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8. Mai 2021 / Ralf Koss

Zwar ging davon die Welt nicht unter – Ein Lese- und Hörstück zum Gedenken an den 8. Mai 1945

Im letzten Jahr habe ich für eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 8. Mai 1945 ein Lese- und Hörstück geschrieben, dessen Aufführung im Rahmen der Ruhorter Hofkultur wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. Nun hoffe ich zwar, es wird sich im Laufe dieses Jahres eine Gelegenheit finden, das Stück einem Publikum zu präsentieren, doch heute, 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sollen zumindest zwei kurze Ausschnitte zeigen, wie notwendig ein Gedenken weiterhin ist.

Ich glaube, dieses Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs braucht erweiterte Ausdrucksformen. Es gibt kaum mehr Zeitzeugen, und der lange Jahre einvernehmlichen Deutung des Kriegsendes wird inzwischen öffentlich immer wieder bestritten. So habe ich dieses Ringen um Deutung in das Zentrum meines Stückes gestellt.

Es wird immer wichtiger sein, daran zu erinnern, dass die Nationalsozialisten nicht durch einen Putsch an die Macht kamen und dass es in den zwei Jahren vor 1933 laute Stimmen in den Parlamenten Deutschlands und den Zeitungen gab, die die Folgen einer nationalsozialistischen Machtausübung beschrieben und vorhersagten. Diese Stimmen zitierten aus jedermann zugänglichen Reden und Schriften der Nationalsozialisten. Es gab also genau benennbare Bedingungen, die einem diktatorischen Regime zur Macht verhalfen.

Nun aber die zwei Aussschnitte, der erste ist den ersten zehn Minuten entnommen, der zweite Ausschnitt beeendet das Stück.

…………….

CHOR DER ERINNERUNG – EINE FRAU – 1.00

Anfang 45 waren meine Brüder in Würtemberg evakuiert und meine Mutter hat die besucht. Ich war da sechs. Das weiß ich noch, wie in der Zeit die Bomben fielen. Wenn Mutti da war, sind wir beim Alarm in den Bunker, von der Luisenstraße aus, das war weit. Aber ich war ja bei Frau Köhlen, der Nachbarin, und die hatten einen Keller. Da dachten die wahrscheinlich, da wären wir sicher. Ich weiß nicht. Jedenfalls waren wir in dem Keller bei jedem Angriff, und dann fielen die Bomben einmal auf das Krankenhaus nebenan, auf den Haniel-Stift. Da hast du gehört, wie die Steine flogen. Ich habe mich schon erschreckt und gedacht, hoffentlich passiert dir nichts. Aber heute in den Erinnerungen ist das nicht mehr so. Ich erinnere mich nicht mehr wirklich, Angst gehabt zu haben. So haben wir eben gelebt als Kinder. Es war wohl sehr schlimm nachher. Das war ja alles nur noch Schutt, das Krankenhaus, als wir aus dem Keller rauskamen. Aber bei uns war alles stehen geblieben.

MUSIK

Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter 1942 – (ab 0.19 – 2.09)

EIN ICH DER GEGENWART

Davon ging die Welt nicht unter. Nein. Nicht von zerstörerischem Militär. Nicht von zwölf Jahren Nazidiktatur. Die Welt ist ewiger als wir.

Die Welt ging nicht unter, aber Millionen Menschen verloren ihr Leben in dieser nicht untergegangenen Welt. Millionen Menschen litten in ihrem nicht verlorenen Leben und lebten mit den Folgen des Leids weiter. Millionen Menschen versuchten ihre einzigartige Geschichte des Leidens in Einklang zu bringen mit anderen Geschichten des Leidens. Schweigen wurde für viele eine Möglichkeit zu solch einem Einklang. Davon ging die Welt nicht unter.

Die Deutschen hatten dieses Lied gesungen, obwohl sie sich nicht unbedingt einig in dem „davon“ waren. Was war denn dieses davon? Das Bombardement der Alliierten? Der Tod des Mannes für das Vaterland an der Front? Gestorbene Kinder? Die im Keller verschüttete Ehefrau? Die große Liebe eines Lebens tot? Oder war dieses „davon“ doch die Nazidiktatur selbst?

Bruno Balz hatte den Text geschrieben, als er sich in Gestapo-Haft befand. Er war homosexuell. In der Weimarer Republik hatte er sich für die Rechte von Homosexuellen publizistisch eingesetzt. Im Nationalsozialismus wurde er gleich zweimal Opfer der schwulenfeindlichen Gesetzgebung. Er hatte Glück. Er überlebte die körperliche Gewalt der Gestapo. Ihm blieb das Konzentrationslager im letzten Moment erspart, weil der Komponist Michael Jary sich für ihn bei Goebbels einsetzte. Für Bruno Balz war die Welt nicht untergegangen. Er mag seinen Liedtext als heimlichen Triumphgesang nach den gewaltvollen Gestapo-Verhören empfunden haben. Dasselbe Lied sangen aber auch die lokalen Nazifunktionäre, die in den letzten Kriegsmonaten nichts zu verlieren hatten und deshalb immer radikaler in ihrem Fanatismus wurden. Es sangen Männer, die ihre Mitbürger wegen drei oder vier kritischer Worte zur Kriegslage zum Tode verurteilten. Dasselbe Lied sangen die Menschen in deutschen Städten, die nichts anderes mehr besaßen als den obligatorischen Koffer, der für den Alarmfall immer gepackt gewesen war. Die todgeweihten Opfer der Nazis in den Vernichtungslagern sangen dieses Lied nicht mehr.

II

CHOR DER GEGENWART – BJÖRN HÖCKE, AFD-POLITIKER

Der Parteiengeist muss überwunden, die innere Einheit hergestellt werden.

Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen, aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.

Vor allem eine neue politische Führung wird dann schwere moralische Spannungen auszuhalten haben: Sie […] muss aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihrem eigentlichen moralischen Empfinden zuwider laufen.

[…] neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Reimigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ […] herumkommen.”

Ich bin mir sicher, daß […] am Ende noch genug Angehörige unseres Volks vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können. Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen.

EIN ICH DER GEGENWART

Björn Höcke stellte in dem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ diese Ansichten von der deutschen Zukunft vor. Wir können wissen, wie er handeln wird, sollte er jemals an die Macht kommen. Geschichte wiederholt sich nicht und dennoch bietet sie Beispiele. Im Gewand des Nationalsozialismus werden Politiker diktatorische Macht nicht mehr ergreifen. Selbst die Afd möchte sich nur allzu gerne vom Nationalsozialismus abgrenzen. Was deshalb als Lehre weiter wirkt: Es kann immer wieder Momente der Geschichte geben, in denen einer national orientierten, autoritären, rassistisch handelnden Regierung zur Macht verholfen werden kann.

Deshalb bleibt das Gedenken an den 8. Mai als Tag der Befreiung und der Niederlage gleichermaßen von Bedeutung für die Gegenwart. Weil Politiker wie Björn Höcke weiter um die Macht in der AfD kämpfen und solche Politiker demokratische Verfahren in Deutschland nur so lange für richtig halten, bis sie selbst Macht ausüben können und ihre demokratiefeindlichen Ansichten im politischen Handeln wirksam wird.

Darum geht es weiterhin beim Gedenken an das Kriegsende: Welche Haltung nimmt jeder einzelne gegenüber Politikern ein, die mit Allmachtsbildern und Gewaltfantasien zur Öffentlichkeit sprechen? Die Nazis hielten sich erst später mit Terror an der Macht.

Noch einmal: Geschichte wiederholt sich nicht. Über Kooperationen mit demokratiefeindlichen Politikern denken heute nicht nur Konservative am rechten Rand der CDU oder Liberale in Thüringen nach. Corona zeigte, es gibt auch in einem sich sonst als alternativ verstehendem Milieu keine Berührungsängste mit Rechtsextremen.

Jeder wahrhaftige Blick auf den Nationalsozialismus und die zwei, drei Jahre bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten führt aber zu einer einzigen Einsicht: Autoritäre wie faschistische Regierungen kommen an die Macht, wenn sich die Bürger eines Landes nicht klar von den rechtsextremen Bewegungen distanzieren. Es gibt nur eine Einsicht: Keine politische Kooperation mit Befürwortern von autoritärem Nationalismus, sei es von Politikern in Parlamenten, sei es von liberalen Protestieren auf Demonstrationen. Keine Toleranz gegenüber Intoleranten.

MUSIK

Konstantin Wecker – Sage nein

27. April 2021 / Ralf Koss

Jetzt erschienen: Ruhrgebiet. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten

Seitdem das Duisburg-Buch in der Klugscheißer-Reihe des Klartext-Verlags im Herbst letzten Jahres erschien, klopfen sich meine verschiedenen Autoren-Ichs für die gemeinsame Entscheidung zu diesem Buch gegenseitig auf die Schultern. Nicht nur dass die Zusammenarbeit mit Tina Halberschmidt viel Spaß gemacht hat. Die Resonanz war auch groß. Wir erhielten viel Beifall für das Buch – in der Presse und von Leserinnen und Lesern hier bei Amazon.

Nun wissen wir, dass nicht nur Klugscheißer das Buch gekauft haben. Was von nun auch im Titel der gesamten Reihe deutlich wird. Weiterhin geht es aber um „populäre Irrtümer“ und „andere Wahrheiten“. Nach dem Ruhrstadt-Stadtteil Duisburg haben Tina Halberschmidt und Martin Wedau in mir uns für das neue Buch mit der gesamten Ruhrstadt beschäftigt.

In gewisser Weise ist unser Buch von einem antizyklischen Gedanken getragen. Denn wir nehmen das Ruhrgebiet als kommunale Einheit ernst, auch wenn diese in der Realität nur unvollkommen institutionell ausgestaltet ist. Schon seit längerem gibt es ja Stimmen, die nach dem Ende von Kohle und Stahl das Auseinanderfallen der Stadtlandschaft vorhersagen. Im Gegensatz dazu steht ein Lebensgefühl der Menschen in der Region. Nun haben wir über die Region so geschrieben, wie wir über eine Stadt geschrieben hätten.

Ein Blick ins Vorwort.

Bei der Auswahl der Geschichten standen wir immer wieder vor der Frage, was hat in dieser Stadtlandschaft unabhängig von Kohle und Stahl eine Bedeutung für alle zwischen Kamp-Lintfort und Unna, zwischen Haltern und Hagen. Wir können nun viel über Identität erzählen. Wir haben viel darüber nachgedacht, was Zusammenhalt in der Gegenwart stiftet. Statt dass ich all das nun hier ausführe, kann man aber auch einfach das Buch lesen.

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis

Tina Halberschmidt/Martin Wedau: Ruhrgebiet. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten.
104 S., Klartext Verlag, Essen 2021.
€ 14,95
ISBN 978-3-8375-2383-6

23. April 2021 / Ralf Koss

Jan Josef Liefers braucht Nachhilfe

Heutzutage muss man konzertiert auftreten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Nun meinen einige Schauspielerinnen und Schauspieler also etwas zu Corona-Maßnahmen, zu bestimmtem Verhalten der Menschen dieser Gesellschaft oder auch zu den Medien. Die Aktion heißt „alles dichtmachen“. Gesehen habe ich nur den Clip von Jan Josef Liefers, und der hat mir schon gereicht. Der hat mich wütend gemacht, weil der Schauspieler populistisch und pauschal die (!) Medien angreift und damit ins Herz der Demokratie zielt. Ich kann nur hoffen, dass er das nicht will. Den Effekt nimmt er aber in Kauf.

Ich verstehe ihn nicht. Ich verstehe nicht, wie in dieser Gegenwart jemand ernsthaft sich nur einseitig informiert fühlen kann. Ich verstehe nicht, dass Jan Josef Liefers tatsächlich die „Medien“ mit gleichgeschalteter Berichterstattung am Werke sieht. Das mag in den Anfangswochen von Corona des letzten Jahres so gewesen sein. Diese Haltung des Zusammenstehens galt aber für fast alle in diesem Land. Wir schienen etwas großes Unbekanntes bewältigen zu müssen. Da mussten wir uns alle erst einmal orientieren, wie so was geht.

Nicht lange danach sind die ersten Stimmen von Wissenschaftlern und Ärzten gegen den „Mainstream“ publiziert worden und natürlich auch von seriösen Medien, sei es Print, TV oder Radio, eingeordnet worden. Das möchte ich auch. Ich möchte wissen, in welchem Verhältnis und mit welchem wissenschaftlichen Hintergrund eine Stimme zu Corona spricht. Das hat etwa die Süddeutsche Zeitung gemacht. Die habe ich old school im Print-Abonnenment. Das hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk gemacht. Die anderen großen seriösen Medien habe ich punktuell im Netz ebenfalls mit anderen Stimmen wahrgenommen. Dann gibt es das große weite Internet, wo jede Stimme gehört werden kann.

Und jetzt kommt Jan Josef Liefers um die Ecke mit seinem ironischen Statement zur Medienberichterstattung in dieser Coronazeit. Er fühlt sich nicht gut informiert, weil alle dasselbe schreiben und sagen. Er meint natürlich die etablierten Medien. Das ist schon klar. Ich fass es nicht. Als ob die Corona-Maßnahmen die ganze Zeit kritiklos bejubelt werden. Er missachtet doch vollkommen die Wirklichkeit von Berichterstattung und Kommentaren.

Wo lebt der Mann? Welche Verantwortung trägt er da gerade.

Schon faseln irgendwelche Leute vom Mut so etwas zu sagen.

Ich kann das einfach nicht glauben, dass Jan Josef Liefers den Journalismus der Gegenwart derart naiv betrachtet und das nun für eine gewichtige, mutige Meinung gehalten wird. Sein Clip hat auf dem Kanal „alles dichtmachen“ die meisten Aufrufe. Stellt sich Jan Josef Liefers nur dumm für seinen Kunstgriff Ironie oder glaubt er tatsächlich an seine Verschwörungsmeinung?

Ich habe nichts daran auszusetzen, wenn jemand die in Deutschland beschlossenen Corona-Maßnahmen kritisiert, sie für falsch und übertrieben hält. Darüber lässt sich diskutieren. Daneben gibt es den vorhandenen demokratischen Prozess eines Beschlusses. Wenn jemand aber meint, die „Medien“ würden daran arbeiten, irgendeine Stimmung hochzuhalten, damit Politiker reibungslos Beschlüsse durchwinken können, arbeitet ebenso und zwar daran, diese Demokratie zu zerstören. Demokratie braucht eine ständige Kritik aller maßgeblichen Institutionen. Diese Kritik ist aber nur konstruktiv für diese Demokratie, wenn sie auf konkrete Sachverhalte hin geäußert wird. Wer pauschal Institutionen wie die Medien diffamiert, arbeitet allen in die Hände, die diese Demokratie beseitigen wollen.

Ich fühle mich gut informiert. Auch durch etablierte Medien. Und daneben gibt es im Netz die ganze Welt der noch abseitigsten Meinungen und Informationen. Da kommt auf den WDR eine neue Kostenstelle für den Tatort zu. Der Mann braucht einen Medienpädagogen am Set. Keine Frage.

18. Februar 2021 / Kees Jaratz

Rainald Grebe und der Knappenchor MGV Harmonie Lünen

Drüben im Historienblog Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen sind ein paar begeistert Worte zu einer 15-min-Dokumentation über eine Lied-Produktion von Rainald Grebe zu lesen. Für seine neue CD hat er mit dem Bergmannschor MGV Harmonie Lünen für das wunderbar interpretierte Lied Die Rose zusammengearbeitet. Begleitet wurde die Choraufnahme in Corona-Zeiten, entstanden ist ganz nebenbei ein berührendes Portrait der Ruhrgebietswirklichkeit. Absolut sehenswert.!

10. Februar 2021 / Kees Jaratz

Weggelesen – Marseille.73 von Dominique Manotti

Mit großer Wucht trifft der zuletzt veröffentlichte Roman von Dominique Manotti über die Wirklichkeit von Marseille im Jahr 1973 auf die deutsche Gegenwart. Oft begnügen sich historische Kriminalromane mit Kulissenschieberei zum unterhaltenden Zeitvertreib. Dominique Manotti dagegen schreibt Texte der Aufklärung mit der Nebenwirkung Unterhaltung. Marseille.73 heißt ihr Roman, der auch ein Krimi ist, vor allem aber eine genaue Erzählung über die Arbeit im Polizeiapparat und die widerstreitenden, zum Teil politisch motivierten Kräfte bei der Aufklärung von rassistischen Verbrechen.

Elf Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens sind eingewanderte Algerier immer wieder Opfer von Gewalttaten. Südfranzösische Unternehmen nehmen die billigen Arbeitskräfte zwar gerne, doch durch ein Gesetzesvorhaben in Paris wird deren Aufenthaltsstatus prekär. Nationalisten und Rechtsextremisten fühlen sich dadurch in ihrem rassistischen Denken bestätigt. Sie handeln immer radikaler, was nichts anderes bedeutet als gewaltvoller. Algerische Migranten werden ermordet. Ermittelt wird, wenn überhaupt, wenig. Für die Öffentlichkeit bleiben die Taten Auseinandersetzungen im Einwanderermilieu. Weil mit Kommissar Daquin ein Ortsfremder seine Arbeit in Marseille aufnimmt, wird die eingespielte Abwicklung gestört.

Dominique Manotti nutzt eine Momentaufnahme aus der französischen Geschichte quasi-dokumentarisch, um mit ihr vor allem einen Blick auf das System Polizei zu werfen, das Rassismus begünstigt. Sie macht verständlich, warum Ermittlungen nicht vorurteilsfrei erfolgen, selbst wenn nur wenige Polizisten im rechtsextremen Milieu zu Hause sind. Da geht es dann auch um den Ruf der Polizei, um Korpsdenken, um Macht im Apparat und um Politik. Für deutsche Leser wirkt trotz aller Unterschiede zwischen politischen Hintergründen und dem Aufbau der Polizeiinstitutionen beider Länder dieser Blick angesichts der Erinnerung an die Ermittlungen bei den NSU-Morden erhellend und beklemmend.

Um das rassistische Geschehen genau schildern zu können, verzweigt sich die Geschichte in viele Bereiche der Marseiller Gesellschaft. Dominique Manotti nutzt dazu ein großes Personal und verwebt viele, oft kurz bleibende Handlungsfäden. Dennoch schafft sie einen Sog der Spannung, wenn auch die Lektüre manchmal ein Nachblättern von Namen erforderte. Ihre karge, pointierte Sprache schafft das nötige besondere Tempo für einen solch komplex angelegten Roman. Ihre Figuren werden selbst in kurzen Skizzen lebendig. In diesen Räumen konnte man Dominique Manotti schon mit ihrem Fußball-Roman Abpfiff kennenlernen. Wer das verpasste, sollte mit Marseille.73 nun den Anfang machen, um eine Quasi-Dokumentaristin und Sprachkünstlerin der französischen Romanliteratur zu entdecken.

 

Dominique Manotti

Marseille.73

Aus dem Französischen von Iris Konopik.
Gebunden, 400 Seiten. ‚
Ariadne 1247.
ISBN 978-3-86754-247-0

€ 23,00

21. Dezember 2020 / Ralf Koss

111 Orte beim Lebendigen Adventskalender Ruhrort

Seit 2010 gibt es im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort den Lebendigen Adventskalender. Natürlich hat Corona in diesem Jahr auch die adventlichen Begegnungen der Ruhrorter unmöglich gemacht. Doch nicht einfach ausfallen sollten zumindest die vielen unterschiedlichen Gelegenheit um innezuhalten. Das Kreativquartier organisierte deshalb einen Online-Adventskalender, an dem ich mit einer Lesung zweier Texte zur deutsch-französischen Freundschaft aus unserem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen teilnehmen konnte. Mit einem Klick geht es zum kurzen Videoclip.

18. Dezember 2020 / Ralf Koss

Weggelesen – Einer wie ihr von Tonio Schachinger

Die meisten Buchhandlungen bieten in dieser Zeit des Lockdowns einen Abholservive an. Deshalb ist es vor Weihnachten nicht zu spät. Mein Rat: anrufen, „Einer wie ihr“ von Tonio Schachinger mindestens zweimal bestellen, am nächsten Tag abholen. Das Buch einmal verschenken, und das andere Buch sofort selbst lesen.

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Sprache in Kunst zu verwandeln. Tonio Schachinger hat sich dafür entschieden, die Innenwelt eines international erfolgreichen Fußballprofis zu erschaffen. Ivo Trifunović ist österreichischer Nationalspieler. Seine Eltern waren aus Bosnien vor dem Balkankrieg geflüchtet. Zurzeit spielt er beim FC Everton. In seiner Karriere war er schon in Basel, Brügge und Barcelona.

Weder ist Ivo in diesem Roman oft als aktiver Fußballer zu erleben, noch geschieht viel. Umso mehr erfahren wir über Gefühle, Selbstwert und Identität eines Österreichers, dessen Eltern Migranten sind. Dieser Roman begeistert sicher diejenigen noch mehr, die zumindest die Strukturen des internationalen Fußballgeschäfts etwas kennen und denen Namen wie Boateng, Maierhofer oder Timo Werner nicht fremd sind. Doch letztlich ist diese Fußballwelt nur ein Mittel, um die Zerrissenheit eines erfolgreichen Österreichers zu zeigen, der sich in der etablierten Gesellschaft trotz seines Reichtums und seines Erfolgs manchmal nicht angenommen fühlt. Er ist zudem ein Mittel, um eine Dreiecks-Liebesgeschichte zu erzählen. Denn der scheinbar glücklich verheiratete Ivo begegnet einer Freundin aus Jugendzeiten. Der Fußball ist aber auch ein Mittel, um Ivos intuitives Verhältnis zum menschlichen Miteinander zu zeigen, dem nur mühsam Selbsterkenntnis abzugewinnen ist.

Tonio Schachinger hat seiner Hauptfigur Witz, einen Grundfuror und scharfe Beobachtungsgabe verliehen. Die Folge ist immer wieder große Komik, wenn Ivo in seinem inneren Monolog über den Fußball und das Leben spricht. Einen Ausschnitt über sein Urteil zum begrenzten Talent des österreichischen Stürmers Stefan Maierhofer und dessen dafür großen Erfolg habe ich unlängst im Zebrastreifenblog veröffentlicht. Es mag ein Beispiel sein.

