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15. Dezember 2008 / Ralf Koss

„Tatort“ am Sonntag: „Waffenschwestern“

Ach, ja, die Frauen! Heutzutage können Frauen nicht nur Kanzlerin und fahren mir  im Kölner Stadtverkehr drängelnd fast in den Kofferraum, wenn ich mal nur  zehn statt dreißig Stundenkilometer zu schnell fahre. Nein, die Frauen der Gegenwart können noch sehr viel mehr, wie ich gestern Abend im „Tatort“ erfuhr. Diese Frauen machen auch derbe Späße, wenn sie in Frauenrunden sind. Sie trinken Schnaps und haben richtig Spaß an Waffen. Und weil es  ein „Tatort“ war, schrecken diese Frauen der Gegenwart zudem weder vor kaltblütigem Todesschuss noch vor lustvoller Gewaltorgie zurück.

Warum nun fallen mir zu dem TV-Krimi „Waffenschwestern“ vor allem Notizen zum Frauenbild der Gegenwart ein? Die Antwort ist einfach, ohne interessante Geschichte wurde der „Tatort“ zum Zeugnis einer oberflächlichen Identitätsbestimmung – der Frau im Allgemeinen und der Hauptfigur, der Kommissarin Charlotte Sänger, im Besonderen. Mir scheint, die Produktionsbeteiligten waren von keiner Geschichte beeindruckt sondern von einer vielleicht aus der Not heraus geborenen Idee. Irgendwann stand fest, Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf bekommt man für den nächsten „Tatort“ des HR nicht zum gemeinsamen Drehtermin zusammen. Macht man also jeweils eine Solo-Folge mit den Schauspielern. Freiraum gab es nun für die ganz anderen Geschichten. Die beiden Hauptfiguren erhielten erzählerischen Raum. Endlich mal Platz, um Andrea Sawatzkis Charlotte Sänger noch mehr Tiefe zu geben, die depressive Anlage der Figur noch mehr auszuloten. Und warum nicht mit der Frauensolorolle auch vom neuen  Handeln der Frauen von heute erzählen? So was kann doch drin sein.

Denn „Thema besetzen“ fällt mir unweigerlich auch noch ein, wenn ich an den gestrigen Tatort denke. Nicht Geschichte erzählen, Figuren entwickeln, nein, Thema besetzen. Ich höre sie geradezu, die überzeugenden Argumente während der Redaktionsbesprechungen. Ohne psychologische Erklärung zeigen wir dann Frauen, die töten. Die sind einfach so, das braucht keine Erklärung. Das ist doch was ganz Neues auf dem Sendeplatz. Und wisst ihr was? Da stolpert man dann drüber. Immer noch. Da steckt doch das ganze Geschlechterverhältnis drin in dem Stoff. Wenn wir die mitfühlende und an der Welt leidende Charlotte Sänger mit Frauengewalt konfrontieren, da haben wir doch eine spannende Geschichte, oder?

Als es dann aber daran ging, die Geschichte wirklich zu erzählen, hatte man ein Problem. Die geschäftsmäßig tötenden Frauen eignen sich nämlich als statische Figuren zu spannenden Geschichten genauso wenig wie geschäftsmäßig tötende Männer. Da muss was hinzukommen, ganz klar. Nur was? Und da war dann doch die Psychologie jene Antwort, die am nächsten liegt. So handelt die eigentliche Geschichte dieses „Tatorts“ nicht von geschäftsmäßig mordenden Frauen sondern von einer Frau voller Schuldgefühle auf dem Weg in den Untergang. Eine klassische Frauengeschichte und damit eine vergebene Chance. All das Unverbrauchte und vermeintlich Neue, das wirklich Interessante an dem Stoff blieb reine Staffage. Hinzu kam eine Prise Exotik des Alltags: Den mordenden Frauen wurde nämlich eine Art schöngeistige Waffenliebe mit auf den Weg gegeben. Sie spielten historische Duelle nach. Und zuguterletzt verzichtete man auch nicht auf bekannte Klischees von Frauenrunden, die es ganz schön krachen lassen, wenn sie unter sich sind.

Ganz frei ist man also nicht in der Verwendung von geschäftsmäßiger Frauengewalt. Denn wenn man schon das eher realitätsferne Motiv einer mordenden Frauengang aufgreift, müsste man sich mit den Genrevorgaben von brutaler Männergewalt beschäftigen und daraus etwas Eigenes mit Frauenfiguren entwickeln.  Das ist die Action-Filmvariante des Stoffes. Oder aber man nimmt das Motiv der mordenden Frauen ernst und sucht die Verbindung zur gesellschaftlichen Realität. Dazu blieben die Täterinnen als wirkliche Menschen in dieser Gesellschaft zu blass. Was man nämlich von Sängers  Widerpart auf Täterinnenseite mitbekam, hatte viel mit bekannter Frauenwirklichkeit zu tun und wenig mit einer taffen Waffenschwesternwelt, die sich notwendiger Weise aus den gegenwärtigen Verhältnissen ergeben hat.

Solange aber Frauen nur innerstädtisch drängeln und auf den Autobahnen das Dränglertum noch Männersache ist, besitzen die interessanten Geschichten voller Frauengewalt immer auch eine Ebene, die die Identitätsfrage berührt. Solch eine Geschichte ist aber niemandem eingefallen.

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