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16. Januar 2018 / Ralf Koss

Wer erkennt sich heute in so einem Volksfeind wieder?

Die Wahrheit, es gibt sie manchmal noch, und außerdem als eine, die unterdrückt wird. Allerdings muss dazu die Welt so überschaubar sein wie in Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ aus dem Jahr 1882. In einem Kurbad als Handlungsort gibt es nämlich einfache Machtstrukturen und überschaubare Interessen. Am Theater Oberhausen hatte das Stück letzten Freitag in der Inszenierung des Intendanten Florian Fiedler seine Premiere und erhielt starken Beifall.

Florian Fiedlers Inszenierung bringt das Drama der Gegenwart nahe. Das Bühnenbild stimmt uns auf klassische Moderne ein, die später sich in Gegenwart wandelt. Ein einstöckiger Flachdachbungalow ragt rechts in die Bühne hinein. Kurgäste in Bademänteln flanieren daneben und nähern sich auch dem Publikum über einen Holzsteg, der von der Bühnenmitte bis in die letzte Reihe des Zuschauerraums führt. Ein Trio spielt unterdessen unplugged Easy-Listening-Pop der 60er Jahre und schafft eine entspannte Grundstimmung im Theaterraum. Immer wieder wirkt im Verlauf des Stücks Pop- oder Rockmusik als eine Art Kommentar der Handlung. Diese anfängliche Leichtigkeit ändert sich, als der im Bungalow wohnende Badearzt Dr. Thomas Stockmann das Ergebnis einer Wasserprobe erhält. Das Heilwasser des Kurortes ist verunreinigt durch den Gerbereibetrieb seiner Schwiegermutter. Der Arzt hat es geahnt. Die Menschen müssen gewarnt werden.

Schnell wird aber deutlich Stockmanns Bruder, der Bürgermeister, möchte nicht viel Aufhebens um die Wahrheit machen. Die wirtschaftlichen Konsequenzen für den Ort liegen auf der Hand. Die zwei Journalistinnen der lokalen Zeitung „Der Volksbote“, zum Teil karikierend gespielt von Banafshe Hourmazdi und Emilia Reichenbach, erweisen sich nur vordergründig einem aufklärerischen Gedanken verpflichtet. Auch die von Lise Wolle gespielte Druckereibesitzerin und Vorsitzende des Hausbesitzer- und Mäßigungsvereins ändert ihre Meinung unter dem Einfluss des Bürgermeisters. Das graue Kostüm als weiblicher Uniform unserer Gegenwartswirtschaft verweist auf Prinzipien ihres Handelns.

Jürgen Sarkiss spielt den Bürgermeister als alerten Politiker, freundlich im Ton, bestimmt in der Meinung. Macht zeigt er zunächst subtil, dann offen und die Bürger des Badeortes weiß er auf seine Seite zu bringen. Als es in einer Bürgerversammlung so weit ist, nimmt Florian Fiedler plakativ Bezug zur Gegenwart. Bei der pseudodemokratischen Veranstaltung wird das vom Badearzt erhoffte Verkünden der Wahrheit durch die aus TV-Polit-Shows bekannten Stimmungsbarometer aufgehalten. Die Bürger werden nicht entscheidend befragt sondern durch unwichtige Meinungsäußerung ermüdet. Auf eine Leinwand projezierte Fotos von umstrittenen Publizisten wie Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin oder Akif Pirincci illustrieren diese Bürgerversammlung.

In dem Zusammenhang halte ich eine Anmerkung für notwendig: Harald Martenstein hier einzureihen wirkt auf mich ebenso populistisch wie die Haltung der Publizisten, die mit der Reihung kritisiert werden soll. Im Unterschied zu den anderen Populisten, verweist er immer wieder auf die Bedeutung von öffentlicher Debatte. Ich finde auch, er ist vor einiger Zeit oft merkwürdig altväterlich in mancher seiner Meinungen geworden, aber er gibt nicht vor, Wahrheit zu sprechen sondern Meinung, und das bedeutet, dass man anderer Meinung sein kann. Eine Haltung, die man von den rechtspopulistischen Publizisten in dieser Reihe nicht behaupten kann.

Der Populismus erweist sich als Demagogie, wenn der Bürgermeister verhindert, dass sein Bruder in der Bürgerversammlung die Wahrheit aussprechen kann. Das Opium für das Volk ist in der Gegenwart dann nicht die Religion sondern die Unterhaltungsindustrie, Sparte Rockmusik. Die verbündeten Wahrheitsunterdrücker des Badeortes geben ein Rockkonzert, das mit dem „Let me entertain you“ nochmals plakativ endet.

Clemens Dönicke spielt den Badearzt als Idealisten, der nicht versteht, wie ihm geschieht, wenn er von seinem aufklärerischem Gedanken nicht ablässt. So wirkt die soziale Ächtung und der wirtschaftliche Ruin auch weniger als Preis, den er für seine Haltung zu zahlen bereit ist, denn als Naturgewalt, der er sich ausgesetzt fühlt. Am Ende fühlt er sich alleine am stärksten und kann gerade deshalb nichts bewirken.

Mit diesem Schluss des Dramas zeigen sich die Beschränkungen einer Wirklichkeit aus dem Jahr 1882. Die in „Ein Volksfeind“ inszenierte Gegenwart kennt kein Internet und keine sozialen Netzwerke. In dem Badeort existiert noch eine naive Vorstellung von Wahrheit. Wahrheit ist in dieser Welt eindeutig erkennbar. Sieht man in der Wirklichkeit des Badeortes ein Beispiel für Wirkmechanismen unserer Gegenwartsgesellschaft, gerät man schnell an aufklärerische Grenzen des Dramas. Ein Pegida-Anhänger kann in Oberhausen ins Theater gehen, über die Publizistenreihe im Stück vielleicht kurz irritiert sein und ansonsten sein Verständnis von Gesellschaft bestätigt sehen. Er kann sich mit dem Badearzt identifizieren und sieht die eigene Wahrheit von der Lügenpresse und den machthabenden Politikern unterdrückt.

Aufklärung heißt immer das Gebot. Aber wer bestimmt Wahrheit, wenn jeder Wahrheit verkünden kann? Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann von heute würde nicht mehr resigniert auf einem Stuhl sitzen. Ein Mensch mit solch aufklärerischer Energie würde heute sofort einen Blog zu schreiben beginnen. Er würde seine Wahrheit erzählen. Mit welchen Folgen?

 

Bei den Ruhrbaronen zeigt sich Honke Rambow nicht sehr überzeugt von der Inszenierung. Dagegen gefällt Stefan Keim für WDR3 sehr, was er gesehen hat.

Weitere Aufführungen: 21. und 26. Januar, 10., 16. und 25. Februar, 5. Mai. Informationen zum Stück und Kartenbestellung beim Theater Oberhausen mit einem Klick.

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14. Januar 2018 / Ralf Koss

Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in Ruhrort – 20. Januar, 15 Uhr

Unsere geprägten Leben

Bei den 39. Duisburger Akzenten möchte ich Kriegserfahrungen von Duisburgern bei einer szenischen Lesung zu einer Art Gespräch werden lassen. Das Ganze findet im Ruhrorter Lokal Harmonie statt. Gespräch nenne ich diese Lesung deshalb, weil Duisburger sehr unterschiedliche Kriege erlebt haben. Die älteren Duisburger kennen den Zweiten Weltkrieg als Kinder und Jugendliche. Duisburger flüchteten aber auch vor den Jugoslawienkriegen der 1990er, vor den Bürgerkriegen Afrikas oder in der Gegenwart vor dem Syrienkrieg. Über die eigenen zum Teil traumatischen Erfahrungen zu sprechen ist nicht leicht. Deshalb möchte ich zur Vorbereitung der Lesung im März am 20. Januar von 15 bis 18 Uhr zu einem Erzählcafé als Erinnerungswerkstatt in das Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6, einladen. Aufgerufen sind Duisburger aller Generationen und Herkünfte. In dieser Erinnerungswerkstatt wird das persönliche Erleben durch Aufzeichnung zur bleibenden Zeitzeugenschaft.

Wenn an diesem Termin jemand keine Zeit hat oder wenn jemand nur im persönlichen Gespräch von seinen Erfahrungen erzählen will, kann er mich gerne über das Kontaktformular anschreiben, um einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren.

11. Januar 2018 / Kees Jaratz

Die anderen Plätze – ein Dokumentarfilm über arbeitslose Fußballer

Die 41. Duisburger Filmwoche wurde im letzten November mit der Deutschlandpremiere eines Fußballfilms eröffnet. Die anderen Plätze zeigt die Lebenssituation von arbeitslosen Fußballprofis. Gedreht wurde der Film vor allem in der Stadt seiner Deutschlandpremiere, eben in Duisburg, denn in der Sportschule Wedau bietet die VDV, die Vereinigung der Vertragsfußballspieler, während der Sommerpause ein Trainingscamp für arbeitslose Fußballer an. Die Fußballer können sich fit halten, während sie auf späte Aktivitäten auf dem Transfermarkt hoffen.

Den beiden Filmemacher Simon Quack und Marco Kugel ging es um die Lebenssituation von Fußballprofis der hinteren Reihen und den Arbeitsmarktbedingungen für sie. Das sind jene Fußballer, die nicht mehr, noch nicht oder noch nie als erste auf den Nachfragelisten der Sportdirektoren stehen und gestanden haben. Am VDV-Camp nehmen ganz junge Spieler teil und Spieler, die das Ende der aktiven Laufbahn schon in Erwägung ziehen. Es gibt Spieler, die zwar nicht auf allerhöchstem Niveau gespielt haben und dennoch mit einem Verein in der Bundesliga außergewöhnlich erfolgreiche Zeiten erlebt hatten. Es gibt Spieler, die von Verein zu Verein ziehen.

Zwar gibt es in Die anderen Plätze einzelne Spieler, die häufiger zu Wort kommen, doch der Lebenszusammenhang in diesen Sommermonaten erscheint als unüberschaubares Ensemble von Menschen, in dem die Spieler vereinzelt sind und bei dem dennoch ein Zusammenhalt als Glauben beschworen werden muss. Denn dieser Zusammenhalt ist zugleich Leistungsvoraussetzung in Fußballkadern heutiger Tage.

Marco Kugel und Simon Quast entfalten die Wirklichkeit der arbeitslosen Fußballprofis ohne starke Geschichten von einzelnen Hauptfiguren, sie wollen atmosphärisch sein und nicht zu analytisch. So verliert der Film im zweiten Teil Dynamik. Höhen und Tiefen nähern sich an und der Alltag der arbeitslosen Fußballprofis wird zum melancholisch dahintreibenden Bilderfluss.

Auf verschiedenen Filmfestivals wird der Dokumentarfilm zu sehen sein. Zudem besteht die Aussicht auf Ausstrahlung im Fernsehen. Die Veröffentlichung auf DVD ist ebenfalls geplant.

Für uns in Duisburg bietet der Film die Begegnung mit einigen bekannten Gesichtern. Dietmar Hirsch ist im Camp Trainer gewesen. Beim MSV war er Spieler von 1995 bis 2000 und noch einmal von 2003 bis 2005. Philipp Bönig kommt oft zu Wort, und auch wenn seine Karriere wahrscheinlich eher mit dem VfL Bochum verbunden wird, beim MSV hat er seine ersten beiden erfolgreichen Profijahre von 2001 bis 2003 verbracht. Ich war damals enttäuscht, als er nach Bochum ging. Mit Christopher Schorch läuft auch ein Spieler aus der jüngsten Vergangenheit durchs Bild, ohne dass er im Film sich weiter äußert.

Bei der Duisburger Filmwoche gehören protokollierte Diskussionen über die gezeigten Dokumentarfilme direkt nach den Filmvorführungen zum Festivalprogramm. Zum Protokoll der Diskussion über die Die anderen Plätze geht es mit einem Klick.

Zwei Tage nach der Premiere in Duisburg habe ich Simon Quast und Marco Kugel getroffen, um mit ihnen über ihren Dokumentarfilm zu sprechen. Simon Quast erwies sich als Anhänger von Borussia Mönchengladbach, hingegen der Hamburger Marco Kugel zwar fussballinteressiert ist, doch keinem Verein besonders anhängt.

Ralf Koss: Zwischen den Spielzeiten bietet der VDV, die Vereinigung der Vertragsfußballspieler ein Traininigscamp für arbeitslose Fußballer in der Duisburg Sportschule an. Wie seid ihr auf dieses Thema eures Dokumentarfilms „Die anderen Plätze“ gestoßen?

Simon Quack: Wir wollten einen Film über Arbeitslosigkeit machen. Dazu gab es verschiedene Überlegungen und Recherchen. Dann hat uns während einer Filmwoche hier in Duisburg jemand von dem Fußballcamp für arbeitslose Fußballprofis erzählt. Weil wir uns für Fußball interessieren, aber davon noch nie gehört hatten, hat uns das neugierig gemacht. Schon im Jahr darauf, 2014, haben wir uns dann angesehen, wie dieses Fußballcamp läuft und wie das aufgebaut ist.

Ralf Koss: Habt ihr in dem Jahr auch begonnen zu drehen?

Marco Kugel: Nein, wir haben vor allem im Sommer 2015 gedreht und noch einmal vier, fünf Tage im Jahr 2016. Dietmar Hirsch, der verantwortliche Trainer in dem Camp, bekam zum Ende des Camps einen neuen Job beim VfB Oldenburg, und so haben wir uns entschlossen, wir fahren nach Oldenburg und sehen, wie es ihm dort geht.

Ralf Koss: Seid ihr mit eurem Vorhaben beim VDV auf offene Ohren gestoßen?

Marco Kugel: Doch, ja, es gab nur eine einzige Bedingung. Der VDV wollte prüfen, ob wir seriöse Filmemacher waren. Es gab wohl schlechte Erfahrungen, und sie hatten die Befürchtung, dass es den Film niemals geben wird. Wir sollten also zeigen, dass eine Produktionsfirma hinter uns steht, dass wir Geld für die Produktion hatten und wir den Film fertig machen konnten.

Ralf Koss: Und wie begegneten euch die Fußballer selbst? Als Dokumentarfilmer braucht ihr ja Menschen, die sich euch so weit wie möglich öffnen. Fußballer heute lernen aber mit als erstes gegenüber dem Medienbetrieb vorsichtig zu sein.

Marco Kugel: Wir hatten mit den Spielern vereinbart, wer keine Lust zum Sprechen hat, der sagt es einmal und den lassen wir in Ruhe. Es kam aber fast nie dazu. Die Spieler waren sehr offen und sehr reflektiert. Der erste Schritt in die Öffentlichkeit für die Spieler war ja schon die Anmeldung zum Camp. Die Spieler, die das gemacht haben, haben sich damit zu ihrer Situation bekannt.

Simon Quack: Vielleicht gab es zu Beginn eine kleine Irritation bei den Spielern. Sie wussten beim Campauftakt noch nicht, dass wir dabei sind. Wir wurden aber nur wenige Male gebeten, die Kamera auszumachen und das waren Momente, in denen es vollkommen nachvollziehbar war.

Marco Kugel: Dabei ging es um Datenschutz, bei denen Einzelheiten aus Verträgen mit Vereinen zur Sprache kamen. Das hat uns auch nicht interessiert.

Ralf Koss: Erinnert ihr euch noch daran, welche Vorstellungen ihr über den möglichen Film bei Drehbeginn hattet?

Marco Kugel: Es gab eine inhaltlich klare Vorstellung, aber im Fortlauf gehört dann ja noch viel mehr dazu, den Film zu machen. Wichtig war es für uns den Blick für den Fußball als Arbeit zu bewahren. Wir versuchten uns immer daran zu erinnern: was wir sehen ist deren Job. Das ist deren Beruf, was auf dem Platz und auch abseits des Platzes stattfindet. Das war viel wichtiger, als die große Vorstellung zu besitzen, wo es hingeht. Wir wollten eben keine Lobhudelei des Sports machen. Wir wollten den Leistungssport als Arbeit ernst nehmen. Wir wollten das Angestelltenverhältnis der Spieler ernst nehmen.

Ralf Koss: Im fertigen Film rücken einzelne Spieler in den Vordergrund. Philipp Bönig oder Dietmar Hirsch etwa kommen öfter zu Wort, dazu noch Maximilian Riedmüller und Anel Hodzic. Gab es beim Dreh Enttäuschungen, weil ihr euch für bestimmte Fußballer mehr interessiert habt und ihr dann mit denen während eurer Drehzeit keine runde Geschichte erzählen konntet?

Marco Kugel: Nein, wir hatten einen anderen Ansatz. Wir wollten von vorherein am liebsten gar keine Protagonisten. Wir wollten wirklich 30 Leute zeigen, 50, 80, um auch der Realität näher zu kommen. Es gibt einen krassen Durchsatz in den Ligen und im Camp auch. Der eine wird aus dem Camp wegverpflichtet, dann kommen zwei neue. Du hast keinen Schimmer an dem einen Montag, wer am nächsten Montag noch da ist. Alles verändert sich immer noch ein bisschen schneller. In den Ligen eben auch. Nach vier Jahren siehst du kein bekanntes Gesicht mehr. Wir wollten mit allen sprechen, und wie es dazu kam, wer am Ende im Film zu sehen war, hing zum Teil von Zufällen ab.

Simon Quack: Wir haben uns beim Dreh in der Sommerpause noch nicht groß Gedanken darüber gemacht, wen wir nach der Camp-Zeit besuchen wollten. Es war uns zum Beispiel währenddessen nicht klar, dass Anel Hodzic jemand wird, den wir später noch besuchen, weil wir die Busfahrt mit ihm hatten und er dabei uns relativ lange, auch sehr intim von sich erzählt hat.

Marco Kugel: Wir wollten auch nicht unbedingt die Leute, die die beste Story hatten. Wir sind fast demütig daran gegangen. Wir haben uns aus bestimmten Gründen mit einem Spieler verabredet und ob der jetzt aus einer dramaturgischen Perspektive für den Film spannend ist, das war nicht so wichtig, weil jeder am Schluss ein Schicksal erzählen kann. Deswegen gab es auch keine Enttäuschung.

Ralf Koss: Mit diesem Anspruch und dem Verzicht auf einzelne Protagonisten war es aber bestimmt schwierig, den Spannungsbogen für den Film zu entwickeln?

Marco Kugel: Wir haben tatsächlich als Kritik schon gehört, warum seid ihr nicht an dieser Person drangeblieben? Bei Maximilian Rietmüller etwa wurde gefragt, warum ist der nicht mehr im Film? Darauf antworten wir, weil das die Wirklichkeit abbildet. Es dreht sich auch sonst keiner nach den Jungs um, wenn sie nicht mehr spielen. Wir wollten nicht das größte Glück oder die tiefste Trauer zeigen. Es ging uns darum, Strukturelles offen zu legen.
Andererseits haben sich dann ja doch einige Spieler in den Vordergrund geschoben. Sie bilden im Grunde die verschiedenen Möglichkeiten ab, wie es nach dem Camp weitergeht. Dietmar Hirsch hatte einen neuen Trainerjob bekommen. Philipp Bönig ist gerade an der Schwelle zum Karriereende gewesen. Er sagte sich, ich bin 35 Jahre alt, ich komme nirgendwo mehr unter, dann fange ich einen neuen Job an. Da war Maximilian, der wegen seiner Verletzung aufhören muss, der mit einer Physiotherapie-Ausbildung anfängt und da gibt es den jungen Anel, der zwar aus dem Camp heraus einen Verein findet aber in der Winterpause dann schon wieder freigestellt wird.

Ralf Koss: In dem Zusammenhang fallen mir dann sofort Worte von Dietmar Hirsch ein, die geradezu als Leitmotiv im Film immer wiederkommen. Wenn die innere Einstellung vorhanden sei, werde man belohnt, sagte er in seinen Ansprachen. Gleichzeitig zeigt der Film aber, so ist es eben nicht immer. Trotz der richtigen inneren Einstellung bleiben viele nun einmal ohne Belohnung.

Simon Quack: Das stimmt zwar, aber letztlich appeliert Dietmar vielleicht an die einzige Möglichkeit, um aus der Situation, in der sich die Spieler befinden, etwas Positives zu ziehen.

 

Trailer „Die Anderen Plätze“ von Marco Kugel und Simon Quack (2017) from Sein+Hain Film on Vimeo.

