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8. Dezember 2008 / Ralf Koss

Reingehen! Willkommen bei den Sch´tis

Manchmal lässt sich die Qualität eines Films auch mit dem samstäglichen Familienleben nach dem Kinobesuch beschreiben. Da besteht dann die Unterhaltung beim Mittagessen aus Dialogfetzen vom Vorabend, unterbrochen von allgemeinem Lachen. Oder ich sitze vor dem PC und lächel´ still vergnügt vor mich hin, weil ich mich plötzlich an eine Szene erinnere. Oder es genügt ein Stichwort vom dreizehnjährigen Sohn, bei dem wir uns erst angrinsen, erneut ins Erzählen kommen  – „Und auch wie Antoine …“  – und  wieder anfangen zu lachen. Kurzum, „Willkommen bei den Sch´tis“ ist eine sehr gelungene Komödie.

Mancheiner war vielleicht gerade wegen der Vorberichterstattung skeptisch. Über 20 Millionen Zuschauer hatten den Film in Frankreich sich angesehen. Ein Erfolg, der im dortigen Feuilleton Fragen zum französischen Selbstverständniss aufwarf und Diskussionen über das zentralistische Frankreich und die kulturelle Substanz seiner Regionen in Gang brachte.  Jemand, der diese Vorberichte aufmerksam las, wird sich möglicherweise gefragt haben, wie soll die Komik dieser Komödie in Deutschland funktionieren? Zu einem großen Teil beruht diese Komik nämlich auf Sprache, auf der Begegnung zwischen dem Hochfranzösischen und dem regionalen Dialekt im Norden Frankreichs, und der andere Teil der Komik bezieht sich auf Frankreichs Vorurteile über seine Regionen.

Vor allem zwei Gründe gibt es dafür, dass auch deutsche Zuschauer sehr viel zu Lachen bekommen. Die Synchronisation hat für die Schwierigkeit, den regionalen Dialekt zu übersetzen eine überzeugende Lösung gefunden, und der erzählte Grundkonflikt der Hauptfigur findet sich bei Menschen in allen Nationen dieser Welt wieder. Jemand muss die eigene als normal empfundene Welt verlassen und in der als düster und unwirtlich erwarteten Fremde mit all ihren merkwürdigen Regeln wieder heimisch werden. In diesem Fall wird ein leitender Postbeamter aus dem warmen Süden strafversetzt in den Norden Frankreichs und tritt seine Reise in die vom Vorurteil als arktisch kalt beschriebene Gegend an. Am Ende wird er gelernt haben, dass die in der Region lebenden Menschen entscheidend für das persönliche Glück sind. Vorher aber geht es um gegensätzliche Lebensentwürfe, um Hochkultur gegen Randkultur, um Zivilisation gegen Barbarentum. Denn für die meisten Franzosen sind es so eine Art urtümliche Barbaren, die im Département Pas de Calais leben.

Die Synchronisation des Dialekts war für Regie, Übersetzung und Sprecher sicher eine  Herausforderung. Womöglich hat sich das Team die Inspiration für die Arbeit ja aus einem Asterix-Band geholt. Man hat jedenfalls eine gute Vorstellung von der „deutschen“ Sprechweise der Nordfranzosen, wenn man sich an die Averner in „Asterix und der Avernerschild“ erinnert. Auch sie haben das „s“ als „sch“ gesprochen – mit allerlei Missverständnissen bei den dann  doppeldeutig werdenden Wörtern.  In „Willkommen bei den Sch´tis“ wird der nordfranzösische Dialekt auf dieselbe Weise in eine Art Kunstdialekt des Deutschen übertragen. Dabei sind einige schöne Wortspiele und Missverständnisse in wahrscheinlich recht freier Übersetzung gefunden worden, um den Geist der französischen Komödie auch im Deutschen lebendig zu halten.

Muss ich betonen, dass ich mich mit Verwechslungskomödien aus jedem noch so tiefen Stimmungsloch herausholen kann? Vielleicht um meine Begeisterung richtig einordnen zu können. Denn Missverständnisse sind nichts anderes als reine Sprache gewordene Szenen einer Verwechslungskomödie. Also, reingehen, und ich denke gerade noch einmal an die wunderbare Variation über das Wort Bus zwischen Antoine, dem nordfranzösichen Briefträger, und seinem südfranzösischen Vorgesetzten in folgender Art:  – Busch? – Bus?!  – Sage ich doch, Busch! Man staunt, wie lange so ein Gespräch tatsächlich komisch sein kann.

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