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3. Dezember 2008 / Ralf Koss

Was „Voetbal total“, Deichbau und abstrakte Kunst verbindet

Anscheinend wird der Fußball als beachtenswertes Kulturereignis doch noch nicht so ernst genommen im seriösen Feuilleton, wie es seine in den letzten Jahren gewonnene Bedeutung für diese Gesellschaft nahe legt. Oder warum wird „Oranje brillant“ von David Winner nicht in jedem Medium, das sich der Kulturberichterstattung verpflichtet fühlt, besprochen? Schließlich ist dieses Fußballbuch des Briten, der lange Zeit in Amsterdam gelebt hat, eine großartige Kulturstudie über die Niederlande, prall gefüllt mit interessanten Überlegungen und klugen Beobachtungen samt Schlüssen und Analysen. Winners Beschreibung der kulturellen, sozialen und politischen Entwicklungen ab Ende der 60er Jahre lässt sich zudem bei allen nationalen Besonderheiten in den Niederlanden als Teil einer europäischen Geschichte lesen. Und nicht zuletzt umreißt Winner in einem Kapitel, das extra für die deutsche Ausgabe des Buches geschrieben wurde, das deutsch-holländische Verhältnis und dessen Veränderungen über die Jahre.

„Oranje brillant“ beginnt zunächst mit einer Frage, die ganz offensichtlich nicht leicht zu beantworten ist. David Winner wollte wissen, wieso der holländische Fußball ab Ende der 60er Jahre mit einem Mal so viel besser wurde, schließlich sogar in Kategorien der Kunst beschrieben werden konnte, letztlich aber an Titeln gemessen nie so erfolgreich war, wie es die Klasse seiner Spieler erwarten ließ. Wenn David Winner auch als Fan des holländischen Fußballs aufwuchs, seine Antwort sucht er ganz im Sinne eines Kunstkenners, als Bewunderer und Verehrer, als jemand, der das Wesen seines Objekts der Zuneigung erfassen möchte, als jemand der seine „Idee der Idee vom holländischen Fußball“ in Worte bringen will. Als Jugendlicher war er dem „Voetbal total“ verfallen, der zunächst von Ajax Amsterdam geprägt wurde und schließlich für die ganze Welt von der „Elftal“, der holländischen Nationalmannschaft, verkörpert wurde. Das schnelle Passspiel bei steter Bewegung aller Spieler war der Glaubensgrundsatz dieser Mannschaften, und Johann Cruyff die Symbolfigur für deren Spiel. Natürlich findet Winner dann eine viel kompliziertere Geschichte dieser Mannschaften als den bekannten Mythos vom spielbestimmenden Genie, das diesen Fußball möglich machte.

Doch „Oranje brillant“ wird eben deshalb zu einem sehr besonderen Fußballbuch, weil Winner es nicht bei der beschreibenden Historie des niederländischen Fußballs und seiner Protagonisten belässt, sondern seinem Schreiben das Interesse für die großen Zusammenhänge innewohnt. So erklärt er etwa die Entwicklung dieser Spielweise mit der Geografie der Niederlande, mit dem besonderen Verhältnis der Holländer zum vom Meer bedrohten Land und deren Versuchen, diesem Meer Land abzugewinnen. Solch einer Erklärung ist die Lust am spekulativen Denken anzumerken, was manchem Fußballinteressierten vielleicht zu weit geht, was aber gerade den erhellenden Blick auf die niederländische Gesellschaft zur Folge hat. Augenscheinlicher sind gesellschaftliche Einflüsse auf den Fußball, wenn Winner die politische Kultur der Niederlande beschreibt. Anfang der 70er ist das Stichwort auch hier: „Mehr Demokratie wagen“. Und angesichts der in den wichtigen Spielen oft erfolglosen niederländischen Fußballteams sieht Winner einen Zusammenhang mit dem calvinistischen Erbe, sich nicht selbst zu erhöhen. Vielleicht haben die Niederländer aber auch vor allem einen besonderen Sinn für Schönheit an sich. So findet man im Vergleich mit Resteuropa nämlich in diesem Land auch mehr Menschen, die abstrakte Kunst besonders wertschätzen.

„Oranje brillant“ ist aber nicht nur die Kulturstudie im Gewand des Fußballbuchs, es wirkt gleichzeitig als Geschichts- und Erinnerungsbuch jener Generation, die in den 70er Jahren mit den Erfolgen von Ajax Amsterdam aufwuchs und für die das Endspiel der WM 1974 zwischen Deutschland und Holland eine prägende Kindheits- oder Jugenderinnerung ist. Es gibt diese vielen Möglichkeiten, das Buch zu lesen, weil Winner seine klugen und überraschenden Gedanken mit einer kurzweiligen Sprache präsentiert, deren leichter Stil dem seichten Plauderton ebenso entgeht wie einer selbstbezüglichen feuilletonistischen Sprachverliebtheit. Diese eingängige Lesbarkeit der deutschen Ausgabe ist sicher auch ein Verdienst des Übersetzers Kristian Lutze.  In David Winner hat der holländische Fußball einen kongenialen Autor seiner Ideengeschichte gefunden. Mit anderen Worten: „Oranje brillant“ is een briljant voetbalboek.

David Winner: Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 363 Seiten. € 7,95

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