3. November 2017 / Ralf Koss

Jürgen Domian mit Premierenlesung im Duisburger TaM

Das Foyer vom Duisburger Theater am Marientor füllte sich allmählich. Noch blieb Zeit, bis Jürgen Domian die Bühne betreten würde. Von 1995 an hatte er bis 2016 in seiner Call-in-Sendung „Domian“ Live-Gespräche mit Radiohörern geführt. Nachts ging er auf Sendung, nachts konnte mit den Anrufern über alles geredet werden – über Gewalt, Leid und Glück, über Sexualität und Lust, über das Sterben. Jürgen Domian hörte von Schicksalen, vom menschlichen Leben, oft vom Ungewöhnlichsten seiner Vielfalt. Mit „Dämonen“ erscheint nun ein Roman von ihm, und im Theater am Marientor ist eine inszenierte Lesung angekündigt. „Viele optische und akustische Überraschungen“ hatte Jürgen Domian im Vorgespräch zu seiner Lesereise versprochen.

Noch wurde getrunken, geplaudert und gelacht im Foyer. Dann ertönte der Theatergong, und Jürgen Domians Stimme erfüllte den Raum. So kannten wir diese Stimme. Ruhe strahlte sie aus, aufmunterndes Interesse. Dieser Mann lud ein zur weltlichen Beichte. Bei ihm sollten wir sicher sein – mit allem, was uns umtreibt. Heute ging es aber nicht um alles, heute erwartete uns ein Domian-Spezial. Dämonen heißt ja sein Buch, und unsere Dämonen sollten wir auf einen Zettel schreiben. Die Publikumsbeteilung lässt Jürgen Domian nicht los, und es war nicht schwierig zu erraten, was uns später auf der Bühne auch erwartete.

Nachdem Jürgen Domian die Bühne betrat, brauchte er Licht im Zuschauerraum. Er wollte den Abend in seinem Ablauf vorstellen und dazu sein Publikum sehen. Hansen heißt die Hauptfigur seines Romans, und Hansen möchte sterben. Jürgen Domian griff auf, was der Klappentext des Romans als Essenz der Handlung verrät: „Ein Mann hat das Leben satt. Er ist gesund, nicht depressiv. Er hat einfach genug. In einer Winternacht in Lappland will er sich nackt in den Schnee legen und sterben. Schon im Sommer bricht er auf in den Norden. Doch statt den Frieden des Abschieds bringt dieser Rückzug den Kampf: Die Dämonen der Stille fallen ihn an.“

Was Jürgen Domian zunächst liest, erweist sich vor allem als Gedankenprosa und Erinnerungsarbeit seiner Hauptfigur, vermittelt durch die Autorenstimme. Hansen wird auf seinem Weg in den Norden beschrieben, und das Denken nimmt kein Ende. Allerdings deutet sich eine Grundschwierigkeit dieses Romans schon nur durch die gelesenen Ausschnitte an. Wir sollen glauben, Hansen sei nicht depressiv und hören etwa, jeder Tag liege wie Beton auf ihm. Wenn wir Jürgen Domians urteilsfreie Haltung zur Selbststötung ernst nehmen, ist das ein sprachliches Problem und keines der stimmigen Figurenzeichnung. Hansen wird mit Worten beschrieben, die an Berichte über Depressive erinnern.

Jürgen Domian unterbrach seine Lesung mehrmals für kurze mystische Texte unterschiedlicher Quellen, die vom Band eingespielt wurden. Sie hatten als Zitate im Roman Verwendung gefunden, wurden von einem Sprecher vorgetragen und zugleich auf die Rückwand projeziert. Damit deutete sich eine zweite Ebene des Romans an. Hansens Entwicklung führt ihn zu Erfahrungen, die ihm zuvor verschlossen waren. Den Weg zu solchen Erfahrungen hatten zuvor schon andere beschrieben. So stellt sich die Frage, die nur die Lektüre des gesamten Romans beantworten kann. Wie erzählt Jürgen Domian in „Dämonen“ von diesen Erfahrungen auf eine eigene Weise? Welche Sprache findet er für das, was Hansen bewegt? Konnte Jürgen Domian auf langer Erzählstrecke die gestalterischen Probleme des Themas lösen? Die gelesenen Ausschnitte haben mich noch nicht überzeugt.

Zwar wollte Jürgen Domian im mittleren Teil des Abends mit den Zuschauern über das Gehörte ins Gespräch kommen, meist aber verdrängte für die Zuschauer zunächst der Radio-Talker den Romanautor. Jürgen Domian eilte durchs Publikum, sprach hier und dort, wollte Augenhöhe und klang doch dann pastoral, als ihm seine großen Themen vor die Füße fielen, nachdem er ein paar der im Foyer ausgefüllten Zetteln vorlas. Die Dämonen des Publikums erwiesen sich als Lebensthemen des Alltags. Homosexualität, zu der sich jemand nicht bekennen kann. Perfektionismus, Sucht. Wirklich zu greifen waren diese Dämonen im Theater allerdings nicht. Zu allgemein geriet das Reden, das vor großem Publikum dann doch etwas anders ist als in der vermeintlich intimen Atmosphäre eines nächtlichen Telefonats. So nicken wir wenigstens Jürgen Domian zustimmend zu, als er uns alle mit Dämonen kämpfen sieht. Wir konnten auch nichts dagegen sagen, dass das Leben schwierig sei. Mit einer weiteren Lesungssequenz schloss der Abend ab.

Eine Lesung, in Szene gesetzt, so hatte es geheißen. Zitateinblendungen und Sprecherstimme vom Band, dazu die Einbindung des Publikums, etwas wenig Szene für meinen Geschmack, wenn das so sehr betont wird. Und vielleicht sieht Jürgen Domian seine Publikumsgespräche als optische und akustische Überraschungen an, denn seine Lesung ist dann doch eben das, was eine Lesung nun mal ist. Ein Autor tritt mit seinem neuen Buch auf.

18. August 2017 / Kees Jaratz

Lesung beim Platzhirsch Festival am 2. September

In 14 Tagen beginnt das Platzhirsch Festival. Dieses Festival bereichert Duisburg auf eine sehr eigene Weise, weil es an einem zentralen Ort der Stadt Menschen im Zeichen freier Kultur zusammenbringt. Das Platzhirsch Festival macht Duisburg lebenswerter. Umso mehr freue ich mich, in diesem Jahr dort mit meinem Programm „Nach dem Anpfiff alles möglich“ dabei zu sein. Um 18.30 Uhr lese ich im SG1 Kunstraum. Die Galerie befindet sich in der Schmalen Gasse 1. Und was euch erwartet? Bitte schön:

17. März 2017 / Ralf Koss

Akzente inoffiziell 2017 – Als in den 1920ern im Park der Tonhalle die Knieende aufgestellt wird

Am Freitag sind die 38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Ich begleite die Akzente mit einem inoffiziellen Programm im Zebrastreifenblog nunmehr im dritten Jahr. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Wo sich früher der Tonhallenpark befand, steht heute das CityPALAIS.

Dieser innerstädtische Park Duisburgs entsteht, als die Tonhalle 1887 gebaut wird. Er macht dem wachsenden Bürgertum der Stadt das neue Konzerthaus repräsentativer, wird er wie bei einem herrschaftlichen Anwesen doch von einer halbhohen Mauer mit schmiedeeisernem Zaun umschlossen. Bei Konzerten Zutritt erlaubt! Das ändert sich erst 1927, nachdem der Rat der Stadt beschließt, die Mauer einzureißen und den Park in eine öffentliche Grünanlage umzuwandeln. Derart dem städtischen Leben anvertraut, soll dort auf dem Rasen für die Duisburger auch die Begegnung mit bildender Kunst möglich sein. Schon lange schlagen der Museumsverein und sein Vorsitzender, Professor Dr. August Hoff, vor, den bekanntesten Künstler der Stadt, den Meidericher Bergarbeitersohn Wilhelm Lehmbruck, mit der Aufstellung eines seiner Werke zu ehren. So wird ein Bronzeguss der 1911 geschaffenen »Knienden« probeweise aufgestellt.

Die lang gestreckte Frauenfigur in Überlebensgröße gilt als eines der bedeutendsten Werke Lehmbrucks. In Duisburg kommt es nun zum innerstädtischen Streit. Schimpfende Passanten können sich durch die konservative Presse bestärkt fühlen. Als »Volkes Stimme« versteht sich diese und befeuert mit hetzerischen Worten die Empörung gegen die »Neandertalerin« und das »Produkt einer irregeleiteten Phantasie«. Publizistische Unterstützung erhält die Stadtführung nur von außerhalb. Die linken und liberalen Zeitungen Duisburgs berichten zurückhaltend neutral. Gehandelt wird auch: Schülerinnen verhängen die Skulptur mit einem Laken. Junge Männer beschädigen sie schwer, indem sie sie umstoßen. Trotz des Widerstands bleibt der Rat der Stadt bei seinem Entschluss. Die weiterhin erscheinenden Polemiken gegen die »Kniende« verebben nun langsam. Doch deren Unterton wird politischer. Die hetzerischen Worte gegen die »Kniende« sind eines der Vorzeichen für die Nazi-Diktatur.

Entnommen ist der Text aus dem von mir als Ralf Koss geschriebenen Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen. Emons Verlag.“ Die Historie des Ruhrgebiets hat mich seitdem nicht losgelassen. „Orte, im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ heißt mein Blog zum Thema. Pressestimmen und Informationen zum Buch gibt es dort ebenfalls.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

16. März 2017 / Ralf Koss

Akzente inoffiziell 2017 – Vom Akzente-Vorwort und Ruhr hoch n nebst Spardosen-Terzett sowie Reuter/Eisenberg

Am Freitag sind die 38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Ich begleite die Akzente mit einem inoffiziellen Programm im Zebrastreifenblog nunmehr im dritten Jahr. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Im Vorwort des Akzente-Programmhefts spricht Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link mit seinem ersten Satz selbstbewusst davon, die Wirtschaft- und Sozialgeschichte der letzten 150 Jahre habe die Duisburger zu „Fachleuten des Umbruchs“ gemacht. Das klingt sehr technisch. Diese technische Sprache verweist für mich auf ein grundsätzliches Problem Duisburgs, wobei Duisburg nur stellvertretend für das Ruhrgebiet steht.

Es gibt ja eine Wahrheit in diesem Satz, die im Alltag der Bürger dieser Region zu finden ist. Die Bürger des Ruhrgebiets nehmen seit Generationen Wandel sehr bewusst wahr. Denn über Jahre war dieser Wandel ein meist von außen auferlegter Teil ihrer Lebens- und spezieller Arbeitswelt. Im technischen Klang der Sprache nun zeigt sich der Zugang zu diesem Wandel durch die politischen- und ökonomischen Eliten dieser Region. „Fachleute“ haben ihre Angelegenheiten im Griff. Obwohl Sören Link mit seinem Satz die Duisburger gerne alle zu Fachleuten machen möchte, geht dieser Satz an der Lebenswirklichkeit der Duisburger vorbei.

In dem Wort „Fachleute“ scheint ein Selbstbild dieser Region auf, dass diese Bürger nach meinem Eindruck gerade außen vor lässt. Ich vermute, nur wenige Duisburger werden sich als Fachleute des Umbruchs verstehen, auch nicht bildhaft. Die technische Sprache erinnert daran, wie schwer es das Ruhrgebiet mit dem Bild seiner selbst hat.

Andererseits gibt mir dieser Satz die Gelegenheit an einen Song vom Spardosen-Terzett zu erinnern, den ich schon längere Zeit in die Heimatliedsammlung Sektion Ruhrstadt habe aufnehmen wollen. In regelmäßigen Zyklen wird im Ruhrgebiet versucht außerhalb der Region ein gutes Bild abzugeben. Das führt dann schnell dazu, dass „Fachleute“ so ein Bild kommunizierbar machen sollen. Manchmal sind das Imagekampagnen, 2008 aber ging es nur um einen Slogan. Anstatt vor Ort im Ruhrgebiet über solch einen Slogan nachzudenken, wurde eine Düsseldorfer Agentur beauftragt. Ruhr hoch n – Team-Work-Capital war das gut bezahlte Ergebnis. Der Slogan war zwar ohne große Wirkkraft aber gut geeignet, ihn in die Mangel zu nehmen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Auch Matthias Reuter und Benjamin Eisenberg hatten sich des Slogans angenommen.

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