Skip to content
8. April 2012 / Ralf Koss

Ruhrgebietsbuch – Verbrecher Verlag

Der Berliner Verbrecher Verlag besitzt einen eigentümlichen Namen und gibt eine lesenswerte Reihe heraus, die sich mit Städten und Regionen Deutschlands beschäftigt. Schon seit längerem will ich auf das von Markus Weckesser und Jörg Sundermeyer herausgegebene “Ruhrgebietsbuch” hinweisen, das etwas anders ist als Regional-Bücher solcher Art normalerweise.

Die Autoren haben eine originelle Mischung von Reflexionen, literarisch gefärbten Texten und biografischer Spurensuche  zusammengestellt. In diesen Texten geht es mit unterschiedlichen Stilmitteln sowohl um Wirklichkeit des Ruhrgebiets als auch um Haltung zur Region. Es geht nicht um Bekenntnise zum Ruhrgebiet, auch wenn häufig die Sympathie für Menschen und Atmosphärisches zu merken ist. Vielmehr geht es um eine besondere Form von Heimaterzählung.

Da wird Historisches über den Ruhrstadt-Gedanken berichtet, wenn Oliver M. Piecha, die Überlegungen des Journalisten und Schriftstellers Alfons Paquet aus dem dem Jahr 1930 aufgreift. Da gibt es die Folgen der Lebenswirklichkeit in den 1920er Jahren in der Erzählung “Die Schwarze Schmach” von Rudolf Lorenzen. In ihr erweist sich ein kleiner dunkelhäutiger Junge in Bremen als Sohn eines  französisch-afrikanischen Besatzungssoldaten in Bochum. Oder da ist die Collage aus Behördenbriefen von 1940 bis in die Gegenwart, mit denen erfahrbar wird, was private  Schwierigkeiten durch Spielschulden, die Dortmunder Schutzpolizei, die Waffen-SS und Witwenrente miteinander zu tun haben.

Manchmal wohnt den biografisch inspirierten Texten eine stille Sehnsucht zur Region inne, die sich aus dem Realitätssinn derer speist, die nun dort nicht mehr leben. In diesen Texten ist die Kluft zu spüren zwischen den Lebensentwürfen dieser Menschen und den Möglichkeiten, die das Ruhrgebiet für sie bereit hält. Auch deshalb ist das “Ruhrgebietsbuch” anders. Wenn es um die Zukunft der Region geht, wird auf sie implizit und leise Bezug genommen. Das Buch sammelt Blicke auf die Region, die frisch und ungewöhnlich sind. Es vermittelt Identität und stößt das Denken an. Als ich das Buch las, dachte ich, da schreiben Menschen, die das Ruhrgebiet unbedingt braucht.

 

 

 

Jörg Sundermeier, Markus Weckesser (Hg.): Ruhrgebietsbuch. Verbrecher Verlag, Berlin 2011, 224 Seiten, Broschur, € 12,00

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: