Zum Inhalt springen
1. April 2019 / Kees Jaratz

Wie jetzt?! Wirklich wirklich? im Ruhrorter Lokal Harmonie

Am nächsten Samstag kommt im Rahmen der Duisburger Akzente mein Lese- und Hörstück „Wie jetzt?! Wirklich wirklich?“ im Ruhrorter Lokal Harmonie zur Aufführung. Als ich den Text für das Programmheft schreiben musste, war mir die Form der Veranstaltung noch nicht ganz deutlich. Nun wird etwas zu sehen sein, was bei Opern konzertante Aufführung heißt oder bei Drehbüchern Readings. Es ist mehr Theaterstück geworden als O-Ton-Collage. Zusammen mit zwei Gästen werde ich den Text von „Wie jetzt?! Wirklich wirklich?“ lesen. In der Pressemitteilung sieht das so aus:

Die Welt verändert sich immer schneller. Wir spüren, schon morgen wird unser Alltag ein anderer sein. Angst vor zukünftiger Entwicklung findet viele Anlässe. Eine gute Zeit für Utopien. So lauten Buchtitel auf den Bestsellerlisten gegenwärtig „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, „Alles könnte anders sein“ oder „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für eine digitale Gesellschaft“. Doch der Mensch störte in früheren Utopien. Er musste immer erst erzogen werden für die erdachten idealen Welten. Hat sich das geändert? Auf der sitzen drei Menschen. Hier ist eine frühe Utopie verwirklicht. Denn die Figuren machen, was der Erzähler will. Die drei Menschen sprechen miteinander. Sie werden unterschiedliche Rollen annehmen. Sie suchen das Mögliche in den Utopien der Gegenwart. Sie streiten sich. Sie finden zueinander. Sie sind abhängig von ihrem Publikum. Ralf Koss macht sein Lese- und Hörstück „Wie jetzt?! Wirklich wirklich?“ zu einer Begegnung der Bestseller-Utopien mit der Duisburger Wirklichkeit. Denn auch Duisburger wissen, wie für die Zukunft gehandelt werden muss. Ihre Stimmen werden zum kommentierenden Chor. „Wie jetzt?! Wirklich wirklich?“ erzählt von dem, was möglich und nötig ist. Es erzählt vom drohenden Scheitern und vom Mut, weiter zu machen.

Wie jetzt?! Wirklich wirklich? – Ein Lese- und Hörstück von Ralf Koss
Ort: Lokal Harmonie, Harmoniestraße 41, 47119 Duisburg-Ruhrort
Zeit: Samstag, 6. April 2019, 16.00 Uhr
Eintritt frei. Hutveranstaltung

Werbeanzeigen
17. Januar 2019 / Ralf Koss

Das Junge Licht scheint heller als die Brennende Ruhr

Am Freitag nächster Woche bin ich ab 19 Uhr in der Buchhandlung Tausendundein Buch in Duisburg-Neudorf, Oststraße 125, zu Gast. Dort werde ich dieses Mal nicht eigene Texte lesen, sondern an die Wirklichkeit von Arbeitern im Ruhrgebiet anhand von Erzählungen und Romanen aus dem Ruhrgebiet erinnern. Das Ganze ist ein unterhaltsamer Überblick. Dramatisch geht es dabei zu, komisch und immer wieder auch informativ, wenn ich zusätzlich Literatur- und Ruhrgebietsgeschichte hervorkrame. Als Programmankündigung sieht das so aus:

Das Junge Licht scheint heller als die brennende Ruhr

Die Arbeit in der Montanindustrie  – Das war nicht nur die Arbeit unter Tage und an den Hochöfen. Der Bergbau und die Industriearbeit prägten Mentalität sowie Alltag in Familien und im täglichen Miteinander auf der Straße. Gewohnheiten und Haltungen aus dem Pütt bestimmten, was richtig und was falsch war. In Arbeitersiedlungen traf Wohlverhalten bei Komplettversorgung durch die Zechen auf Mitbestimmungswillen von Arbeitern. Im Bandoneonorchester lernten Bergleute Instrumente spielen. In Vereinsheimen wurde eigene Kultur geschaffen. Der Autor Ralf Koss hat Texte zusammengestellt, in denen sich die Lebenswelt der Arbeiter wiederfindet. Ob in Karl Grünbergs „Brennende Ruhr“, in Max von der Grüns Romanen oder in den Krimis von Peter Kersken, ob in den 1920er Jahren oder in der Gegenwart, der Bergbau und die Industriearbeit wirkten sich auch auf die Literatur aus. Ralf Koss stellt Ruhrgebietsromane sowie ihre Autoren vor und wirft einen unterhaltsamen Blick auf Literatur- und Zeitgeschichte.

Ort: Tausendundein Buch, Oststraße 125, 47057 Duisburg. Kartenbestellung: Telefon 0203.35 66 75
Zeit: Freitag, den 22. Januar 2019, 19 Uhr
Eintritt: 5 Euro

8. Januar 2019 / Ralf Koss

Bergbau in Lyrik, Prosa und Reportage

Das Erinnern gehört zum Abschied. Über den Steinkohlebergbau wurde so viel schon lange nicht mehr berichtet und gesprochen wie im letzten Jahr, als sein Ende in Deutschland nahte. Nun ist die Arbeit unter Tage Geschichte. Nun wird die Lebenswirklichkeit dieser Arbeit in Deutschland endgültig nur noch erinnert. Sie ist eine Sache der Worte geworden. Die Gegenwart findet jeweils neue Worte und wird in Zukunft auf alte Worte zurückgreifen müssen. Denn über die Wirklichkeit des Steinkohlebergbaus wurden über die Jahre immer wieder Texte geschrieben und veröffentlicht.

Es wurde in Reportagen berichtet. Prosa wurde über die Arbeit geschrieben, und es entstanden Gedichte. Arnold Maxwill hat in drei Bänden solche Texte über den Steinkohlebergbau gesammelt herausgegeben. „Schlot, Schacht, Arbeitslandschaft“ heißt die Sammlung von Berichten und Reportagen. In „Seilfahrt, Siedlung, Schwielenhand“ ist Prosa gesammelt, also kurze Erzählungen und Ausschnitte aus Romanen. Im dritten Band „Grube, Grus, Gedinge“ sind Gedichte zu finden.

Es gibt eine Gemeinsamkeit aller gesammelten Texte über die unterschiedlichen Form hinweg. Diese Gemeinsamkeit ist die notwendige Haltung der Schreibenden zur körperlichen Arbeit unter Gefahr. Ohne diese Haltung entstand kein Text. Alle Autoren und die wenigen Autorinnen sahen sich vor die Aufgabe gestellt, sich auf diese körperliche Arbeit zu beziehen. Meist richtete sich die Aufmerksamkeit also auf die schweren Arbeitsbedingungen unter Tage, auf lebensbedrohliche Gefahren, auf die Belastung, denen Männerkörper ausgesetzt waren, auf die notwendigen Eigenschaften der Arbeiter. Die Wertung der jeweiligen Stimmen war dabei unterschiedlich. Heroische Schilderungen von Arbeiterkraft gab es ebenso wie den dokumentarischen Realismus, der den Blick auf Opfer richtete und aufrütteln sollte, um Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Gerade im Prosaband finden sich fast ausschließlich Texte, mit denen die Autoren versuchen die Arbeit selbst zu schildern. Dagegen führen einzelne  Berichte und Reportagen führen über die Arbeitswelt hinaus. In diesem Band gibt es auch die Lebenswirklichkeit der Bergleute außerhalb der Zechen. Gedichte waren Klage, sollten trösten oder feierten Arbeiter als Helden für die Gesellschaft. Der Gedichtband gefällt mir am besten, weil hier am meisten zu entdecken ist. Wer sich schon immer für die Lebenswirklichkeit im Ruhrgebiet interessierte, wird viele der Prosatexte und Reportage kennen.

Die drei Bände sind liebevoll gestaltet, und Arnold Maxwill hat jeweils drei ausgezeichnete Nachworte geschrieben. Er ordnet die Texte literaturgeschichtlich und historisch ein. Er macht aufmerksam auf Haltungen hinter den Texten und auf den Bezug zur Lebenswirklichkeit, die es zur Entstehenszeit gab. Arnold Maxwill hat, als Nachwort versteckt, gleichsam Grundlagenartikel zur Arbeiterliteratur des Ruhrgebiets geschrieben. Inhaltlich so reich und zugleich konzentriert habe ich solche Texte bislang nicht gelesen.

 

Schlot, Schacht, Arbeitslandschaft

 

Arnold Maxwill (Hrsg.): Schlot, Schacht, Arbeitslandschaft
Berichte und Reportagen zum Ruhrgebiet
272 Seiten
14,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1956-3

 

 

Grube, Grus, Gedinge

 

Arnold Maxwill (Hrsg.): Grube, Grus, Gedinge
Gedichte zwischen Flöz und Förderturm
272 Seiten
14,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1954-9

 

 

Seilfahrt, Siedlung, Schwielenhand

 

Arnold Maxwill (Hrsg.): Seilfahrt, Siedlung, Schwielenhand
Prosa aus dem Kohlenrevier
272 Seiten
14,95 Euro
ISBN: 978-3-8375-1955-6

 

Mit den Links gelangt man auf die Seite vom Klartext-Verlag mit den Verlagsinformationen zu den Büchern.

27. November 2018 / Ralf Koss

Radiogespräch mit Helmut Hahues beim Bürgerfunk Moers

Anfang November war ich bei Helmut Hahues vom Bürgerfunk Moers zu Gast und habe mich mit ihm über meine Arbeit unterhalten. Es war mein persönliches Vorprogramm zu dem Heimspiel des MSV gegen den SC Paderborn, wie auf dem Foto unten leicht zu erkennen ist. Gutes Gespräch, gutes Spiel: Der Heimsieg folgte als Hauptprogramm.

Am 11. November wurde das Gespräch dann gesendet, bei dem wir uns zunächst über meine Fußballbuchprojekte unterhalten en haben, über 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und über Mehr als Fußball, kamen wir auf die Geschichte des Ruhrgebiets zu sprechen. Dabei hatte ich auch die Gelegenheit einen Text aus 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen zu lesen, jenen Text über die „Zeche Friedrich Heinrich“ in Kamp-Lintfort, ab Minute 12.35.

Und was die Bücher angeht, bleibt noch das Stichwort Weihnachtsgeschenke. Die Fußballorte im Ruhrgebiete gibt es zusammen mit Mehr als Fußball für 20 Euro statt früher knapp 30 Euro. Die Fußballorte alleine kosten 8,90 Euro statt früher 14,95 Euro. Mehr als Fußball alleine kostet 14,90 Euro. Einfach oben klicken und bestellen. Wenn ihr in Duisburg oder näherer Umgebung wohnt, bringe ich die Bücher auf meinen Wegen durch die Stadt vorbei, sonst kommt Versand noch hinzu.

 

19. November 2018 / Ralf Koss

Vor Sonnenuntergang – Ein grandioses Theaterstück in der Ruhrorter Hafenkneipe Zum Hübi

Seit geraumer Zeit möchte das Theater oft gar kein Theater mehr sein. Es holt Laien auf die Bühne, um mit ihnen als Stellvertreter für gesellschaftliche Gruppen soziale Probleme in den Blick zu nehmen. Authentizität soll das Zaubermittel sein, in der Hoffnung genutzt, mit ihm verloren gegangene gesellschaftliche Relevanz des Theaters zurück zu erobern. Der Wille dahinter ist durchaus löblich. Schließlich fühlt man sich der Aufklärung verpflichtet, der Emanzipation und dem Versuch politisch wirksam zu werden. Das Schauspiel als sinnliches Ereignis geht dabei oft verloren. Wir sehen dann auf der Bühne gesprochenen Journalismus zwischen Leitartikel-Debatte und Sozialreportage. Ich lese so etwas lieber, als es auf der Bühne zu sehen.

Wenn Theater aber neben dem Willen zur gesellschaftlichen Bedeutung weiter zum künstlerischen Anspruch der Gestaltung steht, kann aus der Arbeit mit Laien für Mitwirkende und Zuschauer ein großartiges Erlebnis werden. So geschehen am letzten Samstag im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort, wo das Theaterstück „Vor Sonnenuntergang“ in der Hafenkneipe „Zum Hübi“ Premiere hatte.

Sieben in die Jahre gekommene Männer betreten die Bühne. Sie nehmen ihre Plätze ein im Gegenlicht der untergehenden Sonne vor dem Hafenmund-Panorama. Das Wetter ist wie bestellt für diesen Tag. Diese Männer erinnern sich fortan an ihr Leben, an ihre ersten Lieben, an ihre Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen als junge Menschen. Sie erinneren sich an ihre Väter und manchmal an ihre Mütter.

Während die Erinnerungen kommen und gehen, bewegen sich die Männer in dem Kneipenraum. Denn die Erinnerungen sind körperlich spürbar. Die Männer werden im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Einmal mündet dieses körperliche Erinnern in einen minutenlangen Tanz von Thomas Frahm, der sprachlos den Zwiespalt zwischen ekstatischer Befreiung und den wo auch immer herkommenden Grenzen einer ganzen Existenz sichtbar werden lässt. Beeindruckend.

Die Mitwirkenden haben zusammen mit Stefan Schroer und Sarah Mehlfeld die eigenen, verschieden gestalteten Texte mit Texten anderer Herkunft montiert. Wenn sonst Stefan Schroer mehr dramaturgisch arbeitet und Sarah Mehlfeld als Regisseurin, so haben sie  bei diesem Projekt auch den künstlerischen Bereich des jeweils anderen mitverantwortet. So sind die Erinnerungen dieser Männer auf vielfältige Weise künstlerisch bearbeitet. Die Sprache auf der Bühne ist zu Beginn und zum Ende hin sehr poetisch. Der künstlerische Rahmen legt nahe, die Männer spielen nicht sich selbst. Die eigenen Erinnerungen verweisen über das Biografische hinaus auf etwas Allgemeineres. Vor allen Dingen spielen sie, und der Wechsel zwischen stilisierter Bühnensprache und alltäglichem Reden wird als Mittel zur Komik genutzt. Wir sehen nicht auf das reale Leben dieser Männer. Dennoch ist dieses reale Leben jederzeit spürbar durch die Sehnsüchte der Männer und durch die Kraft der emotionalen Beziehungen, die ihr Leben geprägt haben. Wir begegnen immer wieder auch der Komik eines normalen Lebens, wenn Ideal und Wirklichkeit gegenüber gestellt sind, wenn Strategien entworfen werden, um mit dem Leben im Alter zurecht zu kommen.

Das private Erinnern ist zugleich polititisch deutbar. Wenn von der großen Liebe gesprochen wird, die sich als Hure entpuppt, gelten diese Worte der Enttäuschung zugleich linker Politik. Sie sind Metapher. Dieser Bühnentext flirrt und lässt Deutungsräume entstehen. Er gibt Anlass, weiterzudenken, etwa wie das Scheitern im Privaten soziale Bedeutung gewinnt. Denn das Politische ist unübersehbar. Keine der erinnerten Frauen aller sieben Leben steht so präsent im Raum wie Rosa Luxemburg. In Theo Stegmanns politischer Biografie spielt sie eine große Rolle und entsprechend gewürdigt wird sie an diesem Nachmittag.

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein großer Wurf auf kleiner Bühne. Nicht nur der entstandene Text des Stücks ist überaus gelungen. Die Regie von Sarah Mehlfeld und Stefan Schroer hat die spielerischen Möglichkeiten aller sieben Männer genau ausgelotet und in Bühnenkunst verwandelt. Zwei Aufführungen gibt es noch am nächsten Wochenende. Noch mehr wären wünschenswert. Der Premierenapplaus wollte nicht enden.

Vor Sonnuntergang
Von und mit: Thomas Frahm, Wolfgang Grafers, Klaus Grospietsch, Fritz Hemberger, Wolfgang Müller, Theo Steegmann, Hans Twittmann – und mit Dirk Hübertz als Wirt

Regie & Dramaturgie: Sarah Mehlfeld, Stefan Schroer

Weitere Vorstellungen: 24. 11. und 25. 11., 15.45 Uhr.

Achtung: Beginn der Aufführungen ist immer um 15.45 h – das Stück spielt während des realen Sonnenuntergangs!

Hafenkneipe „Zum Hübi“, Dammstr. 27, 47119 Duisburg-Ruhrort

VVK beim „Hübi“ und im Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6
Karten-Vorbestellungen: info@theater-arbeit-duisburg.de | 0203 – 66 930 44
Eintritt: 10 € / 5 €

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein Projekt von Theaterarbeit Duisburg.

26. Oktober 2018 / Ralf Koss

Niederländische Erfolgsband im Kreativquartier Eisenheim

Die meisten Holländer fahren am Ende der A516 noch einige hundert Meter weiter Richtung Centro, wenn sie nach Oberhausen kommen. Die sechs Musiker von Spinvis aber bogen vorher Richtung Eisenheim ab. In der Alten Schreinerei des Kreativquartiers Eisenheim gab die Band um Erik de Jong ihr erstes Konzert in Deutschland überhaupt. Bei intimer Clubatmosphäre begeisterten Spinvis mit Spielfreude, poetischer Kraft und origineller Instrumentierung der in ihrer Grundstruktur minimalistisch wirkenden Musik.

Erik de Jong steht in Holland seit Jahren mit wechselnden Musikern auf den Bühnen der großen Säle. Oft wird er als Singer-Songwriter vorgestellt, während die Musik der Band auch Alternative Pop genannt werden könnte. Die frühen Tocotronic mit einem Teil Erdmöbel ergeben eine ungefähre Vorstellung von der Musik. Cello, Singende Säge, Trompete oder Tuba versetzten den Klangfolgen die überraschenden Akzente.

Mit seinen Texten sucht Erik de Jong im alltäglichen Geschehen und Miteinander den poetischen Moment. Er ist sowohl Erzähler als auch Dichter, wenn er singt. Manchmal hören wir ganze Geschichten, sie gleichen Reportagen mit schönen Worten. Manchmal begleiten wir ihn bei Sinnsuchen und dem Ausprobieren von erfüllenden Lebensweisen.

Erik de Jong sang in Eisenheim einige seiner Lieder zum ersten Mal auch auf Deutsch. Irgendwann bemerkte er nach einem Zwischentext, er müsse üben, üben, üben. Das gilt vielleicht für seine Deutschkenntnisse, für das Schreiben seiner Lieder gilt das sicher nicht. Selbst ohne vollständiges Verstehen der niederländisch gesungenen Texte war die Kraft der poetischen Verwandlung im Raum zu spüren, wenn Erik de Jong von seinen Musikern begleitet sang. Manchmal geschehen musikalische Sensationen abseits einer großen Öffentlichkeit. In Oberhausen war das beim Konzert von Spinvis im Kreativquartier Eisenheim der Fall.

24. Oktober 2018 / Ralf Koss

Eine Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 von Gerhard Spörl

In den Jahren 2016 und 2017 verbrachte der ehemalige Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl einige Zeit im Ruhrgebiet. Er wollte diese Städteregion näher kennenlernen. Er wollte die spezielle Entwicklung der Industrieregion begreifen und die jüngste Geschichte des Ruhrgebiets nachvollziehen. Er sprach mit Politikern und Unternehmern, mit Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten. Er sprach mit den Menschen vor Ort, die das Ruhrgebiet beobachten, über dessen Eigenheiten nachdenken und die Wirklichkeit dort gestalten.

Der fremde Blick macht frei für Erkenntnis. So schrieb er mit „Groß denken, groß handeln“ nach seiner Recherche ein Buch, in dem die Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 als von Menschen gestalteter Prozess deutlich wird. Von Schwierigkeiten und Hemmnissen des steten Strukturwandels im Ruhrgebiet war schon oft zu lesen. Seinen besonderen Zugang findet nun Gerhard Spörl, indem er sein Augenmerk auf Entscheider mit ihren Vorstellungen und Interessen innerhalb des geschichtlichen Verlaufs legt. Unternehmerisches und politisches Handeln nimmt er beim Strukturwandel etwa als wechselseitig sich bedingende Einflussgrößen detailliert in den Blick.

Den Strukturwandel macht er dadurch zu einer spannenden Wirtschaftsgeschichte. Nachdem er das Entstehen des Ruhrgebiets grob skizziert hat, gleicht das Buch einer langen Reportage. Ob es um die Mentalität im Ruhrgebiet geht in Adolf Winkelsmanns Filmen oder Frank Goosens Literatur, ob Politikerangst vor Arbeiteraufständen beschrieben wird oder die von Paul Mikat angestoßene Entwicklung der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet, immer ist der Ausgangspunkt seine Erzählens der Mensch des Ruhrgebiets im Miniporträt.

So wird aus der Ruhrgebietsgeschichte mit dem Blick auf den Ausstieg aus der Kohleförderung fast schon eine Managerbiografie von Werner Müller, der unlägst wegen seiner schweren Erkrankung als Chef der RAG-Stiftung hat zurücktreten müssen. Gerhard Spörl zeigt, wie er als Einzelgänger in der Energiebranche sich mit seinen Ideen zu einem sozial verträglichen Strukturwandel hat durchsetzen können. Spannend enfaltet Spörl den vielstufigen Weg der Veränderung in den Energie-Unternehmen, von denen die wirtschaftliche Lage im Ruhrgebiet abhängig war. Je nach Situation wurden Netzwerke geknüpft als Koalitionen der Macht. Die Beteiligten taktierten, Müller verlor scheinbar, um schließlich unerwartet zum richtigen Zeitpunkt dennoch wieder Rückwind zu bekommen.

Werner Spörl ist dem Ruhrgebiet sehr nahe gekommen. Mit seinem Blick von außen hält er trotz aller gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein wiedererstarktes Ruhrgebiet für möglich. Mit dem Abstand werden Stärken und neues Denken sichtbarer als in den Städten des Ruhrgebiets selbst.

Groß denken, groß handeln

Gerhard Spörl
Groß denken, groß handeln
Piper Verlag
Hardcover, 320 Seiten
€ 22,00

EAN 978-3-492-05849-0
%d Bloggern gefällt das: