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13. Juli 2010 / Ralf Koss

Wenn Jugendliche für ihre Wirklichkeit Worte finden

Seit September 2009 leite ich im Duisburger Norden eine Schreibwerkstatt für Jugendliche. Diese Schreibwerkstatt hat ihre Heimstatt im Obermarxloher Jugendzentrum Zitrone und bei der Durchführung kooperiert das Jugendzentrum mit den umliegenden Schulen. Im letzten Schuljahr war die Kooperation mit der Förderschule Kopernikusstraße besonders erfolgreich. Davon kann man sich selbst überzeugen. Denn aus den bis März von den Jugendlichen geschriebenen Texten habe ich eine Auswahl vorgenommen,  damit sie einer größeren Öffentlichkeit zugänglich sind. Gesammelt sind sie in einem kleinen Buch erschienen, das hier im pdf-Format lesbar ist. Die erste Teilauflage des Drucks ist bereits vergriffen. Nach den Sommerferien gibt es Nachschub.

Für das Buch habe ich ein längeres Vorwort geschrieben, das ich in Auszügen hier vorstellen möchte, weil so etwas wie literarisches Schreiben in einer Welt wie dem Duisburger Norden von besonderer Bedeutung ist. Es ist eine Welt, in der die Jugendlichen normaler Weise nicht lesen. Warum sie trotz ihrer Distanz zur Literatur berührende Texte geschaffen haben, konnte ich hoffentlich im Vorwort deutlich machen.

[…] Bei der Lektüre wird ein Leser nämlich bald feststellen, wie offen die Jugendlichen sich in ihren Texten äußern und wie sie uns auf diese Weise einen Einblick in ihre Lebenswirklichkeit gewähren. Außerdem wird er auch immer wieder etwas erkennen, was ich in Anlehnung an die Malerei „Naive Poesie“ nennen möchte. Bewusst setze ich dieses zweckfreie, dem künstlerischen Schaffen zugeordnete Ergebnis der Schreibwerkstatt vor all den praktischen Nutzen, den so eine Schreibwerkstatt auch mit sich bringt. Ja, die Jugendlichen gewannen Möglichkeiten hinzu, sich auszudrücken und verbesserten ihre Sprachkompetenz. Ja, die Jugendlichen haben an ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer selbst gearbeitet. Denn dieses Wahrnehmen ist die erste Voraussetzung, um Worte zu finden. Ja, die Jugendlichen mussten ausdauernd und konzentriert sein, um ihre Texte zu erstellen und sie erlebten mit, wie durch längeres, kontinuierliches Arbeiten an einer Sache aus zunächst kleinen Dingen etwas Großes erwächst. All das hat auch in der Schreibwerkstatt stattgefunden. All das wirkt sofort sinnvoll, wenn einem die Klage von Wirtschaftsverbänden über die Qualifikation von Schulabgängern in den Ohren klingt.

Wieso aber ist die Poesie in meinen Augen so viel wichtiger in der Schreibwerkstatt? Wie passt Poesie zu Jugendlichen, die selten lesen und bis dahin wenig mit Literatur anfangen konnten? Es gibt einen einzigen Grund: Erst der Umweg über die Poesie macht es möglich, an praktischen Nutzen zu denken. Denn gerade bei diesem von Erwachsenen eingeforderten praktischen Nutzen waren die Jugendlichen vorsichtig geworden. Zu häufig hatten sie die Erfahrung gemacht, dieser Zweckorientierung nicht genügt zu haben. Wer vorsichtig geworden ist, hält sich aber entweder zurück, wenn er sich ausdrücken soll oder er versteckt diesen Moment des Ausdrucks in einer Flut von anderen Worten, damit dieser Ausdruck nicht so schnell auffindbar ist. Beides erschwert eine zielgerichtete Bildung ungeheuer, manchmal wird sie dadurch unmöglich.

In dem Moment kommt die Poesie ins Spiel. In der Poesie herrschen andere Gesetze. Gelingen ist hier nicht eine Frage von richtig oder falsch. Gelingen heißt hier, sich zur eigenen Wahrheit zu bekennen und dafür einen gestalteten Ausdruck zu finden. Das braucht Mut, weil die Jugendlichen etwas von sich preisgeben müssen. Sie müssen es riskieren, sich auf einem ihnen fremden Gebiet als ungeschützte Persönlichkeit zu zeigen. So etwas kann nicht in jeder Minute der Begegnung geschehen. So etwas braucht oft mehrere Anläufe, noch längere Umwege müssen gegangen werden und manchmal gerät man auch in Sackgassen. Die Jugendlichen müssen Vertrauen entwickeln, erst in das Gegenüber, dann in sich selbst. Lassen sich die Jugendlichen auf diesen Prozess aber ein, geschieht etwas Überraschendes. Jegliches Wissen wird dann gleichsam nebenbei erworben. Das zu Lernende kommt den Jugendlichen in einem anderen Gewand näher. Es ist kein erwachsenes, für sie nutzlos wirkendes Wissen mehr, sondern sie nehmen es als Möglichkeit zur Stärkung der eigenen Persönlichkeit. […]

Wer das Vorwort und die wunderbaren Texte der Jugendlichen in Gänze  lesen möchte, dem sei noch einmal das Buch ans Herz gelegt – per Link zur pdf-Datei oder nach den Sommerferien ab September in gedruckter Form. Vormerkungen nehme ich gerne auch per mail entgegen.

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