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27. November 2018 / Ralf Koss

Radiogespräch mit Helmut Hahues beim Bürgerfunk Moers

Anfang November war ich bei Helmut Hahues vom Bürgerfunk Moers zu Gast und habe mich mit ihm über meine Arbeit unterhalten. Es war mein persönliches Vorprogramm zu dem Heimspiel des MSV gegen den SC Paderborn, wie auf dem Foto unten leicht zu erkennen ist. Gutes Gespräch, gutes Spiel: Der Heimsieg folgte als Hauptprogramm.

Am 11. November wurde das Gespräch dann gesendet, bei dem wir uns zunächst über meine Fußballbuchprojekte unterhalten en haben, über 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und über Mehr als Fußball, kamen wir auf die Geschichte des Ruhrgebiets zu sprechen. Dabei hatte ich auch die Gelegenheit einen Text aus 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen zu lesen, jenen Text über die „Zeche Friedrich Heinrich“ in Kamp-Lintfort, ab Minute 12.35.

Und was die Bücher angeht, bleibt noch das Stichwort Weihnachtsgeschenke. Die Fußballorte im Ruhrgebiete gibt es zusammen mit Mehr als Fußball für 20 Euro statt früher knapp 30 Euro. Die Fußballorte alleine kosten 8,90 Euro statt früher 14,95 Euro. Mehr als Fußball alleine kostet 14,90 Euro. Einfach oben klicken und bestellen. Wenn ihr in Duisburg oder näherer Umgebung wohnt, bringe ich die Bücher auf meinen Wegen durch die Stadt vorbei, sonst kommt Versand noch hinzu.

 

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19. November 2018 / Ralf Koss

Vor Sonnenuntergang – Ein grandioses Theaterstück in der Ruhrorter Hafenkneipe Zum Hübi

Seit geraumer Zeit möchte das Theater oft gar kein Theater mehr sein. Es holt Laien auf die Bühne, um mit ihnen als Stellvertreter für gesellschaftliche Gruppen soziale Probleme in den Blick zu nehmen. Authentizität soll das Zaubermittel sein, in der Hoffnung genutzt, mit ihm verloren gegangene gesellschaftliche Relevanz des Theaters zurück zu erobern. Der Wille dahinter ist durchaus löblich. Schließlich fühlt man sich der Aufklärung verpflichtet, der Emanzipation und dem Versuch politisch wirksam zu werden. Das Schauspiel als sinnliches Ereignis geht dabei oft verloren. Wir sehen dann auf der Bühne gesprochenen Journalismus zwischen Leitartikel-Debatte und Sozialreportage. Ich lese so etwas lieber, als es auf der Bühne zu sehen.

Wenn Theater aber neben dem Willen zur gesellschaftlichen Bedeutung weiter zum künstlerischen Anspruch der Gestaltung steht, kann aus der Arbeit mit Laien für Mitwirkende und Zuschauer ein großartiges Erlebnis werden. So geschehen am letzten Samstag im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort, wo das Theaterstück „Vor Sonnenuntergang“ in der Hafenkneipe „Zum Hübi“ Premiere hatte.

Sieben in die Jahre gekommene Männer betreten die Bühne. Sie nehmen ihre Plätze ein im Gegenlicht der untergehenden Sonne vor dem Hafenmund-Panorama. Das Wetter ist wie bestellt für diesen Tag. Diese Männer erinnern sich fortan an ihr Leben, an ihre ersten Lieben, an ihre Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen als junge Menschen. Sie erinneren sich an ihre Väter und manchmal an ihre Mütter.

Während die Erinnerungen kommen und gehen, bewegen sich die Männer in dem Kneipenraum. Denn die Erinnerungen sind körperlich spürbar. Die Männer werden im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Einmal mündet dieses körperliche Erinnern in einen minutenlangen Tanz von Thomas Frahm, der sprachlos den Zwiespalt zwischen ekstatischer Befreiung und den wo auch immer herkommenden Grenzen einer ganzen Existenz sichtbar werden lässt. Beeindruckend.

Die Mitwirkenden haben zusammen mit Stefan Schroer und Sarah Mehlfeld die eigenen, verschieden gestalteten Texte mit Texten anderer Herkunft montiert. Wenn sonst Stefan Schroer mehr dramaturgisch arbeitet und Sarah Mehlfeld als Regisseurin, so haben sie  bei diesem Projekt auch den künstlerischen Bereich des jeweils anderen mitverantwortet. So sind die Erinnerungen dieser Männer auf vielfältige Weise künstlerisch bearbeitet. Die Sprache auf der Bühne ist zu Beginn und zum Ende hin sehr poetisch. Der künstlerische Rahmen legt nahe, die Männer spielen nicht sich selbst. Die eigenen Erinnerungen verweisen über das Biografische hinaus auf etwas Allgemeineres. Vor allen Dingen spielen sie, und der Wechsel zwischen stilisierter Bühnensprache und alltäglichem Reden wird als Mittel zur Komik genutzt. Wir sehen nicht auf das reale Leben dieser Männer. Dennoch ist dieses reale Leben jederzeit spürbar durch die Sehnsüchte der Männer und durch die Kraft der emotionalen Beziehungen, die ihr Leben geprägt haben. Wir begegnen immer wieder auch der Komik eines normalen Lebens, wenn Ideal und Wirklichkeit gegenüber gestellt sind, wenn Strategien entworfen werden, um mit dem Leben im Alter zurecht zu kommen.

Das private Erinnern ist zugleich polititisch deutbar. Wenn von der großen Liebe gesprochen wird, die sich als Hure entpuppt, gelten diese Worte der Enttäuschung zugleich linker Politik. Sie sind Metapher. Dieser Bühnentext flirrt und lässt Deutungsräume entstehen. Er gibt Anlass, weiterzudenken, etwa wie das Scheitern im Privaten soziale Bedeutung gewinnt. Denn das Politische ist unübersehbar. Keine der erinnerten Frauen aller sieben Leben steht so präsent im Raum wie Rosa Luxemburg. In Theo Stegmanns politischer Biografie spielt sie eine große Rolle und entsprechend gewürdigt wird sie an diesem Nachmittag.

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein großer Wurf auf kleiner Bühne. Nicht nur der entstandene Text des Stücks ist überaus gelungen. Die Regie von Sarah Mehlfeld und Stefan Schroer hat die spielerischen Möglichkeiten aller sieben Männer genau ausgelotet und in Bühnenkunst verwandelt. Zwei Aufführungen gibt es noch am nächsten Wochenende. Noch mehr wären wünschenswert. Der Premierenapplaus wollte nicht enden.

Vor Sonnuntergang
Von und mit: Thomas Frahm, Wolfgang Grafers, Klaus Grospietsch, Fritz Hemberger, Wolfgang Müller, Theo Steegmann, Hans Twittmann – und mit Dirk Hübertz als Wirt

Regie & Dramaturgie: Sarah Mehlfeld, Stefan Schroer

Weitere Vorstellungen: 24. 11. und 25. 11., 15.45 Uhr.

Achtung: Beginn der Aufführungen ist immer um 15.45 h – das Stück spielt während des realen Sonnenuntergangs!

Hafenkneipe „Zum Hübi“, Dammstr. 27, 47119 Duisburg-Ruhrort

VVK beim „Hübi“ und im Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6
Karten-Vorbestellungen: info@theater-arbeit-duisburg.de | 0203 – 66 930 44
Eintritt: 10 € / 5 €

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein Projekt von Theaterarbeit Duisburg.

26. Oktober 2018 / Ralf Koss

Niederländische Erfolgsband im Kreativquartier Eisenheim

Die meisten Holländer fahren am Ende der A516 noch einige hundert Meter weiter Richtung Centro, wenn sie nach Oberhausen kommen. Die sechs Musiker von Spinvis aber bogen vorher Richtung Eisenheim ab. In der Alten Schreinerei des Kreativquartiers Eisenheim gab die Band um Erik de Jong ihr erstes Konzert in Deutschland überhaupt. Bei intimer Clubatmosphäre begeisterten Spinvis mit Spielfreude, poetischer Kraft und origineller Instrumentierung der in ihrer Grundstruktur minimalistisch wirkenden Musik.

Erik de Jong steht in Holland seit Jahren mit wechselnden Musikern auf den Bühnen der großen Säle. Oft wird er als Singer-Songwriter vorgestellt, während die Musik der Band auch Alternative Pop genannt werden könnte. Die frühen Tocotronic mit einem Teil Erdmöbel ergeben eine ungefähre Vorstellung von der Musik. Cello, Singende Säge, Trompete oder Tuba versetzten den Klangfolgen die überraschenden Akzente.

Mit seinen Texten sucht Erik de Jong im alltäglichen Geschehen und Miteinander den poetischen Moment. Er ist sowohl Erzähler als auch Dichter, wenn er singt. Manchmal hören wir ganze Geschichten, sie gleichen Reportagen mit schönen Worten. Manchmal begleiten wir ihn bei Sinnsuchen und dem Ausprobieren von erfüllenden Lebensweisen.

Erik de Jong sang in Eisenheim einige seiner Lieder zum ersten Mal auch auf Deutsch. Irgendwann bemerkte er nach einem Zwischentext, er müsse üben, üben, üben. Das gilt vielleicht für seine Deutschkenntnisse, für das Schreiben seiner Lieder gilt das sicher nicht. Selbst ohne vollständiges Verstehen der niederländisch gesungenen Texte war die Kraft der poetischen Verwandlung im Raum zu spüren, wenn Erik de Jong von seinen Musikern begleitet sang. Manchmal geschehen musikalische Sensationen abseits einer großen Öffentlichkeit. In Oberhausen war das beim Konzert von Spinvis im Kreativquartier Eisenheim der Fall.

24. Oktober 2018 / Ralf Koss

Eine Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 von Gerhard Spörl

In den Jahren 2016 und 2017 verbrachte der ehemalige Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl einige Zeit im Ruhrgebiet. Er wollte diese Städteregion näher kennenlernen. Er wollte die spezielle Entwicklung der Industrieregion begreifen und die jüngste Geschichte des Ruhrgebiets nachvollziehen. Er sprach mit Politikern und Unternehmern, mit Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten. Er sprach mit den Menschen vor Ort, die das Ruhrgebiet beobachten, über dessen Eigenheiten nachdenken und die Wirklichkeit dort gestalten.

Der fremde Blick macht frei für Erkenntnis. So schrieb er mit „Groß denken, groß handeln“ nach seiner Recherche ein Buch, in dem die Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 als von Menschen gestalteter Prozess deutlich wird. Von Schwierigkeiten und Hemmnissen des steten Strukturwandels im Ruhrgebiet war schon oft zu lesen. Seinen besonderen Zugang findet nun Gerhard Spörl, indem er sein Augenmerk auf Entscheider mit ihren Vorstellungen und Interessen innerhalb des geschichtlichen Verlaufs legt. Unternehmerisches und politisches Handeln nimmt er beim Strukturwandel etwa als wechselseitig sich bedingende Einflussgrößen detailliert in den Blick.

Den Strukturwandel macht er dadurch zu einer spannenden Wirtschaftsgeschichte. Nachdem er das Entstehen des Ruhrgebiets grob skizziert hat, gleicht das Buch einer langen Reportage. Ob es um die Mentalität im Ruhrgebiet geht in Adolf Winkelsmanns Filmen oder Frank Goosens Literatur, ob Politikerangst vor Arbeiteraufständen beschrieben wird oder die von Paul Mikat angestoßene Entwicklung der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet, immer ist der Ausgangspunkt seine Erzählens der Mensch des Ruhrgebiets im Miniporträt.

So wird aus der Ruhrgebietsgeschichte mit dem Blick auf den Ausstieg aus der Kohleförderung fast schon eine Managerbiografie von Werner Müller, der unlägst wegen seiner schweren Erkrankung als Chef der RAG-Stiftung hat zurücktreten müssen. Gerhard Spörl zeigt, wie er als Einzelgänger in der Energiebranche sich mit seinen Ideen zu einem sozial verträglichen Strukturwandel hat durchsetzen können. Spannend enfaltet Spörl den vielstufigen Weg der Veränderung in den Energie-Unternehmen, von denen die wirtschaftliche Lage im Ruhrgebiet abhängig war. Je nach Situation wurden Netzwerke geknüpft als Koalitionen der Macht. Die Beteiligten taktierten, Müller verlor scheinbar, um schließlich unerwartet zum richtigen Zeitpunkt dennoch wieder Rückwind zu bekommen.

Werner Spörl ist dem Ruhrgebiet sehr nahe gekommen. Mit seinem Blick von außen hält er trotz aller gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein wiedererstarktes Ruhrgebiet für möglich. Mit dem Abstand werden Stärken und neues Denken sichtbarer als in den Städten des Ruhrgebiets selbst.

Groß denken, groß handeln

Gerhard Spörl
Groß denken, groß handeln
Piper Verlag
Hardcover, 320 Seiten
€ 22,00

EAN 978-3-492-05849-0
28. September 2018 / Ralf Koss

Klickhinweis: Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 38: Max und Florian

Drüben im Zebrastreifenblog gibt es eine neue Folge meiner Heimatlied-Sammlung in der Sektion Duisburg. Max und Florian erzählen zu elektronischer Musik wie ein Exemplarischer Lebenszyklus eines Duisburgers aussieht. Abseits vom üblichen Heimat-Lobgesang entfaltet sich Duisburg in dem Text als Handlungsort eines jugendlichen Lebens. Mit dem Stück belegten sie in diesem Jahr den vierten Platz in dem Musikwettbewerb „Ich bin DU!“  oder „Ich und meine Stadt Duisburg“. 

25. September 2018 / Ralf Koss

Die Leiden der Jungen (Werther) am Theater Oberhausen

Ein marmomiertes Weiß auf Boden und Leinwand vor der Hinterbühne schaffen einen weit wirkenden Raum, in dem sich zwei große runde Podeste befinden. Sie werden später an Drehscheiben von Peepshows erinnern. Wir Zuschauer nehmen Platz, begleitet von einem sanften Klangteppich, den Johannes Rieder am Keyboard vorne am Bühnenrand schafft. Freundlich lächelnd betrachtet er in seinem lila glänzend, fast clownesken Kostüm das Treiben.

Wir sollen etwas Grundsätzliches über die Liebe erfahren. Wir sollen sehen, wie sich heute jene Liebe zeigt, die Goethe für den jungen Werther erdichtet hat. Es geht um die verzehrende Liebe, die das Ich auflöst oder gar erst finden lässt. Es geht um die Hoffnung auf Erfüllung, um das Werben und den Schmerz der Vergeblichkeit. Wir werden sehen.

Ein junger Mann tritt auf, während im Hintergrund die Musik weiter säuselt. Das ist also einer der Jungen und zugleich Werther, von dem im Titel auch die Rede ist? Er liebt, begehrt – doch wen? Es ist eine Frau, die vor ihm im Publikum sitzt. Nah ist sie, dennoch unerreichbar, und nur eine von vielen, wie sich herausstellen wird. Obgleich er auf Werthers absolute Liebe zitierend verweist. Schon schleichen sich Zweifel ein, ob dieser der Jungen es mit seiner Liebe tatsächlich ernst meint. Ironisch gebrochen bespiegelt er sich selbst. Schmunzeln müssen wir über ihn, und er über sich. Was ist echt? Er sei nicht Werther, sagt er sogar, er heiße eigentlich Christian. Er versucht Tanz als Ausdruck und wirkt dabei ungelenk. Kann solch ein Gefühl in den Wunsch führen, sterben zu wollen? Eine Liebe, die er schon bei vielen Frauen gefühlt hat? Schließlich probiert er den einen Verzweifelungsschrei, und wir sehen, ihn gibt es aus seiner selbst heraus nicht. Seine Liebe läuft eher ins Leere, als dass sie in Verzweifelung endet.

Still geht er ab. Die Spielfreude auf der Bühne und Johannes Rieder als Beobachter sowie Tröster bleiben. Denn dem ersten Monolog schließt sich der beeindruckende Auftritt von Emilia Reichenbach als Wertherin der Gegenwart an. Ein furioser Tanz zu Technoklängen macht sie so atemlos wie das Herausschreien ihrer Liebe. Auch diese Frau findet ihre Liebe im Publikum. Die Grenze der Bühne wird an dem Abend mehrmals aufgehoben. Zu ihrer Liebe gewinnt sie keine Distanz, die ihr hilft, den Schmerz des Unerfüllten zu bewältigen. In ihrer Liebe zeigt sie sich mit ganzer Seele und bis auf die nackte Haut. Dann glaubt auch sie, sterben zu wollen. Ihr wird geholfen allein durch eine sie umhüllende Hand – im wortwörtlichen Sinn; ein Kostüm, in das Johannes Rieder geschlüpft ist.

Mit dieser schützenden Hand zieht das Komödiantische auf der Bühne vollends ein. Die Wertherin geht ab. Das Leid an der Liebe wird nun für alle gelindert. Johannes Rieder sucht mit Fistelstimme seine Form der Nähe. Der Liebe? Er möchte küssen und findet im Publikum einen Mann, der sich auf die Stirn küssen lässt. Das Spiel ist aus. Selbsterkenntnis hat ihre Liebe den Liebenden nicht gebracht. Sie blieben konventionellen Rollenvorstellungen verhaftet. Die Frau, die tief einen Menschen liebt, steht im Gegensatz zum Mann, der nur vorgibt tief zu lieben und das gleich bei vielen Frauen. Selbsterkenntnis aber wäre einem humanistischen Verständnis von Liebe in der Gegenwart zu wünschen. Womöglich hat diese Neubestimmung der Liebe das Publikum zu leisten, wenn es aus der besänftigenden Kraft des Komödiantischen wieder erwacht ist

Mit: Christian Bayer, Emilia Reichenbach, Johannes Rieder

Regie: Leonie Böhm
Bühne: Zahava Rodrigo
Kostüm: Helen Stein, Magdalena Schön
Musiker: Johannes Rieder
Dramaturgie:Elena von Liebenstein

Die Informationen zum Stück beim Theater Oberhausen nach dem Klick.

Weitere Aufführungen:
SA, 29.09.2018, 19:30 Uhr
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SO, 30.09.2018, 18:00 Uhr
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MI, 10.10.2018, 19:30 Uhr
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SA, 27.10.2018, 19:30 Uhr
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FR, 07.12.2018, 19:30 Uhr
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FR, 11.01.2019, 19:30 Uhr
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11. Juli 2018 / Ralf Koss

Gutes tun und darüber sprechen: 20 Jahre Jungs e. V.

In diesen Zeiten kann man nicht oft genug vom Gelingen in einer Gesellschaft reden. Man kann nicht oft genug über jene Orte sprechen, wo jungen Menschen unterschiedlicher Herkünfte zu innerer Stärke verholfen wird, wo humanistische Werte und freies Denken die Grundlage eines Miteinanders verschiedener Kulturen sind.

Vorletzten Freitag feierte Jungs e.V. im Meidericher Parkhaus ein Jubiläum. Vor zwanzig Jahren wurde der Verein gegründet, in dem sich die Mitglieder für die pädagogische Arbeit mit Jungen engagieren wollten. Denn Jungen und deren besondere Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden waren in den Institutionen der Jugendhilfe und den Schulen aus dem Blick geraten. Das Augenmerk für die Benachteiligung von Mädchen in dieser Gesellschaft besaß unbeabsichtigte Nebenwirkungen.

Holger Venghaus (links) und vier weitere Gründungsmitglieder von Jungs e.V.

Gründungsvorstand Holger Venghaus erinnerte zur Eröffnung des Abends an die Anfangsjahre des Vereins mit einer persönlichen Geschichte. Er hatte den neu gegründeten Verein bei Radio Duisburg im Interview vorgestellt und die Bedeutung von Jungenarbeit mit eigenen Erfahrungen im Elternhaus erläutert. Die Söhne hatten immer auf den in Wechselschicht arbeitenden Vater Rücksicht zu nehmen. Selten war dieser greifbar. Die Mutter verwies bei größeren Vorkommnissen an den Vater. Als Sohn hatte er sich später bewusst mit dem Männerbild seines Elternhauses auseinander gesetzt. Um diese Auseinandersetzung ging es bei der Jungenarbeit auch. Seine Eltern aber hatten am Radio das Interview gehört. Sie waren erschrocken und sorgten sich, ob sie als Eltern zu viel falsch gemacht hatten. Das wiederum führte zu vielen, zum Teil anstrengenden Gesprächen und zu einem gefestigteren Miteinander.

Solch in der persönlichen Geschichte aufscheinendes gegenseitige Verständnis ist schwierig. Dazu bedarf es auch der Bereitschaft in der Elterngeneration. Leichter gelingt das Stärken eines jungen Menschen alleine. Waren das zunächst Jungen in sozial benachteiligten Vierteln Duisburgs, so kümmert sich der Verein in den letzten Jahren zudem um das Projekt Heroes, von dem auch im Zebrastreifenblog schon mehrmals die Rede war. Bei den Heroes machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Zu den Erfahrungen in so einer Gruppe gehört auch der künstlerische Ausdruck, wie Soufian El Abdouni und Emre Bayanbas eindrucksvoll bewiesen. Beide gehörten zur Duisburger Heroes-Gruppe des letztes Jahres und zeigten sich beim Poetry Slam als talentierte Sprachkünstler. Berührend ließ Soufian El Abdouni die anwesenden Gäste an seinen Erfahrungen teilhaben. Im steten Wortfluss gestaltete er das Bild des heranwachsenden Außenseiters, ein sensibler Junge in einer Welt, die etwas anderes erwartet, als er es selbst in sich spürt. Er sprach von der Hoffnung auf einen eigenen Weg, er sprach von Freiheit und Offenheit des Denkens. Das war Wortakrobatik, wie man sie in diesem Alter nicht oft zu hören bekommt.

Für dasselbe Thema nutzte Emre Bayanbas eine ganz andere Sprache. Er griff auf die hohe Sprache klassischer Dramenliteratur und des Sturm und Drang zurück. Dieser literarische Weg ist auf andere Weise selten. Seine Worte sind nicht alltagsnah. Sie sind gefährdeter im Versuch der Kunstfertigkeit. Der Beifall war für beide groß.

Es ist ein schöner Zufall, dass gestern bei Zeit online eine Reportage über junge Muslime in Auschwitz online gestellt wurde, ein weiteres von Jungs e.V. gefördertes Projekt. Von der Landeszentrale für politische Bildung gibt es eine kurze Dokumentation zu einer der Fahrten in diesem Projekt.

Erwähnen möchte ich zudem noch eins: Die Arbeit von Jungs e.V. und des Heroes-Projekts wäre ohne das Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh sehr viel schwieriger. Hier gibt es einen weiteren Ort, wo für die Projekte von Jungs e.V. auch gearbeitet wird. Deshalb sind Jugendzentren in Städten von besonderem Wert. Gründungsvorstand Holger Venghaus arbeitet in diesem Jugendzentrum, Susanne Reitemeier-Lohaus, das erste weibliche Mitglied von Jungs e.V., ebenfalls. Die Stadt hält solche Jugendzentren offen und erachtet sie auch als notwendig.

Dennoch wird in einer Stadt wie Duisburg das Gemeinschaftliche mehr als in reicheren Städten über die Arbeit in Vereinen hergestellt. Auch wenn es innerhalb Duisburgs in der Form gar nicht wahrgenommen wird, bürgerliches Engagement ist in der Stadt selbstverständlicher als in reicheren Städten. Nur heißt das in Duisburg meist nicht so. Es wird oft als Feuerwehrmaßnahme in der armen Kommune empfunden und nicht als selbstbewusstes Handeln in jeglicher Gesellschaft. Auch in den Medien wird in solchen Fällen häufig nur das Defizitäre in den Blick genommen. Zu selten geht es um die Vereinsarbeit, die den Alltag einer Stadt lebenswert macht. Was nicht heißt, die rosa Brille aufzusetzen. Jungs e.V. steht für viele dieser Vereine in Duisburg, die sich Schwierigkeiten der Gegenwart ohne Larmoyanz stellen. Ihre Geschichten müssen erzählt werden.

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