kunstwerk sich nachvollziehend aneignen und dabei zur Beschreibung eine eigene, neue Ausdrucksform finden? Also taste ich mich an das Werk von Christoph Schlingensief heran. Seht her, sagt er, das bin ich. Ich bin mein Mittel zur Kunst. Seht her, sage ich, ich komme mit Ängsten, wenn ich beschreibe und werte. Denn ich will das nicht wieder spüren, diese Angst von damals. Ich will sie nicht mehr. Das ist zwölf Jahre her. Ich habe überlebt. Ich hatte günstigere Prognosen als Christoph Schlingensief. Auf mein empfundenes Leid hatte das wenig Einfluss. Auf die Verarbeitung schon. Am Freitag vor einer Woche habe ich von Christoph Schlingensief etwas anderes in seinen Text-Montagen gehört. Nur die Angst machte ihn lebendig.  Ich hörte das, und ich wollte ihn trösten. Aber vielleicht erinnere ich das auch falsch.

Im Januar erfuhr Christoph Schlingensief von seinem Lungenkrebs, und einige der Momente aus der seitdem vergangenen Zeit macht er zum Material, um den Abend zu gestalten. Er schuf eine Montage aus allen Kunstformen. Filmausschnitte wurden ebenso eingespielt wie Interview-O-Töne. Kurze Schauspielszenen reihten sich an arienhaften Gesang und die O-Töne wurden wiederum von Schauspielerinnen erneut rezitiert. Schließlich wandelt sich der schon zu Beginn als Kirchenschiff wahrnehmbare Raum endgültig auch im Bühnenbereich zur Kirche. Eine Messe nahm Formen an. Fürbitten wurden parodiert und Christoph Schlingensief selbst agierte als Priester, der die Wandlung vornahm. War da Rettung zu finden? Nach einer Woche erinner ich fast nur noch die Gefühle. Und die wurden von da an tatsächlich aufgehoben in der Form der Feier. Trotz der Parodie entfaltete die Liturgie ihre Kraft. Als Kind der 60er bin ich noch den sonntäglichen Kirchgang gewöhnt, nicht ganz so regelmäßig wie es Schlingensief erlebte und vor allen Dingen anscheinend weniger mächtig für die Ausrichtung meines Denkens. Und dennoch entfaltet diese Zeremonie ihre Kraft und lindert die empfundene Schwere des Anfangs. Es gibt keine Hoffnung, aber es gibt ein wenig Erleichterung.

Leiden ist sprachlos und macht sprachlos. Jedes Wort über Leid rückt es gleichzeitig in die Ferne. Christoph Schlingensief hat das Leiden dennoch kommuniziert. Indem er sein Innerstes entblößte, hat er seiner Kunst das Material gegeben, um zu wirken. Er hat dem Kunsterlebnis Leid nicht seinen Stachel genommen. Denn die große Chance des Künstlers ist gleichzeitig seine Krux. Die Ästhetisierung von Erfahrungen verleiht diesen Erfahrungen eine Wahrhaftigkeit zweiter Ordnung. Zwar wird Leid so überhaupt erst vermittelbar, aber gleichzeitig wird das Leid dadurch auch harmloser – goutierbar. Christoph Schlingensief ist es gelungen, dieser Harmlosigkeit zu entgehen.

Der Abend beginnt mit einem verfremdeten Filmausschnitt. Verzweifelt fleht Christoph Schlingensief im Krankenbett, er wolle nicht mehr berührt werden. Aber es ist eben nicht die realistische Abbildung seines Leides. Er zielt nicht auf rationales Verstehen, wissend, dass das niemals eine Möglichkeit ist den anderen mit der eigenen Wahrhaftigkeit zu erreichen und ein Mitleiden zu ermöglichen. Dazu benötigen wir Effekte und Umwege der Gestaltung. Nur so wird diese Erfahung nachfühlbar. Und in der Gemeinschaft des Verstehens ermöglicht es das Aufgehobensein. Nur das Aufgehobensein in der Begegnung schafft einen Sinn, den die Kirche Christoph Schlingensief nicht mehr geben kann. Noch nicht? Er feiert eine eigene Messe und macht sein Leiden zur großen Kunst.

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