Skip to content
22. Januar 2009 / Ralf Koss

Das hat alles einen schlechten Einfluss

Ein Grazer Wissenschaftler befragte im Jahr 1924 Strafgefangene nach ihrer bevorzugten Lektüre. Auf diese Untersuchung mit dem Titel „Verbrechensursache und Verbrechensmotive“ weist JL hin. Als Ergebnis der Erhebung steht der Vorwurf im Raum, einige der bei Strafgefangenen beliebten Bücher hätten zur Kriminalitätsentwicklung des Lesers beigetragen. Das damals noch junge Kino wird in einem abschließenden Exkurs noch stärker mit dem Vorwurf konfrontiert, die Täter zu kriminellen Handlungen angeregt zu haben.

Bei dem Blog-Beitrag blieb ich nun deshalb hängen, weil man die damaligen Deutungen des Grazer Wissenschaftlers auch aus der gegenwärtigen Diskussion um die Folgen von Videospielen kennt. Einen sehr guten Überblick der Diskussion erhält man bei der Fachhochschule Köln. Allerdings haben die Untersuchung zu den Auswirkungen von Videospielen heute eine andere methodische Basis als die Untersuchung damals. Man könnte sagen, der statistischen Erhebung und den Interviews für einen Zirkelschluss damals folgt heute das Laborexperiment. Die Schlussfolgerung lautet aber gleich: Der spezielle Inhalt des genutzten Mediums fördert ein für die Gesellschaft inakzeptables Verhalten, sei es Kriminalität damals oder Gewalt heute. In der aktuellen Diskussion um Videospiele wird diese Tatsache von den Spieleverteidigern häufig als Beweis für die haltlose Position der Spielekritiker aufgegriffen. Im Kern lautet das Argument so, die Wirkungen neuer Medien werden immer als Gefahr überzeichnet und später erkennt jeder, das einst gefürchtete neue Medium hat problemlos in der Gesellschaft seinen Platz gefunden.

Natürlich können im Rückblick die aufgeregten Reaktionen auf neue Medien und ihre Inhalte leicht als Anpassungsängste heruntergespielt werden. Doch Medienwirkung ist nun mal von sehr vielen Faktoren abhängig und wenn sich der soziale Rahmen der Medienrezeption ändert, ändern sich auch die Wirkungen. Es kann also sehr wohl sein, dass erst die Warnungen und die  daraus resultierende akzeptierte Nutzung des Mediums genau das verhindert hat, wovor gewarnt wurde.

Das will ich aber dahin gestellt lassen, denn ich finde eine Frage interessant. Was geschieht, wenn man solche alten Untersuchungen trotz der eher unausgereiften Methodik wirklich ernst nimmt? Ich glaube, dann müssten beide Seiten eine Einsicht akzeptieren, die allgemein formuliert womöglich etwas banal wirkt: Im Zusammenspiel von gesellschaftlichen Lagen und Psyche kann mancher Medieninhalt sozial abweichendes Verhalten fördern. Ein zentraler Streitpunkt der Diskussion verlöre auf der Stelle Brisanz. Spielekritiker müssten dann mit dem Problem umgehen, dass Verbote das Problem der Gewalt nicht aus der Welt schaffen sondern nur verlagern. Menschen sind eben nicht nur den Medien passiv ausgesetzt. Stimulierende Wirkungen werden auch bewusst gesucht – und manchmal nicht mal beim Medienkonsum. Anfang der 90er Jahre etwa war die Aufmerksamkeit einer befriedeten Öffentlichkeit einige Zeit auf Hooligans im Fußball gerichtet, und für diese Hooligans wirken gegnerische Fans  aggressionssteigernd. Schwer zu verbieten. Die Spieleverteidiger hingegen müssten ebenso zugeben, dass Spiele tatsächlich Wirkungen haben können, die mit den Zielen einer befriedeten Gesellschaft nicht in Einklang zu bringen sind. Dann erst könnte man redlich die Frage beantworten, wo erhalten die umstrittenen Videospiele in dieser Gesellschaft ihren Platz.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: