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3. Februar 2009 / Ralf Koss

Wenn ein Geheimbund in Ruhrorts Gesellschaft Fuß fasst

Franz Haniel, den Ruhrorter Großspediteur und Industriemagnaten, nennt Carolina Kaufmeister Onkel Franz. Früher waren ihre Familien Nachbarn und die Väter haben gemeinsam Geschäfte gemacht. Kaufmeisters gehören 1854 zu Ruhrorts  gehobenem Bürgertum. Nun deutet sich der Tod des Vaters an und Lina hat nicht vor, danach im Elternhaus weiter wohnen zu bleiben und ihrem Bruder Georg zusammen mit dessen Frau den Haushalt zu führen. Allerdings weiß sie auch, seine notwendige Erlaubnis, einen eigenen Hausstand zu gründen, wird sie nicht erhalten. An Heirat als mögliche Lösung ist auch nicht zu denken. Mit ihren 35 Jahren halten viele sie schon für eine alte Jungfer, zudem ist sie seit der Kindheit durch eine Versteifung der Hüfte stark gehbehindert.

Doch als sie auf der Chaussee nach Meiderich die Leichen zweier Kinder findet, treten für den Moment ihre Sorgen um die Zukunft in den Hintergrund. Offensichtlich sind die Kinder Opfer eines grausamen  Verbrechens geworden, so dass der neue Commissar Robert Borghoff Ermittlungen aufnimmt. Bürgermeister Weinhagen aber möchte die aufstrebende Hafenstadt nicht in Verruf bringen und drängt darauf, keinesfalls das Ruhrorter Bürgertum in die Ermittlungen einzubeziehen. Investoren für Werksgründungen der Eisen- und Stahlindustrie könnten verschreckt werden. Dass es danach weitere Opfer gibt und ein paar Ruhrorter Bürger daran nicht unschuldig sind, versteht sich von selbst. Nur gut, dass Borghoff die Intelligenz von Lina Kaufmeister zu schätzen weiß und ihre Beobachtungen von den Zeremonien eines Geheimbunds ernst nimmt.

Das bislang nur im Fernseh-Krimi beliebte Duisburg-Ruhrort hat Silvia Kaffke in „Das rote Licht des Mondes“ zum Schauplatz eines beeindruckenden historischen Kriminalromans gemacht. Zugegeben, der Roman lebt weniger vom Kriminalfall als vom Schicksal der Hauptfigur Carolina Kaufmeister. Und mit seinem detaillierten und kenntnisreichen Blick auf die historische Wirklichkeit nähert sich der Roman dem populären historischen Sachbuch. Doch eine spannende und besondere Geschichte erzählt Silvia Kaffke allemal.

Wenn Silvia Kaffke ihren Roman per Perspektivwechsel zwischen Commissar und Lina Kaufmeister erzählt, richtet sie ihren Fokus fast immer auf das Leben einer allein  stehenden Frau des Bürgertums und deren schwierigem Versuch, ein unabhängiges Leben zu führen.  Dabei merkt man, hier erzählt auch jene Frau der Gegenwart, die die Hochzeit der Frauenbewegung Ende der 70er, Anfang der 80er selbst erlebt hat und die Erfahrungen dieser Zeit in einem historischen Stoff verarbeitet. Das wirkt nie aufgesetzt oder gar überholt, sondern findet durch den Stoff immer eine erzählerische Begründung.

Alleine bei den Morden samt ausgerissenen Herzen und deren inhaltliche Logik setzt Silvia Kaffke auf Schauereffekte, die auf mich wie Fremdkörper im realistischen Grundkonzept des Romans wirken und gegen deren trivialen Beigeschmack  sie mit dem anspruchsvollen historischen Sittenbild gleichsam immerzu anschreibt. Ein einfacher Mord wäre  als Anlass einer Ermittlung ausreichend gewesen. Schließlich erinnert das Vorgehen des Geheimbunds bedrohlich genug an das Wirken von Sekten und Mafia in der Gegenwart. Doch mindert dieser Makel die sonst überzeugende Klasse des Romans nur wenig.

Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes. Wunderlich, Reinbek 2008. 509 Seiten. € 19,90.

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