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2. Januar 2014 / Ralf Koss

Junges literarisches Schreiben und Duisburgs Kultur

Für „xtranews – Duisburg Magazin“ habe ich einen Text über das literarische Schreiben von Duisburger Jugendlichen und dessen Stellenwert für Duisburgs Kulturleben geschrieben. Dabei habe ich natürlich auch Werbung für „DU schreib(s)t“ gemacht. Auch wenn ich den Text hier im Haus auch noch einmal online stelle, empfehle ich den Klick weiter zu „xtranews Duisburg Magazin“ mit seinen lesenswerten Texten.

Neulich trafen sich Kulturinteressierte Duisburgs im Rathaus. Dort ging es bei dem von der Bürgerstiftung initiierten 4. Rathausgespräch um die Frage, auf welche Weise Kultur in Duisburg lebendig bleiben kann, wenn in öffentlichen Kassen kaum Geld vorhanden ist. Die Quintessenz zur Finanzierungsfrage ergab sich schnell. Ohne Sponsoren und Mäzene lassen sich Kulturangebote in Duisburg kaum mehr verwirklichen. Interessanter ist deshalb eine andere Frage. Welche Kultur meinen wir in Duisburg überhaupt, wenn wir das Wort aussprechen? Um das genauer zu bestimmen, möchte der Kulturdezernent Thomas Krützberg einen Kulturplan erstellen. Keine schlechte Idee, wenn dazu die Kulturschaffenden an der Diskussion beteiligt werden, was Duisburg als Kulturstadt sein will und schließlich sein kann.

Beginnen wir also über Kultur zu reden. Reden wir über den Teil, in dem ich mich in Duisburg besonders gut auskenne, reden wir über literarisches Schreiben von jugendlichen Duisburgern, und reden wir zur Einstimmung über Fußball. Egal, ob bei der U14 eines Breitensportvereins an der Hamborner Warbruckstraße oder beim anarchischeren Straßenfußball von noch jüngeren Kinder, die verstolperte Torchance lässt wie der gelungene Pass gleichermaßen keinen Zweifel daran, was die Kinder treiben. Auch wenn in ihrem Spiel der Drittligafußball des MSV Duisburg nicht zu erkennen ist, geschweige denn der der Bundesliga, nennen wir ihr Spiel zweifelsfrei Fußball.

Solche Eindeutigkeit gibt es für die Literatur nicht. Was aber machen Kinder und Jugendliche dann, wenn sie ihre Wirklichkeit mit schönen oder besonderen Worten zu fassen versuchen? Wie nennt man das, was sie mit ihrer Sprache gestalten? Das wird bei weitem nicht von jedem zweifelsfrei als Literatur anerkannt, selbst wenn literarische Texte das genannte Ziel der Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen ist. Qualitätsurteile sind dafür aber nur vordergründig die Ursache. Davon abgesehen gibt die Verankerung der Kultur innerhalb der Stadtgesellschaft vor, wie das Schreiben von Jugendlichen zunächst und vor allem betrachtet wird. In Duisburg schiebt sich vor die Literatur als Zuschreibung schnell etwas anderes. Die jungen Schreibenden stärken dann ihre Sprech-, Sprach- und Lesekompetenz. Oft soll soziale Benachteiligung ausgeglichen werden. Nicht zu vergessen das Selbstbewusstsein, um das sich auch immer gekümmert wird. Es geht, gerade bei freien Projekten, darum, Nutzen zu begründen. Und schon sind wir beim Geld. Schon sind wir bei der Verankerung der Kultur im städtischen Leben. Ich denke nicht an etablierte Institutionen und Besucherzahlen. Ich denke daran, wie Kultur ohne ausdrücklich benannten Mehrwert in Duisburg empfunden wird. Ohne starkes Selbstbewusstsein für die kulturelle Sache, ist es einfacher, die Welt der schreibenden Kinder und Jugendlichen in defizitärer Perspektive wahrzunehmen. Dann geht es um das Beheben von Schwierigkeiten und das literarische Schreiben wird nur  als Mittel zum Zweck angesehen.

Erst das selbstverständliche Handeln im Alltag bestimmt, welche Bedeutung die Kultur in der Stadt bekommt. Kulturelles Selbstbewusstsein kann nicht verordnet werden. Kultur wächst von unten, aus einem regelmäßigen Schaffen heraus, aus einem Schaffen, das im Fall der Kinder und Jugendlichen als eine erste Form künstlerischen Ausdrucks ernst genommen wird. Deshalb liegt mir so viel daran, den literarischen Eigenwert der Texte von Duisburger Kindern und Jugendlichen herauszustellen.

