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3. November 2017 / Ralf Koss

Jürgen Domian mit Premierenlesung im Duisburger TaM

Das Foyer vom Duisburger Theater am Marientor füllte sich allmählich. Noch blieb Zeit, bis Jürgen Domian die Bühne betreten würde. Von 1995 an hatte er bis 2016 in seiner Call-in-Sendung „Domian“ Live-Gespräche mit Radiohörern geführt. Nachts ging er auf Sendung, nachts konnte mit den Anrufern über alles geredet werden – über Gewalt, Leid und Glück, über Sexualität und Lust, über das Sterben. Jürgen Domian hörte von Schicksalen, vom menschlichen Leben, oft vom Ungewöhnlichsten seiner Vielfalt. Mit „Dämonen“ erscheint nun ein Roman von ihm, und im Theater am Marientor ist eine inszenierte Lesung angekündigt. „Viele optische und akustische Überraschungen“ hatte Jürgen Domian im Vorgespräch zu seiner Lesereise versprochen.

Noch wurde getrunken, geplaudert und gelacht im Foyer. Dann ertönte der Theatergong, und Jürgen Domians Stimme erfüllte den Raum. So kannten wir diese Stimme. Ruhe strahlte sie aus, aufmunterndes Interesse. Dieser Mann lud ein zur weltlichen Beichte. Bei ihm sollten wir sicher sein – mit allem, was uns umtreibt. Heute ging es aber nicht um alles, heute erwartete uns ein Domian-Spezial. Dämonen heißt ja sein Buch, und unsere Dämonen sollten wir auf einen Zettel schreiben. Die Publikumsbeteilung lässt Jürgen Domian nicht los, und es war nicht schwierig zu erraten, was uns später auf der Bühne auch erwartete.

Nachdem Jürgen Domian die Bühne betrat, brauchte er Licht im Zuschauerraum. Er wollte den Abend in seinem Ablauf vorstellen und dazu sein Publikum sehen. Hansen heißt die Hauptfigur seines Romans, und Hansen möchte sterben. Jürgen Domian griff auf, was der Klappentext des Romans als Essenz der Handlung verrät: „Ein Mann hat das Leben satt. Er ist gesund, nicht depressiv. Er hat einfach genug. In einer Winternacht in Lappland will er sich nackt in den Schnee legen und sterben. Schon im Sommer bricht er auf in den Norden. Doch statt den Frieden des Abschieds bringt dieser Rückzug den Kampf: Die Dämonen der Stille fallen ihn an.“

Was Jürgen Domian zunächst liest, erweist sich vor allem als Gedankenprosa und Erinnerungsarbeit seiner Hauptfigur, vermittelt durch die Autorenstimme. Hansen wird auf seinem Weg in den Norden beschrieben, und das Denken nimmt kein Ende. Allerdings deutet sich eine Grundschwierigkeit dieses Romans schon nur durch die gelesenen Ausschnitte an. Wir sollen glauben, Hansen sei nicht depressiv und hören etwa, jeder Tag liege wie Beton auf ihm. Wenn wir Jürgen Domians urteilsfreie Haltung zur Selbststötung ernst nehmen, ist das ein sprachliches Problem und keines der stimmigen Figurenzeichnung. Hansen wird mit Worten beschrieben, die an Berichte über Depressive erinnern.

Jürgen Domian unterbrach seine Lesung mehrmals für kurze mystische Texte unterschiedlicher Quellen, die vom Band eingespielt wurden. Sie hatten als Zitate im Roman Verwendung gefunden, wurden von einem Sprecher vorgetragen und zugleich auf die Rückwand projeziert. Damit deutete sich eine zweite Ebene des Romans an. Hansens Entwicklung führt ihn zu Erfahrungen, die ihm zuvor verschlossen waren. Den Weg zu solchen Erfahrungen hatten zuvor schon andere beschrieben. So stellt sich die Frage, die nur die Lektüre des gesamten Romans beantworten kann. Wie erzählt Jürgen Domian in „Dämonen“ von diesen Erfahrungen auf eine eigene Weise? Welche Sprache findet er für das, was Hansen bewegt? Konnte Jürgen Domian auf langer Erzählstrecke die gestalterischen Probleme des Themas lösen? Die gelesenen Ausschnitte haben mich noch nicht überzeugt.

Zwar wollte Jürgen Domian im mittleren Teil des Abends mit den Zuschauern über das Gehörte ins Gespräch kommen, meist aber verdrängte für die Zuschauer zunächst der Radio-Talker den Romanautor. Jürgen Domian eilte durchs Publikum, sprach hier und dort, wollte Augenhöhe und klang doch dann pastoral, als ihm seine großen Themen vor die Füße fielen, nachdem er ein paar der im Foyer ausgefüllten Zetteln vorlas. Die Dämonen des Publikums erwiesen sich als Lebensthemen des Alltags. Homosexualität, zu der sich jemand nicht bekennen kann. Perfektionismus, Sucht. Wirklich zu greifen waren diese Dämonen im Theater allerdings nicht. Zu allgemein geriet das Reden, das vor großem Publikum dann doch etwas anders ist als in der vermeintlich intimen Atmosphäre eines nächtlichen Telefonats. So nicken wir wenigstens Jürgen Domian zustimmend zu, als er uns alle mit Dämonen kämpfen sieht. Wir konnten auch nichts dagegen sagen, dass das Leben schwierig sei. Mit einer weiteren Lesungssequenz schloss der Abend ab.

Eine Lesung, in Szene gesetzt, so hatte es geheißen. Zitateinblendungen und Sprecherstimme vom Band, dazu die Einbindung des Publikums, etwas wenig Szene für meinen Geschmack, wenn das so sehr betont wird. Und vielleicht sieht Jürgen Domian seine Publikumsgespräche als optische und akustische Überraschungen an, denn seine Lesung ist dann doch eben das, was eine Lesung nun mal ist. Ein Autor tritt mit seinem neuen Buch auf.

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18. August 2017 / Kees Jaratz

Lesung beim Platzhirsch Festival am 2. September

In 14 Tagen beginnt das Platzhirsch Festival. Dieses Festival bereichert Duisburg auf eine sehr eigene Weise, weil es an einem zentralen Ort der Stadt Menschen im Zeichen freier Kultur zusammenbringt. Das Platzhirsch Festival macht Duisburg lebenswerter. Umso mehr freue ich mich, in diesem Jahr dort mit meinem Programm „Nach dem Anpfiff alles möglich“ dabei zu sein. Um 18.30 Uhr lese ich im SG1 Kunstraum. Die Galerie befindet sich in der Schmalen Gasse 1. Und was euch erwartet? Bitte schön:

17. März 2017 / Ralf Koss

Akzente inoffiziell 2017 – Als in den 1920ern im Park der Tonhalle die Knieende aufgestellt wird

Am Freitag sind die 38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Ich begleite die Akzente mit einem inoffiziellen Programm im Zebrastreifenblog nunmehr im dritten Jahr. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Wo sich früher der Tonhallenpark befand, steht heute das CityPALAIS.

Dieser innerstädtische Park Duisburgs entsteht, als die Tonhalle 1887 gebaut wird. Er macht dem wachsenden Bürgertum der Stadt das neue Konzerthaus repräsentativer, wird er wie bei einem herrschaftlichen Anwesen doch von einer halbhohen Mauer mit schmiedeeisernem Zaun umschlossen. Bei Konzerten Zutritt erlaubt! Das ändert sich erst 1927, nachdem der Rat der Stadt beschließt, die Mauer einzureißen und den Park in eine öffentliche Grünanlage umzuwandeln. Derart dem städtischen Leben anvertraut, soll dort auf dem Rasen für die Duisburger auch die Begegnung mit bildender Kunst möglich sein. Schon lange schlagen der Museumsverein und sein Vorsitzender, Professor Dr. August Hoff, vor, den bekanntesten Künstler der Stadt, den Meidericher Bergarbeitersohn Wilhelm Lehmbruck, mit der Aufstellung eines seiner Werke zu ehren. So wird ein Bronzeguss der 1911 geschaffenen »Knienden« probeweise aufgestellt.

Die lang gestreckte Frauenfigur in Überlebensgröße gilt als eines der bedeutendsten Werke Lehmbrucks. In Duisburg kommt es nun zum innerstädtischen Streit. Schimpfende Passanten können sich durch die konservative Presse bestärkt fühlen. Als »Volkes Stimme« versteht sich diese und befeuert mit hetzerischen Worten die Empörung gegen die »Neandertalerin« und das »Produkt einer irregeleiteten Phantasie«. Publizistische Unterstützung erhält die Stadtführung nur von außerhalb. Die linken und liberalen Zeitungen Duisburgs berichten zurückhaltend neutral. Gehandelt wird auch: Schülerinnen verhängen die Skulptur mit einem Laken. Junge Männer beschädigen sie schwer, indem sie sie umstoßen. Trotz des Widerstands bleibt der Rat der Stadt bei seinem Entschluss. Die weiterhin erscheinenden Polemiken gegen die »Kniende« verebben nun langsam. Doch deren Unterton wird politischer. Die hetzerischen Worte gegen die »Kniende« sind eines der Vorzeichen für die Nazi-Diktatur.

Entnommen ist der Text aus dem von mir als Ralf Koss geschriebenen Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen. Emons Verlag.“ Die Historie des Ruhrgebiets hat mich seitdem nicht losgelassen. „Orte, im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ heißt mein Blog zum Thema. Pressestimmen und Informationen zum Buch gibt es dort ebenfalls.

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16. März 2017 / Ralf Koss

Akzente inoffiziell 2017 – Vom Akzente-Vorwort und Ruhr hoch n nebst Spardosen-Terzett sowie Reuter/Eisenberg

Am Freitag sind die 38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Ich begleite die Akzente mit einem inoffiziellen Programm im Zebrastreifenblog nunmehr im dritten Jahr. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Im Vorwort des Akzente-Programmhefts spricht Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link mit seinem ersten Satz selbstbewusst davon, die Wirtschaft- und Sozialgeschichte der letzten 150 Jahre habe die Duisburger zu „Fachleuten des Umbruchs“ gemacht. Das klingt sehr technisch. Diese technische Sprache verweist für mich auf ein grundsätzliches Problem Duisburgs, wobei Duisburg nur stellvertretend für das Ruhrgebiet steht.

Es gibt ja eine Wahrheit in diesem Satz, die im Alltag der Bürger dieser Region zu finden ist. Die Bürger des Ruhrgebiets nehmen seit Generationen Wandel sehr bewusst wahr. Denn über Jahre war dieser Wandel ein meist von außen auferlegter Teil ihrer Lebens- und spezieller Arbeitswelt. Im technischen Klang der Sprache nun zeigt sich der Zugang zu diesem Wandel durch die politischen- und ökonomischen Eliten dieser Region. „Fachleute“ haben ihre Angelegenheiten im Griff. Obwohl Sören Link mit seinem Satz die Duisburger gerne alle zu Fachleuten machen möchte, geht dieser Satz an der Lebenswirklichkeit der Duisburger vorbei.

In dem Wort „Fachleute“ scheint ein Selbstbild dieser Region auf, dass diese Bürger nach meinem Eindruck gerade außen vor lässt. Ich vermute, nur wenige Duisburger werden sich als Fachleute des Umbruchs verstehen, auch nicht bildhaft. Die technische Sprache erinnert daran, wie schwer es das Ruhrgebiet mit dem Bild seiner selbst hat.

Andererseits gibt mir dieser Satz die Gelegenheit an einen Song vom Spardosen-Terzett zu erinnern, den ich schon längere Zeit in die Heimatliedsammlung Sektion Ruhrstadt habe aufnehmen wollen. In regelmäßigen Zyklen wird im Ruhrgebiet versucht außerhalb der Region ein gutes Bild abzugeben. Das führt dann schnell dazu, dass „Fachleute“ so ein Bild kommunizierbar machen sollen. Manchmal sind das Imagekampagnen, 2008 aber ging es nur um einen Slogan. Anstatt vor Ort im Ruhrgebiet über solch einen Slogan nachzudenken, wurde eine Düsseldorfer Agentur beauftragt. Ruhr hoch n – Team-Work-Capital war das gut bezahlte Ergebnis. Der Slogan war zwar ohne große Wirkkraft aber gut geeignet, ihn in die Mangel zu nehmen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Auch Matthias Reuter und Benjamin Eisenberg hatten sich des Slogans angenommen.

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14. März 2017 / Ralf Koss

Akzente inoffiziell 2017 – Die Goldenen Zitronen mit Duisburg

Am Freitag sind die 38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Ich begleite die Akzente mit einem inoffiziellen Programm im Zebrastreifenblog nunmehr im dritten Jahr. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Seit Jahren möchten das Ruhrgebiet und als ein Stadteil dieser Ruhrstadt auch Duisburg anders wahrgenommen werden. Dahinter steht ein Streben nach großstädtischer Bedeutsamkeit, das in großen Teilen durch ein ökonomisches Bedürfnis angetrieben wird. Das Ruhrgebiet soll als attraktiver Standort für Unternehmen und Arbeitskräfte wahrgenommen werden. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 führte dieser Wunsch nach großstädtischer Bedeutsamkeit zum Unglück bei der Loveparade. Die Goldenen Zitronen haben 2013 einen Song über das Unglück gemacht. Zu hören ist zunächst keine eingängige Musik, sondern der Song erinnert an Klangkunstwerke. Erst später entwickelt sich eine Melodie und im Text wird die Kritik an den Organisatoren der Veranstaltung zum Abgesang auf die kulturelle Kraft der Loveparade-Bewegung insgesamt.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg- und Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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13. März 2017 / Ralf Koss

Lesung am 18. März um 20 Uhr in Ruhrort

Welche Texte genau ich am nächsten Samstag für die Lesung in Ruhrort auswählen werde, weiß ich noch nicht. Sicher werden Texte mit dabei sein, in denen es um Fußball geht. Wenn es sich ergibt, werde ich in meine Schreibwerkstatt blicken lassen. Wahrscheinlich wird es dabei dann auch um „Mehr als Fußball“ gehen , dem Buch über die Energie in Duisburg, als im Sommer 2013 die Existenz vom MSV Duisburg bedroht war. An Prosa über Ruhrort denke ich noch, an den Sound und die Komik von Lyrik und an Worte über die Ruhrstadt, also das Ruhrgebiet als identitätsstiftender Bezug für die Menschen der einzelnen Städte in der Region. Und eins ist ebenfalls sicher: Ich freu mich auf euch.

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13. März 2017 / Ralf Koss

Akzente 2017 inoffiziell – Eröffnung des inoffiziellen Programms mit Norbert Elias

Am Freitag sind die  38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Etwas später als geplant beginne ich nunmehr mein drittes inoffizielles Akzente-Programm drüben im Zebrastreifenblog und hole es hier nun rüber. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Meinen Festival-Premierentag möchte ich mit  Norbert Elias beginnen. Seine Worte erinnern an etwas, was beim Hören des Wortes Umbruch schnell aus dem Blick gerät. Die Beschäftigung mit Umbrüchen weckt in besonderer Weise Gegenbilder des Unveränderlichen. Diese vermeintlichen anderen Möglichkeiten Leben oder Gesellschaft zu gestalten sind  Kraftquellen für die Autokraten dieser Tage und Parteien wie die AfD. Der besondere Blick auf den Umbruch suggeriert eine Gegenwelt ohne Veränderung. Manche dieser nicht aufhaltbaren, immer vorhandenen Veränderungen nennen Menschen Umbruch und werten sie damit auf besondere Weise. Wenn Norbert Elias den Mensch als einen Prozess bestimmt, rückt er diese ständige Veränderung ins Zentrum einer Beschäftigung mit dem oder den Menschen.

Hier genügt es daran zu erinnern, dass der Mensch ein Prozeß ist. Dies gehört zwar zu den elementarsten Erfahrungen eines Menschen, wird aber in der Reflexion aufgrund einer überwältigend starken Tendenz zur Zustandsreduktion gewöhnlich unterdrückt. Man spricht vielleicht davon, daß der Mensch einen Prozeß durchläuft, wie man ja auch sagt, daß der Wind weht, obgleich doch eben das Wehen der Wind ist. So mag sich auch das sprachliche Herkommen in uns etwas sträuben, wenn man den Satz hört: Der Mensch ist ein Prozeß.

Norbert Elias: Engagement und Distanzierung, Frankfurt am Main, 1983

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