Skip to content
27. November 2015 / Ralf Koss

Weggelesen – So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun “So zärtlich war das Ruhrgebiet” von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als “Onkel” und “Tante”. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese “Onkel” und “Tanten” sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel “Catcher” und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur “So ein Betrug” sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99

29. Oktober 2015 / Ralf Koss

Wenn alte Geschichten Bestand haben – Abpfiff von Dominique Manotti

In Lisle-sur-Seine, einer fiktiven französischen Kleinstadt, werden eine junge Frau und ein Polizist der Drogenfahndung von einem Motorrad aus mit einem Maschinengewehr erschossen. Commissaire Daquin und seine Kollegen können sich diesen Anschlag  nicht erklären. Der Drogenfahnder scheint mit der Frau verabredet gewesen zu sein, ohne sie gekannt zu haben. Die Ermittlungsmaschinerie läuft an und führt schnell zum lokalen Fußballverein, der aus der vierten Liga kommend in schneller Zeit zum ernsthaften Anwärter auf die französische Meisterschaft geworden ist. Groß wurde der Verein dank seines Vorsitzenden Monsieur Reynaud, einem Bauunternehmer und zugleich Bürgermeister der Kleinstadt.

Bereits 1998 ist “Abpfiff” von Dominique Manotti in Frankreich erschienen. Als der Roman im April in Deutschland herauskam, wurde er zurecht von den meisten Rezensenten mit besonderem Lob bedacht. Beim Perlentaucher finden sich etwa Links zu zwei Besprechungen oder hier geht es zur Besprechung bei ZEIT online. 

Nicht das zentrale Thema dieses Romans, die Machenschaften im Fußball, begründen für mich die Qualität des Romans, die kriminellen Hintergründe überraschen kaum. Natürlich geht es um Fußball als Karriereinstrument außerhalb des Sports, es geht um Doping und Bestechung. Die Grundentwicklung des Plots ist bei all seinen Wendungen vorhersehbar wahrscheinlich für die meisten Fußballinteressierten und Krimikenner. So viele Möglichkeiten mit dem Fußball Krimininalität zu erzählen gibt es nun mal nicht. Das aber verweist zugleich auf die besondere literarische Qualität des Romans. Dieser Roman lebt von der rasanten Sprache der Autorin, die mit kargen, pointierten Sätzen ihre Wirklichkeit umfassend aufscheinen lassen kann. Manchmal reichen einzelne Worte für Gefühlslagen und Entwicklung, ganze Absätze wirken wie Szenenbeschreibungen von Drehbüchern. Dominique Manotti hat die Kunst des Weglassens perfektioniert. Das verhilft ihren Romanen zum eindrucksvollen Tempo, bei dem es ihr dennoch gelingt, die Figuren lebendig und facettenreich werden zu lassen. Dominique Manotti schreibt Sprachkunstwerke, die zugleich sehr unterhaltsam sind. Beeindruckend.

Überaus kurios mutet mich aber manche Deutung dieses Romans an. Viele Rezensenten haben Dominique Manottis Geschichte als Beleg für den korrupten Fußball der Gegenwart genommen und dabei den schon im April medial beachteten FIFA-Skandal reflexhaft aufgegriffen. So soll Dominique Manotti die “dunklen Seiten” dieses heutigen Fußballs zeigen. Wer aus Romaninhalten solche Schlagwörter macht, beglückt den Verlag werbewirksam und könnte auch erzählen, dass das Romanportrait eines Pass- und Geldfälschers uns einen Einblick in die kriminelle Welt des Datenbetrugs im Internet gibt.

Der Roman erschien in Frankreich 1998 und bezieht sich dementsprechend auf einen Fußball der Vergangenheit und dabei nur auf den der Vereinsebene. Handlungszeit ist sogar 1990. Entsprechend ist die Kriminalität auch eine der Vergangenheit. Wenn sich Dominique Manotti von einem realen Geschehen inspirieren ließ, dann offensichtlich unter anderem von dem Bestechungsskandal bei Olympique Marseille aus dem Jahr 1993, in dem Bernard Tapie als Vereinspräsident Hauptakteur war.

Wenn das Gütesiegel “Einblick in die Fußballwirklichkeit” verliehen werden soll, dann müsste eine Geschichte auf Vereinsebene von Konzernstrukturen handeln, von Abhängigkeiten zwischen Medien- und Fußballakteuren, von dem wirtschaftlichem Risiko auf Seiten der Medienkonzerne, wenn es um den Ruf des Fußballs geht. Dominique Manotti nimmt aber eine Organisationsstruktur des Fußballs zum Vorbild für ihre Geschichte, wie sie im Spitzenfußball kaum mehr vorkommt. Ein Unternehmer, in dem Fall eben ein Bauunternehmer, pusht als Präsident den lokalen Fußballverein zum Erfolg und nutzt sein Engagement im Fußball zugleich, um persönliche Karriereziele zu verfolgen. Dieses erzählerische Motiv dürfte in Duisburg natürlich Erinnerungen wecken. Angesichts von Konzernstrukturen der Vereine in den europäischen Spitzenligen, ist so eine lokale Unternehmergröße zur Randfigur geworden, geschweige denn, dass diese Geschichte irgendetwas mit dem FIFA-Skandal zu tun hat, außer dass der Fußball eben Raum auf vielen Ebenen für Kriminalität bietet.

All das hat mit der literarischen Qualiltät des Romans von Dominique Manotti nichts zu tun. Die bleibt unbenommen. Eindeutige Leseempfehlung!

 

 

 

Dominique Manotti
Abpfiff
Gebunden mit Schutzumschlag
Deutsch von Andrea Stephani
Ariadne Kriminalroman 1197
17 Euro
ISBN 978-3-86754-197-8

24. Oktober 2015 / Ralf Koss

Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image

Dresden macht damit seit einem Jahr seine Erfahrungen, Baden-Württembergs Wirtschaftsförder vor einigen Jahren ebenso und, wie jüngst zu lesen war, das Ruhrgebiet mal wieder auch. Ein schlechtes Image entsteht, war vorhanden, ist immer noch da. Letzteres gilt für das Ruhrgebiet. Die Ruhrstadt hätte ich gerne geschrieben. Ein Name dieser Art gefällt nicht im Ruhrgebiet, wie ich in dem Artikel lesen kann, und so gerate ich mitten ins eigentliche Thema, das hinter diesem schlechten Image steht, die Identität. Der Name “Ruhrgebiet” ist nach Meinung der Befragten einer Studie die “griffigste” Bezeichnung für das, was ich eben gerne Ruhrstadt nenne. Ob Ruhrstadt zur Namensauswahl stand? Keine Ahnung. Hört ihr mein Seufzen? Wo soll man nur ansetzen bei  diesem Artikel mit seinem resignativen Ton über die einer Studie abgeleiteten Erkenntnis, dass das Ruhrgebiet ein schlechtes Image hat?

Ich frage mich zum Beispiel, wieso bei diesem schnellen Schluss zwischen Attraktivität für Arbeitnehmer sowie Unternehmen und dem Image des Ruhrgebiets Strukturfragen nicht einmal erwähnt werden? Vielleicht soll ich aber auch beim Schrecken und dem Klagen selbst anfangen, also bei der Enttäuschung, dass dieses Ruhrgebiet weiterhin zunächst mit der Industrie verbunden wird. Bei welchen Bildern genau und in welcher Perspektive entsteht dann ein “schlechtes Image”? Industrie gehört nun einmal zum Wesenskern der Ruhrgebietsgeschichte. Vielleicht bezieht sich das “schlechte Image” ja auch mehr auf die vermutete Lebensqualität? Oder sollte ich doch erst bei dem kurzen, wenig beachteten Einschub beginnen, bei den Bewohnern der Ruhrstadt selbst sei das industrielle Image ihrer Heimatregion weiter gefestigt? Alles hängt mit allem zusammen. Wer glaubt, dass das dabei eine Imagekampagne hilft, glaubt auch an Feen und böse Geister.

Ich lasse mal all die Strukturfragen links liegen, die  eigentlich immer gleichzeitig erwähnt werden müssten, sobald das Wort Image nur auftaucht. Stattdessen also Imagekampagne als mögliche Abhilfe! Zwei Fragen habe ich sofort, wie sollen die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets irgendein anderes Bild dieser Region gewinnen, wenn die Ruhrstadt selbst sich ihrer Identität nicht sicher ist. Vor der Beschäftigung mit dem Fremdbild steht doch zuallererst ein Reden im Inneren, getreu dem alten Psychologen-Rat, verändere dich selbst, um den anderen zu ändern.

Dieses Reden aber findet nicht öffentlich statt. Es gibt Gremien, die Arbeitsaufträge haben. Es gibt Menschen, die dafür bezahlt werden, positive Geschichten über das Ruhrgebiet in die Welt zu bringen. Aber wo sind die interessierten unabhängigen Stimmen des Nachdenkens? Eine Art Gegenöffentlichkeit kritischer Stimmen findet sich gerade im Netz häufig. Aber es fehlt ein populäres Medium im Ruhrgebiet, in dem eine interessierte Öffentlichkeit sich ihrer selbst wenn nicht als Ruhrstädter so doch als Ruhgebietsbewohner mit gemeinsamer Geschichte vergewissert. Der Funke-Konzern bietet dieses Medium mit seinen Zeitungen nicht.

Gibt es diese Öffentlichkeit wenigstens in Ansätzen überhaupt? Ich weiß das nicht. Diese Öffentlichkeit wäre aber eine Voraussetzung, damit Identität beredet und Veränderungen bewusst gehalten werden können. Wer sich seiner Identität nicht sicher ist, muss sich auf den Weg machen, diese Identität in der öffentlichen Debatte zu klären. Erst dann werden all die Stimmen der jungen Menschen deutlich erkennbar, die Industrie als eine Traditionslinie ihrer Identität nutzen, ohne dass sie bei dieser Vergangenheit stehen bleiben. Und diese jungen Menschen gibt es. Ich lese ihre Sicht auf die Welt des Ruhrgebiets als Einzelstimmen im Netz.

Mit der Diplomarbeit von Claudia Höllwarth lässt sich schnell ein Blick auf die Wirkung von Imagekampagnen am Beispiel für Baden-Württembergs  “Wir können alles. Außer Hochdeutsch” werfen. Die Kampagne gilt als sehr erfolgreich, doch um eins der Diplomarbeits-Ergebnisse auf den Punkt zu bringen: So eine Imagekampagne kann vielem nutzen, aber eines erreicht man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht, die Veränderung eines lange bestehenden öffentlichen Bildes. Man kann gezielt Wirtschaftsaktivitäten fördern. Da sind wir dann aber sofort wieder bei den unterstützenden wirtschaftlichen Strukturen, die Grundlage sein müssen für jede Kampagne. Man kann Tourismus fördern, was ja schon recht erfolgreich geschieht. Aber Imageänderung? Sprich: Wer auch immer sich mit dem Image des Ruhrgebiets auseinandersetzt, wird sich wohl oder übel damit beschäftigen müssen, dass er noch so oft die Vielfalt von Kultur, Grün und Freizeitmöglichkeiten lobpreisen kann, die Industriearbeit als Bild für diese Region wird immer mit dabei sein.

Was uns zurück zur Lebensqualität führt, die ja von außen anscheinend nicht wahrgenommen wird, obwohl es sie gibt. Doch auch innen wird sie nur anekdotisch wahrgenommen, als individuelles Erleben, einmal mehr deshalb, weil es keine Ruhrgebietsöffentlichkeit gibt. Wer über das Image des Ruhrgebiets klagt und etwa die Vielfalt der Kultur als Beispiel anführt, der muss diese Kultur als öffentliches Ereignis leben und erzählen. Zunächst braucht das Ruhrgebiet im Inneren die starken Bilder und Geschichten. Die Entwicklung der Oper in Dortmund müsste ein Thema für das Essener Kulturpublikum sein, die Off-Theater-Szene müsste sich als Szene überhaupt erst finden. Die Schließung der Duisburger Mercatorhalle müsste auch in Bochum Entsetzen hervorrufen.

Das ist alles nicht gegeben. Wer aber die Kultur als Standortvorteil des Ruhrgebiets aufs Schild hebt, muss wenigstens im eigenen Alltag mit seinem Verständnnis von Ruhrgebietskultur dazu beitragen. Wer als Ruhrstädter das Kulturangebot nicht  selbst wahrnimmt, kann niemanden mit schönen Worten überzeugen, wie toll es sich in all diesen Stadtteilen der Ruhrstadt leben lässt. Ach ja, es sind ja keine Stadtteile. Es sind ja alles einzelne Städte.

Ein anderes Beispiel für die fehlende Ruhrgebietsöffentlichkeit: Feridun Zaimoglu hat vor einiger Zeit den in Duisburg sowie Bochum handelnden Roman “Ruß” geschrieben und den Anspruch formuliert, eine Ruhrgebietswirklichkeit der Gegenwart zu zeigen, die gerade untergeht und sie auf diese Weise zu bewahren. Er wollte sich also einer zentralen Identitätsfrage der Region annehmen. So ein Roman hätte Anlass zu einer Debatte sein können. Ich finde, er hat seinen Anspruch mit dem Roman nicht eingelöst. Nach meinem Empfinden hat er für seinen Blick auf die Ruhrgebietswirklichkeit keine passende Geschichte gefunden. Der Notausgang war die eine wilde Spannungshandlung um ein Verbrechen. Der Roman bekam natürlich seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab also  Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Nichts geschah.

Ohne dieses öffentliche Reden können noch so viele kulturelle Großereignisse im Ruhrgebiet geschehen, können noch so viele Freizeit- und Ausflugsmöglichkeiten genossen werden, es wird sich am öffentlichen Bild anderswo nichts ändern, weil irgendein anderes als das bekannte von der Industrie geprägte Bild nicht einmal im Inneren der Region gefestigt ist. Statt über Imagekampagnen nachzudenken sollte Geld dazu genutzt werden, ein Debattenmedium zu subventionieren. Das Ruhrgebiet braucht starke und auch populäre, unabhängige Stimmen, die sich zur Ruhrstadt äußern. Nur dieses öffentliche Reden bringt Bewegung in die Sache.

Wollen sich die Ruhrstädter bewegen lassen? Es gibt doch viele, viele Bewohner dieser Region, die anekdotisch darüber sprechen, wie gerne sie im Ruhrgebiet wohnen. Es gibt kleine Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich sind. Es gibt junge kreative Menschen, die zusammen jenes Milieu entstehen lassen, das eine Großstadt lebendig werden lässt. Es gibt die Menschen, die für die Region eintreten und nicht nur ihr kleines Umfeld meinen. Aber vielleicht empfinden sie so ein Reden und Nachdenken als überflüssig? Lauter Fragen, auf die eine Imagekampagne keine Antwort geben wird.

18. Juli 2015 / Ralf Koss

111 Orte im Bergischen Land, die man gesehen haben muss – Die aktualisierte Neuauflage

Fast drei Jahre sind seit dem Erscheinen von 111 Orte im Bergischen Land, die man gesehen haben muss inzwischen vergangen. Einige kleine Veränderungen galt es zu berücksichtigen. Nun ist die dritte Auflage als aktualisierte Neuauflage erschienen.

111Bergisch_Neu

11. Juli 2015 / Ralf Koss

Ein Leben lang – Eine kurze Erzählung auch über Fußball

Leicht wankend stand er neben mir in der obersten Reihe der Gegengerade im überfüllten Wedaustadion. Der Regen hatte die Schultern seines Jacketts durchnässt und dunkel gefärbt. Ihm war das nicht wichtig. Ihm war es auch nicht wichtig, ob er genügend vom Spiel sehen konnte. Irgendwann schlurfte er zu einem der Bäume, die außen rundherum auf den Stehplatzrängen vor Jahrzehnten gepflanzt waren und stellte sich unter. Er starrte ins Leere, spürte in seinem Wanken den Baum im Rücken und lehnte sich an. Mühsam holte er etwas aus der Innentasche seines Jacketts hervor. Seinen Kalender? Ein Notizbuch? Das Aufblättern bereitete ihm Schwierigkeiten. Es war alles so nass vom andauernden Regen. Auf dem Rasen schien sich dem zunehmenden Raunen der Zuschauer nach ein erfolgversprechender Angriff vom MSV Duisburg anzubahnen. Ich drehte mich um und sah noch, wie der Ball am Tor vorbei rollte.

Mir missfiel es, ihn nicht an meiner Seite zu wissen. Nachher würden wir uns noch aus den Augen verlieren. Dennoch versuchte ich mich endlich auf das Spiel zu konzentrieren. Auf den Gegenangriff, den Schuss, den vergeblichen Abwehrversuch. Die anderen Zuschauer seufzten erleichtert auf. Auch vorbei. Der Blick zurück zum Baum. Er war weg.

Es war sein Vorschlag gewesen, gemeinsam zu diesem Spiel ins Stadion zu gehen. Nach der letzten Zeit war es das wichtigste. Vor zwei Wochen wusste er das auch noch. Nun war es ihm gleichgültig, wo wir gemeinsam standen. Befürchtet hatte ich das. Schon bei seinem Vorschlag war mir mulmig geworden. Weil wir zu spät gekommen waren, standen die Menschen in der obersten Reihe der Nordkurve schon zu dritt und viert hintereinander. Ich lief die Kurve entlang Richtung Marathontor. Keine Lücke fand ich, um an einem festen Platz das Spielfeld wenigstens halbwegs zu überblicken. Während ich mich umschaute, ob er mir folgen konnte, merkte ich weiter meine eckigen Schritte. Er gestikulierte fahrig, ich könne ruhig vorgehen. Dieses Spiel da unten lief schon, und ich fühlte meinen Körper. Eigentlich hätten meine Schritte alles im Stadion übertönen müssen. Jeder Muskel war angespannt, bereit für etwas, von dem ich nie wusste, was es sein sollte. Ich kannte das Gefühl. Ich kannte es nicht aus dem Stadion.

Ich war angereist aus Köln. Nicht einen Moment hatte ich mich an diesem Tag an der Uni konzentrieren können. Nach zwei Jahren in der Zweiten Liga gab es für den MSV Duisburg eine kleine Chance, wieder aufzusteigen. Dritter war der Verein geworden und spielte nun das erste von zwei Relegationsspielen gegen Eintracht Frankfurt, um in jene Erste Liga zurückzukehren, die für uns das normale Leben gewesen ist.

Sein Vorschlag hatte mich überrascht. Ich wollte natürlich ins Stadion. Aber mit ihm?

“Ja, klar. Doch!”

Das hatte ich wohl gesagt. Wie immer störte mich mein so kontrollierter Ton in solchen Momenten. Gewichte verteilten sich auf meinen Schultern. Sonst gingen wir nicht gemeinsam ins Stadion. Es hatte Ausnahmen gegeben. Drei Auswärtsspiele. Fast zehn Jahre war das Pokalendspiel her. Nach Hannover im Bus. Ein älterer Junge zwischen älteren Männern. Der Regen auch während dieses Spiels. Sein Jackett, das er schützend über mich hielt, als es losprasselte. Kurz hielten wir in der unüberdachten Kurve noch aus – in der Hoffnung, es bliebe bei einem leichten Schauer.

Immer noch nicht war er wieder da. Unruhig schaute ich Richtung Schwimmstadion, wo sich Toiletten befanden. Konnte er dorthin gegangen sein? Die Kurve gehörte doch den Frankfurtern. Dann sah ich ihn. Er hatte keinen Bierbecher in der Hand. An solch einem Gedanken hielt ich mich fest, obwohl ich wusste, dass das nichts bedeutete. Es ging immer weiter. Nur sein Schlaf würde heute nicht wie früher die Rettung für uns bringen. Bis zum Schlusspfiff waren es noch etwa 70 Minuten.

Eigentlich ging er niemals mehr ins Stadion. Lange Zeit wusste ich gar nicht, dass ihn etwas mit dem MSV Duisburg verband. Dann hatte er einmal von Heimspielen an der Westender Straße erzählt. In den 1950er Jahren, den Zeiten der Oberliga West. Damals sind sie sogar mit dem Fahrrad zu den Auswärtsspielen gefahren. Einmal bis nach Münster. In Erkenschwick waren sie. In Oberhausen sowieso. Immer mit dem Fahrrad. Ich versuchte manchmal ihn mir als Jugendlichen vorzustellen. Unbekümmert. Lachend. Zusammen mit Freunden. Ein Leben mit Zukunft. Er erzählte fast nie über diese Zeit.

Vielleicht half uns Kampf? Das war immer das Einfachste.

Spielerisch war die Eintracht besser. Schon wieder bahnte sich einer der schon vorher so gefährlichen Spielzüge an, und wenig später stand es 0:1. Die Chance auf den Aufstieg für den MSV war nicht sehr groß. Umso schöner war der Heimsieg, den ich mir ausgemalt hatte. Nun empfing ich die Enttäuschung als erwarteten ungebetenen Gast. Ich wies auf einen unbequemen Stuhl in der Ecke und hoffte, sie blieb kürzer, als ich es kannte. Irgendetwas kann immer geschehen. Das wusste ich durch jede gute Geschichte, die ich jemals gelesen hatte. Das fühlte ich im tiefsten Inneren. Ganz anders konnte es immer noch werden. Für uns alle.

Er stellte sich wieder neben mich und grinste. Ein arroganter Mund in einem harten Gesicht. Er fühlte sich lächeln. Ich wusste das. Innig verbunden fühlte er sich. Mein hölzerner Körper. Meine verschwundene Nähe. Mein Ringen, ein wenig lebendig zu bleiben. Als Ausweg versuchen, ins Spiel zu kommen. Das Scheitern. Meine Schuld. Ich starrte hinunter und musste nicht sprechen.

“Wird’s noch was?”, fragte er. Ich kannte seinen Blick, wenn nichts ihm anhaben konnte. Er spuckte auf die Welt und traf mich immer mit. Ich sah nur kurz zur Seite und zuckte die Schultern. Ein Angriffsversuch des MSV lenkte mich von der Qual ab, so abweisend gewesen zu sein.

Zu wenig gelang.

“EM-ES-VAU…” Noch einmal wenigstens rufen, ehe der Chor schon wieder erstarb. Es war ein Aufbäumen in aller vertrauten Ohnmacht. Immer weiter. Immer weiter. Ein Leben lang. Fürs erste kam ich bis zum Halbzeitpfiff.

“Was zu trinken?”

Eine Frage, die ich schon immer fürchtete, wenn wir unterwegs waren.

“Oder ‘ne Bratwurst?”

“Nein, nein. Keinen Hunger. Nein, nichts. Lass uns lieber hier bleiben. Wir stehen so gut.”

Väterfragen als spezielle Vaterfrage. Meine Antworten darauf gefielen mir nie. Ich wusste keine bessere. Ich wusste schon als kleines Kind, mir blieb alleine eine Möglichkeit. Das Wichtigste hatte ich immer im Blick. Ich hörte niemals auf zu hoffen, und manchmal waren wir früher tatsächlich an der Kneipentür vorbeigegangen, wenn ich nichts wollte. Ich, danach, fühlte mich erleichtert und schuldig, ihn betrogen zu haben. Nie hatte ich Durst oder Hunger in der Nähe von Bier. Mit überzeugenden Worten. Ich verheimlichte mich ihm. Nur so konnte ich das Schicksal manchmal zwingen. Das rettende Bild im Kopf, wie er bald einschläft und aufwacht als der andere Mensch.

“Wenn wir Glück haben, bleibt es dabei”, sagte ich. “Vielleicht gibt’s eine Überraschung im Rückspiel?”

“Nicht verlieren, geht noch”, sagte er und klang für einen Moment fast wieder nüchtern. Doch schon mit dem nächsten Satz war die Klarheit aus seiner Stimme wieder verschwunden.

“Was Neues in Köln?”

Kurz rieb er an seiner Wange. Dort hatte er sich beim Rasieren geschnitten – wie damals manchmal in Ruhrort, als ich ihm oft zusah. Auf meinem Schemel neben dem Waschbecken hatte ich ängstlich auf den Bluttropfen an seiner Wange gestarrt. Beruhigend lächelte er zu mir herunter. Dann riss er ein Fitzelchen Papier von einer Zeitungsseite ab und legte es auf die Wunde. Mitsamt Schemel zog er mich später vor das Waschbecken, gab mir den Rasierpinsel und die Seife für den Schaum. Ich mochte es, diesen Schaum zu verteilen. Wie Sahne im Gesicht. Behaglich. Den Rasierer legte er für mich bereit.

Er blieb nicht, wenn ich mir sorgsam den Schaum von meinen Wangen zog. Ich mochte diese erste deutliche Spur, die mir gelang. Ein breiter, genau sichtbarer Pfad Haut kam zum Vorschein. Nur dieses kratzende Geräusch vermisste ich. Wenn mein Vater sich rasierte, war es immer zu hören. Ohne Klinge kein Kratzen. Zu meiner großen Erleichterung war der Rasierer nie scharf, und doch hörte ich nicht auf, das Kratzen zu vermissen.

Während wir zum Rasen sahen, wo die Mannschaften wieder aufliefen, begann ich von Joseph Roth zu erzählen. Warum hatte ich mich ausgerechnet mit ihm beschäftigten müssen? Nichts hatte ich über ihn gewusst. Mühsam suchte ich nach Worten zu seinen Romanen, zur “Kapuzinergruft”, zu Österreich. Immer wieder geriet ich in diese lähmende Nähe des Unaussprechlichen. “Der heilige Trinker”. Joseph Roth, ein versinkender Mensch im Pariser Exil. Auf Fotografien aus dieser Zeit wirkte er wie ein Greis, ein hutzeliges Männchen von Anfang 40, immer ein Glas zur Hand. Anstoß. Endlich konnte ich wieder schweigen. Fußball. Deshalb waren wir da.

Er berührte mich am Arm. “Ich bin gleich wieder da.”

“Muss das …?”, begann ich leise und sprach nicht weiter. Er lächelte schief, ganz kurz, gemeint als Beruhigung. So redete ich es mir ein. Auf dem Spielfeld ein Freistoß von halbrechts, gefährlich. Ich ahnte, was nun geschah. Das Frankfurter Freistoßtor sah ich ohne Enttäuschung. Keine Zeit war geblieben zu bangen. Fakten geschaffen. Der Rest des Spiels blieb noch auszuhalten. Ich ging nie vor dem Schlusspfiff. Eine Chance hatte der MSV nun nicht mehr. Als das dritte Tor für Frankfurt fiel, bemerkte ich den Selbstbetrug. Niemals finde ich mich ab. Immerzu hoffe ich weiter. Immerzu, ein Leben lang.

Er kam zurück. Winzigste Regungen in seinem Gesicht wahrnehmen, ohne zu beobachten. Dann beobachten und darauf warten, wie er was sagte, Tonfall studieren. Wie viel ist hinzugekommen. Fiel sein Verhalten jemand auf?

Möglichkeiten der Eintracht, mehr als genug. Jedes weitere Tor nahm ich gefasst hin. Starr. Schicht um Schicht sickerte alles Lebendige ins Innerste. Zurück blieb die Fassung, ein steinerner Körper. Der blickte auf das Spielfeld. Ein letzter hilfloser Schuss aus dritter Reihe von einem Duisburger Spieler. Der Schlusspfiff. Verloren mit fünf zu null Toren. Enttäuschung auf dem Spielfeld. Bei mir hatte sie keine Chance mehr.

Ich sah ihn an. Er nickte, und wir liefen mit der Menge Richtung Ausgang.

Kein Aufstieg. Das Rückspiel würde daran nichts mehr ändern. Für diesen Tag hörte ich auf zu hoffen. Bald aber sahen wir uns wieder. Ganz von alleine erschien mir jede Hoffnung dann wieder völlig vernünftig. In Ruhe zu Hause malte ich mir immer die Zukunft aus. Für mich, für uns alle, die wir im Stadion waren. Morgen kann es schließlich doch wieder anders werden. Das wusste ich durch jede gute Geschichte, die ich jemals gelesen hatte. Immer weiter. Immer weiter. Ein Leben lang.

4. Juli 2015 / Ralf Koss

Erich Loest erzählte die DDR

Noch einmal auf Erich Loest hinweisen, Aufmerksamkeit schaffen für den 1926 geborenen und 2013 gestorbenen Schriftsteller.  Sein großes Lebensthema waren die Wirklichkeit der DDR insbesondere die in Leipzig, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung. Im Fußball fand er schon 1969 Stoff für einen ganzen Roman. Der elfte Mann hieß der Titel seinerzeit. Doch auch später greift er Fußball als ein wichtiges Alltagsthema immer mal wieder auf.

In seinem Roman “Nikolaikirche” schildert er etwa das Geschehen vor der Montagsdemonstration in Leipzig am 9.Oktober 1989, die ein Wendepunkt für die Geschichte der DDR werden sollte. Die Handlung füllt Erich Loest mit vielen Details des Alltags und des Geschehens damals, um die Besonderheit dieser Zeit fassbar zu machen. Der Fußball ist ihm in einer kleinen Szene Sinnbild für diese Zeit. Dazu muss man wissen, die Anhänger der beiden Leipziger Fußballvereine Lokomotive Leipzig und BSG Chemie Leipzig waren aufs Tiefste verfeindet. Ihr ahnt, wie Erich Loest diese Feindschaft symbolhaft nutzt? Kurz vor der Demonstration erlebt eine der Hauptfiguren des Romans folgende Szene:

[…] und so gab sie das vierte Blatt zwei jungen Männern, denen nicht anzusehen war, auf welcher Seite sie standen. Drei Jugendliche vor dem Kaufhaus waren schon eher einzuordnen, der eine trug einen weißgrünen ‘Chemie’-, der andere einen blaugelben ‘Lok’-Schal, heute waren sie keine Rivalen. Einer schaute sie verblüfft an und bedankte sich.

Erich Loest, Nikolaikirche, 1995, dtv-Ausgabe 1997, 505

Wenn schon tief verfeindete Fußballfans friedlich nebeneinander stehen, wie stark muss dann der Zusammenhalt der Bürger der DDR gegen die Staatsmacht sein? Nicht dass ihr denkt, hier arbeitet jemand mit dem Holzschnitt. Es ist nur ein winziger Moment im Roman, der das Romangeschehen an die Realität binden soll. Als Gruß hier ist dieser winzige Moment auch eine Erinnerung daran, dass in Leipzig das Potential für eine andere Geschichte vorhanden war, eine Geschichte, in der Dietrich Mateschitz keinen Platz gehabt hätte. Eine Teilstrecke dieses Weges wurde mit dem VfB Leipzig ja versucht.

An anderer Stelle im Roman klingt auch ein Grund für die Feindschaft zwischen den beiden Vereinen an, und wir sehen, die heutigen Großunternehmen sind damals SED-Politiker:

Vor sich hörte er, die rabiate Politik gegen die Fußballer von ‘Chemie’ sei an vielem Schuld; der Mann sagte ‘Schemmie’ und betonte es auf der ersten Silbe. Sie hätten den traditionsreichen Arbeiterverein systematisch kaputtgemacht. Die Namen der Helden ‘Chemie’ klangen wie die von Heiligen: Manne, Walter, Schere und natürlich Bauchspieß.

