Skip to content
15. Januar 2009 / Ralf Koss

Enttäuschte Hoffnung – Thomas Kasturas zweiter Raupach-Krimi

Vorschusslorbeeren lassen mich nicht schärfer urteilen! Diese Erklärung scheint mir angebracht, weil ich zum zweiten Mal in kurzer Zeit mit einem späteren Roman eines sehr gelobten Autors, nämlich Thomas Kastura, in sein Werk einsteige und erneut denke, wie viel besser muss jenes von mir noch nicht gelesene, vorherige Buch von ihm sein. Dieses Mal wollte ich es aber wissen und habe nach Thomas Kasturas „Das dunkle Erbe“ auch seinen ersten Roman um den Kölner Hauptkommissar Klemens Raupach, „Der vierte Mörder“, gelesen. Und siehe da, auch wenn ich nicht  ganz so begeistert war wie Ulrich Noller, der erste Raupach-Roman zeigt Thomas Kastura stilistisch auf hohem Niveau und lässt sein Gespür für komplex angelegte, spannungsvolle Geschichten erkennen.

Offensichtlich kommt die erzählerische Konstruktion des ersten Romans den Stärken von Thomas Kasturas Schreibweise sehr entgegen. Hauptunterschied zwischen beiden Romanen ist nämlich die Perspektive des Erzählten. „Der vierte Mörder“, der erste Auftritt Raupachs, wird nicht nur als Geschichte einer Ermittlung erzählt, sondern Thomas Kastura rückt auch  Täter- und Opferseiten in den Blick. In Kürze: In Köln wird ein Brandanschlag angekündigt, und wir erleben neben der Polizeiarbeit und den Geschichten um die Ermittler mit, was den Täter bewegt, wie er die Tat vorbereitet und welche Hürden sich ihm in den Weg stellen. Kastura arbeitet zudem zwei weitere Handlungsebenen ein, von denen mir eine in ihrer formalen Funktion als Rätselmoment der Handlung zu aufgesetzt wirkt.  Mich erinnert das an ein geschreinertes Möbelstück, das sauber verzapft gearbeitet ist, aber an einer Stelle vom Schreiner zur Sicherheit geschraubt wird, weil er dort unnötiger Weise der Stabilität seines Möbelstücks nicht vertraut.  Festzuhalten ist aber, „Der vierte Mörder“ wird vor allem durch das multiperspektivische Erzählen zum gelungenen Kriminalroman. Außerdem weist das aufgesetzte Rätsel auf die Schwäche des zweiten Romans voraus.

Hatte „Der vierte Mörder“ den Charakter eines Thrillers, erweist sich „Das dunkle Erbe“ als von der Frage nach dem Mörder bestimmter Polizeiroman, in dem alleine aus Ermittlerperspektive erzählt wird und typischerweise das Private der Ermittler eine Rolle spielt. Als Motor der Handlung soll dabei das Rätsel um die Mordtat funktionieren. Ein Arzt des Kölner Nobelstadtteils Marienburg steht im Verdacht seine Frau und seine Ex-Geliebte umgebracht zu haben. Zudem wird die Kollegin, mit der er Praxisräume teilte, vermisst. Der sehr religiöse Arzt ist verhaftet, bestreitet die Tat und Raupach, der ihn verhört, ist geneigt, ihm zu glauben. Die Suche nach der verschwundenen Ärztin führt Raupach und Kollegen ohnehin wieder nach Marienburg, so dass problemlos auch dort weiter ermittelt werden kann. Zudem taucht eine amerikanische Journalistin auf, die mit der Verschwundenen in Briefkontakt stand. Augenscheinlich weiß sie etwas, rückt damit nicht heraus und kommt stattdessen den Ermittlern in die Quere. Schließlich lenken Hinweise auf jüdisches Kulturgut den Ermittlerblick auch auf die Vergangenheit in den Marienburger Nobelvillen, deren jüdische Vorbesitzer während des Nationalsozialismus zum Verkauf gezwungen waren.

Statt auf die Psyche aller Figuren baut Thomas Kastura im zweiten Raupach-Roman also auf eine komplex angelegte Handlung mit Rätselspannung und sein Polizeiteam. Deshalb aber gerät ihm die Konstruktion des Romans aus dem Gleichgewicht.  Zwar gelingt es ihm, seinen Ermittlern mit dem Blick auf ihre privaten Seiten, Tiefe zu geben, doch gerade dadurch, wird es um so augenfälliger, wie grob sein Handwerk im eigentlichen Kriminalfall im Verlauf der Handlung werden muss, um das kompliziert angelegte Rätsel aufzulösen. Immer mehr drängt sich die Autorenstimme selbst in Dialoge und die Innenschauen, weil der Plot nach Erklärungen verlangt. Und schließlich gibt es sogar die Reminiszenz an den klassischen Häkelkrimi alter Zeiten, in denen die Täter am Ende noch die offenen Fragen für die Leser klären müssen.

Diese Konstruktion hat aber auch Konsequenzen für die Durchdringung des den Kriminalfall bestimmenden Themas und die Schilderung des Milieus. Thomas Kastura möchte neu eingeführte Figuren und Orte fast immer auch dazu nutzen, das Rätsel komplizierter zu machen. Der Tiefe der Figurenzeichnung beim Ermittlerteam steht deshalb keine entsprechende Tiefe bei der Ausgestaltung seines Themas gegenüber. Er bleibt an der Oberfläche, wenn es um die Übertragung der jüdischen Besitztümer während des Nationalsozialmus geht. Er bleibt an der Oberfläche beim Blick auf Marienburg. Das wiederum wäre möglich, wenn er seine Ermittler nicht mit den gewichtigen Problemen des Lebens wie Tod des Freundes, enttäuschte Liebe und Einsamkeit konfrontieren wollte. Das verhindert jenes Tempo, was er im Kriminalfall gleichzeitig anstrebt. Diesem Dilemma kann Thomas Kastura nicht entgehen. Es ist dem Rätselkrimi immanent.  Je mehr Rätsel, desto größer die Spannung, desto weniger erzählerischer Raum für die Tiefe der Erzählung. Weniger Rätsel wäre in diesem Fall die Möglichkeit zu mehr  Qualität gewesen.

Thomas Kastura: Das dunkle Erbe. Droemer Verlag, München 2008. 378 Seiten. € 18,00.
Thomas Kastura: Der vierte Mörder. Droemer Verlag, München 2006. 510 Seiten. € 19,90 (Taschenbuchausgabe: Droemer Knaur Verlag, München 2008. 510 Seiten. 8,95.)

Advertisements

Trackbacks

  1. blogring.org

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: