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19. November 2008 / Ralf Koss

Wie im Jugendzentrum Zitrone ein Heine-Gedicht neu erfunden wurde

An einem Tag wie heute, an dem die Zeitungen voll sind von Berichten zur neuesten Pisa-Studie, merke ich, wieviel mir zum Thema Bildung durch den Kopf geht, wenn ich etwas aus dem Duisburger Jugendzentrum Zitrone erzählen möchte und von meiner Arbeit mit Kinder und Jugendlichen an der „Zitronenpresse“, einer Zeitung von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche. Ging es bei dem Zeitungsprojekt in Obermarxloh doch von Anfang an nicht nur darum, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich weiter mit grundlegenden Anforderungen und Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung und -produktion vertraut zu machen. Es sollte auch darum gehen, dass sie Kultur in ihren künstlerischen Momenten als eine Bereicherung für ihr Leben erfahren können. Was nicht selbstverständlich ist in einem Stadtteil, in dem viele Kinder wie häufig im nördlichen Ruhrgebiet unter schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen aufwachsen. Während der regelmäßigen Begegnungen mit den Jugendlichen hat sich dieser Anspruch an Kulturvermittlung immer mehr verändert. Auf all das werde ich vielleicht noch einmal an anderer Stelle zurückkommen.

Heute geht es mir um eine Momentaufnahme aus diesem Projekt, einem Moment, in dem die Kulturvermittlung mit den Möglichkeiten der Jugendlichen und ihren Erfahrungen im Alltag auf wunderbare Weise zusammentrafen. Man weiß es ja, aber nicht oft hat sich mir bislang auf solch überraschende und berührende Weise gezeigt, dass wichtige Gefühle der Menschen und die damit verbundenen Probleme sich in den letzten zwei Jahrhunderten nicht viel verändert haben. Wir saßen also im Keller des Jugendzentrums in fast bekannter Runde: Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren, ein Mädchen aber war neu dabei. Wir brauchten weitere Themen für die nächste Ausgabe der „Zitronenpresse“. Ich fragte dieses Mädchen deshalb, ob sie vielleicht über etwas schreiben wollte, was sie interessierte. Für die anderen Jugendlichen war sofort klar, was sie besonders interessierte. Sie war verliebt. Gekicher, Witzeleien und kleinere Anzüglichkeiten zum Thema Liebe schwirrten sofort durch den Raum. Ich versuchte das aufzugreifen. Warum nicht etwas über Liebe schreiben? Davor aber schreckte das Mädchen erst einmal zurück. Und mit den anderen Mädchen zusammen? Noch einmal verlegenes Gekicher, und während ich Mut machen wollte, platzte ein Junge heraus, das sei doch ganz einfach, was über Liebe zu schreiben. Das ginge so:

V. sagt: „Liebe ist S.“

S. sagt: „Liebe ist A.“

A. sagt: „Liebe ist J.“

J. sagt: „Liebe ist M.“

M. sagt: „Liebe ist N.“

N. sagt: „Liebe ist Hü.“

Ich hörte seine Worte und war begeistert. Wir hatten  unseren ersten Text über Liebe. Was er als Witz gemeint hatte, nahm ich ernst und damit war der Bann gebrochen. Die Mädchen trauten sich nun auch, darüber zu schreiben, was für sie Liebe bedeutete. Und ich hatte während der ganzen Zeit Heinrich Heine im Kopf, auf den ich später noch kommen würde. Denn Maurice, so hieß der Junge, hatte eines der bekanntesten Gedichte Heinrich Heines im Ansatz neu erfunden.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen anderen erwählt
Der andere liebt eine andre
und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger,
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Wenn ich in Zukunft einmal mit jemanden über Kulturvermittlung sprechen sollte, ein ideales Beispiel habe ich nun immer parat. Planbar ist so etwas allerdings nicht.

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