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23. Januar 2023 / Ralf Koss

Begeisternde zwei Herren von Real Madrid am Theater Oberhausen

Der grüne Bühnenboden verweist auf den Rasen der Fußballplätze. Zudem sitzt das Publikum wie auf einer Sitzplatztribüne an der lang gestreckten Spielfläche. Fünf Nischen als stilisierte Handlungsorte wirken wie Seitenaltäre in einer Kirche. Während das Publikum Platz nimmt, warten in drei der Nischen die Schauspielerinnen und Schauspieler statuengleich auf den Einsatz. Fußball als Religionsersatz – diese Assoziation liegt nahe. Am Ende wissen wir, das war leicht dahingetupft, denn das Stück selbst vertieft solche Deutungen des Fußballs nicht. Vielmehr deutet sich damit an, wie umfassend die Wirklichkeit des Fußballs am Theater Oberhausen auf allen gestalterischen Ebenen künstlerisch anverwandelt wird. Die Uraufführung des Theaterstücks von Leo Meier „Die zwei Herren von Real Madrid“ beginnt. Es wird ein unterhaltsamer Abend, voller Spielfreude und Komik, inszeniert und ausgestattet mit viel Liebe zum Detail.

Der Anfang: Zwei Männer begegnen sich in einem Wald. Der eine flitscht Steine. Eine absurd surreale Welt entfaltete sich. In dieser Welt stellen die Männer ohne weiteres Erstaunen fest, sie spielen als Fußballprofis in derselben Mannschaft. Sie gehören zu den Topspielern bei Real Madrid. Realismus zeigt sich anderes, ein atmosphärischer Ton ist gesetzt, der in der förmlichen Sprache ihrer Unterhaltung sich fortsetzt. Sie bleiben beim Sie, obgleich die gegenseitige Anziehung, das Begehren im Spiel der beiden Schauspieler sofort miterzählt wird.

Foto: Axel J. Scherer

Tim Weckenbrock und Khalil Fahed Aassy spielen die zwei Herren mit wunderbarem Gespür für die Komik von klischierten Fußballergesten, ohne die Figuren als Karrikaturen zu verraten. Diese zwei Herren sind mehr als komisch, sie berühren mit ihrer Sehnsucht nach Liebe, mit ihrer Scheu, sich zu öffnen, mit ihren Versuchen, sich trotz Schüchternheit stark zu geben.

Foto: Axel J. Scherer

Leo Meier greift für die Dialoge dieser zwei Herren den Sound des Fußballbetriebs auf und erschafft ein eigentümlich poetisches, oft zärtliches Sprechen. Währenddessen hängt Elias Baumann als Jesus am Kreuz und macht sich beim Szenenwechsel pantomimisch bemerkbar. Überhaupt gehören zur wunderbaren Inszenierung von Maike Bouschen tänzerische Elemente. Das Körperliche des Sports Fußball findet sich im schauspielerischen Ausdruck auch immer wieder.

Die Annäherung der beiden Herren führt bald ins Elternhaus des einen. Samia Dauenhauer und Franziska Roth als Eltern lassen nicht nur in der ersten von drei ihrer Nebenrollen der komödiantischen Lust am Spiel freien Lauf. Gleichzeitig macht sich in der absurd-surrealen Welt das Utopische zum ersten Mal leise bemerkbar. Ganz selbstverständlich ermuntert die Mutter augenzwinkernd ihren Sohn, sich zu der anbahnenden Liebe zu bekennen. Auch das Unglück kommt als absurde Note mit dem tödlichen Allergieschock der Mutter durch den mitgebrachten Kuchen vom Spielerkollegen des Sohns. Im Spiegel der Beerdigung wird das Leben mit der vereinten Liebe beider Fußballer gefeiert. So kann sich das Utopische mit Wucht zurückmelden, als Elias Baumann, nun als Real-Star Sergio Ramos, beim gemeinsamen Training das nun öffentlich bekannte Paar gelassen als gewöhnliche Neuigkeit betrachtet. Der Fußball ohne Homophobie, was für eine Zukunft. Die ironische Botschaft dabei lautet, selbst ein Mann alten Schlages, ein überaus hart spielender Innenverteidiger, achtet in dieser Welt alle Menschen gleich – egal, wen sie lieben.

In letzten Wendungen des Stücks macht sich bei aller Surrealität die wirkliche Fußballwelt deutlicher bemerkbar. Vereinswechsel sind auch für Stars die Regel und damit ergeben sich Trennungen auch für die besagten zwei Herren. Wie schwer das fällt, bleibt offen. Der Premierenapplaus wollte kein Ende nehmen. Zurecht. „Die zwei Männer von Real Madrid“ begeistert.

Foto: Axel J. Scherer

Im wirklichen Fußball hieße das Resümee, ein solcher Erfolg gelingt dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung und durch die hervorragende Arbeit sämtlicher Teile des Vereins. Wer so auftritt, darf den Blick auch auf die Plätze ganz oben in der Tabelle richten.

Weitere Termine

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21. Oktober 2022 / Ralf Koss

Buchmesse, Halle 3.0 – Mittwoch, 19.30 Uhr

Auch Sprache möchte ihren Feierabend. Oder: Wenn alle gegangen sind, kommt die Wahrheit ans Licht. Der Duden Verlag misstraut dem eigenen Markenclaim. Irgendwas sagt auch ein Flatterband. Gelegenheit, der contradictio in adiecto still zu gedenken.

13. Oktober 2022 / Ralf Koss

Duisburg-Trilogie von Fakir Baykurt endlich vollständig übersetzt

Eva Lacour und Hartwig Mau

2011 erschien „Halbes Brot“, der erste übersetzte Roman von dreien, in denen Fakir Baykurt (1929 – 1999) in den 1980er Jahren von der Lebenswelt Duisburgs erzählte. Am Dienstag nun wurden mit „Vater Rhein“ und „Hochöfen“, die zwei weiteren seiner in Duisburg spielenden Romane, in der Stadtbibliothek Duisburg im Rahmen einer Lesung durch die Übersetzerin Eva Lacour und den Übersetzer Hartwig Mau vorgestellt.

Der in der Provinz Burdur aufgewachsene Fakir Baykurt war schon in der Türkei als Schriftsteller erfolgreich gewesen, als er 1979 mit einem Stipendium nach Deutschland kam. Er schrieb realistische Romane über die bäuerliche Wirklichkeit seines Heimatlandes und erhielt Literaturpreise. Sein literarischer Stil wurde durch die mündlichen Erzähltradtionen der Landbevölkerung bestimmt. Sein realistischer Blick auf Menschen und Verhältnisse machte seine Literatur zur Sozialkritik.

Wahrscheinlich führte auch der Militärputsch in der Türkei 1980 dazu, dass der politisch engagierte Fakir Baykurt in Deutschland blieb. Statt mit dem bäuerlichen Leben beschäftigte er sich nun dauerhaft mit der Wirklichkeit der Migranten als Industriearbeiter. Doch Fakir Baykurt blickte über das Migranten-Milieu hinaus. Mit seinem Personal erzählte er allgemeine Geschichten über die Ruhrgebietswelt mit ihren Menschen aus verschiedenen Herkünften. Er nahm die Erzählhaltung jener deutschen Autorinnen und Autoren der Gegenwart vorweg, deren Großeltern oder Eltern aus der Türkei gekommen waren. Fakir Baykurt empfand sich als zugehörig zur deutschen Gesellschaft. Er beschrieb nicht von außen, sondern erzählte aus ihrem Inneren heraus. Institutionen und öffentliche Personen Duisburgs in den 80ern tauchen ebenso auf wie historische Erklärungen für Teilgeschehen der Romane. Für Fakir Baykurt war das migrantische Milieu Teil der Stadtgesellschaft. Es gehörte dazu. Seine Romane zeigen mit einem sozialkritischen Realismus ein Ruhrgebiet, das es in den 1980er Jahren im Literaturbetrieb schwer hatte. Diese Literatur, auch von deutschen Autoren geschrieben, wurde von der Kritik kaum wahrgenommen, geschweige denn öffentlich wertgeschätzt. Der bundesweite Erfolg Max von der Grüns in den Jahren davor war nur die Ausnahme von der Regel.

Wer heute die drei Romane von Fakir Baykurt liest, lernt Duisburger Wirklichkeit detailreich kennen. Diese Stadt steht aber stellvertretend für sämtliche Großstädte Deutschlands mit migrantischer Kultur. Fakir Baykurt erzählt von Rassismus ebenso wie von der Umweltverschmutzung durch die Industrie und den schlechten Arbeitsbedingungen dort. Er erzählt aber auch von gelingenden Begegnungen zwischen den Kulturen, von Irrtümern und Annäherungen. Fakir Baykurt muss bei aller Kritik an den Verhältnissen seiner Gegenwart ein optimistischer Mensch gewesen sein. In seinen Geschichten folgen Figuren oft einem kulturübergreifenden Humanismus. Gelingendes Zusammenleben in Verschiedenheit gibt es in seinen Romanen, ohne dass er ein träumerischer Idealist gewesen wäre. Er kennt hemmende Befindlichkeiten ebenso wie die um des lieben Friedens Willen verschwiegenen Vorurteile.

Die „Duisburg-Trilogie“ von Fakir Baykurt – das lässt sich leicht merken, um in Buchhandlungen danach zu fragen. Die Trilogie kostet nur 50 Euro. Dem Verlag Dialog-Edition sei viel Nachfrage gewünscht. Das große Publikum am Dienstag bei der Veranstaltung vom Verein für Literatur Duisburg bewies, wie tief Fakir Baykurt sowohl in die türkische Comunitiy als auch in die Mehrheitsgesellschaft Duisburgs hinein gewirkt hat. Seine Romane gehören in den Kanon einer Literatur des Ruhrgebiets.

5. Oktober 2022 / Ralf Koss

Jetzt im Buchhandel: Duisburg auf den zweiten Blick

Zwischen März und Juni war der Martin Wedau in mir wieder gefragt. Ihn – und mich nicht weniger – beschäftigte der sprichwörtliche zweite Blick, in dem Fall auf Duisburg.

Ich wollte übersehene Details im Bekannten entdecken und mich in den weniger besuchten Ecken der Stadt umschauen. Ich fragte Duisburger nach Orten, denen sie mehr Aufmerksamkeit wünschten. Ich spazierte mit einem anderen Bewusstsein durch die Stadt. All das führte zu interessanten Geschichten und manchem auch mir neuen historischen Wissen über Duisburg.

Nun ist das Buch erschienen. Die Fotos geben einen ersten Eindruck.

Martin Wedau
Duisburg auf den zweiten Blick. Der besondere Stadtführer zu den verborgenen Schätzen.
Taschenbuch, ‏ 160 Seiten
ISBN: ‎ ‎ 978-3837524680
€ 18,95

26. September 2022 / Ralf Koss

Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung MSV Fußballfibel Bissingheim

Bundesliga,
ich komm‘ aus dir

Geschichten aus einem Leben als Fan

Donnerstag, den 29. September, im Zum Hocker, Vor dem Tore 76 , in Bissingheim. Eintritt frei.

Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Die Programmankündigung sieht so aus:

Fans des MSV Duisburg gehen zu Fußballspielen mit dem aufregendsten Klub Deutschlands. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller Ralf Koss seit jeher. Die Dauerkarte kennt er noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Seit 2008 schreibt er als Kees Jaratz den renommierten Zebrastreifenblog. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Dabei gewinnen Duisburg und das Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

26. September 2022 / Ralf Koss

Der Himmel über der Ruhr ist blau – Das Programm am 28.9. in Oberhausen-Sterkrade

Am Mittwoch, den 28. September, lese ich ab 19.00 Uhr in der Stadtteilbibliothek Sterkrade bei freiem Eintritt. „Der Himmel über der Ruhr ist blau“ heißt das Programm zum Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“.

