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11. Juli 2018 / Ralf Koss

Gutes tun und darüber sprechen: 20 Jahre Jungs e. V.

In diesen Zeiten kann man nicht oft genug vom Gelingen in einer Gesellschaft reden. Man kann nicht oft genug über jene Orte sprechen, wo jungen Menschen unterschiedlicher Herkünfte zu innerer Stärke verholfen wird, wo humanistische Werte und freies Denken die Grundlage eines Miteinanders verschiedener Kulturen sind.

Vorletzten Freitag feierte Jungs e.V. im Meidericher Parkhaus ein Jubiläum. Vor zwanzig Jahren wurde der Verein gegründet, in dem sich die Mitglieder für die pädagogische Arbeit mit Jungen engagieren wollten. Denn Jungen und deren besondere Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden waren in den Institutionen der Jugendhilfe und den Schulen aus dem Blick geraten. Das Augenmerk für die Benachteiligung von Mädchen in dieser Gesellschaft besaß unbeabsichtigte Nebenwirkungen.

Holger Venghaus (links) und vier weitere Gründungsmitglieder von Jungs e.V.

Gründungsvorstand Holger Venghaus erinnerte zur Eröffnung des Abends an die Anfangsjahre des Vereins mit einer persönlichen Geschichte. Er hatte den neu gegründeten Verein bei Radio Duisburg im Interview vorgestellt und die Bedeutung von Jungenarbeit mit eigenen Erfahrungen im Elternhaus erläutert. Die Söhne hatten immer auf den in Wechselschicht arbeitenden Vater Rücksicht zu nehmen. Selten war dieser greifbar. Die Mutter verwies bei größeren Vorkommnissen an den Vater. Als Sohn hatte er sich später bewusst mit dem Männerbild seines Elternhauses auseinander gesetzt. Um diese Auseinandersetzung ging es bei der Jungenarbeit auch. Seine Eltern aber hatten am Radio das Interview gehört. Sie waren erschrocken und sorgten sich, ob sie als Eltern zu viel falsch gemacht hatten. Das wiederum führte zu vielen, zum Teil anstrengenden Gesprächen und zu einem gefestigteren Miteinander.

Solch in der persönlichen Geschichte aufscheinendes gegenseitige Verständnis ist schwierig. Dazu bedarf es auch der Bereitschaft in der Elterngeneration. Leichter gelingt das Stärken eines jungen Menschen alleine. Waren das zunächst Jungen in sozial benachteiligten Vierteln Duisburgs, so kümmert sich der Verein in den letzten Jahren zudem um das Projekt Heroes, von dem auch im Zebrastreifenblog schon mehrmals die Rede war. Bei den Heroes machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Zu den Erfahrungen in so einer Gruppe gehört auch der künstlerische Ausdruck, wie Soufian El Abdouni und Emre Bayanbas eindrucksvoll bewiesen. Beide gehörten zur Duisburger Heroes-Gruppe des letztes Jahres und zeigten sich beim Poetry Slam als talentierte Sprachkünstler. Berührend ließ Soufian El Abdouni die anwesenden Gäste an seinen Erfahrungen teilhaben. Im steten Wortfluss gestaltete er das Bild des heranwachsenden Außenseiters, ein sensibler Junge in einer Welt, die etwas anderes erwartet, als er es selbst in sich spürt. Er sprach von der Hoffnung auf einen eigenen Weg, er sprach von Freiheit und Offenheit des Denkens. Das war Wortakrobatik, wie man sie in diesem Alter nicht oft zu hören bekommt.

Für dasselbe Thema nutzte Emre Bayanbas eine ganz andere Sprache. Er griff auf die hohe Sprache klassischer Dramenliteratur und des Sturm und Drang zurück. Dieser literarische Weg ist auf andere Weise selten. Seine Worte sind nicht alltagsnah. Sie sind gefährdeter im Versuch der Kunstfertigkeit. Der Beifall war für beide groß.

Es ist ein schöner Zufall, dass gestern bei Zeit online eine Reportage über junge Muslime in Auschwitz online gestellt wurde, ein weiteres von Jungs e.V. gefördertes Projekt. Von der Landeszentrale für politische Bildung gibt es eine kurze Dokumentation zu einer der Fahrten in diesem Projekt.

Erwähnen möchte ich zudem noch eins: Die Arbeit von Jungs e.V. und des Heroes-Projekts wäre ohne das Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh sehr viel schwieriger. Hier gibt es einen weiteren Ort, wo für die Projekte von Jungs e.V. auch gearbeitet wird. Deshalb sind Jugendzentren in Städten von besonderem Wert. Gründungsvorstand Holger Venghaus arbeitet in diesem Jugendzentrum, Susanne Reitemeier-Lohaus, das erste weibliche Mitglied von Jungs e.V., ebenfalls. Die Stadt hält solche Jugendzentren offen und erachtet sie auch als notwendig.

Dennoch wird in einer Stadt wie Duisburg das Gemeinschaftliche mehr als in reicheren Städten über die Arbeit in Vereinen hergestellt. Auch wenn es innerhalb Duisburgs in der Form gar nicht wahrgenommen wird, bürgerliches Engagement ist in der Stadt selbstverständlicher als in reicheren Städten. Nur heißt das in Duisburg meist nicht so. Es wird oft als Feuerwehrmaßnahme in der armen Kommune empfunden und nicht als selbstbewusstes Handeln in jeglicher Gesellschaft. Auch in den Medien wird in solchen Fällen häufig nur das Defizitäre in den Blick genommen. Zu selten geht es um die Vereinsarbeit, die den Alltag einer Stadt lebenswert macht. Was nicht heißt, die rosa Brille aufzusetzen. Jungs e.V. steht für viele dieser Vereine in Duisburg, die sich Schwierigkeiten der Gegenwart ohne Larmoyanz stellen. Ihre Geschichten müssen erzählt werden.

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2. Mai 2018 / Ralf Koss

Spelunken-Spektakel-Energie im Lokal Harmonie

Welch Geschenk für die Stadt, für das westliche Ruhrgebiet, dass es das Spelunken-Spektakel gibt. Eine Konzert-Reihe geht in ihr zweites Jahr, mit der Folk- und Weltmusik nach Ruhrort gebracht wird. Folk- und Weltmusik, wie farblos klingen diese Wörter nach dem Samstagabend im Ruhrorter Lokal Harmonie mit dem Doppelkonzert vom Horst Hansen Trio und dem Pulsar Trio.

Wie soll ich über eine Veranstaltung schreiben, die schon jetzt so gut besucht wird, dass die Räume zu eng werden? Könnten die Initiatoren der Reihe, Jons Heiner und Folkert Küpers zu viel Erfolg mit ihrer Konzertreihe haben? Jons Heiner hat die zwei Bands für diesen Samstag eingeladen zu spielen, und es waren großartige, kraftvolle, energiegeladene Konzerte.

Den Abend eröffnete das Horst Hansen Trio, das wie immer sich als Qunitett entpuppte und bei dem Horst Hansen wie immer was anderes zu tun hatte. Jazz beginnt hier mit ironischem Spiel, und so kommt es zum Crossover mit Klezmer-Klängen durch das Saxofon. So kommt es zum treibenden Rhythmus, der gemeinhin als Weltmusik wahrgenommen wird, dem aber für den Anspruch Welt die Disharmonien des Jazz fehlen. Das Horst Hansen Trio fügt sie kurz hinzu und weiter geht es mit dem treibenden Klang.

Diese energiegeladene Atmosphäre wurde ohne Bruch vom Pulsar Trio gehalten. Was für ein Spielfreude sprühte von der Bühne. Die spannungsgeladene Bewegung zwischen Klavier und Schlagzeug, das gegenseitige Lauern von Beate Wein und Aaron Christ auf das Zusammenfinden, um dem etwas fremderen Klang des Sitarspiels von Matyas Wolter den rhythmischen Rückhalt zu geben. Der Raum füllte sich mit der Energie des Spiels, mit der Freude und dem Spaß am Auftritt, mit der Erfahrung von etwas Neuem, Unbekannten, was sich als bereichernd erwies.

Wären die Räume der jeweiligen Konzerte nicht schon jetzt fast zu klein, würde ich schreiben, geht hin, seht euch das an, was das Spelunken-Spektakel zu bieten hat. Muss ich dann immer früher kommen, um noch einen Platz zu finden. Was für Fragen, aber was großartig ist, muss großartig genannt werden. Wie hieß die Reihe nochmal? Spelunken-Spektakel! (Der Link führt zwar zur Domain der Reihe, momentan wird sie aber auf die Facebook-Seite umgeleitet.)

Und noch etwas: Die Initiatoren der Reihe Jons Heiner und Folkert Küpers verbinden mit den Konzerten kulturelles und soziales Engagement. In einer Stadt mit einer Sozialstruktur wie Duisburg soll freier Eintritt jedem den Konzertbesuch ermöglichen. Der Hut geht an den Abenden herum, so dass die Gäste so viel Eintritt bezahlen, wie sie entbehren können. Das Spelunken-Spektakel kann eigentlich nicht laut genug gelobt und gefeiert werden. Auch auf die Gefahr hin, dass ich demnächst zwei Stunden vor Konzertbeginn in einer Schlange auf den Eintritt warte.

Wer Kostproben der Künstler hören möchte, bitte schön. Das Horst Hansen Trio:

 

Und das Pulsar Trio live fürs Netzmedium:

 

20. April 2018 / Ralf Koss

Von heiler Welt auf Asche – Der Butterwegge als Fußballromantiker

Im März habe ich es zum Release-Konzert der neuen CD von Butterwegge und Band ins Zentrum Altenberg nicht geschafft. Was bedauerlich war, denn live ist Der (!) Butterwegge mit seiner besonderen Mischung von Konzert und Stand-up-Comedy immer ein Erlebnis. Mit einem wunderbaren, rauen Song über Duisburg ist er in meiner Sammlung Heimatlied -Sektion Duisburg vertreten.

Auf seiner neuen CD nun gibt es ein Stück, das ich gerne erwähne, weil in ihm Zeitkritik steckt. Fußballspiel von Kindern scheint in diesem Song auf, wie es nicht mehr selbstverständlich in der gegenwärtigen Wirklichkeit zu finden ist. Kinder haben weniger Freizeit, um zum zufälligen Fußballspiel zusammen zu finden. Kunstrasenplätze haben viele Ascheplätze ersetzt. Was Butterwegge über diesen Fußball von Kindern auf Asche singt, ist große Verklärung. Eine heile Welt bringt der Fußball auf Asche unter den Kindern hervor. Selbst die harte körperliche Auseinandersetzung endet auf Asche im Frieden des Fußballspiels.

Eine Gegenwart mit ihren extremen Kindheiten von Überbehütung sowie durchgeplanter Zeit auf der einen Seite und Nichtbeachtung sowie Unterversorgung auf der anderen Seite braucht vielleicht ein radikal schön gefärbtes Gegenbild aus einer anderen Zeit. Ganz zu schweigen vom Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie, der aus Trägheit der Kultur noch denselben Namen trägt, wie der Fußball, den Kinder auf Asche gespielt haben. Manchmal hält Fußballromantik in dieser Welt dann doch einiges zusammen, was sich sonst mit großer Rasanz auseinander bewegt.

16. April 2018 / Ralf Koss

Unter uns Indianern am Theater Oberhausen

Den Saal 2 vom Theater Oberhausen betritt man durch den Nebeneingang. Es geht am Pförtnerkabäuschen vorbei, durch den Innenhof und einen kleinen Vorraum. Das schmeckt nach Off-Szene an einer städtischen Bühne, ein Raum für Experiment, hybride Formen und nahem intensiven Kontakt mit dem Publikum. „Unter uns Indianern“, der zweite Teil einer „radiophonen Stückentwicklung“ ist zu sehen. Das neue Stück entwickelt Dirk Laucke, Hausautor am Theater Oberhausen. Es hat im Juni Premiere. An diesem Abend lässt Dirk Laucke das Publikum zum zweiten Mal nicht nur an seinen Recherchen für dieses Stück teilhaben, er legt zugleich Haltung und gedankliche Grundlagen offen.

Ging es im ersten Teil der „radiophonen Stückentwicklung“ im November letzten Jahres um die Meinungsfreiheit, so kreist „Unter uns Indianern“ um den Begriff der Kultur. „Radiophon“ nennt Dirk Laucke das Bühnengeschehen, weil der Abend weniger von sichtbarer Handlung lebt als von vorgetragenem Text, sei es referierend oder als Rezitation, vom Geräusch- oder Klangeffekt und von O-Tönen aus Straßeninterviews.

Nachdem der eingespielte O-Ton zu Beginn verklungen ist, nimmt Dirk Laucke zusammen mit den Ensemblemitgliedern Susanne Burkhardt und Burak Hoffmann hinter einem mächtigen Schreibtisch Platz. Regale voller Bücher umrahmen sie. In den Regalen und auf der Bühne liegt zudem verstreut eine Sammlung von Gegenständen, mit denen in diesem Land der eigene Sinn für Kultur illustriert werden soll. Schon stellt sich die Frage, sehen wir hier einen Sezierraum in Sachen Kultur? Ins Auge fällt, was deutsche Wohnungen heimelig machen soll. Manches ist verfremdet, anderes wird karikiert. Entstammt der eine Dekor nicht aus anderen als deutschen Lebenszusammenhängen?

Auf der Bühne wird unterdessen in die Vergangenheit geblickt, von der Antike bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das erweist sich als Parforceritt, in dichter Reihung hören wir von sozialen Gruppen, von Völkern und von als Tatsachen ausgegebenen Ideologien. Es geht um das Verhältnis von Identität zu Nation und Staat. Wir erfahren vom Nutzen dieser Identitäten in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Wie kam es etwa dazu, dass Roma als Gruppe eine eigene Identität zugeschrieben wurde. Was war die ideologische Begleitmusik der Staatsgründung Deutschlands? Immer ist dabei die Frage im Blick: Wie verhält es sich im historischen Moment mit dem Eigenen und dem Fremden? Oft geht es darum, dass ein Bild des Eigenen sich zu Kultur verfestigt und zum Mittel der Abgrenzung wird; mehr noch, es wird zu einem Mittel des Machterhalts und der Überhöhung des Eigenen. Dirk Laucke legt durch den Blick in die Historie frei, was unausgesprochen mitschwingt, wenn wir von Kultur reden.

Überhöhung des Eigenen findet sich wieder in den Haltungen der Gegenwart, hörbar als Meinungen auf Oberhausens Straßen, die von Passanten in Dirk Lauckes Aufnahmegerät gesprochen wurden. Unter dem sezierenden Blick auf Kultur löst sich nach und nach auf, was ein kollektives Eigenes sein könnte. Die Haltung, ein Volk entspräche einer Kultur, wird in Dirk Lauckes Perspektive ebenso in Frage gestellt, wie das Nebeneinander verschiedener Kulturen in einem Staat. Rechts wie links dient Kultur dann nicht der Verständigung. Auf der einen Seite dient sie im Zweifel nur dem Stärkeren auf Kosten von Schwachen und Minderheiten, auf der anderen Seite einem beziehungslosen Nebeneinander. Verhindert das Konzept der Kultur angesichts der Probleme in der Gegenwart kluge Lösungen? Und was könnte stattdessen Orientierung für den einzelnen in einer Gemeinschaft sein?

Als „Unter uns Indianern“ nach etwas mehr als einer Stunde vorbei ist, stehen diese Fragen ohne Antworten im Raum. Das Stück ist damit zwar zu Ende, der Abend geht aber mit Gespräch weiter. Dirk Laucke, Burak Hoffmann und Susanne Burkhardt treten vor die Bühne und wollen mit dem Publikum reden. Ein Theater, das in der Gegenwartsgesellschaft von Bedeutung sein möchte, erlebt in Oberhausen ein gelungenes Beispiel. Was zu sehen war, wird anschließend kommentiert, zuweilen hinterfragt. Die Skepsis von Dirk Laucke gegenüber der Kultur als ordnendes Element einer Gemeinschaft begegnet der Frage, welche Orientierung Menschen für sich sonst fruchtbar machen können. Vertrauen in Institutionen schafft Zusammenhalt, wird von einem Zuschauer angemerkt. Als Gegenpol zur Kultur steht auf dem Programmzettel die Identität. Doch im Gespräch macht sich bemerkbar, Identität wurzelt in kulturellen Zusammenhängen. So einfach ist das also nicht alternativ gegenüber zu stellen.

Unser Bezug auf Kultur birgt Fallstricke, für die der Abend sensibilisiert. Das neue Stück von Dirk Laucke ist keine Erweiterung des bislang Gesehenen. Eigenständiges ist entstanden, auf dessen Premiere ich neugierig bin.

8. April 2018 / Ralf Koss

Der Gesellschaft auf der Spur beim Wandern mit Jürgen Wiebicke

Regelmäßig lasse ich mich in den Stadtbüchereien von Duisburg oder Köln auf den Zufall ein. Ich gehe durch die Regale, ziehe hier und dort ein Buch heraus, blätter vielleicht noch kurz und nehme es dann manchmal mit. Es gibt auch eine Art geführten Zufall. Dann greife ich zu jenen Büchern, die von den Mitarbeitern der beiden Bibliotheken auf Tischen oder in Regalen augenfällig präsentiert werden. Neulich lag in der Kölner Gesellschafts-Ecke „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ von Jürgen Wiebicke aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass schon einmal dieses Herumstreifen in der Bücherei und der damit verbundene Zufall der Lektüre dem Inhalt des von mir ausgeliehenen Buches so ähnelte wie dieses Mal.

Im Sommer 2015 ist Jürgen Wiebicke von Köln aus losgewandert. Er ging zuerst Richtung Niederrhein und von dort aus über das Ruhrgebiet nach Ostwestfalen. Auf seinem Weg befanden sich ein paar zuvor festgelegte Ziele, sonst aber überließ er sich dem Zufall der Begegnung. Das waren Menschen direkt auf seinem Weg, auf der Straße, auf Feldern oder an Flüssen. Hervorgerufen wurden sie aber auch durch Örtlichkeiten, die ihm auffielen, waren es Gaststätten, herrschaftliche Anwesen oder etwa ein Privattheater. Immer wieder suchte er das Gespräch und den vorurteilsfreien Austausch. Voller Neugier wollte er erfahren, was all diese Menschen zu erzählen hatten. Manchmal wie bei einem Mönch, bei einer Künstlerin oder an einer Schule ging es um die gegenwärtige Lebensweise und deren Folgen für das sinnhafte Dasein. Es ging um psychische Schwierigkeiten dieser Zeit, um die Schnelligkeit, mir der sich dieses Leben der Gegenwart ununterbrochen verändert.

All diese Gespräche geschahen nicht im wirklichkeitsfernen Debatierraum der Sinnfindung oder Gesellschaftskritik. Durch die Begegnungen erfahren wir immer auch vom konkreten Leben der jeweiligen Menschen, von ihre Berufen und den wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sie versuchen ihr Leben zu gestalten. Wir erfahren von privatem Glück und Zufriedenheit. So erhält man kurze Einblicke in sehr unterschiedliche Sphären dieser Gesellschaft. Unter welchen industriellen Bedingungen wird am Niederrhein Landwirtschaft betrieben. Wie gelingt es Pädagogen und Sozialarbeitern sozial auffälligen Kindern, Sicherheit für ihr Leben zurück zu geben? Wie kann ein privat betriebenes Musical-Theater am Rand des Ruhrgebiets existieren? Wie hat sich das Arbeiten in der Psychiatrie verändert? Wie sieht der größte Schlachthof Europas von innen aus?

Das Unbehagen an der Gegenwart durchdringt als Generalbass fast alle Gespräche. Jürgen Wiebicke moderiert verschiedene Hörfunksendungen auf WDR 5 und war mir vor allem als Gastgeber für Das philosophische Radio aufgefallen. Seine Radiogespräche über Philosophie hatten für mich immer schon eine sehr lebenspraktische Perspektive. Diese Haltung von ihm findet sich auch im Buch wieder. Sein Blick auf das Erlebte wird eng verwoben mit dem Nachdenken über unsere Gegenwart und das eigene Leben. Da geht es ganz klassisch um die Folgen unseres industriellen Wirtschaftens für die Umwelt und für die Menschen außerhalb der westlichen Hemisphäre. Es geht um den Umgang mit Tieren und welchen Einfluss all das auf Zufriedenheit sowie Lebensglück hat. Unausgesprochen steht oft die Frage im Raum, wie sollen wir angesichts des Wissens um notwendige Veränderungen leben und wie lässt sich der dazu notwendige Gemeinsinn herstellen?

Jürgen Wiebicke stellt Fragen zu den komplexen Themen der Gegenwart, und Antworten sind, wie wir wissen, nicht leicht zu finden. Eine Antwort aber hat Jürgen Wiebicke, die in unterschiedlicher Form immer wiederkehrt. Sie lautet, Verantwortung im eigenen Umfeld übernehmen. Natürlich weiß er um System und Strukturzusammenhänge, doch wenn die Lösung nicht auf den bislang eingeschlagenen Wegen zu finden ist, liegt sie vielleicht woanders. Ohne Gemeinsinn wird nichts gelingen. Also gilt es den Blick dorthin zu werfen, wo Menschen im Kleinen Verantwortung übernehmen und trotz aller Widersprüchlichkeiten andere Wege einschlagen.

„Zu Fuß durch ein nervöses Land“ bietet eine wunderbare Mischung aus Reportage, Gesellschaftskritik und Selbstreflexion. Durch Jürgen Wiebickes Blick auch auf sich selbst wird das eigene Nachdenken beim Lesen ununterbrochen angeregt. Unaufdringlich und zugleich nachdrücklich verweist Jürgen Wiebicke auf die Folgen unserer gegenwärtigen Wirtschaftens und Konsumverhaltens. Der Angst und der Nervosität hält er einen nachdenklichen Optimismus entgegen. Am liebsten möchte ich ihm zurufen, demnächst noch einmal in einer anderen Region dieses Landes loszuwandern. Seinen Blick auf Wirklichkeit und Menschen sowie sein Denken beim Wandern können wir gut gebrauchen.

Zu Fuß durch ein nervöses Land

 

Jürgen Wiebicke: Zu Fuß durch ein nervöses Land. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2016.
336 Seiten, geb., 19,99 €.

ISBN: 978-3-462-04950-3

 

3. April 2018 / Ralf Koss

Unsere geprägten Leben

In Duisburg leben Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkünfte, die den Krieg aus eigener Erfahrung kennen. Die älteren Duisburger haben als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt. Duisburger im mittleren Alter wissen vom Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre zu berichten. Noch jünger sind oft jene Menschen, die vor dem gegenwärtigen Syrienkrieg flohen. Für die 39. Duisburger Akzente hatte ich ein mehrstimmiges Lesestück konzipiert, das die verschiedenen Erinnerungen in einen Dialog brachte.

Ein Bericht über den Abend findet sich in den Zeitungen der Funke-Gruppe.

Der Zweite Weltkrieg wirkte noch in mein Leben hinein. So hatte ich für meine Generation  auch eine Stimme vorgesehen.

Unsere geprägten Leben I

Der Krieg dringt ein in den Körper und bleibt ein Leben lang. Ich bin zu jung, um den Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben und dennoch trage auch ich diesen Krieg in meinem Körper durch das Leben, gleichwohl nur als lichtes Abbild einer wirklichen Erfahrung.

Wenn Menschen träumen, unterscheidet sich die beobachtbare Aktivität der Hirnregionen für Wahrnehmungen nicht von denen beim Erleben im Wachzustand. Im Gehirn entsteht Wirklichkeit. Ich habe diesen Krieg geträumt, den meine Eltern als Kinder erlebt haben und den der eine Großvater als Soldat erlebte. Ich habe diesen Krieg geträumt, in dem Menschen ausgebombt gewesen sind.  Ausgebombt. Ausgebombt wie die Familie meiner Mutter, deren Großmutter sich in dem Haus aufgehalten hatte, das bei dem immer so genannten Großen Angriff auf Duisburg von einer Fliegerbombe vollkommen zerstört wurde. Ein Foto-Portrait von ihr hing im Wohnzimmer meiner Großeltern. Wenn ich es sah, sah ich zugleich die Trümmer eines Hauses. Ihr Grab hat unsere Familie regelmäßig besucht. Es war eines von unzähligen gleichförmigen Kriegsgräbern auf dem Friedhof Bügelstraße in Obermeiderich. Ich habe diesen Krieg geträumt, der den anderen Großeltern den ältesten Sohn nahm, von dem es hieß, er habe sich gegen den Willen seines Vaters freiwillig zur Luftwaffe gemeldet, um 1942 herum, mitten im Krieg, mit 17 oder 18 Jahren. Eine ME 109 hat er schließlich geflogen und über Frankreich stürzte er mit seinem Flugzeug nach einem feindlichen Treffer 1944 ab.

Über Jahre habe ich diesen Krieg als Kind geträumt. Immer wieder. Immer wieder stand ich an einem Fenster und sah auf die brennenden Straßen meiner Stadt. Immer wieder flogen wendige Sturzkampfflugzeuge heran und feuerten Maschinengewehrsalven über die Straße, ohne dass ich dort Menschen sah. Immer wieder stürzten die Mauern des Hauses hinter mir ein, und ich verlor den Boden unter den Füßen.

Ein anderer Traum: Ich renne durch Straßen voller Trümmer. Häuser sind nur noch Ruinen. Ich muss flüchten vor dem Feind, den ich nicht sehe, den ich nicht kenne, von dem ich aber weiß, er wird kommen. Ich muss über Trümmerberge klettern, komme ins Rutschen, renne weiter, stolper. Schüsse fallen. Ich weiß nicht woher und bin erleichtert, dass die Kugeln weit an mir vorbeifliegen. Irgendwann treffe ich auf Menschen und fühle mich gerettet. Ich weiß nicht mehr, wann diese Alpträume aufhörten.

Auf den Straßen waren in den 1960er Jahren noch die Kriegsversehrten in großer Zahl zu sehen. Oft hatten sie nur noch ein Bein. Über den Oberschenkelstumpf war dann das eine Hosenbein ordentlich nach oben gefaltet und angeklammert. Als Kind von fünf oder sechs Jahren musste ich dieses nicht vorhandene Bein anstarren und wusste genau, dass man das nicht macht.

Manche Kriegsversehrte bettelten am Straßenrand. Wenn wir an ihnen vorbei gingen, hielt meine Mutter kurz an und drückte mir zehn Pfennig in die Hand. Ich rannte die zwei, drei Meter zu dem Kriegsversehrten hin und legte ihm den Groschen in seine Mütze, in der schon andere Münzen lagen. Jedes Mal war ich etwas aufgeregt. Es war eins der besonderen Ereignisse, wenn ich mit meiner Mutter nach Duisburg fuhr, in die Stadt. Als besonderes Ereignis glich das dem Kauf eines Eises oder dem Vorbeigehen an den Auslagen von Spielwarengeschäften. Die Männer bedankten sich, ich lief zurück und freute mich auf das nächste Mal.

Einige der Kriegsversehrten fuhren in dreirädrigen, lang gezogenen Rollwagen durch die Stadt. Es waren Liegeräder in der Form vergleichbar mit manchen Kinderwagen, die es heute gibt. An den seitlichen zwei Rädern waren Stangen befestigt, mit denen die Wagen per Armkraft angetrieben werden konnten. Über den vorderen Teil des Wagens lag meist eine schwarze wasserabweisende Plane. Die Männer in diesen Rollwagen waren schnell unterwegs. Mich faszinierten diese Wagen. Ich stellte mir vor, wie rasant ich mit so einem Wagen fahren könnte. Allerdings musste ich dabei  die unangenehmen Erinnerungen beiseite schieben, wie mühsam die Männer aus diesen Wagen nur aussteigen konnten. Auch diese Männer hatten ein Bein verloren oder waren gar gelähmt.

So war der Zweite Weltkrieg 20 Jahre nach Kriegsende in den 1960er Jahren für ein Duisburger Kind sehr gegenwärtig. An den Fassaden waren noch Hinweise auf Luftschutzkeller zu finden. Auf Geburtstagen der Familie wurde immer wieder auch über die Kriegszeit erzählt.

Der Schrecken des Krieges hatte dabei keinen Platz. Der Schrecken des Krieges entstand in meinem Kopf. Doch der wirklich wirkliche Krieg ist schrecklicher als jeder geträumte wirkliche Krieg. Wer Krieg wirklich erlebt hat, spürt ihn im Körper sehr viel deutlicher als ich es jemals in meinem Leben. Spürt ihn als Widerwille bei Gerüchen, spürt ihn als Reaktion bei Geräuschen, spürt ihn als wieder kommenden Schmerz. Der Krieg dringt ein in den Körper und bleibt ein Leben lang.

15. März 2018 / Ralf Koss

In eigener Sache: Unsere geprägten Leben im Ruhrorter Lokal Harmonie

In Duisburg leben Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkünfte, die den Krieg aus eigener Erfahrung kennen. Die älteren Duisburger haben als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt. Duisburger im mittleren Alter wissen vom Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre zu berichten. Noch jünger sind oft jene Menschen, die vor dem gegenwärtigen Syrienkrieg flohen. Im Ruhrorter „Lokal Harmonie“, Hamorniestraße 41, bringe ich morgen, am Freitag, den 16. März, um 19 Uhr, im Rahmen der Duisburger Akzente 2018 fünf Duisburger bei einer Lesung aus persönlichen Erinnerungen an den Krieg in einen Dialog.

Eigentlich hatte ich vor, diesen Dialog als von mir geschriebenen Text mit einer szenischen Lesung auf die Bühne zu bringen. Doch während der Gespräche mit den Zeitzeugen veränderte sich das Konzept für den Abend. Denn diese Zeitzeugen haben das Bedürfnis ihre berührenden Erfahrungen im Krieg als eigene geschlossene Geschichte zu erzählen. So wird der Dialog über Haltungen zum und dem Erleben im Krieg live auf der Bühne entstehen – unter uns Auftretenden und mit dem Publikum.

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