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Bill Moody – Krimiautor und Jazzschlagzeuger

In Stellenanzeigen nennt man so etwas ein Anforderungsprofil: „Um authentisch über Jazz schreiben zu können, muss der Schriftsteller sich völlig in diese Welt versetzen oder ihr immerhin so nahe sein, dass er fast ein Teil von ihr ist. Idealerweise sollte der Schriftsteller sogar selbst Musiker sein“. Der Amerikaner Bill Moody vertritt diese Überzeugung in einem kleinen Aufsatz über Jazz in der Literatur und spricht gleichsam pro domo. Denn Bill Moody spielt als Schlagzeuger Jazz, und er schreibt Kriminalromane, in denen er variationsreich von der Welt des Jazz erzählt. Da finden dann offene Fragen der realen Jazzhistorie ihre Antwort im möglichen vertuschten Verbrechen. Morde geschehen um der großen Kunst willen, und im geschilderten Alltag ist das bewusste Hören von Musik allgegenwärtig.

In dieser erzählten Welt kann auch nur ein Musiker wie der Jazzpianist Evan Horne die Hauptfigur sein. Allerdings wird Evan Hornes innige Verbundenheit mit dem Jazz zunächst nur allzu häufig durch Melancholie und Trauer bestimmt. Denn nachdem ihm bei einem Autounfall die Hauptsehnen der rechten Hand, der Solohand des Jazzpianisten, durchtrennt werden, scheint es vorbei zu sein mit der Musikerkarriere. Dass seine Hand jemals wieder so beweglich wird wie früher, wagt er im ersten Roman der Serie, „Solo Hand“, kaum zu hoffen. Für lange Zeit besteht Hornes Alltag aus Krankengymnastik und Musikjourna­lismus statt Klavierspiel und Konzert­tourneen. Doch in den folgenden Bänden macht er wieder Musik und tastet sich an den Jazz heran, den er im Kopf hat und lange Zeit nicht ausdrücken kann. So trägt er etwa im zweiten Roman zum konsumfördernden Ambiente einer Shopping Mall in Las Vegas bei. Oder noch zwei Bände später  spielt er auf dem Electric Piano weichgespülten Schmusejazz in der Band eines amerikanischen Showstars bis er schließlich im nächsten Roman sogar wieder als musikalischer Kopf einer Jazzcombo an einer Plattenaufnahme arbeitet.

Der geschiedene Enddreißiger Horne lebt in Los Angeles und hält sich in Sachen Jazz immer wieder auch länger in anderen Städten der USA auf. Erst unterhält er eine lockere Beziehung zu seiner Stewardessen-Nachbarin für die emotionale Grundversorgung, später lässt er sich mit einer Polizistin auf mehr Nähe ein. Aber auch diese Beziehung ist nicht von Dauer. Er mag am liebsten Bebop und Postbop, ohne sich beim Hören von Jazz darauf zu beschränken. Bei der Verbrechensaufklärung ist Horne ein Amateur, dem Danny Cooper, ein befreundeter Polizeibeamter, mit seinen professionellen Möglichkeiten immer mal wieder den Rücken frei halten muss. So ein Amateur sucht nicht das Verbrechen,  es kommt zu ihm. Das kann die Bitte der Ex-Frau sein, ihrem neuen Ehemann zu helfen, weil er erpresst wird. Oder da fragt der befreundete Anglistikprofessor in Las Vegas, ob Horne mit ihm Nachforschungen über den ungeklärten Tod des Tenorsaxofonisten Wardell Gray im Jahr 1955 anstellt.

Für Evan Hornes Klavierspiel hat Bill Moody ein Vorbild unter den Größen des Jazz gefunden: den lyrische Jazzpianisten der 60er Bill Evans. Für Horne, der sich auch geistig diesem Vorbild verpflichtet fühlt, ist Jazz eine Form der Kunst. Daraus ergibt sich für ihn eine besondere Verantwortung jeden Musikers, sein Talent zur bestmöglichen Ausdrucksfähigkeit zu nutzen. Das Niveau der individuellen Musik darf nicht den Möglichkeiten zur Vermarktung geopfert werden. Man liegt nicht falsch, wenn man in diesem künstlerischem Credo die Meinung von Bill Moody ungebrochen vermutet. Dessen musikalische Überzeugungen gründen auch auf seiner langjährigen Karriere als Jazzschlagzeuger.

Der 1941 geborene Bill Moody hat in Boston am Berklee College of Music studiert, um sich bald in einem Trio mit Junior Mance und Jimmy Rushing zusammen zu tun. Von 1967 an spielte er ein Jahr lang in Osteuropa mit dem Gustav Brom Jazz Orchester. Das Ende des Prager Frühlings war auch das Ende seiner Zeit in der osteuropäischen Jazzszene. Danach tourte er zwei Jahre in Westeuropa mit Maynard Fergusson, Jon Hendricks und Annie Ross. Bei einer Theaterproduktion in Hamburg spielte er mit Peter Herbolzheimer und schließlich stieg er bei Lou Rawls fest ein, nachdem er bei dessen Deutschlandtournee aushilfsweise getrommelt hatte. Von da an verlagerte sich sein Tourleben in die USA, nach Japan und Australien. Es folgte eine Zeit mit Earl Hines, und in den folgenden Jahren spielte er in den Hotelkasinos von Las Vegas. Als er ab Ende der 80er nicht mehr so rastlos unterwegs sein wollte, nahm das Schreiben immer mehr Raum in seinem Leben ein. Zunächst waren das journalistische Arbeiten, Kurzgeschichten und mit „The Jazz Exiles: American Musicians Abroad“, ein Sachbuch über amerikanische Jazzmusiker in Europa. Schließlich erschien mit „Solo Hand“ 1994 der erste Kriminalroman. Noch immer ist Bill Moody als Jazzmusiker aktiv. Doch spielt er jetzt nur noch in der Region von San Francisco. Das macht er zwei- bis dreimal die Woche. Zudem lehrt er kreatives Schreiben an der Sonoma State University im nördlichen Kalifornien. Dem Schreiben und der Musik widmet sich Bill Moody heute zu gleichen Teilen.

Die Kommerzialisierung des Musikbetriebs macht Bill Moody zum Hauptthema seines ersten Kriminalromans „Solo Hand“. Erpressung ist eine nahe liegende Versuchung, wenn nicht mehr die Kunst von Sängern zählt, sondern deren Images. Den Soulsänger Lonnie Cole trifft es in diesem Fall, und Horne soll ihm helfen. Heimlich aufgenommene Fotos zeigen Cole, den „Mister Macho-Man“, zusammen mit dem Country-Star Charlie Crisp im Bett. Bri­sant sind die Fotos, weil mit dem bedrohten Image zweier Musikstars auch der zu erwartende Millionenabsatz ihrer demnächst erscheinenden, ersten gemeinsamen Platte gefährdet ist. „The Soul of Country“ heisst das Projekt, bei dem die Kaufkraft zweier Fangruppen gleichermaßen ausgenutzt werden soll. Man sieht, am An­fang einer Platte steht oft nicht ein künstlerisches Konzept sondern eine Marketingüberlegung. Indem Moody Horne immer tiefer in das kriminelle Geschehen um Lonnie Cole verstrickt, kann er gleichzeitig von den kunstfeindlichen Strategien der Musikindustrie erzählen und von den zum Teil illegalen Methoden, mit denen dort gearbeitet wird. Abrechnungsbetrug auf Kosten der Musiker ist das Stichwort.

Nicht nur auf der Ebene des Plots auch in den Werturteilen Evan Hornes begegnet man dem Gegensatz von Kunst und Kom­merz. Er bedauert die Ent­wicklung Coles, der sein Talent als Jazzsänger verschleudert. Statt seine künstlerischen Ausdrucksfähigkeiten bis an die Grenzen zu nutzen, setzt Cole auf leicht singbare Musik, die einfacher zu verkaufen ist. In dieser musikalischen Entwicklung ist die Figur Lonnie Cole an den Jazz- und Soulsänger Lou Rawls angelehnt. Auch Rawls verringerte auf Drängen des Managements die Ansprüche an seine Musik. Im Gegensatz dazu entspricht Hornes Haltung der eines idealistischen Künstlers, der seine eigene musikalische Wahrheit gegenüber Publikum und Produzenten kompromisslos durchzusetzen versucht. Auf der Ebene der Krimihandlung macht dieser Idealismus Horne zum klassischen, mo­ralisch integeren Ermittler, der bei sei­nen Nachforschungen immer die ganze Wahrheit eines Falles wissen will.

Bill Moody erzählt seine Geschichten solide, sprachlich und formal gibt es keine großen Experimente. Seine Stärke ist seine Fähigkeit, durch Figurenzeichnung und Plot sein Wissen über den Jazz zum notwendigen Bestandteil seiner Literatur zu machen. In seinen Romanen ist aber eine Entwicklung festzustellen. Im Debut „Solo Hand“ hält er sich mit seiner Geschichte eng an ein konventionelles Krimischema, bei dem die Fragen der Ermittlung nahtlos ineinander greifen. Rätselspannung wird so zum antriebsstarken Motor der Geschichte. Schon im zweiten Roman, „Moulin Rouge, Las Vegas“, rückt er den Jazz mehr in den erzählerischen Fokus und riskiert es, mit den Krimimotiven von Rätsel und Ermittlung improvisierender umzugehen. Das vermindert die Spannung, lässt aber Freiräume entstehen, die Moody gekonnt nutzt, um die Jazzwelt von Las Vegas in Vergangenheit und Gegenwart lebendig zu machen. Denn die Lücken und offenen Fragen der realen Jazzhistorie sind Moody der Anstoß für diese Geschichte. 1955 starb der erfolgreiche Tenorsaxofonist Wardell Gray unter ungeklärten Umständen in Las Vegas. Er hatte ein Engagement in dem zwei Tage zuvor eröffneten Moulin Rouge, dem ersten Hotel und Spielkasino, das auch Schwarzen offen stand. Als Horne mit seinen Recherchen zum Tod von Gray beginnt, erfährt er zwangsläufig die Geschichte des Moulin Rouge. So gelingt Moody eine Momentaufnahme vom Kampf gegen die Rassendiskriminierung. Gleichzeitig zeichnet er ein Bild von der Musikwelt im modernen Las Vegas, das von den Konzernen regiert wird. Kostensenkung heißt die Devise in allen großen Hotels. Deshalb sind die Zeiten für Musiker hart geworden. Vom Band kommt die Musik für die großen Shows, und wenn es noch Livemusik gibt, ist die Besetzung des Orchesters nur klein. An den wenigen Orten, wo noch Jazz gespielt wird, investiert man immer weniger in Werbung und anständige Bezahlung. Und wenn der Zuspruch nicht groß genug ist, gibt man den Musikern die Schuld. So findet Horne auch in Las Vegas die Bestätigung dafür, dass jegliche Profitmaximierung gute Musik verhindert.

Mit der Geschichte um das Moulin Rouge weist Bill Moody den Weg, auf dem er den ewig gleichen Inhalten statischer Serienliteratur entkommen will. Gerade der Amateurdetektiv als Hauptfigur einer Serie lässt einem Autor nicht allzu viel Spielraum, Geschichten zu erzählen, die mehr als ein Krimimärchen sein wollen. Indem Bill Moody in den Lücken der realen Jazzgeschichte seine Plots verankert, kann er vom Jazz in den unterschiedlichsten Facetten erzählen. Denn der Jazz bietet genügend Figuren, deren Leben durch Außenseitertum, schnelles Geld und Drogen oder der Sehnsucht nach Macht und Erfolg geprägt ist. Bestens geeigneter Krimistoff.

So erzählt Moody in „Sound of the Trumpet“, dem einzigen nicht übersetzten Roman, von den verschwundenen Plattenaufnahmen des Trompeters Clifford Brown, der 1956 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Oder er widmet sich in „Looking for Chet Baker“ dem Leben und der Musik des amerikanische Jazztrompeters und Sängers Chet Baker. Nachdem Baker 1988 aus dem Fenster seines Amsterdamer Hotels gestürzt war, führten ungeklärte Umstände dieses Todes bald zu Gerüchten. Waren dem heroinsüchtigen Baker nicht schon früher einmal die Zähne ausgeschlagen worden, weil er einem Dealer Geld schuldete? Sogar im Gefängnis hatte er gesessen, der einst mit James Dean verglichen wurde und dem man Filmrollen anbot. Baker war aber auch einer jener amerikanischen Musiker, die lange in Europa lebten und deren Beweggründe Moody nachzeichnet. Viele von ihnen fanden hier die Anerkennung, die ihnen in den USA verwehrt wurde. Und die farbigen Musiker entzogen sich so dem alltäglichen Rassismus in den USA.

Mehr als zuvor rückt Moody in „Looking for Chet Baker“ die Krimihandlung in den Hintergrund, um sich der Jazzhistorie zu widmen und gleichzeitig begeisternd den Jazz als musikalisches Erlebnis zu beschreiben. Denn Chet Bakers Musik „vermittelte einem den Eindruck, dass er etwas so Persönliches, so Geheimes offenbart hatte, dass man sich fast schuldig fühlte, es mitangehört zu haben. Er spielt nicht aus der Seele – der Jazz ist seine Seele.“ Diesen Roman gibt es auch als Hörbuch, und Moodys handwerklich solider Stil findet in der Hörbuchinterpretation von Karl Heinz Tafel seine Entsprechung. Eher nüchtern und unaufgeregt liest Tafel und verleiht den einzelnen Stimmen der Figuren dennoch Präsenz. Was sich zudem hinter dem unscheinbaren Booklet-Aufdruck „Bonus-CD: Chet and me“ versteckt, ist eine Überraschung für jeden Jazzfreund. Dabei handelt es sich um hörenswerte Aufnahmen der Jazzvokalistin Marigold Hill. Fünf Songs hat sie mit Chet Baker in den 80ern aufgenommen. Acht weitere Titel kommen hinzu und machen die Bonus-CD zu einer auch eigenständig Bestand habenden Jazz-CD. Ein paar Worte als Kommentar zu diesen Aufnahmen wären sicher nützlich gewesen. Doch an einem überraschenden Geschenk soll man nicht herummäkeln, sondern es einfach genießen.

In Moodys letztem übersetzten Roman, „Bird lives!“, rückt die Frage nach den künstlerischen Möglichkeiten eines Musikers wieder in den Vordergrund. Auf Anraten des Horne-Freundes bei der Polizei, Danny Cooper, zieht das FBI Evan Horne zu Ermittlungen hinzu, als am Todestag der Jazzikone Charlie Parker ein Smoothjazz spielender Saxofonist umgebracht wird. Schnell stellt sich heraus, er ist nicht das erste Opfer eines Mörders, der zum Gedenken an Klassiker des Jazz mordet. Diese Jazzklassiker hatten ihre Musik in große Kunst verwandelt, indem sie gegenüber Publikum und Musikproduzenten die eigene musikalische Wahrheit kompromisslos durchsetzten. Die Opfer aber betrachteten ihre Musik nicht als persönlichen Ausdruck sondern als Konsumartikel. Doch Moody rückt in diesem Fall die Frage nach wahrer Kunst in eine psychologische Perspektive. Denn er erzählt, welche Folgen solche Kompromisslosigkeit haben kann, wenn sie nicht das Talent zur Voraussetzung hat. Bislang gibt es nicht viele Autoren von Kriminalromanen, die ihr Insiderwissen mehr als einmal in gute Literatur verwandeln können. Der ehemalige Jockey Dick Francis mit seinen Romanen im Reitsportmilieu gilt unbestritten als ein solcher Autor. Bill Moodys Namen darf man inzwischen ebenfalls nennen.

Bill Moody

– Solo Hand. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Unionsverlag, Zürich  2001.

– Moulin Rouge, Las Vegas. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Unionsverlag, Zürich 2002.

– Auf der Suche nach Chet Baker. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Unionsverlag, Zürich, 2004.

– Bird lives! Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Unionsverlag, Zürich 2006.

Hörbuch: Auf der Suche nach Chet Baker. Gelesen von Karl-Heinz Tafel. Delta Entertainement 2006.

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