Wir sehen uns in der Stadtteilbibliothek Sterkrade, Wilhelmstraße 9, 46145 Oberhausen.

Zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook mit Klick.

Blog zur Ruhrgebietsgeschichte, der sich aus der Arbeit am Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen entwickelt hat.

Der Himmel über der Ruhr ist blau

Was aus dem Schmuddelkind Ruhrgebiet wurde

Lange Zeit wusste niemand, wie er das Schmuddelkind von Rheinland und Westfalen nennen sollte. Irgendwann ließ es sich nicht mehr übersehen. Zu bedeutend waren Zechen und Stahlwerke geworden. Heute ist der Dreck in den Straßen des Ruhrgebiets verschwunden, aber auch ein Großteil der Industrie. Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau, und Nachkommen des Schmuddelkinds fragen sich manchmal, wer sie eigentlich sind. Mit seinem Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ lädt Ralf Koss ein, sich die Biografie des Schmuddelkindes Ruhrgebiet näher anzusehen. Stadtluft machte in Dortmund, Essen und Duisburg frei. Der Ruhrgebiets-Fußball stellte früh den DFB-Präsidenten. Filmregisseure von Weltruhm kamen nach Oberhausen, und Orchestermusikern wurde Zuflucht gewährt. Ralf Koss geht auf eine Zeitreise durch die Ruhrgebietsgeschichte, die er im Alltag der Ruhrstädter auf berührende und manchmal komische Weise immer auch wiederfindet.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

19. September 2022 / Ralf Koss

Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung MSV Fußballfibel Großenbaum

Bundesliga,
ich komm‘ aus dir

Geschichten aus einem Leben als Fan

Fortsetzung der Septembertournee mit dem dem Buch über mein Leben mit den Zebras seit den 70ern bis heute. Aber wie schnell ist der Spaß mit dem Fußball unseres Herzensvereins nun schon wieder vorbei. Vor der Lesung in Moers am 9. 9. noch sprach ich davon, wie der mir für die Lesung Rückenwind gab. Nun müssen wir für den Spaß zunächst mal wieder alleine sorgen. Meinen Teil trage ich dazu bei mit der Lesung aus der MSV Duisburg Fußballfibel am Donnerstag, den 22. September, im Gleis 3, Angermunder Straße 2-4, in Großenbaum, Eintritt 10 Euro.

Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Die Programmankündigung sieht so aus:

Fans des MSV Duisburg gehen zu Fußballspielen mit dem aufregendsten Klub Deutschlands. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller Ralf Koss seit jeher. Die Dauerkarte kennt er noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Seit 2008 schreibt er als Kees Jaratz den renommierten Zebrastreifenblog. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Dabei gewinnen Duisburg und das Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

31. August 2022 / Ralf Koss

Zwar ging die Welt davon nicht unter – Live-Hörspiel im Jugendzentrum Zitrone

„Zwar ging die Welt davon nicht unter“ heißt das Hörstück, das ich vor zwei Jahren geschrieben habe. Ich suchte nach Wegen, ein formelhaftes Gedenken an das Kriegsende zu verändern. Dieses Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs braucht erweiterte Ausdrucksformen.

Es gibt kaum mehr Zeitzeugen, und die lange Jahre einvernehmliche Deutung des Kriegsendes wird inzwischen öffentlich immer wieder bestritten. So habe ich dieses Ringen um Deutung in das Zentrum meines Stückes gestellt.

Hier die Veranstaltung bei Facebook.
Die Programmankündigung gibt einen Vorgeschmack.

Zwar ging die Welt davon nicht unter

Live-Hörspiel im Jugendzentrum Zitrone

Zum Jugendzentrum Zitrone kommen Kinder und Jugendliche, die mit ganz unterschiedlichem kulturellen Einflüssen aufwachsen. Deshalb weiß man dort genau, welche Bedeutung einer gemeinsamen Erinnerungskultur zukommt. So wird das Jugendzentrum am 21. September um 18 Uhr zur Bühne für die Aufführung des Live-Hörspiels von Ralf Koss „Zwar ging die Welt davon nicht unter“. Denn die Beschäftigung mit den Folgen des Nationalsozialismus und das Gedenken an dessen Opfer ist mehr als pflichtbewusstes Ritual.

Welche Bedeutung dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gegeben wird, bestimmt auch die gegenwärtigen Debatten zum Krieg in der Ukraine. Schon länger fanden Politiker Unterstützung, die historische Wahrheiten über Bedingungen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur klein redeten. Deutsche sahen sich wieder vor die Entscheidung gestellt, ob der 8. Mai ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Niederlage ist.

Mit einem vielstimmigen Hörstück zeigt Ralf Koss, wie die Erinnerung an die Folgen des Nationalsozialismus dem gegenwärtigen Handeln Orientierung bietet. Die heile Schlagerwelt der Nazizeit untermalt die Erinnerungen von Duisburgern an die letzten Kriegstage. Historikerstimmen der Gegenwart begegnen einem Versuch über Duisburg im Nationalsozialismus zu schreiben aus dem Jahr 1949. Sie münden in die Erinnerungssehnsüchte von AfD-Politikern wie Alexander Gauland sowie Björn Höcke und der gegenüber dem erstarkten Rechtsextremismus wieder nötigen Botschaft des Liedermachers Konstantin Wecker „Sag nein“.

Es sprechen: Marion Basteck, Ralf Koss und Kischog Thevatasan

Eine Veranstaltung von Lemonhaus e.V. und Jungs e.V – Heroes Duisburg im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

Anmeldung erbeten unter: info@heroes-net-duisburg.de

Ort: Jugendzentrum Zitrone, Kalthoffstraße 73, 47166 Duisburg
Zeit: 21. September, 18 Uhr

Eintritt frei

Den anderen Vorgeschmack geben zwei Aussschnitte des Lese- und Hörstücks – der erste ist den ersten zehn Minuten entnommen, der zweite Ausschnitt beeendet das Stück.

CHOR DER ERINNERUNG – EINE FRAU – 1.00

Anfang 45 waren meine Brüder in Würtemberg evakuiert und meine Mutter hat die besucht. Ich war da sechs. Das weiß ich noch, wie in der Zeit die Bomben fielen. Wenn Mutti da war, sind wir beim Alarm in den Bunker, von der Luisenstraße aus, das war weit. Aber ich war ja bei Frau Köhlen, der Nachbarin, und die hatten einen Keller. Da dachten die wahrscheinlich, da wären wir sicher. Ich weiß nicht. Jedenfalls waren wir in dem Keller bei jedem Angriff, und dann fielen die Bomben einmal auf das Krankenhaus nebenan, auf den Haniel-Stift. Da hast du gehört, wie die Steine flogen. Ich habe mich schon erschreckt und gedacht, hoffentlich passiert dir nichts. Aber heute in den Erinnerungen ist das nicht mehr so. Ich erinnere mich nicht mehr wirklich, Angst gehabt zu haben. So haben wir eben gelebt als Kinder. Es war wohl sehr schlimm nachher. Das war ja alles nur noch Schutt, das Krankenhaus, als wir aus dem Keller rauskamen. Aber bei uns war alles stehen geblieben.

MUSIK

Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter 1942 – (ab 0.19 – 2.09)

EIN ICH DER GEGENWART

Davon ging die Welt nicht unter. Nein. Nicht von zerstörerischem Militär. Nicht von zwölf Jahren Nazidiktatur. Die Welt ist ewiger als wir.

Die Welt ging nicht unter, aber Millionen Menschen verloren ihr Leben in dieser nicht untergegangenen Welt. Millionen Menschen litten in ihrem nicht verlorenen Leben und lebten mit den Folgen des Leids weiter. Millionen Menschen versuchten ihre einzigartige Geschichte des Leidens in Einklang zu bringen mit anderen Geschichten des Leidens. Schweigen wurde für viele eine Möglichkeit zu solch einem Einklang. Davon ging die Welt nicht unter.

Die Deutschen hatten dieses Lied gesungen, obwohl sie sich nicht unbedingt einig in dem „davon“ waren. Was war denn dieses davon? Das Bombardement der Alliierten? Der Tod des Mannes für das Vaterland an der Front? Gestorbene Kinder? Die im Keller verschüttete Ehefrau? Die große Liebe eines Lebens tot? Oder war dieses „davon“ doch die Nazidiktatur selbst?

Bruno Balz hatte den Text geschrieben, als er sich in Gestapo-Haft befand. Er war homosexuell. In der Weimarer Republik hatte er sich für die Rechte von Homosexuellen publizistisch eingesetzt. Im Nationalsozialismus wurde er gleich zweimal Opfer der schwulenfeindlichen Gesetzgebung. Er hatte Glück. Er überlebte die körperliche Gewalt der Gestapo. Ihm blieb das Konzentrationslager im letzten Moment erspart, weil der Komponist Michael Jary sich für ihn bei Goebbels einsetzte. Für Bruno Balz war die Welt nicht untergegangen. Er mag seinen Liedtext als heimlichen Triumphgesang nach den gewaltvollen Gestapo-Verhören empfunden haben. Dasselbe Lied sangen aber auch die lokalen Nazifunktionäre, die in den letzten Kriegsmonaten nichts zu verlieren hatten und deshalb immer radikaler in ihrem Fanatismus wurden. Es sangen Männer, die ihre Mitbürger wegen drei oder vier kritischer Worte zur Kriegslage zum Tode verurteilten. Dasselbe Lied sangen die Menschen in deutschen Städten, die nichts anderes mehr besaßen als den obligatorischen Koffer, der für den Alarmfall immer gepackt gewesen war. Die todgeweihten Opfer der Nazis in den Vernichtungslagern sangen dieses Lied nicht mehr.

II

CHOR DER GEGENWART – BJÖRN HÖCKE, AFD-POLITIKER

Der Parteiengeist muss überwunden, die innere Einheit hergestellt werden.

Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen, aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.

Vor allem eine neue politische Führung wird dann schwere moralische Spannungen auszuhalten haben: Sie […] muss aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwider laufen.

[…] neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Reimigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ […] herumkommen.”

Ich bin mir sicher, daß […] am Ende noch genug Angehörige unseres Volks vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können. Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen.

EIN ICH DER GEGENWART

Björn Höcke stellte in dem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ diese Ansichten von der deutschen Zukunft vor. Wir können wissen, wie er handeln wird, sollte er jemals an die Macht kommen. Geschichte wiederholt sich nicht und dennoch bietet sie Beispiele. Im Gewand des Nationalsozialismus werden Politiker diktatorische Macht nicht mehr ergreifen. Selbst die Afd möchte sich nur allzu gerne vom Nationalsozialismus abgrenzen. Was deshalb als Lehre weiter wirkt: Es kann immer wieder Momente der Geschichte geben, in denen einer national orientierten, autoritären, rassistisch handelnden Regierung zur Macht verholfen werden kann.

Deshalb bleibt das Gedenken an den 8. Mai als Tag der Befreiung und der Niederlage gleichermaßen von Bedeutung für die Gegenwart. Weil Politiker wie Björn Höcke weiter um die Macht in der AfD kämpfen und solche Politiker demokratische Verfahren in Deutschland nur so lange für richtig halten, bis sie selbst Macht ausüben können und ihre demokratiefeindlichen Ansichten im politischen Handeln wirksam wird.

Darum geht es weiterhin beim Gedenken an das Kriegsende: Welche Haltung nimmt jeder einzelne gegenüber Politikern ein, die mit Allmachtsbildern und Gewaltfantasien zur Öffentlichkeit sprechen? Die Nazis hielten sich erst später mit Terror an der Macht.

Noch einmal: Geschichte wiederholt sich nicht. Über Kooperationen mit demokratiefeindlichen Politikern denken heute nicht nur Konservative am rechten Rand der CDU oder Liberale in Thüringen nach. Corona zeigte, es gibt auch in einem sich sonst als alternativ verstehendem Milieu keine Berührungsängste mit Rechtsextremen.

Jeder wahrhaftige Blick auf den Nationalsozialismus und die zwei, drei Jahre bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten führt aber zu einer einzigen Einsicht: Autoritäre wie faschistische Regierungen kommen an die Macht, wenn sich die Bürger eines Landes nicht klar von den rechtsextremen Bewegungen distanzieren. Es gibt nur eine Einsicht: Keine politische Kooperation mit Befürwortern von autoritärem Nationalismus, sei es von Politikern in Parlamenten, sei es von liberalen Protestieren auf Demonstrationen. Keine Toleranz gegenüber Intoleranten.

MUSIK

Konstantin Wecker – Sage nein

24. August 2022 / Ralf Koss

Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung MSV Fußballfibel Moers

Bundesliga,
ich komm‘ aus dir

Geschichten aus einem Leben als Fan

Was für Zweifel während der Sommerpause bei der Planung der Lesungen für September Wie soll das nur was werden, wenn der MSV Duisburg wieder mäßig bis desaströs in die Saison starten? Und nun das! Wieviel Spaß macht dieser MSV wieder. Wieviel Rückenwind durch die Zebras für den ohnehin immer vorhandenen Spaß bei den Lesungen. Am Donnerstag, den 9. September lese ich aus der Fußballfibel – MSV Duisburg im Bollwerk 107, Zum Bollwerk 107, bei freiem Eintritt in Moers.

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Die Programmankündigung sieht so aus:

Fans des MSV Duisburg gehen zu Fußballspielen mit dem aufregendsten Klub Deutschlands. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller Ralf Koss seit jeher. Die Dauerkarte kennt er noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Seit 2008 schreibt er als Kees Jaratz den renommierten Zebrastreifenblog. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Dabei gewinnen Duisburg und das Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

15. August 2022 / Ralf Koss

Handverlesen Spezial zum Hafenfest mit Marion Basteck, Thomas Frahm und Ralf Koss

Foto: Martin Wedau
Foto: Gernot Schwarz
Foto: Marion Basteck

Wenn in Ruhrort mit Open-Air-Konzerten, Kunstmarkt und anderen Attraktionen auch an die Bedeutung des Hafens für die Stadt erinnert wird, steht die Literatur am Vorabend des Hafenfestes nicht zurück.

In der Reihe „Handverlesen“ geht es in Prosa und Lyrik am Donnerstag, den 18. August, um den Hafen, um Ruhrort und um die Schifffahrt auf dem Rhein. Die Texte der Duisburger Autoren Marion Basteck, Thomas Frahm und Ralf Koss erzählen von den Menschen, die im Hafenstadtteil leben sowie von Vergangenheit und Gegenwart des größten Binnenhafen Europas. Sie zeichnen ein Bild von der inneren Verbindung zum Wasser, wenn man in der Nähe des Rheins aufwächst. Neben den gegenwärtigen Texten der Duisburger Autoren zeigt der Blick auf Romane der Vergangenheit, dass Ruhrort schon immer ein Thema für die Literatur war.

Handverlesen – Literatur am Neumarkt ist eine lose Folge von Veranstaltungen, in denen Literatur und deren Autor_Innen im Vordergrund stehen. Immer frisch, immer handverlesen, immer am Neumarkt.

Handverlesen | Hafenfest-Spezial
Das Plus am Neumarkt
Neumarkt 19
47119 Duisburg-Ruhrort
Donnerstag 18. August 2022, 19.00 Uhr
Eintritt frei(willig) – Hutveranstaltung

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