Erich Loest, Nikolaikirche, 1995, dtv-Ausgabe 1997, 513

Auch wenn “Nikolaikirche” durch die Verfilmung vielleicht das populärste Werk von Erich Loest wurde, wirkt dieser Roman durch Loests Absicht, die Zeit vor der entscheidenden Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in möglichst vielen Perspektiven zu zeigen weniger literarisch als andere seiner Romane. Schlaglichter erhellen die Vorgeschichte und machen mit vielen Figuren die zum Teil gegenläufigen und vielschichtigen Geschehnisse dieser Zeit fassbar. Er nähert sich mit dieser Form einem Dokumentarroman. Literatur bedeutet hier nur die Freiheit, Figuren zu typisieren und anzuordnen, um die Vielfältigkeit des Geschehens emotional greifbarer zu machen.

Erich Loest schrieb realistische Literatur mit starken Geschichten, ohne die Psychologie seiner Figuren aus dem Blick zu verlieren. Er war ein eigenwilliger Querdenker, der sich der politischen Einordnung entzog. Sieben Jahre saß er in Bautzen ein, ab 1957 wegen angeblicher “konterrevolutionärer Gruppenbildung”. Nach der Haftentlassung begann er unter Pseudonym Kriminalromane zu schreiben. Für ihn war es ein Broterwerb, und erst 1977 erschien unter seinem Namen mit “Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene” ein Roman, der für ihn wieder eine wirkliche Bedeutung hatte.  Dessen erste Auflage in der DDR war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Eine zweite Auflage kam zwar nach längeren Auseinandersetzungen auf verschiedenen Ebenen mit der Staatsmacht in den Verkauf. Danach wurde er aber verboten. Es war ein Roman, der immer wieder abgetippt wurde, ein Roman, für dessen einzelne Exemplare in privaten Zirkeln Wartelisten für den nächster Leser angelegt wurden.

Dieser Roman war bei seinem Erscheinen ein unerhörtes Ereignis in der DDR.  Viele dachten, wenn so etwas veröffentlich werden konnte, dann gab es noch Hoffnung für die Entwicklung der DDR. So etwas, das war die Geschichte eines Familienvaters von Anfang 30, der von seinem Leben nichts anderes wollte als in Ruhe gelassen zu werden. Er wollte seinen Beruf gut ausfüllen, er wollte ein guter Vater sein, ein guter Ehemann. Mehr nicht. Seine Frau aber wollte, dass er ein Aufbaustudium macht.  Staatsvertreter wollten, dass er Prinzipien der Macht über die der persönlichen Einsicht stellt, und so beginnt dieser junge Familienvater, ohne es wirklich zu wollen, quer zu der Gesellschaft zu stehen. Wofür es in der Gesellschaft der DDR keinen Platz gab.

Zwangsläufig kam es zu Auseinandersetzungen um den Roman. Die Staatsführung sah sein Erscheinen als Fehler an. Die Leser focht das nicht an. Sie waren begeistert über diesen Roman. Nach den Auseinandersetzungen um den Roman siedelte Erich Loest  1981 in die BRD über. Er war eigener Kopf, der regelmäßig aneckte. Er wollte Wirklichkeit möglichst genau beschreiben und vergaß dabei das Unterhaltungsbedürfnis seiner Leser nicht. Wenn ihr nur einen einzigen Roman von Erich Loest lesen wollt, dann  empfehle ich euch “Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene”. Mit diesem Roman gelang es Loest beeindruckend sowohl eine starke Geschichte zu entwickeln, die Figuren psychologisch tief zu zeichnen und nicht zuletzt die Wirklichkeit der DDR  Mitte der 1970er Jahr plastisch und eindrücklich zu schildern. Dieser Roman ist trotz seiner Bindung an die DDR-Wirklichkeit zeitlos gültig. Menschen wie dieser junge Familienvater bekommen mit ihrer Haltung Schwierigkeiten auch in einer Gesellschaft, die vom kapitalistischen Ehrgeiz getrieben wird. Wer dann noch eine Art “Making of” lesen möchte, den Blick hinter die Kulissen der Kulturpolitik der DDR und des pragmatischen Handelns eines Autors, der veröffentlichen will, der lese von Erich Loest “Der vierte Zensor”, die Dokumentation zu besagtem Roman. Mit zwei Büchern die ganze DDR erzählt!

19. Juni 2015 / Ralf Koss

Auch Duisburg steht mit Köln zusammen

2015-06_keupstr_BirlikteIn meiner ganz eigenen Heimatstadt grenzt das rechtsrheinische Köln direkt an Duisburg. Der Weg von einem Viertel ins andere ist kurz für mich. Ich bin ein kölscher Duisburger, ein Duisburger Kölner. Ich bewege mich in zwei Vierteln, deren Lebensweisen in vielen Dingen von unterschiedlicher Kultur geprägt sind. Weil dieses Duisburg und das Ruhrgebiet mir viel bedeuten, sieht jeder der mich näher kennenlernt, aber vor allem den Duisburger in mir. In Köln frozzeln mich Freunde an, wenn es um den Pott geht und um Duisburg im Speziellen. Ich stehe als Mensch für die Region. Wenn Duisburg überregional Schlagzeilen macht, bin ich sofort angesprochen und meine Meinung ist gefragt. Wenn der MSV Duisburg verliert, bekomme ich milden Spott ab. Wenn die Loveparade immer noch nicht juristisch aufbereitet ist, wird von mir weitergehende Information erwartet.

Den türkischstämmigen Deutschen wird so etwas bekannt vorkommen. Sie stehen als Deutsche auch noch für etwas anderes. Dabei kommt es mir beim Blick auf mein eigenes Umfeld – auf Freunde, Nachbarn und Bekannte – so vor, trotz aller Probleme geht es vielen Deutschen mit türkischen Wurzeln längst schon so wie mir in Köln. Vielleicht verlagern sich Schwierigkeiten seit einiger Zeit auf Menschen anderer Herkunftsländer, dennoch halte ich es für wichtig, den Blick auch auf dieses Gelingen von Zusammenleben zu werfen bei allem Bewahren von Unterschiedlichkeit.

Gestern gehörte für mich die Neuauflage von Birlikte – Zusammenstehen, Zusammenleben zu solch einem gelingenden Zusammenleben. Im letzten Jahr war das Kunst- und Kulturfest zum 10. Jahrestag des Nagelbomben-Attentat in der Kölner Keupstraße zunächst als einmalige Veranstaltung geplant gewesen. Doch angesichts von Pegida und extremistischem Terror aller Ideologien im letzten Jahr gab es nun eine Wiederholung des Kunst- und Kulturfestes, um gegen “Intoleranz und Fremdenhass, gegen religiösen und nationalistischen Terror jedweder Couleur” ein Zeichen zu setzen und gemeinsam einzustehen “für eine offene und friedliche Stadtgesellschaft”.

Gemeinsamkeit ist nicht einfach da. Sie wird von uns geschaffen in Momenten zufriedenen Beisammenseins. Wer viele solcher Momente erlebt, wird Konflikte besser aushalten. Er wird wissen, warum es sich lohnt, im Streit unangenehme Gefühle zu erleben, die Menschen für einige Zeit auseinander bringen. Deshalb sind solche Feiern der Gemeinsamkeit für eine Stadtgesellschaft so wichtig. Gestern war diese Gemeinsamkeit auf und vor den vielen Bühnen zu erleben. Es war gut, dort gewesen zu sein. Als Duisburger Kölner unterschied sich mein Vergnügen nicht von dem anderer Kölner, die Wurzeln in so vielen unterschiedlichen Kulturen und Nationen haben.

Teil dieses Vergnügens war die nicht erwartete Begegnung mit der Duisburger Heimat in Person von Peter Bursch und seiner Frau Marita, die als “Fründe” der drei Bläck Fööss, Bömmel Lückerath, Hartmut Priess und Peter Schütten, auf der Bühne standen.

Das Fööss-Lied “Unser Stammbaum” hätte gleichsam Motto-Lied des Kulturfestes sein können – zumal es nach der Fassung auf Kölsch auch noch auf türkisch gesungen wurde. Im Netz findet sich dieser Mitschnitt von der kölschen Fassung:

Vorsichtshalber gibt es für alle, die nicht nur beim Türkischen wenig verstehen, auch noch den kölschen Original-Text mit Übersetzung an den schwierigeren Stellen. Bei weiteren Verständnisschwierigkeiten, kläre ich gerne weiter auf.

Ich wor ne stolze Römer, kom met Caesars Legion,
un ich ben ne Franzus, ich kom mem Napoleon.
Ich ben Buur, Schreiner, Fescher, Bettler un Edelmann,
Sänger un Gaukler, su fing alles aan.

Refrain:

Su simmer all he hinjekumme,
mir sprechen hück (heute) all dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill jewonne.
Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing (Rhein).
Dat es jet (etwas), wo mer stolz drop sin.

Ich ben us Palermo, braat (brachte) Spaghettis für üch met.
Un ich wor ne Pimock (Flüchtling aus Ostgebieten nach 2. WK),
hück laach ich met üch met.
Ich ben Grieche, Türke, Jude, Moslem un Buddhist,
mir all, mir sin nur Minsche, vür‘m Herjott simmer glich

Su simmer all he hinjekumme,
mir sprechen hück all dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill jewonne.
Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.
Dat es jet, wo mer stolz drop sin.

De janze Welt, su süht (sieht) et us,
es bei uns he zo Besök.
Minsche us alle Länder
ston bei uns hück an de Thek.
M‘r gläuv, m‘r es en Ankara, Tokio oder Madrid,
doch se schwade (sprechen) all wie mir
un söke (suchen) he ihr Glöck.

Su simmer all he hinjekumme,
mir sprechen hück all dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill jewonne.
Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.
Dat es jet, wo mer stolz drop sin.

Su simmer all he hinjekumme,
mir sprechen hück all dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill jewonne.
Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.
Dat es jet, wo mer stolz drop sin.

Die türkische Fassung und auf der Saz gespielt gibt es im Netz (noch) nicht in voller Länge. Zudem habe ich den Namen des Interpreten vergessen. Wer nachreichen kann, gerne!

Der türkische Text kann außerdem gerne unten vervollständigt werden.

Fotos von dem Auftritt gibt es drüben im Zebrastreifenblog. Nur den Text habe ich mir von dort übergeholt..

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: