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3. März 2009 / Ralf Koss

Krimidurchschnitt aus Galicien

Nun wird also daran gearbeitet, Galicien auf der Krimiweltkarte kräftiger einzuzeichnen. In Vigo ermittelt Inspektor Leo Caldas, der zudem als Vertreter der Polizei in einer populären Radiosendung auftritt. Es wird nicht ganz klar, ob es sich dabei um eine PR-Maßnahme der Behörde handelt. Sein Assistent Rafael Estévez wurde aus Zaragoza nach Vigo versetzt und hat noch einige Schwierigkeiten mit der ihm eigentümlich vorkommenden, uneindeutigen Redeweise der Einheimischen.

Man ahnt, der Spanier Domingo Villar möchte in „Wasserblaue Augen“ schon mit der Figurenkonstellation die Voraussetzung für Komik und Humor schaffen. Daraus ergibt sich aber nur manchmal ein Schmunzeln, was wiederum schon auf die durchschnittliche Qualität des gesamten Romans verweist. Alleine das Mordopfer ist auf eine Weise ums Leben gekommen, die in der Kriminalliteratur eher selten vorkommmt und vor allem den lesenden Männern wahrscheinlich ein leichtes Unwohlsein bereitet. Wird ein Saxofonist doch nackt und ans Bett gefesselt aufgefunden, wobei die Haut der Körpermitte wie eingetrocknet wirkt und die Geschlechtsorgane des Opfers auf winzige Größe geschrumpft sind.

Die Ermittlungen von Caldas und Estévez nehmen ihre konventionelle Bahn, ohne dass ich Vigo wirklich kennenlerne. Natürlich gibt es Verweise auf regionale Besonderheiten der Lage und der Kultur. Das bleibt aber sehr an der Oberfläche, genauso wie der Fall selbst mir keinen interessanten Einblick in einen Bereich der spanischen Gesellschaft gibt. Homosexualität als thematischer Aufhänger ist ein austauschbares Klischee.

Der Roman ist konventionell in Plot und Sprache und besetzt eine Leerstelle auf der Krimiweltkarte. Er besitzt ein Minimalmaß an Spannung und Villar ist immer wieder um besagten Humor bemüht, der mir allerdings meist eher müde vorkommt. Den Klappentextjubel im Zitat der spanischen Presse halte ich für völlig überzogen. „Wasserblaue Augen“ ist einer jener Romane, die auf das Interesse für die Region zählen müssen. An Galicien interessierte Leser finden mit dem Buch leichte Unterhaltung und können der Region für die Zeit der Lektüre etwas näher rücken, nicht mehr, nicht weniger.

Domingo Villar: Wasserblaue Augen. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2009. 221 Seiten. € 16,90.

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