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Zur Unterhaltung freigegeben – Historische Kriminalromane und die Weimarer Republik

Zunächst erschienen in: Krimijahrbuch 2008, Nordpark Verlag, Wuppertal 2008

„Eine Gschicht braucht nicht wahr zu sein. Bloß schön.“
(Motto in Robert Hültner, Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski)

Unser besonderer Dank gilt
dem Stadtarchiv Düren, insbesondere Friedel Gaspers,
dem Stadtarchiv Frankfurt,
dem Stadtarchiv Hannover,
dem Stadtarchiv Karlsruhe, insbesondere Frau Ulrike Deistung,
dem Stadtarchiv  Marienberg, insbesondere Frau Kolditz,
dem Stadtarchiv München,
dem Stadtarchiv Neu-Isenburg, insesondere Frau Lack,
dem Stadtarchiv …“

(Birkefeld & Hachmeister, Deutsche Meisterschaft)

Für die heiklen Themen deutscher Vergangenheit finden sich seit ein paar Jahren in den populären Ausdrucksformen unserer Kultur neue Erzählweisen. Da menschelt der Film-Hitler in den letzten  Kriegstagen beim Untergang im Führerbunker, nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Heimat vertriebene Deutsche dürfen unschuldige Opfer im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm sein, und in neueren historischen Kriminalromanen weiß die Weimarer Republik noch nichts von ihrem Ende. Wie kam Hitler an die Macht?, ist in diesen Romanen nicht mehr die Frage aller Fragen. Nicht nur dass sich die Mitte dieser Gesellschaft in ihrem grundsätzlichen Urteil über den Nationalsozialismus anscheinend sicher weiß und deshalb im Kulturbetrieb kleine Freiräume für veränderte Themen und Deutungen möglich werden, darüber hinaus wird der Umgang mit dieser Vergangenheit desto freier, je weniger Zeitzeugen noch leben. Diese Gesellschaft vollzieht seit einigen Jahren im Hinblick auf den Nationalsozialismus die psychische Bewegung auf einer Beerdigungsfeier nach. Zwar sind an vielen Tischen immer noch von Leid und Trauer geprägte Geschichten zu hören, doch an anderer Stelle im Saal wird schon wieder gelacht. Was gewesen ist, wird auch dort erzählt – auf andere Weise. Entspannung und Unterhaltung sind wieder möglich.

Da überlegen dann deutsche Krimiautoren, was über die Jahre zwischen 1918 und 1933 erzählt werden kann, ohne den Fokus auf die Nazis zu richten. Themenfindung bedeutet aber gerade in der Genreliteratur manchmal auch, eine erfolgsträchtige Nische auf dem Buchmarkt zu suchen. Das muss literarischer Qualität nicht abträglich sein. Aber es stimmt etwas skeptisch, wenn innerhalb von zwei, drei Jahren das vermeintliche Neuland so schnell besiedelt wird und auf den Klappentexten vieler dieser Kriminalromane in großen Lettern vor allem das Werbezauberwort für historische Romane aller Epochen steht: „Authentisch“ sei die Schilderung der Wirklichkeit. Ein „atmosphärisch dichtes“ Bild der 20er Jahre wird versprochen. Aber solche Bilder gibt es bereits viele und das schon seit eben dieser Zeit. Von Alfred Döblin über Erich Kästner bis zu Hans Fallada, von Joseph Roth über Irmgard Keun bis hin zu Oskar Maria Graf, diese Autoren und andere mehr haben in ihren Romanen die Wirklichkeit ihrer Gegenwart eingefangen. Ihre Bücher sind immer noch erhältlich. Die Sprache in diesen Romanen wirkt modern, die literarischen Techniken werden heute noch kopiert und der Blick der Autoren fiel auf soziale und psychische Probleme ihrer Zeit. Diese Autoren schöpften aus direkter Erfahrung. Unterhaltung war außerdem für sie kein Schimpfwort. Nun gut, sie schrieben keine Kriminalromane, doch wenn es nun vor allem um Authentizität gehen soll? Authentischer als diese Autoren kann man heute nicht schreiben. Warum also sollte man zeitgenössische Romane von Authentizität zweiter Ordnung lesen? Doch nur, wenn es in diesen Romanen um mehr geht als um Zeitkolorit. Wenn diese Romane etwas in den Blick nehmen, was damals keine Öffentlichkeit fand. Wenn das historische Geschehen gar Parabel für die Gegenwart ist. Oder ganz einfach auch nur, weil eine schöne Geschichte erzählt wird. Eine Geschichte, die ihren Wert aus sich selbst heraus erweist. Das wäre dann vielleicht Kunst – in einem Kriminalroman.

Die Schwierigkeit solchen Ansprüchen gerecht zu werden, zeigt sich bei einem 2007 erschienenen, sehr ambitioniert geschriebenen Roman. „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher wird von seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch als das „brillante Porträt einer Metropole“ angepriesen und als Beginn einer „sensationellen Serie“. Vorschusslorbeeren, die mancher Rezensent eingelöst sieht. Ein Sittenbild wurde der Roman genannt, Kulissenzauber sehe ich. Denn in diesem Roman herrscht ein Missverhältnis zwischen dem Anliegen authentische Wirklichkeit zu erzeugen und den der Literatur eigenen Notwendigkeiten für eine gelungene Geschichte. Zu häufig gleicht Kutschers Hauptfigur, der aus Köln nach Berlin umgesiedelte Kriminalkommissar Gereon Rath, dem Schauspieler in einem TV-Doku-Drama, der seine Szene nur deshalb spielt, um dem Zuschauer den Eindruck zu vermitteln, wie es damals, nämlich im Berlin von 1929, einmal war.

Wer seine Geschichte so anpackt, muss viel abarbeiten. Rath kommt zunächst bei der Sitte unter, was Kutscher die Gelegenheit gibt, einen Blick auf Erotika und das Rotlichtmilieu zu werfen, dann werden sämtliche Polizeikräfte bei den Maiunruhen im roten Wedding gebraucht und natürlich gibt es auch die eigentliche Mordermittlung, die Rath zunächst heimlich beginnt. Sie führt ihn sowohl ins Milieu der russischen Immigranten als auch in die Berliner Halbwelt. Kutscher interessiert sich angesichts all der historischen Fakten zu wenig für die Geschichte seiner Ermittlung und für die Befindlichkeit seiner Hauptfigur. Stattdessen setzt er zu einem Rundumpanorama an, so dass auch seine interessanten Einblicke in das Berlin der 20er in der Fülle der bekannten Bilder vom vergnügungssüchtigen Sündenbabel untergehen.

Zwar legt Kutscher die Biografie Raths komplex an – ein einflussreicher Vater und ein unterdrückter Polizeiskandal in Köln, die Liebe zu einer Kollegin -, doch gewinnt er dem für dessen Entwicklung zu wenig ab. Kutscher will zu viel gleichzeitig. Dabei ist seine Sprache gefällig und die einzelne Szenen für sich genommen entwickelt er in Figurenzeichnung und Dramaturgie gut, doch ihm gelingt es nicht, die rechte Balance für das große Ganze zu finden. Das Zeitkolorit ist ihm zur Hauptsache geraten.

Gerade ein Autor historischer Romane braucht Disziplin beim Umgang mit den Fakten, die der Welt seines Romans Wirklichkeit verleihen. Erzählerische Ökonomie ist gefragt, wenn umfangreiche Recherchen das Material zuhauf in das eigene Archiv schaufeln. In „Deutsche Meisterschaft“ gelingt den Historikern Richard Birkefeld und Göran Hachmeister die Bewältigung ihres Stoffs, indem sie der Geschichte mit dem populär werdenden Motorsport ein originelles Zentrum geben. Sie erschaffen so einen Wirklichkeitsraum, in dem die Psyche der Hauptfiguren, die Auswahl des Erzählten und der Plot gleichermaßen von der vergangenen Zeit durchdrungen sind. Diese Geschichte kann mit diesen Figuren nur in der Weimarer Republik spielen. So erhält die Gegenwart des Jahres 1926 Gewicht, das dem so wirkmächtigen Wissen um das Scheitern der Republik entgegensteht. Abseits des Nationalsozialismus finden Birkefeld und Hachmeister erzählerische Motive, die die Vielschichtigkeit jener Zeit spürbar werden lassen und die erzählerische Perspektive auf die Möglichkeiten verlagern. Rassismus war eben nicht nur Bestandteil der Nazi-Ideologie sondern eine populäre Geistessströmung jener Zeit, genauso wie die NSDAP im Alltagsbewusstsein vieler Menschen damals eine obskure Politsekte war, die man nicht ernst nehmen musste.

