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16. April 2018 / Ralf Koss

Unter uns Indianern am Theater Oberhausen

Den Saal 2 vom Theater Oberhausen betritt man durch den Nebeneingang. Es geht am Pförtnerkabäuschen vorbei, durch den Innenhof und einen kleinen Vorraum. Das schmeckt nach Off-Szene an einer städtischen Bühne, ein Raum für Experiment, hybride Formen und nahem intensiven Kontakt mit dem Publikum. „Unter uns Indianern“, der zweite Teil einer „radiophonen Stückentwicklung“ ist zu sehen. Das neue Stück entwickelt Dirk Laucke, Hausautor am Theater Oberhausen. Es hat im Juni Premiere. An diesem Abend lässt Dirk Laucke das Publikum zum zweiten Mal nicht nur an seinen Recherchen für dieses Stück teilhaben, er legt zugleich Haltung und gedankliche Grundlagen offen.

Ging es im ersten Teil der „radiophonen Stückentwicklung“ im November letzten Jahres um die Meinungsfreiheit, so kreist „Unter uns Indianern“ um den Begriff der Kultur. „Radiophon“ nennt Dirk Laucke das Bühnengeschehen, weil der Abend weniger von sichtbarer Handlung lebt als von vorgetragenem Text, sei es referierend oder als Rezitation, vom Geräusch- oder Klangeffekt und von O-Tönen aus Straßeninterviews.

Nachdem der eingespielte O-Ton zu Beginn verklungen ist, nimmt Dirk Laucke zusammen mit den Ensemblemitgliedern Susanne Burkhardt und Burak Hoffmann hinter einem mächtigen Schreibtisch Platz. Regale voller Bücher umrahmen sie. In den Regalen und auf der Bühne liegt zudem verstreut eine Sammlung von Gegenständen, mit denen in diesem Land der eigene Sinn für Kultur illustriert werden soll. Schon stellt sich die Frage, sehen wir hier einen Sezierraum in Sachen Kultur? Ins Auge fällt, was deutsche Wohnungen heimelig machen soll. Manches ist verfremdet, anderes wird karikiert. Entstammt der eine Dekor nicht aus anderen als deutschen Lebenszusammenhängen?

Auf der Bühne wird unterdessen in die Vergangenheit geblickt, von der Antike bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das erweist sich als Parforceritt, in dichter Reihung hören wir von sozialen Gruppen, von Völkern und von als Tatsachen ausgegebenen Ideologien. Es geht um das Verhältnis von Identität zu Nation und Staat. Wir erfahren vom Nutzen dieser Identitäten in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Wie kam es etwa dazu, dass Roma als Gruppe eine eigene Identität zugeschrieben wurde. Was war die ideologische Begleitmusik der Staatsgründung Deutschlands? Immer ist dabei die Frage im Blick: Wie verhält es sich im historischen Moment mit dem Eigenen und dem Fremden? Oft geht es darum, dass ein Bild des Eigenen sich zu Kultur verfestigt und zum Mittel der Abgrenzung wird; mehr noch, es wird zu einem Mittel des Machterhalts und der Überhöhung des Eigenen. Dirk Laucke legt durch den Blick in die Historie frei, was unausgesprochen mitschwingt, wenn wir von Kultur reden.

Überhöhung des Eigenen findet sich wieder in den Haltungen der Gegenwart, hörbar als Meinungen auf Oberhausens Straßen, die von Passanten in Dirk Lauckes Aufnahmegerät gesprochen wurden. Unter dem sezierenden Blick auf Kultur löst sich nach und nach auf, was ein kollektives Eigenes sein könnte. Die Haltung, ein Volk entspräche einer Kultur, wird in Dirk Lauckes Perspektive ebenso in Frage gestellt, wie das Nebeneinander verschiedener Kulturen in einem Staat. Rechts wie links dient Kultur dann nicht der Verständigung. Auf der einen Seite dient sie im Zweifel nur dem Stärkeren auf Kosten von Schwachen und Minderheiten, auf der anderen Seite einem beziehungslosen Nebeneinander. Verhindert das Konzept der Kultur angesichts der Probleme in der Gegenwart kluge Lösungen? Und was könnte stattdessen Orientierung für den einzelnen in einer Gemeinschaft sein?

Als „Unter uns Indianern“ nach etwas mehr als einer Stunde vorbei ist, stehen diese Fragen ohne Antworten im Raum. Das Stück ist damit zwar zu Ende, der Abend geht aber mit Gespräch weiter. Dirk Laucke, Burak Hoffmann und Susanne Burkhardt treten vor die Bühne und wollen mit dem Publikum reden. Ein Theater, das in der Gegenwartsgesellschaft von Bedeutung sein möchte, erlebt in Oberhausen ein gelungenes Beispiel. Was zu sehen war, wird anschließend kommentiert, zuweilen hinterfragt. Die Skepsis von Dirk Laucke gegenüber der Kultur als ordnendes Element einer Gemeinschaft begegnet der Frage, welche Orientierung Menschen für sich sonst fruchtbar machen können. Vertrauen in Institutionen schafft Zusammenhalt, wird von einem Zuschauer angemerkt. Als Gegenpol zur Kultur steht auf dem Programmzettel die Identität. Doch im Gespräch macht sich bemerkbar, Identität wurzelt in kulturellen Zusammenhängen. So einfach ist das also nicht alternativ gegenüber zu stellen.

Unser Bezug auf Kultur birgt Fallstricke, für die der Abend sensibilisiert. Das neue Stück von Dirk Laucke ist keine Erweiterung des bislang Gesehenen. Eigenständiges ist entstanden, auf dessen Premiere ich neugierig bin.

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