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12. November 2008 / Ralf Koss

Schräge Wirklichkeit im Krimi – Mariaschwarz von Heinrich Steinfest

Als die noch zu lesenden Seiten von Heinrich Steinfests „Mariaschwarz“ immer weniger wurden, beschlich mich allmählich dieses bewundernde Erstaunen, das häufig auch Zaubervorführungen gilt. Dort erwartet man ja, dass das ein oder andere verschwindet und irgendwo anders wieder auftaucht und ist doch immer wieder auch verblüfft, wenn die Illusion so perfekt funktioniert. Mit „Mariaschwarz“ verhält es sich ähnlich. Von Anfang an wird Heinrich Steinfests sehr eigene Art zu erzählen deutlich. Man bemerkt den besonderen Stil, den sehr speziellen Blick auf die Realität oder denkt kurz über Weisheiten des Erzählers nach. Gleichzeitig verwandelt sich das Erzählte in eine wendungsreiche, rätselhafte Kriminalgeschichte. Mir fällt zurzeit kein Autor ein, der die Regeln des Genres mit Mitteln bestätigt, die ihm, wenn man sie näher betrachtet, ständig zuwider laufen. Das ist neben allem Lesegenuss ein beeindruckendes Kunststück.

Den Inhalt der Geschichte wiederzugeben ist deshalb weniger bedeutsam, zumal im nackten Handlungsgerüst manch surrealer Moment des Romans mancheinen vielleicht in die Irre führt und er der versprochenen Kriminalgeschichte misstraut. Deshalb sei hier ausdrücklich betont, in „Mariaschwarz“ erfährt man trotz aller fantastischen Volten der Geschichte auf jeder Seite vom wirklichen Leben, ganz so wie es ein realitätshungriger Leser des ambitionierten Kriminalromans meist wünscht. So kann man zu Beginn der Geschichte die Einheimischen in Hiltroff, dem in der österreichischen Karstlandschaft abseits gelegenen Dorf, verstehen, wenn sie sich wundern, dass der leicht heruntergekommen wirkende Vinzent Olander seit nunmehr drei Jahren in einem Hotel des Ortes wohnt und sich Tag für Tag, auf immer gleiche Weise sittsam einen Rausch trinkt. Erst nachdem der Wirt des Hotels Olander das Leben gerettet hat, erfährt zumindest er den Grund für dessen Aufenthalt. In das Dorf führt die letzte Spur der in Mailand entführten Tochter Olanders. Deshalb ist er dort und hofft immer noch, ihr wieder zu begegnen.

Mit der Ruhe in Hiltroff ist es zudem auch aus anderen Gründen vorbei. Im nahe gelegenen Mariensee, mythenumwoben und wegen seiner dunklen Tiefe auch Mariaschwarz genannt, wird etwas gesichtet, was an ein urtümliches Lebewesen erinnert. Doch die vom Medienhype begleitete Suche per U-Boot bringt statt des Wesens ein menschliches Skelett ans Ufer, so dass der Wiener Chefinspektor Lukastik bald zwischen Hiltroff, Mailand und Wien unterwegs ist, um einen verborgenen Zusammenhang zu Olanders Geschichte zu enthüllen. Von da an richtet der Erzähler seinen Fokus nur noch mittelbar auf Olander, nämlich im Spiegel der Ermittlungen Lukastiks, der in das Zentrum des Romans rückt.

Man kennt die Romane des 1961 in Australien geborenen, in Österreich aufgewachsenen und heute in Stuttgart lebenden Heinrich Steinfest als komplex angelegte und zuweilen fantastisch anmutende Geschichten, in denen die Figuren einen sehr eigenen Blick auf die Welt haben und in ungewöhnlichen sozialen Nischen unserer Gegenwart zu Hause sind. Ihre Ausgestaltung besitzt zudem manchmal sehr literarische Wurzeln, wenn sie wie der Polizist Lukastik der strengen Logik Wittgensteins abgeschworen haben. Dennoch darf man die Romane von Heinrich Steinfest nicht als literarische Spielerei missverstehen. Er nimmt das Genre als in der Wirklichkeit verankerte Literatur ernst. Nicht zuletzt verdeutlicht das ein sehr eigenständiger Erzähler der Romane mit seinem lebenspraktischen Wissen, ein Erzähler, wie es ihn in dieser Form im Krimigenre nur selten gibt. Dieser Erzähler ist kein neutraler Chronist der Ereignisse, er hat seine eigene Meinung, bewertet das Handeln der Figuren und stellt während der wendungsreichen Geschichte seine tiefsinnigen bis skurrilen Überlegungen an. So philosophiert er etwa über die perfekte Beziehung, die er zwischen einem Wirt und seinem Gast als gegeben ansieht. Oder er bemängelt mit schwarzem Humor das nicht vorhandene ganzheitliche Denken von Frauen nach Schönheitsoperationen. Wer sich eine Brust vergrößern lasse, müsse danach auch insgesamt ein wenig zunehmen. Und das Wesen des Journalismus scheint ihm etwa darin zu bestehen, „Dinge nicht sagen zu können. Das aber mit Worten.“

„Mariaschwarz“ lebt von der Sprache, dem ungewöhnlichen Blick auf die gegenwärtige Welt und dem Wissen Heinrich Steinfests um die handwerklichen Grundlagen von Kriminalliteratur. So gelingt ihm großartige Literatur, und auf jeden Fall, ja, „Mariaschwarz“ ist auch ein Kriminalroman.

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. Piper Verlag, München 2008. 316 Seiten. 16,90 €

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