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16. August 2016 / Ralf Koss

Ruhrtriennale – Urban Prayers Ruhr in Duisburg-Marxloh

Der Ort der Aufführung gehört zum künstlerischen Konzept. Urban Prayers Ruhr, die erste Veranstaltung der diesjährigen Ruhrtriennale in Duisburg, fand am Sonntag in der DITIB-Merkez Moschee statt. Die Moschee in Marxloh gehört zu insgesamt sechs Begegnungsstätten unterschiedlicher Religionsgemeinschaft der Ruhrstadt, in der bis Mitte September die Text- und Lied-Collage von Björn Bicker zu sehen ist. Das Kunstprojekt soll zugleich Anlass zur Begegnung sein. Politische Diskussionen zur Türkei und zum Islam rücken in den Hintergrund, wenn bei Sonnenschein, Speisen und Getränken im Hof der Moschee der persönlicher Kontakt zwischen Besuchern der Ruhrtriennale und Gläubigen, die sich der Moschee verbunden fühlen, möglich ist. Die Hoffnung auf Verständigung erhält Bilder. Wovon später noch zu sprechen sein wird.

Mit Urban Prayers Ruhr hat Björn Bicker einen Text für die Ruhrstadt-Wirklichkeit umgeschrieben, der 2013 in München erstmals aufgeführt wurde. Zwei Schauspieler, und drei Schauspielerinnen lesen als „Chor der Gläubigen“ eine Collage aus Meinungen und Erzählungen über den Ruhrstadt-Alltag aus der Perspektive von Gläubigen der unterschiedlichen Religionen. Das sind oft widersprüchliche Sätze, die als bewusst gesetzter Effekt sich in einer der Schauspielerstimmen vereinen. Das ist eine der besonderen Einsichten dieser Collage, die Vielfalt der Haltungen, die zugewanderte Gläubige zu dieser deutschen Gesellschaft haben. Denn ein Thema kehrt in diesem Chor-Text immer wieder. Wie gehören wir als Gläubige dazu? Der religiöse Glauben erhält eine sehr weltliche Dimension, denn auch die Zugehörigkeit erweist sich als Glaube, der allerdings mit konkreten Erfahrungen im Alltagsleben bewiesen werden kann. Aus Glaube wird dann der rationale Beweis, der trennt oder zusammenführt.

Um sieben Themen herum hat Björn Bicker seine Collage arrangiert. „Fahren“, „Helfen“ oder „Bauen“ bieten Anlass zu einem  mehrstimmigen Gedankenfluss, für den das Grundthema Glauben der Nährboden ist. Immer wieder tauchen auch grundsätzliche Beschreibugen des Alltags auf, die auch Ungläubige äußern könnten. Das Zusammenleben wird angesprochen, Schwierigkeiten und Gelingen. Das Ringen um Selbstbewusstsein und Identität ist immer nahe. Fragen der Lebensfühung in den Regeln des Glaubens werden berührt, das Verhältnis von Unglauben und Religiösität. Von Erfahrung mit Vorurteilen ist zu hören. Manchmal entsteht Komik.

Der gesprochene Chor wechselt sechsmal in den Chorgesang über. Das großartige ChorWerk Ruhr übernimmt dann und trägt sechs Lieder vor aus den verschiedenen Glaubensrichtungen. Jedes einzelne dieser Lieder wird zu einem Ereignis. Es verbreitet sich der Zauber einer einzigen vollkommenen Stimme, die sich teilen kann und wieder zusammen findet. Welch voluminöser Klangkörper ist dieses ChorWerk Ruhr. Welch einzigartigen Chor gibt es da in dieser Ruhrstadt.

Der Gedankenfluss der Texte hätte an manchen Stellen pointierter sein können. Für mich wiederholte der gesprochene Chortext zum Ende hin zu oft etwas, was ich schon gehört hatte. Zu oft wurden dieselben Themen in zu wenig Variation aufgegriffen. Das ist allerdings nur ein kleiner Makel eines sehenswerten Ruhrtriennale-Projekts.

Im Programmheft beschreibt Björn Bicker unter der Überschrift „Wie wir leben wollen“ eine Hoffnung, und damit komme ich noch einmal auf das zu sprechen, was im Innenhof der Moschee vor und nach der Veranstaltung zu sehen war. Björn Bicker hat für sein Projekt mit Ruhrstädtern gesprochen und sie gefragt, was ihnen am Ruhrgebiet besonders gefällt. Fast jedes Mal sei die Antwort dieselbe gewesen: die Vielfalt. Für ihn beantwortete das zugleich die Frage, in welchem Land wir leben wollen. Er weiß, eine an den Menschen orientierte Sozial- und Bildungspolitik muss hinzu kommen, dann könnten wir vielleicht irgendwann ganz selbstbewusst sagen: In Vielfalt vereint.

Wahrscheinich wird er bei den meisten im Publikum an diesem Sonntag mit solchen Sätzen offene Türen einrennen. Der Alltag mit Schwierigkeiten des Zusammenlebens ist weit weg an einem solchen Sonntag, vielleicht ist so ein Alltag für viele im Publikum grundsätzlich weit weg. Auch DITIB als politisches Problem hat es an diesem Sonntag nicht gegeben. Dennoch brauchen wir diese Bilder des Gelingens. Nichts spricht gegen sie.

Weitere Vorstellungen:

21. August, 16 Uhr: House of Solution, Mülheim a. d. Ruhr
28. August, 14.30 Uhr: Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel, Hamm
4. September, 16 Uhr: Lutherkirche, Dinslaken-Lohberg
11. September, 15 Uhr: Serbisch-Orthodoxe Kirche, Dortmund-Kley
18. September, 16 Uhr: Synagoge Bochum

Eintrittskarten und weitere Informationen mit einem Klick zur Seite der Ruhrtriennale

2. Juni 2016 / Kees Jaratz

Matthias Reuter, Eisenheim und Pott-Tourismus

Neulich bin ich bei youtube auf eine alternative Ruhrstadt-Hymne zum Kulturhauptstadtjahr 2010 gestoßen. Der Oberhausener Kabarettist Matthias Reuter hat diesen sehr gelungenen, komischen Kommentar zur Ruhrgebiets-Wirklichkeit geschaffen. Aktuell ist er immer noch, auch ohne Kulturhauptstadtsbezug. Mich hat diese Binnensicht auf den Ruhrgebiets-Tourismus als Hoffnung für die Zukunft an meine Arbeit ans 111-Orte-Buch über die Ruhrstadthistorie erinnert, und so habe ich drüben, bei den Orten im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen, ein paar Worte zur Ruhrstadthymne von Matthias Reuter und zu Eisenheim geschrieben.

27. Mai 2016 / Kees Jaratz

Junges Licht – Ruhrstadtheimat um 1960

Junges Licht von Adolf Winkelmann könnte noch ein paar Kinobesucher mehr vertragen. So habe ich den Film nach zwei Wochen Laufzeit inieß den Kinos nochmals besprochen. Drüben bei den Orten im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen habe ich das Ganze online gestellt. Schließlich ist Junges Licht auch ein wunderbarer Historienfilm über die Welt des Ruhrgebiets um 1960 herum.

18. März 2016 / Kees Jaratz

Im Dichterviertel gelingt was

Was alles gerade nicht klappt, das lesen wir täglich, das sehen wir im Fernsehen und hören es im Radio. Wir machen uns mit diesen Meldungen ein Bild von der Wirklichkeit, von den sozialen Zuständen und befeuern uns gegenseitig in unserer trüben Weltsicht beim so oft nur scheinbaren Social-Media-Austausch. Manchmal möchte ich – gerade in diesen Social-Media-Welten – laut rufen, seht hin, es gibt überall Geschichten des Gelingens. Seht hin und nehmt wahr, was zu diesem Gelingen nötig ist. Erzählt von diesem Gelingen weiter. Mit diesem zweiten Schritt schon beginnt der Blick sogar politisch zu werden. Bleibt mit dem Blick in eurem nahen Alltag.

Das alles ging mir vorgestern im Dichterviertel durch den Kopf. Einmal im Jahr lädt das Quartiersbüro Dichterviertel Akteure und Institutionen des Viertels ein, Projekte des letzten Jahres vorzustellen, die mit kleinem Fördergeld verwirklicht werden konnten. In der Aula der Schule im Dichterviertel versammelte sich also eine bunt gemischte Gruppe Menschen. Professionelle Akteure der Jugend- und Sozialhilfe sowie der Schulen begegneten engagierten Ehrenamtlern. Menschen unterschiedlicher Herkünfte kamen zusammen. Manche sprachen nur gebrochen Deutsch, manche sprachen nur gebrochen Türkisch, auch wenn man es anders erwartet hätte. Lokalpolitiker waren ebenso anwesend wie Vertreter der stadteigenen Entwicklungsgesellschaft, EG DU, und von Vivawest Wohnen Gmbh, der Wohnungsgesellschaft, die im Dichterviertel so viele Häuser besitzt.

Ob Krebs-Selbsthilfegruppe türkischer Frauen, ob Geschichtswerkstatt Dichterviertel, ob Nähkurs oder Integrationskurs für Flüchtlinge, ob Ausflüge vom Jugendzentrum Zitrone und vom Mädchenzentrum Mabilda, ob Trommelkurs für Flüchtlingskinder in der Schule Kunterbunt, ob Schreibwerkstatt in der Schule im Dichterviertel, letztlich geht es bei allen Projekten um Begegnung und um das Gefühl, dort zu Hause zu sein, wo man wohnt. Die im Dichterviertel lebenden türkischstämmigen Ehrenamtler erzählten, wie durch das von ihnen geleitete Projekt Nachbarschaft gestärkt wurde. Ich selbst erlebe im Jugendzentrum Zitrone, bei Mabilda und in den Schulen das große Engagement für die Bildungschancen und aktuellen Lebensmöglichkeiten der Kinder; Engagement für Erfahrungen, die in ihren Elternhäusern nicht selbstverständlich sind. An diesem Nachmittag war die Aula der Schule erfüllt von diesem Gelingen.

Wir brauchen die Geschichten des Gelingens, um eine Richtung für Entwicklung zu erkennen, bei allen Problemen, die es im Moment gibt. Am besten kann ich noch von dem Gelingen erzählen, das ich selbst erlebe. Im Moment treffe ich mich wöchentlich mit acht Schülern aus vierten Klassen der Grundschule im Dichterviertel, damit sie „schöne Worte“ finden für das, was sie beschäftigt. Alle teilnehmenden Kinder sind in Deutschland geboren. Ihre Eltern sind Migranten. Nicht für alle ist dieses Schreiben gleich wichtig. Nicht jede Woche erlebe ich eine harmonische Zeit mit diesen Kindern. Oft geraten wir in Streit, ehe es wieder produktiv weitergeht. All das gehört dazu und nervt mich nicht selten. Dennoch entstehen schöne Texte.

Leen ist vor elf Monaten mit ihrer Mutter aus Syrien geflüchtet. Sie konnte kein Deutsch, als sie ankam und spricht die Sprache inzwischen so gut, dass ich erst glaubte, sie missverstanden zu haben bei der Dauer ihres Aufenthalts in Deutschland. Eine ihrer kleinen Geschichten möchte ich hier vorstellen, weil diese Geschichte einen Teil der Wahrheit ihres Lebens erzählt. Mit dieser Geschichte lässt sich vom Gelingen erzählen, denn in dieser Geschichte steckt ein Potential, mit dem Leen uns und unsere Gesellschaft bereichern kann.

Der große Elefant

Es war einmal ein großer Elefant und ein Mädchen, die Emliy heißt. Emliy ist mit dem Elefanten zum Markt gegangen. Der Elefant ist so groß. Alle Menschen rennen weg von dem Elefanten.
Emliy fragt sich: Warum rennen alle Menschen weg?
Der Elefant ist ganz traurig, weil alle vor ihm weggerannt sind.
Emliy muss den Elefanten verlassen. Später ist sie mit dem Elefanten zum Zoo gegangen. Dort hat Emliy den Elefanten gelassen.

Die Geschichten des Gelingen haben Voraussetzungen. Im Dichterviertel gehört dazu die Bereitschaft der Stadt und von Vivawest Wohnen dauerhafter als üblich Verantwortung für den sozialen Zusammenhalt des Viertels zu übernehmen. Das ist notwendig und das muss ebenfalls erzählt werden. Wenn das dann noch öffentlich gefordert wird, ist das Erzählen vom Gelingen endgültig politisch geworden.

27. November 2015 / Ralf Koss

Weggelesen – So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als „Onkel“ und „Tante“. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese „Onkel“ und „Tanten“ sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel „Catcher“ und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur „So ein Betrug“ sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99

29. Oktober 2015 / Ralf Koss

Wenn alte Geschichten Bestand haben – Abpfiff von Dominique Manotti

In Lisle-sur-Seine, einer fiktiven französischen Kleinstadt, werden eine junge Frau und ein Polizist der Drogenfahndung von einem Motorrad aus mit einem Maschinengewehr erschossen. Commissaire Daquin und seine Kollegen können sich diesen Anschlag  nicht erklären. Der Drogenfahnder scheint mit der Frau verabredet gewesen zu sein, ohne sie gekannt zu haben. Die Ermittlungsmaschinerie läuft an und führt schnell zum lokalen Fußballverein, der aus der vierten Liga kommend in schneller Zeit zum ernsthaften Anwärter auf die französische Meisterschaft geworden ist. Groß wurde der Verein dank seines Vorsitzenden Monsieur Reynaud, einem Bauunternehmer und zugleich Bürgermeister der Kleinstadt.

Bereits 1998 ist “Abpfiff” von Dominique Manotti in Frankreich erschienen. Als der Roman im April in Deutschland herauskam, wurde er zurecht von den meisten Rezensenten mit besonderem Lob bedacht. Beim Perlentaucher finden sich etwa Links zu zwei Besprechungen oder hier geht es zur Besprechung bei ZEIT online. 

Nicht das zentrale Thema dieses Romans, die Machenschaften im Fußball, begründen für mich die Qualität des Romans, die kriminellen Hintergründe überraschen kaum. Natürlich geht es um Fußball als Karriereinstrument außerhalb des Sports, es geht um Doping und Bestechung. Die Grundentwicklung des Plots ist bei all seinen Wendungen vorhersehbar wahrscheinlich für die meisten Fußballinteressierten und Krimikenner. So viele Möglichkeiten mit dem Fußball Krimininalität zu erzählen gibt es nun mal nicht. Das aber verweist zugleich auf die besondere literarische Qualität des Romans. Dieser Roman lebt von der rasanten Sprache der Autorin, die mit kargen, pointierten Sätzen ihre Wirklichkeit umfassend aufscheinen lassen kann. Manchmal reichen einzelne Worte für Gefühlslagen und Entwicklung, ganze Absätze wirken wie Szenenbeschreibungen von Drehbüchern. Dominique Manotti hat die Kunst des Weglassens perfektioniert. Das verhilft ihren Romanen zum eindrucksvollen Tempo, bei dem es ihr dennoch gelingt, die Figuren lebendig und facettenreich werden zu lassen. Dominique Manotti schreibt Sprachkunstwerke, die zugleich sehr unterhaltsam sind. Beeindruckend.

Überaus kurios mutet mich aber manche Deutung dieses Romans an. Viele Rezensenten haben Dominique Manottis Geschichte als Beleg für den korrupten Fußball der Gegenwart genommen und dabei den schon im April medial beachteten FIFA-Skandal reflexhaft aufgegriffen. So soll Dominique Manotti die “dunklen Seiten” dieses heutigen Fußballs zeigen. Wer aus Romaninhalten solche Schlagwörter macht, beglückt den Verlag werbewirksam und könnte auch erzählen, dass das Romanportrait eines Pass- und Geldfälschers uns einen Einblick in die kriminelle Welt des Datenbetrugs im Internet gibt.

Der Roman erschien in Frankreich 1998 und bezieht sich dementsprechend auf einen Fußball der Vergangenheit und dabei nur auf den der Vereinsebene. Handlungszeit ist sogar 1990. Entsprechend ist die Kriminalität auch eine der Vergangenheit. Wenn sich Dominique Manotti von einem realen Geschehen inspirieren ließ, dann offensichtlich unter anderem von dem Bestechungsskandal bei Olympique Marseille aus dem Jahr 1993, in dem Bernard Tapie als Vereinspräsident Hauptakteur war.

Wenn das Gütesiegel “Einblick in die Fußballwirklichkeit” verliehen werden soll, dann müsste eine Geschichte auf Vereinsebene von Konzernstrukturen handeln, von Abhängigkeiten zwischen Medien- und Fußballakteuren, von dem wirtschaftlichem Risiko auf Seiten der Medienkonzerne, wenn es um den Ruf des Fußballs geht. Dominique Manotti nimmt aber eine Organisationsstruktur des Fußballs zum Vorbild für ihre Geschichte, wie sie im Spitzenfußball kaum mehr vorkommt. Ein Unternehmer, in dem Fall eben ein Bauunternehmer, pusht als Präsident den lokalen Fußballverein zum Erfolg und nutzt sein Engagement im Fußball zugleich, um persönliche Karriereziele zu verfolgen. Dieses erzählerische Motiv dürfte in Duisburg natürlich Erinnerungen wecken. Angesichts von Konzernstrukturen der Vereine in den europäischen Spitzenligen, ist so eine lokale Unternehmergröße zur Randfigur geworden, geschweige denn, dass diese Geschichte irgendetwas mit dem FIFA-Skandal zu tun hat, außer dass der Fußball eben Raum auf vielen Ebenen für Kriminalität bietet.

All das hat mit der literarischen Qualiltät des Romans von Dominique Manotti nichts zu tun. Die bleibt unbenommen. Eindeutige Leseempfehlung!

 

 

 

Dominique Manotti
Abpfiff
Gebunden mit Schutzumschlag
Deutsch von Andrea Stephani
Ariadne Kriminalroman 1197
17 Euro
ISBN 978-3-86754-197-8

24. Oktober 2015 / Ralf Koss

Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image

Dresden macht damit seit einem Jahr seine Erfahrungen, Baden-Württembergs Wirtschaftsförder vor einigen Jahren ebenso und, wie jüngst zu lesen war, das Ruhrgebiet mal wieder auch. Ein schlechtes Image entsteht, war vorhanden, ist immer noch da. Letzteres gilt für das Ruhrgebiet. Die Ruhrstadt hätte ich gerne geschrieben. Ein Name dieser Art gefällt nicht im Ruhrgebiet, wie ich in dem Artikel lesen kann, und so gerate ich mitten ins eigentliche Thema, das hinter diesem schlechten Image steht, die Identität. Der Name “Ruhrgebiet” ist nach Meinung der Befragten einer Studie die “griffigste” Bezeichnung für das, was ich eben gerne Ruhrstadt nenne. Ob Ruhrstadt zur Namensauswahl stand? Keine Ahnung. Hört ihr mein Seufzen? Wo soll man nur ansetzen bei  diesem Artikel mit seinem resignativen Ton über die einer Studie abgeleiteten Erkenntnis, dass das Ruhrgebiet ein schlechtes Image hat?

Ich frage mich zum Beispiel, wieso bei diesem schnellen Schluss zwischen Attraktivität für Arbeitnehmer sowie Unternehmen und dem Image des Ruhrgebiets Strukturfragen nicht einmal erwähnt werden? Vielleicht soll ich aber auch beim Schrecken und dem Klagen selbst anfangen, also bei der Enttäuschung, dass dieses Ruhrgebiet weiterhin zunächst mit der Industrie verbunden wird. Bei welchen Bildern genau und in welcher Perspektive entsteht dann ein “schlechtes Image”? Industrie gehört nun einmal zum Wesenskern der Ruhrgebietsgeschichte. Vielleicht bezieht sich das “schlechte Image” ja auch mehr auf die vermutete Lebensqualität? Oder sollte ich doch erst bei dem kurzen, wenig beachteten Einschub beginnen, bei den Bewohnern der Ruhrstadt selbst sei das industrielle Image ihrer Heimatregion weiter gefestigt? Alles hängt mit allem zusammen. Wer glaubt, dass das dabei eine Imagekampagne hilft, glaubt auch an Feen und böse Geister.

Ich lasse mal all die Strukturfragen links liegen, die  eigentlich immer gleichzeitig erwähnt werden müssten, sobald das Wort Image nur auftaucht. Stattdessen also Imagekampagne als mögliche Abhilfe! Zwei Fragen habe ich sofort, wie sollen die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets irgendein anderes Bild dieser Region gewinnen, wenn die Ruhrstadt selbst sich ihrer Identität nicht sicher ist. Vor der Beschäftigung mit dem Fremdbild steht doch zuallererst ein Reden im Inneren, getreu dem alten Psychologen-Rat, verändere dich selbst, um den anderen zu ändern.

Dieses Reden aber findet nicht öffentlich statt. Es gibt Gremien, die Arbeitsaufträge haben. Es gibt Menschen, die dafür bezahlt werden, positive Geschichten über das Ruhrgebiet in die Welt zu bringen. Aber wo sind die interessierten unabhängigen Stimmen des Nachdenkens? Eine Art Gegenöffentlichkeit kritischer Stimmen findet sich gerade im Netz häufig. Aber es fehlt ein populäres Medium im Ruhrgebiet, in dem eine interessierte Öffentlichkeit sich ihrer selbst wenn nicht als Ruhrstädter so doch als Ruhgebietsbewohner mit gemeinsamer Geschichte vergewissert. Der Funke-Konzern bietet dieses Medium mit seinen Zeitungen nicht.

Gibt es diese Öffentlichkeit wenigstens in Ansätzen überhaupt? Ich weiß das nicht. Diese Öffentlichkeit wäre aber eine Voraussetzung, damit Identität beredet und Veränderungen bewusst gehalten werden können. Wer sich seiner Identität nicht sicher ist, muss sich auf den Weg machen, diese Identität in der öffentlichen Debatte zu klären. Erst dann werden all die Stimmen der jungen Menschen deutlich erkennbar, die Industrie als eine Traditionslinie ihrer Identität nutzen, ohne dass sie bei dieser Vergangenheit stehen bleiben. Und diese jungen Menschen gibt es. Ich lese ihre Sicht auf die Welt des Ruhrgebiets als Einzelstimmen im Netz.

Mit der Diplomarbeit von Claudia Höllwarth lässt sich schnell ein Blick auf die Wirkung von Imagekampagnen am Beispiel für Baden-Württembergs  “Wir können alles. Außer Hochdeutsch” werfen. Die Kampagne gilt als sehr erfolgreich, doch um eins der Diplomarbeits-Ergebnisse auf den Punkt zu bringen: So eine Imagekampagne kann vielem nutzen, aber eines erreicht man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht, die Veränderung eines lange bestehenden öffentlichen Bildes. Man kann gezielt Wirtschaftsaktivitäten fördern. Da sind wir dann aber sofort wieder bei den unterstützenden wirtschaftlichen Strukturen, die Grundlage sein müssen für jede Kampagne. Man kann Tourismus fördern, was ja schon recht erfolgreich geschieht. Aber Imageänderung? Sprich: Wer auch immer sich mit dem Image des Ruhrgebiets auseinandersetzt, wird sich wohl oder übel damit beschäftigen müssen, dass er noch so oft die Vielfalt von Kultur, Grün und Freizeitmöglichkeiten lobpreisen kann, die Industriearbeit als Bild für diese Region wird immer mit dabei sein.

Was uns zurück zur Lebensqualität führt, die ja von außen anscheinend nicht wahrgenommen wird, obwohl es sie gibt. Doch auch innen wird sie nur anekdotisch wahrgenommen, als individuelles Erleben, einmal mehr deshalb, weil es keine Ruhrgebietsöffentlichkeit gibt. Wer über das Image des Ruhrgebiets klagt und etwa die Vielfalt der Kultur als Beispiel anführt, der muss diese Kultur als öffentliches Ereignis leben und erzählen. Zunächst braucht das Ruhrgebiet im Inneren die starken Bilder und Geschichten. Die Entwicklung der Oper in Dortmund müsste ein Thema für das Essener Kulturpublikum sein, die Off-Theater-Szene müsste sich als Szene überhaupt erst finden. Die Schließung der Duisburger Mercatorhalle müsste auch in Bochum Entsetzen hervorrufen.

Das ist alles nicht gegeben. Wer aber die Kultur als Standortvorteil des Ruhrgebiets aufs Schild hebt, muss wenigstens im eigenen Alltag mit seinem Verständnnis von Ruhrgebietskultur dazu beitragen. Wer als Ruhrstädter das Kulturangebot nicht  selbst wahrnimmt, kann niemanden mit schönen Worten überzeugen, wie toll es sich in all diesen Stadtteilen der Ruhrstadt leben lässt. Ach ja, es sind ja keine Stadtteile. Es sind ja alles einzelne Städte.

Ein anderes Beispiel für die fehlende Ruhrgebietsöffentlichkeit: Feridun Zaimoglu hat vor einiger Zeit den in Duisburg sowie Bochum handelnden Roman “Ruß” geschrieben und den Anspruch formuliert, eine Ruhrgebietswirklichkeit der Gegenwart zu zeigen, die gerade untergeht und sie auf diese Weise zu bewahren. Er wollte sich also einer zentralen Identitätsfrage der Region annehmen. So ein Roman hätte Anlass zu einer Debatte sein können. Ich finde, er hat seinen Anspruch mit dem Roman nicht eingelöst. Nach meinem Empfinden hat er für seinen Blick auf die Ruhrgebietswirklichkeit keine passende Geschichte gefunden. Der Notausgang war die eine wilde Spannungshandlung um ein Verbrechen. Der Roman bekam natürlich seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab also  Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Nichts geschah.

Ohne dieses öffentliche Reden können noch so viele kulturelle Großereignisse im Ruhrgebiet geschehen, können noch so viele Freizeit- und Ausflugsmöglichkeiten genossen werden, es wird sich am öffentlichen Bild anderswo nichts ändern, weil irgendein anderes als das bekannte von der Industrie geprägte Bild nicht einmal im Inneren der Region gefestigt ist. Statt über Imagekampagnen nachzudenken sollte Geld dazu genutzt werden, ein Debattenmedium zu subventionieren. Das Ruhrgebiet braucht starke und auch populäre, unabhängige Stimmen, die sich zur Ruhrstadt äußern. Nur dieses öffentliche Reden bringt Bewegung in die Sache.

Wollen sich die Ruhrstädter bewegen lassen? Es gibt doch viele, viele Bewohner dieser Region, die anekdotisch darüber sprechen, wie gerne sie im Ruhrgebiet wohnen. Es gibt kleine Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich sind. Es gibt junge kreative Menschen, die zusammen jenes Milieu entstehen lassen, das eine Großstadt lebendig werden lässt. Es gibt die Menschen, die für die Region eintreten und nicht nur ihr kleines Umfeld meinen. Aber vielleicht empfinden sie so ein Reden und Nachdenken als überflüssig? Lauter Fragen, auf die eine Imagekampagne keine Antwort geben wird.

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