Skip to content

Robert Wilson: Die Tote von Santa Clara (2005)

Als in Santa Clara, dem Nobelvorort von Sevilla, der Bauunternehmer Rafael Vega und seine Frau tot in ihrer Villa aufgefunden werden, gibt es für Inspektor Javier Falcón nur unzureichende Erklärungen. Man weiß, die Ehefrau wurde erstickt, und ihr Mann kommt als Täter in Frage. Doch an dessen Selbstmord kann Falcón nicht wirklich glauben. Zudem wirft eine Notiz in der Hand des Toten Fragen auf. Der „11. September“ ist hier das Stichwort.

Natürlich ist es mit dem bedeutungsmächtigen Datum anders, als es zunächst scheint. Bis Falcón das aber weiß, haben seine Ermittlungen, wie er selbst sagt, ein „Eigenleben“ gewonnen. Die Folgen kann er nicht kontrollieren. Beziehungsgewalt eskaliert, Korruption bei der Polizei steht mit einem Mal auf der politischen Tagesordnung und die Russenmafia ordnet ihre Geschäfte neu.

Man sieht, wenn der 1957 geborene Engländer Robert Wilson Kriminalromane schreibt, darf man vielschichtige und komplex gebaute Geschichten erwarten. Schon immer hat er dabei das Geschehen der Gegenwart mit dunklen Kapiteln der Historie verknüpft, und für seine Romane in Deutschland und England Krimipreise erhalten. In Diktaturen werden Menschen nämlich schuldig, und ob sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden, entscheidet Wilson in seinen Krimiwelten selbst – als Moralist oder als Kenner der menschlichen Psyche. Denn vor allem in den Romanen um den Chef der Mordkommission aus Sevilla Javier Falcón legt Wilson eben so viel Wert auf die Psychologie seiner Figuren wie auf den Blick in die Historie.

In „Die Toten von Santa Clara“ hat Falcón seinen zweiten Auftritt. Falcón, ein Mann in mittleren Jahren, scheint nach dem im ersten Roman geschilderten psychischen Zusammenbruch wieder innerlich gefestigt zu sein. Er lebt nicht mehr in der Vergangenheit. Sein Blick ist frei für neue Gefühle, von denen Wilson unaufdringlich erzählt. Nun überzeugte der erste Falcón-Roman gerade, weil der Polizist mit der schwierigen Beziehung zu seinem Künstler-Vater im erzählerischen Zentrum des Romans stand. Nun macht Wilson ihn im zweiten Roman zur klassischen Ermittlerfigur und gibt den anderen Figuren damit mehr erzählerischen Raum. Eindrucksvoll gelingt das bei einem alternden Schauspieler, dessen Sohn eine Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs auf sich genommen hat, obwohl es anscheinend keinen Missbrauch gab. Da ist aber auch das ungleiche amerikanische Ehepaar, das die auseinandertreibende Energien ihrer Ehe in einem zerbrechlichen Gleichgewicht hält.

Auch wenn Wilson das Niveau des Falcón-Erstlings dieses Mal nicht erreicht. Wie Wilson die Schicksale seiner Figuren entfaltet und dabei nach und nach die historische Bedingungen für manches Schicksal mit erzählt, wie er zudem die Spannung der Ermittlung nicht aus den Augen verliert, all das besitzt große erzählerische Klasse. Eine Klasse, die kleinere Makel, wie etwa die überflüssige letzte Wendung des Plots, vergessen macht.

Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara. Deutsch von Kristian Lutze. Page & Turner/Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005. Geb., 507 Seiten, € 19,90

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: