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12. Februar 2009 / Ralf Koss

Tempo, Komik und Berlin – „Der heilige Eddy“ von Jakob Arjouni

Eddy ist Anfang 40, besitzt Stil und weiß genau, wie diese Gesellschaft funktioniert. Ansonsten wäre er als Trickbetrüger nicht so erfolgreich. Seine wichtigste Grundregel lautet: Niemals im eigenen Kiez, in Kreuzberg, arbeiten. Niemals dort das mit der Aura des Künstlerischen umwehte Bild vom stets freundlichen, allein stehenden Musiker gefährden. Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Bild nicht. Tatsächlich verdient er sich zusammen mit dem Deutschrussen Arkadi in der Zweimann-Combo „Lover´s Rock“ durch Straßenmusik etwas hinzu. Und ganz klar, sie spielen an den besten Plätzen Berlins, außer im eigenen Kiez!

In „Der heilige Eddy“ erweist sich Jakob Arjouni einmal mehr als Autor für die schnelle, leicht erzählte Geschichte vom sympathischen Außenseiter wider Willen, der sich in moralischen Grauzonen durch das Leben laviert. Denn eigentlich möchte es sich der großsprecherische Eddy bequem einrichten in dieser Gesellschaft, nur hat er bislang den Erfolg auf legalem Weg mit seiner Musik eben nicht geschafft.

Doch auch das auf kleinkrimineller Basis sorgsam eingerichtete Leben fliegt auseinander, als Eddy im Treppenhaus zu seiner Wohnung dem Unternehmer Horst König begegnet. Aus kleinen Verhältnissen hatte der sich in den USA hochgearbeitet und gilt jetzt, nach seiner Rückkehr in die alte Heimat als mitleidloser Spekulant, der die Arbeitsplätze eines Berliner Unternehmens vernichtet. König will zu seiner im Haus lebenden Tochter Romy, mit der er sich überworfen hatte und setzt gegenüber dem misstrauisch nachfragenden Eddy auf alte Straßenkampf-Qualitäten. Beim Gerangel stürzt König so unglücklich, dass er stirbt. Nun hat Eddy Probleme. Kurzfristig, weil unten zwei von Königs Bodyguards warten und mittelfristig, weil ihn Gewissensbisse gegenüber der noch unbekannten Tochter plagen, der er die Versöhnung mit dem Vater unmöglich gemacht hat.

Arjouni schickt Eddy auf eine etwas märchenhafte, witzige Reise durch die Berliner Gegenwart, um die Last seiner empfundenen Schuld abzutragen. Dabei überwindet er mit der ihm eigenen Chuzpe einige Schwierigkeiten, gerät in manche slapstickhafte Verwicklung und verliebt sich heftig. Mit seinen 246 groß bedruckten Seiten ist „Der heilige Eddy“ ein sehr kurzer Roman. Seinen karikierenden Witz findet er etwa durch Eddys souveränen Umgang mit äußeren Zeichen der Macht. Respekt kennt er da nicht, sondern weiß sie hochstaplerisch zu seinen Zwecken zu nutzen. Das geht alles zwar nicht in die Tiefe, lässt schmunzeln und stößt doch ein paar Gedanken über diese geschilderte, soziale Wirklichkeit an. So muss Eddy eine Haltung zum allseits bekannten Vorgehen der Boulevardpresse und deren Sensationsberichterstattung finden. Und über die Verflechtung von politischen und wirtschaftlichen Interessen erfährt er schließlich auch noch etwas. Komödiantische Kriminalgeschichten, die ohne Klamauk auskommen und deren Handlung die gegenwärtige soziale Wirklichkeit nicht ignoriert, finden sich in der deutschsprachigen Kriminalliteratur nicht oft. Jakob Arjouni ist eine solche Geschichte erneut gelungen.

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy. Diogenes Verlag, Zürich 2009.
246 Seiten. € 18,90.

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  1. Michael Petrikowski / Feb 6 2010 11:34 pm

    Der heilige Eddy ist eine unterhaltsame Gesellschaftssatire die den Leser immer wieder schmunzeln lässt, wenn Eddy der sympathischer Antiheld geschickt taktierend seine Betrügereien haargenau einfädelt. Der temporeiche Roman, der auch der Realität entsprungen sein könnte, ist witzig, amüsant und ein großes Lesevergnügen.

  2. Ralf Koss / Feb 7 2010 8:09 am

    Da liegen wir ja nicht allzu weit auseinander.

    Die Verzögerung mit dem Freischalten tut mir Leid. an Samstagen komme ich manchmal nur sehr sporadisch ins Netz. Aber von nun an, für immer frei. 😉

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