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Robert Wilson: Die Maske des Bösen (2007)

Robert Wilson: Die Maske des Bösen

In: Spiegel Special. Neue Bücher 2007. Biografien & Co. Nr. 5, 25.09.2007.

Als Inspektor Javier Falcón vor der nackten Leiche auf der Müllkippe von Sevilla steht, ist eines sofort gewiss. Die Identität dieses Toten sollte unbekannt bleiben. Seine Hände sind abgetrennt, das Gesicht ist mit Säure weggeätzt, und die Haare sind skalpiert worden. Solch brutales Vorgehen ohne gleichzeitige Spuren der Ermordung hat keiner der Ermittler schon einmal gesehen. Doch die Aufklärung dieses Verbrechens verliert schon am nächsten Tag die Dringlichkeit jeder Mordermittlung in der Anfangszeit. Denn eine Bombenexplosion zerstört in einem Arbeiterviertel Sevillas einen Wohnblock, in dessen Keller sich eine Moschee befand. Spanien ist entsetzt über diesen Terroranschlag mit vielen Opfern, und Falcóns Mordkommission erhält Unterstützung aus Madrid von der Antiterroreinheit CGI und dem spanischen Auslandsnachrichtendienst CNI. Eindeutige Spuren weisen auf eine Tat islamistischer Terroristen hin. Allerdings gibt es andere Spuren, die dazu im Widerspruch stehen. So fühlt sich Falcón bald bestätigt: „Bei einem Terroranschlag ist nichts offensichtlich.“

Mit „Die Maske des Bösen“ legt der 1957 geborene Engländer Robert Wilson seinen dritten von vier geplanten Romanen um den Chefinspektor Javier Falcón vor. Bislang zeichneten sich Wilsons mehrfach preisgekrönten Kriminalromane durch die vielschichtige Erzählung von allmählich enthüllter Vergangenheit als Ursache für gegenwärtiges gewaltvolles Handeln aus. Die umfassende Ermittlung von Wahrheit durch Falcón war gleichzeitig auch Teil von dessen eigenem psychischen Heilungsprozesses. Historie und Psychologie waren das Rüstzeug für diese Romane.

Dieses Mal konzentriert sich Wilson auf die Gegenwart. Wenn er vom Terrorismus erzählt, geht es ihm weniger um die Deutung der Ursachen als um die Beschreibung der Folgen. Geblieben ist die Vielschichtigkeit des erzählten Geschehens. Die Ermittlungen führen nicht nur in die Welt des islamistischen Terrorismus marokkanischen Ursprungs sondern auch in katholizistische Kreise, wo man sich mehr Einfluss auf die Politik Spaniens erhofft. Zwar teilt man mit den muslimischen Fundamentalisten die Kritik an der Dekadenz der spanischen Gesellschaft, doch für die sittliche Erneuerung kommt man auf bekannte rechtspopulistische Ideen. Folglich sind auch Muslime und Einwanderer eine Gefahr für die spanische Gesellschaft.

Wilson beschreibt, wie die verunsicherte Atmosphäre nach einem solchen Anschlag genutzt wird, um eigene Interessen zu verfolgen. Auch Journalisten sehen Chancen für den endlich spürbaren Einfluss bei der Meinungsbildung oder sie treiben sich gegenseitig zu einer immer sensationelleren Berichterstattung an. Wilson hat das ebenso im Blick wie die immer weiter reichende Ermittlungsmaschinerie des Polizeiapparats, in dem Falcón seine Rolle bei der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten zunächst nur unzureichend durchschaut. Und selbstverständlich haben der Leichenfund vom Anfang und der Terroranschlag miteinander zu tun.

Wenn Wilson Terror so vielschichtig zum Thema macht, bewegt er sich mit bewundernswerter Sicherheit auf einem schmalen Grat. Um die hektische und nervöse Atmosphäre bei den Institutionen auch durch den Rhythmus des Romans spürbar zu machen, muss er die Oberfläche des Geschehens schildern und von dem Innenleben seiner Figuren immer wieder abrücken. Dennoch verliert er deren Psychologie nicht aus den Augen. Falcóns marokkanische Herkunft etwa betrachtet der Geheimdienst als Chance, was Zweifel über die Grenzen seines Handelns bei ihm weckt.

Vor allem aber in der eindrucksvollen Nebenlinie um Falcóns Ex-Frau Inés und deren scheiternden Ehe mit dem Staatsanwalt Caldéron greift er auf seine psychologisierende Erzählweise zurück, um sein Thema Terror auf Liebesbeziehungen auszuweiten. Caldéron wirkt in der Öffentlichkeit als beruhigender Garant für die nicht zu erschütternde Staatsmacht, doch zwischen ihm und seiner Frau herrscht eine Form von Gewalt, die sich in der englischen Bedeutung von „terror“ deutlicher als in der deutschen wiederfindet. Caldéron schlägt seine Frau, und Wilson gelingt es, die Gewöhnung von Täter und Opfer an die eskalierende Lebenssituation nachzuzeichnen. Dabei kommt es zu einer überraschenden Wendung, die hier natürlich nicht verraten werden soll.

Wilson möchte mit seinem Roman der zersetzenden Kraft von Terror auf die Spur kommen. Auch der Terroranschlag selbst ist nicht allein das funktionale Element des Kriminalromans, das die Ermittlungen anstößt. Schon auf wenigen Seiten füllt Wilson seine Nebenfiguren mit Leben, so dass sie, durch den Anschlag zum Opfer geworden, Mitleid erwecken. Dauerhafte Verzweiflung und lang anhaltende Desorientierung von Überlebenden werden spürbar. In dem Zusammenhang muss auch von der Sprache die Rede sein und von dem Können des steten Wilson-Übersetzers Kristian Lutze, der sowohl für diese gefühlvollen Momente als auch für die sachliche Polizeiarbeit die angemessenen Worte findet.

Für seinen Kriminalroman über den Terror hat Robert Wilson es gewagt, sein bislang so erfolgreiches psychologisierendes Erzählen zu verändern. Einer der besten Kriminalromane dieses Jahres ist so entstanden. Am Ende bleiben einige offene Fragen. Sie wirken als adäquates erzählerisches Mittel, um die psychischen Auswirkungen des Terrors zu verdeutlichen. Denn angesichts dieser Gewalt bleibt trotz rationaler Erklärungen immer auch ein Gefühl von Unverständnis und Ratlosigkeit. Bei einigen dieser Fragen kann man darauf hoffen, dass sie in der Zukunft eine Antwort erhalten – im vierten und letzten Band dieses bislang so großartigen Romanzyklus von Robert Wilson.

Robert Wilson: Die Maske des Bösen. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Page & Turner, München 2007. 666 Seiten. € 19,95.

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