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10. Februar 2010 / Ralf Koss

Sparmaßnahmen, Jugendhilfe und Protest

Notwendige Jugendhilfe wird durch Spaßnahmen Sparmaßnahmen unmöglich

(Nachtrag 9.3.2010: Das war doch ein schöner Freudscher Verschreiber, der da fast einen Monat lang als Überschrift stand: Die Spaßnahme!)

Verbände rufen zur Demonstration auf

Der offene Jugendtreff „Einstein“ in Neumühl steht hier als Beispiel für die vielen Jugendhilfe-Angebote in Duisburg, die durch die geplanten Sparmaßnahmen der Stadt Duisburg von der Schließung bedroht sind. Verschiedene Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendhilfeverbände haben für den kommenden Freitag um 16.30 Uhr zu einer Demonstration vor dem Duisburger Rathaus gegen die geplanten Kürzungen in der Jugendhilfe aufgerufen.

Ein Schneeball fliegt zwischen die etwa fünfzehn wartenden Jugendlichen und trifft einen Jungen in den Nacken. Ärgerlich dreht er sich um und schimpft auf den Werfer, der etwa zehn Meter weiter die Straße hoch schon den nächsten Schneeball in der Hand hält. Wenige Minuten zuvor war der getroffene Junge selbst noch lachend einem Kumpel hinterher gerannt, um ihn mit Schnee einzuseifen. Es ist kurz vor vier und anscheinend wird es wirklich Zeit, dass das „Einstein“, der offene Jugendtreff in Duisburg-Neumühl, öffnet.

Bereits eine halbe Stunde vorher hatten zwei Jungen und zwei Mädchen heftig an der Türklinke gerüttelt. Lautstark riefen sie, draußen sei es zu kalt. Drinnen suchte der Mitarbeiter des Jugendtreffs Burak Y. das Material für den Video-Workshop und musste grinsen: „Die versuchen oft früher rein zu kommen und länger zu bleiben“, erklärte er, „Sie sind das so gewohnt, immer mal versuchen, ob noch was geht.“ Burak ist Student und arbeitet an zwei Öffnungstagen in dem offenen Jugendtreff, der von Ofju e.V., einem verbandsunabhängigen Verein, getragen wird.

Das „Einstein“ ist das einzige nichtkommerzielle Freizeitangebot für Jugendliche in Neumühl, wo die sozialen Bedingungen nicht die besten sind. Die Arbeitslosigkeit in dem Viertel ist hoch, und in vielen Familien vermitteln die Erwachsenen ihre eigene Perspektivlosigkeit an die Kinder weiter. Zuwanderer haben in den aus den 60er Jahren stammenden Wohnblöcken günstige Wohnungen gefunden. In so einem Umfeld bleiben Konflikte nicht aus. Die Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft suchen Halt in ethnisch geprägten Gruppen. Nicht selten wird der Alltag solcher Gruppen durch Gewalt und Kriminalität bestimmt. Ein Anstieg des Drogenmissbrauchs ist im Stadtteil in den letzten Jahren ebenso zu verzeichnen gewesen wie regelmäßiger Alkoholkonsum auch von Jugendlichen die Regel wurde. Ein Jugendtreff wie das „Einstein“ wird in so einem Viertel schnell zu Familienersatz, Sportmöglichkeit, Berufsberatung und Nachhilfeinstitut in einem.

Bevor das „Einstein“ eröffnen konnte, waren  kommerzielle Spielhallen und Internetcafes die einzigen Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche in Neumühl. Seit etwas über einem Jahr stehen die Container des Jugendtreffs nun in der Albert-Einstein-Straße, und wo im November noch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland zusammen mit Förderern des Vereins den einjährigen Geburtstag des Jugendtreffs feierte, herrscht heute große Sorge um dessen Fortbestand. Die finanzielle Situation der Stadt Duisburg macht umfassende Sparmaßnahmen notwendig. Dem Rat der Stadt Duisburg liegt zurzeit eine Vorschlagsliste zu diesen Sparmaßnahmen vor. Die finanziellen Zuwendungen für die Jugendhilfe sollen drastisch gekürzt werden. Werden diese Sparpläne Wirklichkeit, wird die soziale Arbeit mit Jugendlichen dort unmöglich, wo sie am nötigsten ist.

Auch wenn ein Verein wie Ofju e.V. den Jugendtreff zu einem Teil mit Spenden finanziert, erhält er ebenfalls Zuschüsse zu seinem Budget von der Stadt Duisburg. Fallen diese Zuschüsse fort, müssen die vor einem Jahr geöffneten Container-Türen geschlossen werden. Auch die städtischen Jugendhilfe-Einrichtungen werden von den geplanten Sparmaßnahmen bedroht. Doch dort wo Jugendtreffs schließen und Jugendzentren ihr Angebot einstellen müssen, bleiben Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen. Geld das an diese Stelle gespart wird, kostet die Bürger wenige Jahre später das Doppelte und Dreifache, wenn Jugendliche ihre Zeit ohne Orientierung durch Erwachsene verbringen müssen.

Für Burak Y. liegt es auf der Hand. So etwas wie ein Video-Workshop wirkt auch auf das soziale Umfeld. Jugendliche fühlen sich mehr mit Neumühl und den dort lebenden Menschen verbunden, wenn sie die Menschen dort mit Mikrofon und Kamera zu ihrem Leben in dem Stadtteil befragt haben. „Die machen dann einfach weniger Mist, wenn sie die Menschen und ihre Geschichten näher kennen“, sagt Burak, „die machen dann was Sinnvolles. Das muss denen aber erst mal vorgemacht werden.“

Angesichts der drohenden Sparmaßnahmen im Jugendhilfe-Bereich haben verschiedene Jugendhilfeverbände und Einrichtungen der Jugendhilfe für den kommenden Freitag um 16.30 Uhr zu einer Demonstration vor dem Duisburger Rathaus aufgerufen. Ohne kommunale Zuschüsse wird Jugendhilfe unmöglich, wo sie am wichtigsten ist.

Auf die Bitte von Ofju e.V. habe ich vorgestern diesen kurzen Text über das Jugendzentrum „Einstein“ geschrieben, den der Verein gestern als Pressemitteilung an die Duisburger Lokalpresse geschickt hat. Morgen gibt es hier mehr zum Thema Jugendhilfe. Wegen der dringlichen Bitte der Jugendhilfeverbände um Unterstützung bei der Kundgebung steht der Text heute schon ohne allzu viele zusätzliche Worte auch hier.

Zur Protest-Kundgebung auf dem Burgplatz (Rathaus Duisburg),
Freitag, 12.2.2010, 16.30 Uhr
rufen auf:  Jugendring Duisburg, die Arbeitsgemeinschaft der Verbände der freien Wohlfahrtspflege Duisburg (AWO Duisburg, Diakonie, Parität, Deutsches Rotes Kreuz, Jüdische Gemeinde, Caritas Duisburg), Ofju e.V., Parkhaus, Jungs e.V.

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