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Leid lässt sich nicht immer weglachen – „Director´s cut“

Eine lebensbedrohliche Erkrankung ist eine leidvolle Erfahrung. Auf diese allgemein gehaltene Wahrheit können sich die meisten Menschen ohne Probleme einigen. Doch die persönliche Geschichte hinter der formelhaften Übereinkunft ruft häufig Widerstände hervor. Erst dann nämlich beginnt die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit um die angemessene Erzählung von einem Geschehen, das bei gesunden Menschen Ängste weckt –  Ängste, die bezwungen werden müssen.

Vor allem nach dem Ende meiner Krebstherapie, im Niemandsland zwischen Krankheit und Gesundheit, merkte ich, wie die Frage nach meinem Befinden häufig noch einen anderen Grund hatte als den der Anteilnahme. Denn ich begegnete Menschen, die bereits sicher wussten, was sie eigentlich erst von mir erfahren wollten. Meine Antworten passten nicht zu ihren Erwartungen, und ich spürte die Ungeduld mit mir. Der Grund für diese Ungeduld war mein andauerndes Leid. Anscheinend war dieses Leid zu einer Zumutung geworden.

Heute, lange nach dieser Zeit, steht die Krankheit Krebs nicht mehr im Zentrum meines Lebens. Ich bin wieder gesund. Erkrankt war ich an Morbus Hodgkin, einem Lymphdrüsenkrebs mit sehr hoher Heilungsrate. Inzwischen liegt sie bei 90 Prozent, lese ich. Damals sprach man von 70 bis 80 Prozent. Die aufnehmende Ärztin der Uniklinik gab sich optimistisch. Es gäbe Mediziner, die zögen die Erkrankung an Morbus Hodgkin einem Herzinfarkt vor. Ich hatte dennoch Angst, sterben zu müssen. Zehn Monate insgesamt dauer­ten erst Chemo- dann Strahlentherapie. Alles ge­schah ambulant. Als ich die Krebsdia­gnose erhielt war ich 34 Jahre alt. Ich war verheiratet, arbeitete mit Er­folg und unser Sohn war gerade sechs Monate auf der Welt.

Solche Fakten brauchte ich als Kranker zur Orientierung, wenn man mir vom Schicksal anderer Krebskranker erzählte. Zu verschieden sind die Krebsarten, zu unterschiedlich sind Behandlungsmethoden, die Chancen auf Heilung und damit die Perspektiven der Erkrankten. Alle aber teilen das Bedürfnis, das durch die Krankheit hervorgerufene Leid zu bewältigen. Es auszuhalten. Es zu lindern. Ihm etwas entgegenzuset­zen. Es zu überwinden. Hier geht es um mehr als um sprachliche Nuancen ein und desselben Vorgangs. Was sich in diesen unterschiedlichen Begriffen an­deutet, sind verschiedene Zustände eines komplexen Prozesses. Die Aufmerksam­keit der Öffentlichkeit aber richtet sich auf das Überwinden. Dabei wirken Kulturmuster mit, die dem Leid selbst kaum eine Daseinsbe­rechti­gung lassen.

„Positives Denken“ heißt das Schlagwort, das die vorherrschende Haltung gegenüber dem Leid charakterisiert. Es ist der weltliche Trost einer Gegen­wart ohne Hoffnung auf das Paradies im Jen­seits. Der Mensch muss nun auf Erden von seinem Leid erlöst werden, und erleichtert sehen die Gesunden wie es funktioniert. Kranke finden ihr Heil. Man muss nur „positiv denken“, dann bekommt alles wieder seinen Sinn, und Leid wird zum Motiv einer Erfolgsgeschichte. Nur, das Leid als Zustand hat in dieser Welt der neuen Glaubensformen keinen Platz mehr. In dieser Welt mit ihren Bibeln, den Ratgebern, gibt es nur solche Menschen, die bereits auf dem Weg zu dem anderen, dem vollkommenen Leben sind. Verloren aber sind alle, die zweifeln.

In den alten Glaubensgemeinschaften unserer Kirchen wird man wenigstens dafür so schnell nicht verdammt. Dort kennt man auch Menschen wie Hiob, die im Leid untröstlich sind und ihren Gott anklagen. Dort hält man es aus, dass Menschen verzweifeln. Die modernen Glaubensgemeinschaften sind ungnädiger. Denn „denke positiv“ heißt auch: du kannst dich dazu entscheiden. Man soll seine Gefühle zu einer rationalen Sache machen. Und wer entscheiden kann, muss auch die Folgen seiner Entscheidung tragen. Unversehens ist einer selbst schuld, wenn er leidet. So machen die Prediger des „positiven Denkens“ den Nicht-Leidenden frei von allem Leid, das er an dem Kranken wahrnimmt. Der Gesunde rettet sein Seelenheil und den Glauben an die eigene Unsterblichkeit. Allerdings nur fürs erste. Denn „jede Gesundheit ist gemeinhin tödlich, wenn sie lange anhält, etwa 70, 80 Jahre.“ In diesem Fall hat das Jean Paul vor etwa 200 Jahren gesagt, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Sicher beschreibt das „positive Denken“ auch etwas Wahres. Zuversicht und Freude sind Lebensqualität im Jetzt und die wirkt auf das Immunsystem des Menschen. Ob allerdings diese Einstellung die Chance zur Heilung beeinflusst, weiß man schon nicht mehr so genau. So hat 2002 eine Forschergruppe aus Schottland und Kanada die Ergebnisse von 26 Studien zum Umgangsstil mit Krebserkrankungen verglichen. Ob jemand depressiv war, die Krankheit verdrängte oder sich aktiv mit ihr auseinandersetzte, ein eindeutiger Zusammenhang mit der Überlebenswahrscheinlichkeit konnte nicht festgestellt werden. Vor allem aber gibt es keine Studie, die einen Rückschluss darauf zulässt, ob eine Einstellungsänderung für den Heilungsverlauf Folgen hat. Ganz davon abgesehen, dass während einer lebensbedrohlichen Krise Menschen ohnehin nur begrenzt in ihrem Verhalten beeinflussbar sind.

So hängt alles am Glauben. Und der hat zum einen etwas mit der Persönlichkeit zu tun, zum zweiten aber ist er nicht ganz frei vom Zeitgeist. Auch ich hatte bald nach der Diagnose diffuse Vorstellungen darüber, wie positive Energien zur Heilung beitragen könnten. Und ich war dankbar für Literatur, in der ich meine Vermutungen bestätigt sah. Als ich das Buch des amerikanischen Onkologen Carl Simonton „Wieder gesund werden“ in die Hand bekam, empfand ich seine Sätze als Befreiung. Nun war ich nicht mehr nur darauf angewiesen, dass mit mir eine Therapie vollzogen wurde. Ich fühlte mich der Erkrankung nicht mehr so ausgeliefert und gewann meine Selbstbestimmung zurück.

Simonton ist der Überzeugung, die Einstellung des Erkrankten trägt zu dessen Heilung bei. Deshalb zeigt er, wie man die Therapien der Schulmedizin ergänzen kann, um die psychische Kraft zu stärken. Ich las von positiven und negativen Energien, von Visualisierungen und Entspannungsübungen und den möglichen psychischen Ursachen der Erkrankung. Simonton gibt der Erkrankung einen Sinn. Doch an diesem theoretischen Überbau habe ich mich mehr und mehr gerieben. Simonton geht so weit, das Rezidiv einer Patientin damit zu erklären, dass sie in ihrem Leben zu viele negative Energien zugelassen hat. Man sieht, sein Glaube an die Selbstheilungskräfte der Erkrankten besitzt eine Kehrseite.

Aus der Perspektive der Toten hört sich das so an, als hätten sie versagt. Aber haben etwa alle Krebstoten ihre Chance verpasst? Haben alle diese Toten mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten ihre Selbstheilungskräfte nicht genügend aktiviert, weil sie negative Energien nicht aus ihrem Leben verbannt haben? So einfach kann es bei dem komplexen Entstehungszusammenhang von Krebs wohl nicht sein. Diese Art Erklärungen wirken aber in der Öffentlichkeit und rufen dort schlagwortartige Rezepte zur Krankheitsbewältigung hervor. Jede Wahrheit des „positiven Denkens“ wird in diesen Rezepten zur Lüge.

Für die Kranken hat das „positive Denken“ als Ausdruck ihrer Hoffnung auf Heilung immer seine Berechtigung. Gleich einer magischen Beschwörungsformel kann es genutzt werden, um sich selbst und der Welt zu beweisen, man lässt sich nicht unterkriegen. Auch ich war voller Zuversicht. Dennoch wurde ich manchmal unsicher. Ich bekam Angst. Hatte ich deshalb nicht positiv genug gedacht? Wie positiv muss man denken, dass man es nicht traurig findet, seinen Sohn womöglich nicht aufwachsen zu sehen? Ein Missverständnis liegt eben nahe, wenn die Haltung zu den eigenen Erfahrungen kein Wert an sich ist, sondern etwas bezweckt. Leicht reduziert sich dann das „positive Denken“ auf ein Sein, in dem Angst, Unsicherheit und Trauer zu etwas werden, was die Heilung verhindert.

Der vom Leid des Kranken beunruhigte Gesunde nennt solche Gefühle schnell fehlerhafte, falsche Einstellungen, die der Kranken selbst zu verantworten hat. Der Kranke könnte anders, wenn er nur wollte. Und dann wäre alles besser. Druck entsteht, und unversehens verschieben sich die Gewichte. Schon ist Leid nur noch auf eine ab­strakte Weise ein Teil des menschlichen Le­bens. Jedes konkrete Erleben von Leid aber erinnert an ein Scheitern. Der immer noch tief in uns wurzelnde Glaube an das Heil durch ständigen Fortschritt wird im Alltag wieder einmal enttäuscht. So eine Enttäuschung will jeder schnell vergessen, was für den Gesunden heute ganz einfach ist. Wenn er will, sieht er im öffentlichen Raum, es gibt genügend kranke Menschen, die scheinbar nur mit Mut und Zuversicht ihre Krankheit bewältigen. Sie können sich richtig entscheiden. Man liest von ihnen oder man sieht Porträts im Fernsehen. Die Kranken versichern, sie gingen die Dinge ganz positiv an, und nur so könnte man das Leben, so ein Leben, wie sie es haben, überhaupt leben. Doch solche Erfahrungsberichte sind bearbeitetes Leid. Die Dinge sind gewichtet. Es geht nicht unbedingt um die ganze Wahrheit einer Lebenslage. Häufig geht es vor allem darum, Mut zu machen.

Außerdem darf man die Auswirkungen von Zuschauerquoten und Verkaufszahlen nicht übersehen. Denn Deutungsmuster einer Krankheit gelangen desto eher in die Öffentlichkeit, desto spannender sie zu erzählen sind. Sie folgen etwa dem dramaturgischen Muster vom erfolgreichen Kampf gegen eine scheinbare Übermacht, in diesem Fall der Krankheit. Da wird um etwas gerungen und man muss eine entsprechende Einstellung haben, um den Kampf zu bewältigen. Ein anderes beliebtes Muster ist das der Verwandlung. Die Krankheit macht einen anderen Menschen aus dem Helden, natürlich einen besseren Menschen. Solche Geschichten fesseln mehr als jene, in denen Kranke vorwiegend depressiv sind oder annehmende Haltungen einnehmen. Auf diese Weise verfestigen sich aber auch die Heilserwartungen bei bestimmten Umgangsformen mit Leid.