Mit dem Kriegsveteran und Mordverdächtigen Lamprecht und dem aus Ostpreußen stammenden, verarmten Adeligen von Droste zeigen sie zwei Menschen, die in der für kurze Zeit halbwegs stabilisierten Demokratie einen Platz in der Gesellschaft suchen. Der Motorradsport scheint ihre Chance zu sein. Denn Lamprecht hindert die Unrast des Kriegsveteranen an der Rückkehr in ein normales Leben. Und von Droste war zwar zu jung für den Krieg, doch bewegte er sich danach in rechtsradikalen Kreisen. Nun will er sich eigentlich mit den Verhältnissen arrangieren, doch die alten Kameraden wird er nicht so einfach los. Diese beiden typischen Deutschen ihrer Zeit werden von Birkefeld und Hachmeister aus der Innensicht abwechselnd erzählt und in ihren Sorgen und Nöten eindringlich gezeichnet. Die Ermittlungen im Kriminalfall selbst sind eher dünn angelegt, und Schwächen offenbart der Roman, wenn es zum Ende hin um das Gefühl der Freundschaft geht. Behauptende Beschreibungen ersetzen keine gestalteten Szenen, und Dialogsätze von Figuren über ihre eigenen Gefühle machen diese nicht glaubwürdig, wenn sie durch Erfahrung und Handeln nicht vorbereitet sind. Doch erreichen Birkefeld und Hachmeister schnell wieder das erzählerische Terrain, auf dem sie sich sicher bewegen.

Birkefeld und Hachmeister erzählen in ihrem Roman nicht gleichnishaft von heutiger Wirklichkeit. Sie wollen die Vergangenheit auf interessante Weise wiederbeleben. Unterhaltung soll sich mit allgemeinbildendem Nutzen verbinden. Mit diesem Ziel wissen sie sich im Einklang mit den meisten Lesern, und könnten den Überlegungen zum historischen Roman eines Lion Feuchtwanger in den 30ern oder auch eines Daniel Kehlmann von heute nichts abgewinnen. Denen sind die historischen Fakten nur Rohmaterial für ihre Romane. Feuchtwanger etwa betrachtete die Vergangenheit als Distanzierungsmittel, um leichter über seine Gegenwart schreiben zu können. Er hat die „genau bekannte aktenmäßige Wirklichkeit geändert, wenn sie […] illusionsstörend wirkte.“ Um das zu tun, muss man aber beim Schreiben einer höheren Wahrheit folgen, und die liegt bekanntermaßen in der Kunst.

Die meisten Krimiautoren beschränken sich aber aufs Handwerk; was, wenn es gelingt, angenehm lesbare Unterhaltungsliteratur ergibt. Beste Voraussetzungen dazu sind die Konzentration auf einen thematischen Schwerpunkt und die Ausgestaltung der Psyche von Hauptfiguren. Susanne Goga macht das mit ihren Romanen um den Berliner Komissar Leo Wechsler, einem verwitweten Vater von zwei Kindern, der bei seiner Schwester lebt. Zwei Fälle hatte er bisher zu lösen, den Mord an einem Wunderheiler und den an einem in Sammlerkreisen gefragten Maler. Goga schreibt keine komplexen Mordgeschichten, die besonders typisch für die Zeit sind, sondern auch von heute bekannte Beziehungstaten geschehen mit dem zeittypischen Personal. Ihre Romane leben vor allem von der Figur Wechsler und dessen Leben während der Inflationsjahre. Da gibt es die Prise Hoffnung auf Liebe in einer sich anbahnenden Beziehung mit einer Buchhändlerin und die Schwierigkeiten beim Zusammenleben in enger Wohnung mit der Schwester. Es gibt die Probleme mit dem Kollegen adliger Herkunft und rechtsnationaler Gesinnung und die Einblicke in die jeweiligen Milieus, in denen ermittelt wird.

Der mächtige Mythos vom Berlin der Goldenen Zwanziger birgt zugleich die Gefahr, in den Romanen klischeehafte Bilder dieser Zeit nur zu wiederholen. Bei der Provinz weist das kollektive Gedächtnis der Gegenwart aber ein paar Leerstellen auf. Jan Zweyer erzählt in „Franzosenliebchen“ über das Leben in Herne 1923, als das Ruhrgebiet durch die Franzosen besetzt ist. In Berlin glaubt man, dass die Besatzungsmacht kein Interesse daran hat, den Mord an einem Dienstmädchen aufzuklären. Fällt der Verdacht doch auf zwei französische Soldaten. Ein Kommissar wird heimlich geschickt in der Hoffnung, die Tat propagandistisch ausnutzen zu können. Auch Zweyer hat seine Recherchen sorgsam erledigt und sie genutzt für eine gelungene Geschichte über nationalen Widerstand gegen die Franzosen gepaart mit rechtsnationalen Wirtschaftsintrigen in der Inflationszeit. Durch das geschickt gewählte Personal macht er zudem die lokale Geschichte des Ruhrgebiets in ihrer Bedeutsamkeit für die deutsche Geschichte transparent. Er erzählt solide und sein Plot besitzt überraschende Wendungen.

Zwar blickt auch Mila Lippke in „Die Zärtlichkeit des Mörders“ auf einen originellen Ausschnitt der damaligen Wirklichkeit, doch erreicht sie das erzählerische Niveau der anderen historischen Romane nicht. Köln steht 1923 unter englischer Verwaltung. Um die öffentliche Ordnung zu stärken, wird eine Frauen-Polizei eingerichtet, in der Engländerinnen und Deutsche zusammenarbeiten. Sie soll Prostitution verhindern und Sitte und Moral aufrecht erhalten. Als zwei der Polizistinnen eine ermordete Prostituierte finden, beginnen sie gegen das Verbot ihrer Vorgesetzten und zum Spott der deutschen Kriminalbeamten selbst zu ermitteln. Lippke erschafft das recherchierte, historische Köln, doch ihre erzählerischen Möglichkeiten sind dabei begrenzt. So gestaltet sie die Gefühle ihrer Figuren oft nicht, sondern behauptet sie. Manche Fäden des Plots haben zu wenig Handlung für die psychischen Bewegungen, der die Figuren in diesen Fäden ausgesetzt sind. Und einige der Figuren wirken sehr klischiert. Es scheint, als blicke Lippke durch die Brille des 80er-Jahre-Feminismus in die Vergangenheit. Das eröffnet manch interessante Perspektive á la Frauengeschichtsgeschreibung, erinnert aber auch nur zu oft an die überholten Haltungen in der Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern.

Ein kleiner Exkurs führt hier auch zu amerikanischen Autoren, die ihren Lesern in den USA die großen Schurken der 20er nicht vorenthalten wollen. „Scharade“ von Walter Satterthwait lebt zum großen Teil von der Fallhöhe zwischen dem Wissen von heute über die historischen Nazi-Größen und dem Unwissen seiner Helden über die weitere Entwicklung der Weltgeschichte. Die NSDAP beauftragt 1923 die Londoner Filiale von Pinkerton, ein Attentatsversuch in Berlin auf Hitler aufzuklären. Im Roman einer Serie wirkt die erzählte Wirklichkeit nicht so reichhaltig wie in den Einzelromanen, dennoch entfaltet sich die Wirklichkeit der Zeit, wenn Phil Beaumont und Jane Turner der Naziprominenz und dem Wagner-Clan begegnen. Indem Satterthwait den beiden Helden den Nazi-Beau „Puzzi“ Hanfstängl als deutschen Mentor zur Seite stellt, kann er zudem allerlei Erklärungen zur innenpolitischen Situation geben. Die unwissenden englischen Detektive brauchen eben ihre Hintergrundinformationen. Das Ende hinterlässt einen schalen Nachgeschmack, nicht nur weil die Auflösung wenig vorbereitet wirkt, vor allem drängt Hitler die Serienheldin dazu, eine masochistische Obsession mit ihm auszuleben und wird dabei zur einzigen Karikatur in einer bis dahin weitgehend realistischen Szenerie.

Auch Faye Kellerman setzt in „Und da war Finsternis“ auf das bewährte Rezept, die Schilderung der Historie, in diesem Fall dem München von 1929, breit und realistisch anzulegen. Dem kriminalistischen Geschehen mit der Ermittlung in einem Serienmord an Frauen merkt man dagegen seine literarischen Bezüge an. Da müssen zwei auseinandertreibende Erzähldynamiken immer wieder zusammengehalten werden. Das geschieht in der Person des ermittelnden Kommissars Axel Berg, ein gebürtiger Däne, der dem in München mächtigen Nationalsozialismus nichts abgewinnen kann und dessen innere Konflikte dem Roman das erzählerische Zentrum geben. Sein aristokratisch wirkender Vorgesetzter spielt sein eigenes Spiel – gegenüber Berg, aber auch gegenüber den Nazis, die durch einen der obersten Polizeiführer bereits Einfluss auf den Polizeiapparat ausüben. Private Probleme von Berg als die eines patriachalischen Mannes seiner Zeit mit der Familie bleiben nicht außen vor.

So weit die historischen Romane als Unterhaltungsliteratur. Hängt das Urteil der Leser über einen Roman normalerweise vor allem vom literarischen Vorwissen ab, so kommt bei diesen Romanen die historische Vorbildung gleichgewichtig hinzu. Was dem einen Klischee der Vergangenheit ist, bereichert einem anderen das Wissen. Eine Hauptlast der Qualität trägt die Recherche. Bleibt ein Autor mit seinen Geschichten im Umkreis von Berlin, kann er dabei auf reichhaltige Literatur zurückgreifen. Doch wie die Danksagungen von Zweyer, Birkefeld und Hachmeister zeigen, je origineller das Thema, desto mehr Archivrecherche ist notwendig. Wichtig sind die Danksagungen an die Quellen aus einem speziellen Grund. So wird die historische Wahrheit und damit ein Teil der literarischen Qualität verbrieft. Schließlich stellt sich noch während der Lektüre von manchen historischen Romanen ein bemerkenswerter und bei genauerem Nachdenken einleuchtender Effekt ein, je geringer die literarische Qualität empfunden wird und je weniger die Geschichte für sich wirkt, desto häufiger stellt sich dem Leser die Frage nach der Wahrheit von Details des historischen Settings.

Wer sich einer anderen, nämlich der literarischen Wahrheit zu allererst verpflichtet sieht, lässt solche Fragen nicht aufkommen. Es hat seinen guten Grund, dass Robert Hültner seinen Paul Kajetan in den 20ern schon ermitteln ließ, noch ehe der Zeitgeist die Zügel des fiktional Möglichen für diese Zeit lockerte. Er hatte eine „schöne Gschicht“ zu erzählen. Sein erster Roman, „Walching“, erschien 1993, und es war augenscheinlich, hier versteht einer etwas vom Gebrauch der Sprache und von den überzeitlichen Einsichten, die sich ergeben, wenn das soziale Miteinander von Menschen genau beobachtend erzählt wird. Kajetan ermittelt in einem Dorf Oberbayerns. Er begegnet Waffenschmuggel, völkischen Umtrieben und der geistigen Enge einer sich gegenseitig kontrollierenden Gemeinschaft. Hültners Blick in die Historie geht mit der Erkenntnissuche für die Gegenwart einher. Wenn er etwa die Umstände des Attentats auf den Gründer der bayerischen Republik, Kurt Eisner, als die „Sache Koslowski“ in eine eigene Geschichte verwandelt, erzählt er auch von den Absurditäten in Umbruchzeiten. Je nach sozialem Ort leben die Menschen dann in unterschiedlichem Tempo. Der eine ermittelt noch im Rahmen der Gesetze, andere befinden sich schon im Straßenkampf.

Kajetan als Ermittler ragt mit seinem Innenleben aus Hültners Geschichten nicht heraus. Wir folgen ihm nur, um die Welt von damals kennen zu lernen, um davon beeindruckt zu werden, welches Verhalten menschlich sein kann. Die vielschichtigen Motive und sozialen Umstände für ein Handeln gegen die Normen nimmt Hültner dabei ebenso in den Blick wie das politische Klima, das auch von ganz persönlichen Interessen der Beteiligten geprägt wird. Hültners Romane verlangen nach innerer Ruhe des Lesers. Denn manchmal muss man viel über die Region wissen, um die Menschen dort in ihren Nöten und Hoffnungen zu verstehen. Vor allem lässt er einfache Menschen in ihrem derben und bildhaften Bairisch in seinen Dialogen zu Wort kommen. Mitsamt dieser Stimmen klingt der Ton von Robert Hültners Romanen noch lange nach.

Doch Hültner ist nicht der einzige, dem solche Kunst gelingt. Auch der Pole Marek Krajewski bekennt sich in seinen Romanen um den Breslauer Kriminalrat Eberhard Mock fulminant zur literarischen Wahrheit. Zunächst erschafft Krajeweski das Breslau deutscher Vergangenheit zwischen den Kriegen mit Worten neu. Jede Erinnerung an seine Romane weckt eine Flut von Bildern. Selbstverständlich durchdringen auch die geistesgeschichtlichen Strömungen und die Mentalitäten der 20er die Psyche seiner Figuren. Aber alles das ist nur die handwerklich notwendige Pflicht für den historischen Erzählzusammenhang. Darüber hinaus verschmilzt er das mit modernen literarischen Motiven gespickte kriminalistische Geschehen mit der damaligen Welt. Serienmörder hinterlassen rituelle Zeichen und wollen ihre Welterklärungsphantasien beweisen. Im Okkultismus der verschiedenen Spielarten finden Menschen Halt, die im veränderten Wertesystem nach dem Weltkrieg keine Sicherheit finden. Hemmungslose ausgelebte Sexualität und Glücksspiel betäuben Ängste in dieser Umbruchzeit.

In diesem erzählten Raum bewegt sich mit Eberhard Mock ein zutiefst widersprüchlicher Mensch, der eher unsympathisch wirkt. Er glaubt zu wissen, wie er die Regeln in diesem republikanischen System für sich nutzen kann, einem System, dessen Ehrbegriffe noch tief im Kaiserreich verankert sind. Dieser charismatische Mann neigt zum Alkohol, geht regelmäßig zu Prostituierten und bereut später immer wieder aufs neue seine cholerischen Gewaltausbrüche gegenüber seiner Frau. Er ist berechnend und selbstbewusst. Siegesgewiss geht er hohe Risiken ein, wenn es mit führenden Männern seiner Stadt zu Konflikten kommt. Er kennt die ganze Palette der Machtausübung von Erpressung über Bestechung bis hin zu brutaler Gewalt. Doch Mock übt seine Macht immer mit einem Ziel aus. Er kümmert sich um Untergebene und seinen Neffen. Er will Morde verhindern, und er will die Liebe seiner Frau behalten. Die Umbruchzeit macht das offene Ausleben dieser Widersprüche möglich. Widersprüche, die in ruhigeren Zeiten wie heute nur manchmal heftig in uns Menschen zerren.

Mit Robert Hültner und Marek Krajewski wollen zwei Autoren offensichtlich mehr, als die Historie der Weimarer Republik zum Leben erwecken. Sie können uns etwas erzählen, was über das durch Faktenwissen geschaffene Atmosphärische hinaus geht. Dieses Mehr rührt an etwas allgemein Menschlichem. Ihre Romane sind als einzige dieser historischen Romane über die Weimarer Republik ganz sicher unabhängig vom Zeitgeist entstanden, der die Jahre zwischen 1918 und 1933 von der Schuldfrage entlastet. Der eine schrieb sie vorher, der andere in einer anderen Kultur. Ihre Geschichten erweisen ihren literarischen Wert aus sich heraus. Das ist Kunst – im Kriminalroman!

Die erwähnten Romane angeordnet nach dem Jahr ihrer Handlung

1919

Robert Hültner: Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski. Verlag Georg Simader, Frankfurt am Main 1995.
Marek Krajewski: Gespenster in Breslau. Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. 2007. (Titel der Originalausgabe: Widma w miescie Breslau, 2005)

1921

Robert Hültner: Ende der Ermittlungen. Edition Nautilus, Hamburg 2007.

1922

Robert Hültner: Walching. Verlag Georg Simader, Frankfurt am Main 1993.

Susanne Goga: Leo Berlin. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.

Susanne Goga: Tod in Blau. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007.

1923

Walter Satterthwait: Scharaden. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005. (Titel der Originalausgabe: Cavalcade, erschienen bei St. Martin´s Minotaur, New York 2005)

Mila Lippke: Zärtlichkeit des Mörders. Emons Verlag, Köln 2006.

Jan Zweier: Franzosenliebchen. Grafit, Dortmund 2007.

1924

Robert Hültner: Die Godin. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1997

1926

Richard Birkefeld/Göran Hachmeister: Deutsche Meisterschaft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2006

1927

Marek Krajewski: Der Kalenderblattmörder. Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. 2006. (Titel der Originalausgabe: Koniec swiata w Breslau, 2003)

1928

Robert Hültner: Inspektor Kajetan und die Betrüger. btb-Verlag, München 2004.

1929

Faye Kellermann: Und da war Finsternis. Deutsch von Susanne Aeckerle. C. Bertelsmann, München 2006. (Titel der Originalausgabe:  Straight into Darkness, 2005)

Volker Kutscher: Nasser Fisch. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2007.

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