Es ist unerheblich, ob diese Innenwelt einen realistischen Blick auf ein Fußballerleben gibt. Jede Frage nach einem solchen Realismus verschwindet, weil Tonio Schachinger eine eigene, in sich schlüssige Welt durch Sprache erschaffen hat, die uns grundsätzliche Einsichten zur Gegenwart gibt. „Einer wie ihr“ ist ein wunderbarer Roman, ein Kunstwerk der Sprache.

Tonio Schachinger
Nicht wie ihr ihr
304 Seiten

gebunden, Kremayr & Scheriau Verlag
€ 22,90
ISBN 
978-3218011532

Rowohlt Taschenbuch
€ 12,00
ISBN 978-3499004506

27. November 2020 / Kees Jaratz

Zu Gast im 111-Orte-Podcast

Vor einem Jahr war ich bei Hasan Sahin im Dortmunder Taranta Babu zu Gast mit der Premierenlesung meines Buchs 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss. Viele der im Buch erzählten Geschichten verweisen auf historische Ereignisse. Im Podcast zu der 111-Orte-Reihe hatte ich die Gelegenheit von einem dieser Ereignisse zu erzählen. Die Pfarrgemeinde von St. Suitbertus erhielt nämlich 1980 fünf ineinander gestellte Stahlreifen unterschiedlicher Größe geschenkt, die als Skulptur auf dem Parkplatz der Kirche platziert wurden. Diese Stahlreifen haben eine Vorgeschichte auf der Hannover-Messe, was uns viel über die Mentalität im Ruhrgebiet verrät. Vom Taranta Babu habe ich dann natürlich auch erzählt und vom Binarium, dem Museum für Digitales und Computerspiele, das sich in einem ehemaligen Gebäude der Zeche Hansa befindet. Bei all dem blieb das Verhältnis der Städte im Ruhrgebiet zueinander nicht außen vor. Dass ich diese drei Dortmunder Orte für das Gespräch mit Steffi Knebel und Matz Kastnig aussuchte, kam nicht von Ungefähr. Ich trat gegen die zwei an zum spaßigen Städtevergleich mit Köln in der Rubrik Fußballorte und Prag.
Der Podcastplayer lässt sich leider hier nicht einbinden. Mit einem Klick auf das Bild kommen Sie sofort zum Startbutton des Podcasts und einer langen Linkliste für die im Gespräch erwähnten Themen.
Mit einem Klick zu der im Podcast genannten Extra-Tour, die ich für Dortmund erstellt habe. Mit einem Klick zu den 111 Orten bei Facebook oder Instagramm, wo der Emons Verlag zudem ein Gewinnspiel zu den Podcast-Folgen ausrichtet. Möchten Sie das Buch mit meiner Signatur erwerben, können Sie es auch bei mir versandkostenfrei bestellen.
24. November 2020 / Ralf Koss

Ein Jubiläumsgeschenk für 25 Jahre Pütt im Jahr 1939

Im neuen Beitrag meines Historien-Blogs Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen erinnere ich an Wohnverhältnisse in Duisburg-Meiderich bis Mitte der 1980er Jahre. Von heute aus betrachtet würde man sie eher in der Weimarer Republik vermuten. Anlass zu dieser Erinnerung war ein Bild, das in dieser Wohnung an der Wand hing und mir beim Aufräumen in die Hände fiel. Es war einem Elektriker auf Zeche Westende zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum auf Zeche Westende überreicht worden.

18. November 2020 / Ralf Koss

Widerstand im Nationalsozialismus – Die Hamborner Brotfabrik Germania

Ein weiterer Hinweis auf einen neuen Beitrag meines Historien-Blogs Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen: Eigentlich wäre im Frühjahr bei den Veranstaltungen der HofKultur in Ruhrort des Kriegsendes vor 75 Jahren gedacht worden. Wegen Corona wurden die Live-Auftritte abgesagt. Stattdessen gibt es nun die erste der Veranstaltungen als Online-Darbietung. Erinnert wird an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der in Hamborn sein organisatorisches Zentrum besaß.

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