Der einzelne Erfahrungsbericht bestimmt die Perspektive, mit der die Grenzerfahrung Krebserkrankung, das Vielschichtige und Gleichzeitige dabei in das Nacheinander des Erzählens gebracht wird. Das eine Erleben wird in den Vordergrund gerückt, ein anderes wird vernachlässigt. In solchen Erfolgsgeschichten wird das Leid zu einem Motiv, das dem glücklichen Ende untergeordnet sein kann. Nicht viel erinnert dann mehr an das Jetzt des Leids, an den Augenblick, in dem das Leid erfahren wird und noch nicht Sprache ist. Dieses Leid hat aber eine andere Qualität als das Leid, von dem ich schon erzählen kann.

Wenn den Gesunden das Leid der Gegenwart zu nahe kommt, kann auch der Blick in die Zukunft beruhigend sein. Ob Gentechnik in der Biomedizin, ob Nanotechnik als Voraussetzung für kleinstes Instrumentarium, das in den Gefäßen reparierend eingesetzt werden kann. Die großen, Angst erregenden Todesursachen Krebs und Herzkreislauferkrankungen werden besser besiegt werden können, heißt es, und das nicht nur in der auflagenstarken Boulevardpresse. Einzelne Mensch werden dann weniger leiden; die Menschheit sicher nicht. Und da rede ich nicht von den ökonomischen Einschränkungen dieses Heils, das im öffentlichen Bewusstsein aber allen zukommen soll. All dieses Starren auf den  Fortschritt geschieht in der insgeheimen Hoffnung, dem Tod doch irgendwie entkommen zu können.

Wenn man aber nur auf diese Zukunft  schaut, wird das Leid der Gegenwart zu etwas, was an die eigene Unvollkommenheit erinnert. Es erinnert daran, dass es mit dem ewigen Leben auf der Erde noch immer nicht ganz so weit ist. Ohne Anerkennung des Leids in dieser Ge­genwart bleibt aber keine Möglichkeit zu Trost. Der Mensch als Leidender ist dann im Alltag unserer Gesellschaft nicht mehr aufgehoben.

Für mich geschieht die Anerkennung meines Leids nicht, indem jemand auf ab­strakte Weise bejaht, die Erkrankung an Krebs ist ein schreckliches Schicksal, um sich dann ausschließlich den Techni­ken zur Überwindung dieses Schicksals zuzuwenden. Diese Anerkennung des Leids geschieht nur in der direkten Be­gegnung mit mir, dem Kranken. Ich verlange nicht, dass man diese Begegnung suchen muss. Mir geht es darum zu beschreiben, was mir geholfen hat und wie Begegnungen mit Gesunden gelingen konnten. Zu solcher Begegnung mit einem Leidenden bedarf es Kraft. Man muss Verzweiflung, Unge­rechtig­keit, Angst und Trauer aushalten. Man muss es aushalten, dass einem für eine Zeit vielleicht der Sinn des Lebens ver­loren geht. Man muss es aushalten, nichts machen zu können, außer da zu sein. Ohne Worte, die vorschnell etwas zudecken. Und genau das reicht. Und genau das ist überaus schwer.

Wenn meine Frau mit mir zusammen Angst und Trauer ertrug und sie nicht wegre­dete, verschwand meine Verzweiflung in einer grenzenlosen Leere. Sie verwandelte sich nicht in ein glückliches Gefühl, aber ich fand meine Ruhe wieder. So eine  Begegnung erfordert gegenseitigen Re­spekt vor den jeweiligen Grenzen der Kraft. Es bedarf des Respekts vor dem jeweiligen Versuch die Krise zu bewältigen. Es bedarf des Respekts vor der Art und Weise, wie jemand mit der Möglichkeit seines eigenen Todes umgeht. Die Voraussetzung einer gelingenden Begegnung  ist nicht die vorher schon vorhandene Nähe, sondern eine innere Haltung der Akzeptanz vom Gegenüber. Es gab solche Begegnungen nicht nur mit meiner Frau.

Wenn an dieser Stelle von den Begegnungen die Rede ist, die mein Leid gelindert haben, sei mir ein Exkurs gestattet. Die Behandlungsräume der Ärzte sind jene Orte, wo das Leid der Patienten an seiner Wurzel gepackt wird. Die Krankheit soll besiegt werden. Doch die Begegnung mit der besonderen Struktur der Universitätsklinik und ihrer Organisation von Behandlung bot wenig Raum, um mein unspezifisch empfundenes Leid  aufzufangen. Der arbeitsteilige Behandlungsverlauf, die räumliche Ausstattung der Klinik und die Zahl der Patienten im Verhältnis zu den Ärzten führten zu einer Art sekundärem Krankheitsverlust, wenn man analog zu dem bekannten Krankheitsgewinn einen Begriff benutzen möchte. Es kostete Kraft, die Fassung zu bewahren.

Doch mit konkreten Sorgen wurde ich immer ernst genommen. Sie blieben nie bedeutungslos. Ich lernte, in der Klinik erhalte ich für die psychische Bewältigung der Krankheit eine Unterstützung, deren Quelle die schulmedizinische Deutung meiner Erkrankung ist. War ich wegen der Symptome meines Körpers besorgt, konnte ich jederzeit nachfragen, welche Bedeutung sie hatten. Ich rief spätnachmittags meinen Arzt an und geduldig beruhigte er mich. Den Ärzten war es also nicht egal, wie ich mich fühlte. In ihrer Wirklichkeit brauchten sie meistens nur einen konkreten Anlass, um zu reagieren. Dann wurde deutlich, ich war für sie nicht der Morbus Hodgin, sondern ein Mensch, der an Morbus Hodgin erkrankt war.

Allerdings war die Chance der Ärzte auch groß, bei meiner Behandlung erfolgreich zu sein. Wenn sie keine Möglichkeiten der Therapie mehr sehen, wird es in ihrer Wirklichkeit schwieriger, das Leid des Patienten zu mildern. Dann kann es dazu kommen, dass sie keine Zeit mehr für ihren Patienten haben, wenn es etwa um die Mitteilung schlechter Befunde geht. Gleichzeitig aber unterhalten sie sich vor der Zimmertür des Patienten ausführlich über ihre nächsten Urlaubsziele. Von solchen enttäuschenden Erfahrungen wurde mir erzählt. Und natürlich vergrößern sie das Leid.

Angesichts solcher Erlebnisse muss man die Selbstverständlichkeit wahrscheinlich immer wieder sagen, Vertrauen ist die Grundlage der Beziehung von Arzt und Patient. Zwar besitzen Ärzte, besonders an einer Universitätsklinik, einen Vertrauensvorschuss, der sich auf ihre fachliche Kompetenz bezieht; damit sich dann aber das Vertrauen in der Gegenwart der Begegnung einstellt, muss das Gespräch zwischen Arzt und Patient gelingen. Der Kranke braucht das Gefühl, mein Arzt hört, was ich sage. Er fällt sein Urteil erst, wenn ich mein Problem vollständig beschrieben habe, in Worten, die meinem Empfinden am nächsten kommen. Selbst wenn er nach meinen ersten Sätzen bereits sein Urteil sicher weiß, so muss er sich am Anfang der Beziehung meine Eindrücke insgesamt anhören. Woher soll ich als Patient wissen, dass ich ihm genügend Informationen für sein Urteil gegeben habe? Als Patient muss ich erst lernen, wieviel Informationen mein Arzt braucht, um ein treffendes Urteil zu fällen. Dieses Wissen um eine vertrauensvolle Beziehung lindert Leid. Es ist nicht abhängig von den Heilungschancen des Patienten. Es ist abhängig von der Fähigkeit des Arztes zum Gespräch und von seiner Bereitschaft seinen Patienten in dessen Weg durch oder mit der Krankheit zu respektieren. Dann wächst eine vertrauensvolle Beziehung, die auch Kollegengespräche über das Leben ermöglicht, während sich der Patient mit seinem nahenden Tod auseinandersetzt.

