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29. April 2009 / Ralf Koss

Vom Ärger über Bernhard Schlinks „Der Vorleser“

„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink wurde nicht nur zu einem der wenigen weltweiten Erfolge zeitgenössischer deutscher Literatur, der Roman hat auch Einzug gehalten in die Lehrpläne von Schulen, und er besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Gelesen habe ich den Roman bislang nicht. Alles, was ich bis zum letzten Wochenende über den Roman wusste, hatte ich dem Feuilleton entnommen, wo ja immer wieder auch ein paar sehr kritische Stimmen zu lesen waren.

Nun komme ich nicht umhin, den Roman möglichst bald selbst zu lesen, denn am letzten Wochenende hat mich „Der Vorleser“ auf eine Weise ärgerlich gemacht, die ich noch nicht ganz durchschaue. Während ich zuhörte, wie eine Leserin des Buches den Inhalt mit Ausnahme des letzten Kapitels kurz umriss und zum besseren Verständnis des Stils drei Zitate vorlas, spürte ich, wie besonders durch die Zitate der Ärger in mir wuchs und für Momente gar zur Wut wurde. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir so etwas schon einmal passiert ist.

Was ich hörte, muss tief in mir etwas berührt haben. Etwas, was sehr empfindlich reagiert, gegenüber Haltungen und Lebenseinstellungen, die ich, zumal positiv gewertet, als unerträglich empfinde. Das Ziel meines Ärgers war auch sofort der Roman selbst und sein Autor. Es ging mir nicht um eine Auseinandersetzung mit der Leserin um den literarischen Wert des Romans. Die das Buch lobende Leserin verschwand völlig hinter dem Text. In diesem Fall kam mir überhaupt nicht der Gedanke, dass ich mit ihr über ihre Meinung hätte reden sollen. Das Ziel meiner Aufmerksamkeit war auf eine eigentümliche Weise der Roman selbst und seine Sprache. Ich hatte ein diffuses Gefühl von Täuschung in mir. Mit ein wenig Abstand meine ich zwei Quellen meines Ärgers zu erkennen. Es empörte mich zutiefst, wie der Ich-Erzähler, ein sich reif und analytisch gebender Mann, über seine Liebe als Fünfzehnjähriger schreibt. Es war der Stil, diese sachliche, distanzierte Sprache, die mir nahe legen wollte, hier zieht jemand Schlüsse aus einer sehr persönlichen Erfahrung. Doch hörte ich gleichzeitig von keinerlei Erkenntnisse, die der Ich-Erzähler aus seiner damaligen Liebe gewonnen hat und die seinem Alter angemessen gewesen wären. Das hätte ich als eine mögliche Weise Liebe zu erfahren noch hingenommen.  Man könnte so einen Ich-Erzähler für seine Entwicklungsunfähigkeit und sein starres Empfinden bedauern. Ich hätte den Schluss gezogen, dass mich so ein Roman nicht weiter interessiert. Doch nach dem letzten gehörten Zitat hatte ich den Eindruck, der Ich-Erzähler nutzt diese persönliche Geschichte und sein zutiefst privates sich schuldig Fühlen mit und an der damaligen Liebe, um einen allgemeinen Schluss zu ziehen. Er spricht sich das Recht zum Urteil gegenüber jener Frau ab, die er als Fünzehnjähriger liebte und die etwa zehn Jahre später als KZ-Aufseherin angeklagt ist. Gleichzeitig wendet er diesen sehr persönlichen Schluss durch den Stil seiner Sprache und das Ziel seiner Aufmerksamkeit spekulierend ins Allgemeine.

Wohl gemerkt, ich hörte die Lesart und habe durch diese Lesart auf den gesamten Roman geschlossen. Vielleicht ergibt sich mein Ärger ja aus der Verkürzung. Schließlich betonte die Leserin immer wieder die differenzierte Sicht des Ich-Erzählers. Für mich blieb aber zunächst nur dieses eine Verständnis. Der Ich-Erzähler nutzt sein privates Erleben einer Liebe dazu, den Menschen das Recht abzusprechen, schuldhaftes Verhalten auch so nennen zu dürfen. Mein Eindruck beruht auf dem Stil des Romans.  Es wirkt auf mich so, als ob der sich nachdenklich gebende Ich-Erzähler mit seiner sachlichen und distanzierten Sprache seiner persönlichen Einschätzung suggestive Kraft verleiht. Es scheint mir eben kein Zweifel erzählt zu werden, ob man urteilen darf oder nicht. Auf mich wirkte das, was ich gehört habe, als sicherer Beleg für die Unmöglichkeit zu urteilen. Und zwar legitimiert mit der Erfahrung während einer Liebesbeziehung. Aus einer Liebesbeziehung, in der das Machtgefälle ebenfalls offensichtlich ist. Demnächst mehr davon, wenn ich den Roman gelesen habe. „Der Vorleser“ liegt auf dem Nachttisch bereit.

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  1. Hertz-Eichenrode / Nov 23 2009 3:25 pm

    Einen wundervollen herbstlichen Nachmittag,

    durch Zufall bin ich auf diesen Blog gestoßen (welcher wie ich zugeben muss, ja schon ein paar Monate zurückliegt) und komme nicht umhin meinen Senf dazu zu geben, nachdem ich den Eintrag nun schon gelesen habe. :)(Und keinen weiteren Kommentar zu dem Buch finden konnte; was allerdings durchaus auch an mangelnden Kenntnissen liegen kann)
    Ich persönlich musste den „Vorleser“ in der Schule lesen und kann mit Sicherheit behaupten, dass es das tiefgründigste und eindrucksvollste Schulbuch ist, dass ich mir (gezwungenermaßen) zu Gemüte führen musste.
    Hat man erstmal angefangen, so lässt es einen nicht mehr los – selbst nicht wenn man das Buch schon vor Wochen wieder in den Schrank gestellt hat.
    Ich finde es zeichnet sich unter anderem durch die tiefgreifenden moralischen und philosophischen Fragen aus, die so klar und präzise dargeboten werden, dass einem häufig der Atem wegbleibt.(Eine seltenheit!)
    Meiner Meinung nach nützt das ganze Rezessionen lesen (oder anhören 🙂 ) nicht viel, um das Buch zu kennen und zu verstehen, muss man es gelesen haben.
    Darher hoffe ich sehr, dass Sie bereits Zeit für „Der Vorleser“ gefunden haben – ich finde es lohnt sich.

    Herrje, ich könnte wohl genug schreiben, um einen eigenen Blog zu füllen – ich bitte um Nachsicht.
    Mit freundlichen Grüßen

    • Ralf Koss / Nov 23 2009 4:13 pm

      Vielen Dank für Ihren Kommentar, der ihr Leseerlebnis noch einmal so lebendig werden lässt. Ich bin zwar tatsächlich dazu gekommen, das Buch zu lesen, aber über den Sommer bis jetzt finde ich leider kaum mehr Ruhe zum Schreiben hier. Brachfläche wollte ich neulich mal einen kurzen Zwischenruf nennen.
      Aber durch Ihren Anstoß will ich wenigstens kurz anreißen, was mich beim Lesen des Buches störte. Das war die Haltung des Ich-Erzählers, die Bernhard Schlink ihm das ganze Buch über verleiht. Damit er sich all die selbstzweifelnden Fragen stellen kann, muss Schlink ihn mit einem blinden Fleck gegenüber dem Charakter der einstigen Beziehung versehen.
      Im Grunde formuliert Bernhard Schlink mein Unwohlsein mit diesem Buch selbst ganz am Ende, wenn er die überlebende Tochter exakt das formulieren lässt, worauf der Ich-Erzähler – mit dem tiefen Denken versehen, wie es Bernhard Schlink das ganze Buch über will – selbst hätte kommen müssen. Sie erinnert daran, dass die Beziehung zwischen dem Fünfzehnjährigen und Hanna nicht eine gleichberechtigte Beziehung war. Auch in dieser Beziehung gab es wegen des Alters einen Machtmissbrauch.
      Es gibt also am Ende eine Sequenz, die alles vorher Gesagte noch einmal relativiert. Das scheint mir zu wenig, um das entstandene Ungleichgewicht aufzufangen. Denn die Sprache des Ich-Erzählers ist mir zu suggestiv, so dass seine Schlüsse mir zu schnell die des Lesers werden könnten.

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