Es fehlt in Duisburg ja nicht an kultureller Arbeit an der Basis. Wenn etwas fehlt, dann ist es eine verbreitete Vorstellung dessen, wie bedeutsam solche Aktivitäten für die Hochkulturformen der Stadt sind. In Duisburg schreiben Kinder und Jugendliche an vielen Orten immer wieder über ihre Welt, versuchen sie sich in gestalterischer Form mit Wörtern und Worten. Ich selbst rege seit einigen Jahren Kinder und Jugendliche an unterschiedlichen Orten im Duisburger Norden an, ihre Wörter auch künstlerisch gestaltend zu nutzen, auf eine literarische Weise. Das sind Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Bildungsgänge. Gymnasiasten sind Teilnehmer von Schreibwerkstätten ebenso wie Förderschüler. Eines begegnet mir beim Arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen dann immer wieder; es ist etwas, was ich in Anlehnung an die Malerei einmal „Naive Poesie“ genannt habe. Diese „Naive Poesie“ entsteht, wenn sich die Kinder und Jugendlichen in ihren Texten zur eigenen Wahrheit bekennen und dafür einen gestalteten Ausdruck finden. Sie zeigen sich, und ein Leser dieser Texte erfährt sowohl von ihrem Alltag mit seinen Problemen und dessen angreifbarem Glück als auch von Hoffnungen und großen Träumen. Die jungen Autoren tasten sich an die Wahrheit ihrer Erfahrung und der eigenen Person heran. Deshalb stehen die Ich-Erzähler ihrer Texte dem Autoren-Ich sehr nahe, doch darf man sie nicht vorschnell für identisch halten.

Weil die Jugendlichen etwas von sich preisgeben müssen, brauchen sie Mut für ihre Texte. Viele der Jugendlichen, denen ich begegnet bin, lesen selbst kaum und müssen es riskieren, sich auf einem ihnen fremden Gebiet als ungeschützte Persönlichkeit zu zeigen. So etwas kann nicht in jeder Minute einer Schreibwerkstatt geschehen. So etwas braucht oft mehrere Anläufe, längere Umwege müssen gegangen werden und manchmal gerät man auch in Sackgassen. Das ist nichts anderes als ein künstlerischer Prozess.

Und ja, die Jugendlichen gewinnen Möglichkeiten hinzu, sich auszudrücken und verbesserten ihre Sprachkompetenz. Ja, die Jugendlichen arbeiten an ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer selbst. Denn dieses Wahrnehmen ist die erste Voraussetzung, um Worte zu finden. Ja, die Jugendlichen müssen ausdauernd und konzentriert sein, um ihre Texte zu erstellen und sie erlebten mit, wie durch längeres, kontinuierliches Arbeiten an einer Sache aus zunächst kleinen Dingen etwas Großes erwächst. All das findet in einer Schreibwerkstatt statt. All das wirkt sofort sinnvoll, wenn einem die Klagen über die Qualifikation von Schulabgängern in den Ohren klingen. All das kann aber nur deshalb geschehen, weil es von Anfang an nur unausgesprochene Nebensache ist.

Es gab Zeiten, in der Literatur als Möglichkeit verstanden wurde, jedem Menschen dieser Gesellschaft eine Stimme zu verleihen. Weil sich etwa Arbeiter mit ihrer Lebenswirklichkeit in bürgerlicher Literatur nicht wiederfanden, schrieben sie selbst Romane, Kurzgeschichten, Lyrik. Gerade im Ruhrgebiet gab es mit der Dortmunder „Gruppe 61“ eine solche Literaturströmung. Betrachtet man die Texte der Jugendlichen in so einer Perspektive, lässt sich ihr besonderer Wert für Duisburg noch klarer erkennen. Die Stadt erhält Stimmen, die Einblick in die Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher gewähren.

Wenn ich – natürlich auch pro domo – dafür werbe, die Texte der Jugendlichen im literarischen Sinn ernst zu nehmen, werbe ich dafür kulturelles Schaffen in Duisburg wichtig zu nehmen, diesem Schaffen einen eigenen Wert zuzumessen. Ein Kulturplan kann Rahmenbedingungen beschreiben. Mit Leben wird er gefüllt durch Teilhabe am kulturellen Leben. Deshalb ist das zweckfreie, dem künstlerischen Schaffen zugeordnete Ergebnis einer Schreibwerkstatt bedeutsamer als der praktische Nutzen, den so eine Schreibwerkstatt auch mit sich bringt.

 

DU schreib(s)t in Kürze

DU schreib(s)t ist das Duisburger Netzwerk von Institutionen und Menschen, die sich für Literatur von Kindern und Jugendlichen in Duisburg einsetzen. DU schreib(s)t  sorgt für Informationsaustausch und verschafft Jugendlichen die Möglichkeit zur Lesung und Veröffentlichung.

Im Jugendzentrum Zitrone besitzt das Literaturprojekt seine Basis. Dort engagiere ich mich in Kooperation mit den umliegenden Schulen für das literarische Schreiben von Kindern und Jugendlichen. Schreibwerkstätten finden regelmäßig statt und einmal wöchentlich, Mittwochnachmittag, öffne ich eine Art Literaturbüro.

DU schreib(s)t bietet zudem interessierten Jugendlichen im Juni und Dezember die Möglichkeit, auf einer offenen Lesebühne eigene Texte einem Publikum vorzustellen. Außerdem können Jugendliche ihre Texte online auf der Seite von DU schreib(s)t veröffentlichen. Kontakt: Jugendzentrum Zitrone 0203.479 48 88 oder E-Mail an r.koss[@]lemonhaus.de

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