Selbstverständlich ist der Patient nicht ohne Verantwortung für das Gelingen der Beziehung. Quasi-religiöse Heilserwartungen kann ein Arzt letztlich nur enttäuschen. Dennoch bestimmt der Arzt die Grundlagen der Beziehung und trägt somit den größeren Teil der Verantwortung für deren Gelingen. Wenn ich als Patient mein Vertrauen gegen Verhaltensweisen entwickeln muss, die selbst in normalen Beziehungen zu Schwierigkeiten führen würden, brauche ich besondere soziale Fertigkeiten. Ständig suche ich dann die Balance zwischen der notwendigen Distanz, die meine Seele vor dem Handeln des Arztes schützt und der Nähe, die für das Vertrauen notwendig ist. Vertrauen, das vielleicht für den Heilungsverlauf und sicher für die Lebensqualität bedeutsam ist.

Einem mich behandelnden Arzt etwa begegnete ich in den ersten Wochen nach der Diagnose mehrmals auf den Klinikfluren. Er sah jedes Mal durch mich hindurch und grüßte mich nicht. Das machte mir unnötige Sorgen. Für einen winzigen Moment verknüpfte ich sogar sein Nichtgrüßen mit möglichen verminderten Heilungschancen. Erst allmählich stellte ich fest, er grüßte nie jemanden. Gleichzeitig war es gerade dieser Arzt, der im Verlauf der Therapie jedes Zeichen meines Körpers ernst nahm und sie für mich einordnete. Die vertrauensvolle Beziehung gelang deshalb, weil ich meinen emotionalen Einsatz für die Beziehung intensivierte. Ich zeigte mehr Verständnis für sein Verhalten, als ich es im Alltag normalerweise gemacht hätte.

Nach Beendigung der Therapie wurde die psychische Belastung für mich zunächst größer, gleichzeitig nahm das Verständnis für meine Situation ab. Solange mit mir etwas gegen die Krankheit getan wurde, fühlte ich mich sicher. Nun wurde nichts mehr getan. Nun ging es um die Dauerhaftigkeit des Ergebnisses. Ich musste ein anderes Verhältnis zu meiner Gesundheit gewinnen. Ich musste lernen, dass es mir nach dem Ende der Therapie auch nicht wieder so ging wie vor meiner Erkrankung. Das Ende der Therapie war vorerst nur das Ende von Übelkeit und Erbrechen. Ich war weiterhin von der kleinsten Anstrengung erschöpft. Ich wagte das Wort „gesund“ nicht in den Mund zu nehmen. Ich wollte nicht zu voreilig sein. Ich wollte nicht den tiefen Fall der Enttäuschung. Ich sollte aber auch nicht mehr krank sein, sagten die Ärzte.

Für die Menschen um mich herum, näherte sich mein Alltag wieder der Normalität. Es gab keine Aktivitä­ten mehr, die jedem verdeutlichten, dass mein Leben durch die Erkrankung an Krebs beeinflußt war. Nur noch mein Erzählen holte die Erkran­kung in die Gegenwart meines Gegenübers. Ich drängte mich niemanden auf. Aber man fragte mich nach meinem Befinden. Und ich antwortete. Diese Antworten ertrugen nur noch wenige.

Etwa ein Jahr nach Ende meiner Therapie begegnete ich einem Bekannten. Er hatte von gemeinsamen Freunden von mir gehört. Und nun freute er sich für mich, dass alles vorbei war. In gewisser Weise stimmte ich ihm zu, ich deutete allerdings auch an, dass es mir noch nicht vollends wirklich gut ging. Ich litt  weiterhin unter Nachwirkungen der The­rapie. Manchmal hatte ich auch Angst. Körperliche Zeichen, die auch einmal Symptome der Krebserkrankung gewesen sind, stellten sich immer wieder ein. Und ich musste lernen, dass diese Zeichen meines Körpers auch wieder etwas anderes bedeuten konnten. Auch ein normaler Infekt war mit diesen Zeichen verbunden. Das auszuhalten war schwer.

Doch bei meinem Bekannten spürte ich den Wunsch nach einer anderen Auskunft. Immer drängender sprach er auf mich ein. Mein Erleben interessierte ihn nicht mehr wirklich. Er wollte hören, dass die Zeit, die ich durchlebt hatte, mich doch auch weitergebracht hätte. Ich sei doch wieder gesund. Er sprach von tie­ferer Erkenntnis über das Leben. Ich müsste doch jetzt alles mit anderen Augen sehen. Und man dürfe sich doch nicht nur auf die negativen Mo­mente des Lebens versteifen. So kam ich einmal mehr in die Lage, gleichsam mein Recht auf Leid zu verteidigen. Eine groteske Situation. Ich sollte mich dafür rechtfertigen, dass es mir schlecht ge­gangen war und dass daran erst mal nichts Gutes ist. Erst im nächsten Schritt beginnt Deu­tung und Verarbeitung. Heute denke ich, das Gespräch war von Anfang an ein Missver­ständnis. Wir redeten aneinander vorbei. Mit seiner ersten Frage bereits begann er von seiner Angst zu sprechen. Er war die ganze Zeit dazu bereit, durch seinen fantasierten Umgang mit Leid sich selbst zu retten. Wenn man sich wie er verhielte, so hoffte er, werde alles nicht so schlimm. Und ich erzählte ihm nun, es war trotz allem tatsächlich schlimm gewesen. Und manchmal war es das noch immer. Er brauchte den Trost in dem Moment. Er wollte sich entlasten.

Das war nicht das einzige Erlebnis dieser Art. Denn anstatt nur vom Glück der Heilung zu reden, redete ich auch davon, wie sich das Vertrauen in meine Ge­sundheit erst wieder entwickeln musste. Mehr als während der Therapie entfernte ich mich innerlich von manchen Menschen. Doch immer wieder ging es mir um das Aufgehobensein mit allen meinen Erfah­rungen in der Welt. Ich wollte mich verstanden wissen. Stattdessen erlebte ich, wie man mein Leid auf eigene Weise zu deuten begann. Ich erlebte, wie mein beeinträchtigtes Da-Sein vielen zu viel wurde.

Doch jede vorschnelle Zuschreibung und jede Deutung des Leids durch das Gegenüber zerstört die Fäden, die den Leiden­den mit den Nicht-Leidenden verbindet.

Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen. Neben meinem Leid gab es immer auch Freude. Ich war eingebunden in ein Netz von Liebe und Zuneigung. Das waren Men­schen, die sich mir zuwendeten, ohne zu wer­ten. Zudem half es mir vor allem nach Ende der Therapie anderen Kranken und Genesenden zu begegnen. Ich hörte von ähnlichen Erfahrungen. Man mußte sich nicht immer erklären. Die Begegnungen waren nicht so anstrengend.

Gerade weil in unserer Gesellschaft die Menschen mit aller Energie daran arbeiten, Leiden zu verhindern, gibt es große Widerstände gegen die Einsicht, leidvolle Erfahrungen sind im Kern erst einmal nichts anderes als leidvoll. Um diesen Kern legt sich alles Bearbeiten des Leids. Aber seinen Charakter verändert dieser Kern dadurch nicht. Und es gibt immer wieder Momente, in denen dieser Kern spürbar wird. Diese Momente werden weniger mit der Zeit, aber es gibt sie.

Symptomatisch für das Verdrängen ist auch das Reden von der „Krankheit als Chance“. Das ist das Rezept des positiven Denkens in zugespitzter Form. Das führt zu eklatanten Missverständnissen. Selbstverständlich kann jemand durch die Konfron­tation mit dem möglichen Tod zu Ein­sichten kommen, die ihn sein Le­ben le­benswerter machen lassen. In einer ausführlichen Lebensgeschichte hat solch eine Deutung der Erkrankung dann ihre Berechtigung. Es macht einen Unterschied, ob man im Nachhinein die Erkrankung als Chance bewertet und in dieser Deutung die Momente des Leids mitschwingen. Oder ob „Krankheit als Chance“ das Deutungsmuster vorab ist, das das Leid auf magische Weise in Gewinn verwandeln soll. Im öffentlichen Raum wirkt nur das Schlagwort. Und wieder werden dadurch Gewichte ver­schoben. Zunächst wird das Leid der Erkrankung vielleicht noch mitgedacht. Dann rückt es allmählich aus dem Blick. Chance, das ist die Zukunft. Da denkt man nicht mehr an das, was der Chance vorausgeht. Und das ist eine ganz andere Erzählung von der Krankheit. In dieser Erzählung muss man Abschied nehmen von Fähigkeiten, Träumen und Zielen. In solcher Erzählung geht es zunächst um Trauer. Das hört man weniger gern, als wenn jemand einen tieferen Sinn in seiner Erkrankung gefunden hat.

Obwohl in den Krankheitsgeschichten immer viel psychologisiert wird und von der Gesellschaft wenig die Rede ist, scheint es mir so zu sein, dass die Popularität dieser Deutung auf kritikwürdige Seiten unserer Lebensform weist. Da erzählen Kranke etwa davon, wie sie gelernt haben, sich an den kleinen Dingen zu freuen. Das ist zunächst einmal eine wunderbare menschliche Fähigkeit mit veränderten Lebenssituationen zurecht zu kommen. Man passt die eigenen Ansprüche an das Leben den Umständen an. In den Erfahrungsberichten erhält diese Tatsache aber eine Bedeutungsschicht, die über das Mut machen hinaus geht. Da werden dann in Fernsehportraits die O-Töne des Interviews ganz häufig mit Bildern unterlegt, die den Kranken oder Genesenden in der Natur zeigen. Blumen blühen auf und die Sonne scheint. Auf der Bildebene wird die Möglichkeit von Glück ohne Konsum gezeigt. Sollen die Kranken stellvertretend für den Rest der Gesellschaft etwa die Chance haben, das eigentliche und wahre Leben leben zu können? Aus einer von vielen Möglichkeiten mit einer Krankheit umzugehen wird unter der Hand fast ein Glücksversprechen für Gesunde.

Sinn macht das Leid erträglich, doch un­geschehen wird es dadurch nicht. Kör­perliche Schmerzen sind nichts als Schmerzen. Und der Tod beendet tat­sächlich ein Leben. Deshalb bleibt Leid im Jetzt, auf das reagiert werden muss. Je weniger leidvoll das gesellschaftliche Bild des Leides aber ist, desto größer wird die Kluft, die den Leidenden von den Menschen um ihn herum trennt. Sicher wird der Leidende zunächst immer zum Fremden. Er erlebt etwas, was ihn aus dem Fluss des Lebens herausholt. Er erlebt Nähe zum Tod. Diese Fremdheit ist nicht einfach aufhebbar. Da es zudem kaum mehr lebendige kulturelle Formen gibt, die in der Begegnung von Leidenden und Nicht-Leidenden Halt bieten, muss jeder auf sich selbst zurückgeworfen für das Gelingen einer solchen Begegnung einstehen.

Noch einmal: Das ist schwer. Und es ist schwierig, weil diese Begegnungen zweier Wirklichkeiten so empfindlich gegenüber Störungen und Missverständnissen sind. Darum ist das geduldige Bemühen um Verstehen so wichtig. Wenn dieses Bemühen spürbar wird, geschieht etwas Paradoxes. Das Verstehen muss nicht unbedingt gelingen. Schon das vorwurfsfreie Eingeständnis des Nicht-Verstehens bringt Leidende und Nicht-Leidende einander näher. Mir half es auch, wenn mein Rhythmus und mein Tempo ge­achtet wurden. Es half, wenn jemand  in der Orientierungslosig­keit zwar die kleinen Auswege wahr­nahm, sie aber nicht erzwingen wollte. Es half, wenn jemand seine eigene Angst erkannte und zu ihr stand. Je weniger sichtbar mein Leid wurde, desto wichtiger war es für mich, dass in Gesprächen mein gesamtes Erleben von Bedeutung blieb. So formte sich meine Erzählung vom Umgang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung aus. Auch sie ist nur eine von vielen Erzählungen.

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